Untadelhafte Triebfeder – dieser Anspruch von Joseph Görres findet sich in der Erstausgabe des Rheinischen Merkur vom 23. Januar 1814. Dem antinapoleonischen Blatt des romantischen Feuerkopfes gebrach es nicht an klaren Standpunkten in jener Zeit, "wo mit dem Erwachen des Nationalgeistes der Körper sich wieder in allen seinen Gliedern fühlt".
Die Zeiten haben sich verändert. Wir haben historische Umbrüche und immer wieder den Siegeszug der Freiheit erlebt. Er löste starre Formationen auf, in diesem Jahrhundert sicherlich nach 1945 und nach 1989. Auch sind die Nationen enger aneinander gerückt.
Der Rheinische Merkur hat eine gewisse Geschichtsmächtigkeit entwickelt in wechselvoller Vergangenheit und in seiner lebendigen Gegenwart. Er war stets wichtig und unverzichtbar, weil aus seinen Zeilen gut bedachte Standpunkte sprechen. Weil er nicht eifert und polemisiert, sondern aus einer Prinzipientreueheraus argumentiert, die alle Bereiche der Gesellschaft umfasst.
Wofür steht der Rheinische Merkur heute? Für die Nation, gewiss: aber eingebettet in ein auch institutionell vereintes Europa. Denn seit, wie Jacob Burckhardt 1878 schrieb, "die Politik auf innere Gärungen der Völker gegründet ist", bietet ein solcher Zusammenschluss mit Sicherheit die größte Aussicht auf einen stabilen Frieden. Deshalb werden wir auch künftig den Prozess der europäischen Einigung unterstützen.
Und immer werden wir, wie eh und je, streiten für Menschenrechte, aber auch für Menschenpflichten, darunter die Pflicht zur Selbstverantwortung: Man sorge erst für sich selbst und bitte dann andere oder auch den Staat um Versorgung.
Nicht zu vergessen: Der Rheinische Merkur steht für eine familienorientierte Gesellschaft. Familie aber entsteht nicht von selbst, man muss sie wollen, sie gründen und pflegen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen soll.
Wir sind, wie der Untertitel ausweist, eine Wochenzeitung zwar für Politik, Wirtschaft und Kultur – aber auch für Christ und Welt. Wir nehmen wichtig, was in beiden großen christlichen Kirchen geschieht, und bieten dem oft schwierigen innerkirchlichen Dialog ein Forum. Dabei sehen wir uns aber nicht einfach als Notare – wir erheben auch selbst die Stimme.