Asim Khan treibt seinen Spaten in den lehmigen Boden. Er muss einige Male zutreten, bis das Blatt in der Erde versinkt. Mit dünner Schuhsohle ist die Arbeit beschwerlich. Am Holzschaft fehlt der Griff. Die Luft ist so warm und feucht wie in einem Treibhaus. Doch auf der Stirn des Bauern steht keine Schweißperle.
Warum er arbeitet, das kann der Mann mit dem Rauschebart und dem schelmischen Blick ziemlich präzise sagen: „Ich habe einen Sohn und vier Enkelkinder. Die sollen eine bessere Zukunft haben, dafür bin ich gerne fleißig.“ Eine bessere Zukunft – das heißt hier, zwei Stunden Autofahrt von Dschalalabad, der südöstlichen Metropole Afghanistans, entfernt: ein Leben ohne Opium. Oder, wie Asim Khan sich ausdrückt, ohne „diese komische Pflanze“, die er sein ganzes Leben lang angebaut hat.
Im vergangenen November begann er Rosen zu setzen, kleine, 20 Zentimeter hohe Pflanzen aus Rumänien. Asim Khan wurde zum ersten Rosenbauern in der Provinz Nangarhar und wahrscheinlich am gesamten Hindukusch. „Du hast sie doch nicht mehr alle, haben meine Nachbarn gesagt“, erzählt er. „Heute bauen sie selbst Rosen an.“ In zehn Monaten sind die Setzlinge um das Vierfache gewachsen, im Mai waren schon die ersten Blüten zu sehen. Das hat die Zweifler überzeugt.
„Ich bin selbst überrascht, wie gut die Rosen gedeihen, das Klima ist offenbar ideal“, sagt Norbert Burger, der das Büro der Deutschen Welthungerhilfe in Dschalalabad leitet. Burger ist der geistige Vater des Rosenprojekts. Seine Idee klingt ebenso simpel wie verwegen: In den weiten, fruchtbaren Tälern der Provinz Nangarhar sollen Rosen blühen statt Schlafmohn. In zwei bis drei Jahren wird die Blütenernte reichen, um aus den Blättern der „Damascena“-Rose Öl zu gewinnen – einen der teuersten Rohstoffe der Welt.
Und die einzige wirtschaftliche Alternative zum Opiumanbau. Ein Liter organisch produziertes Rosenöl kostet auf dem Weltmarkt 6000 Dollar. Dafür sind vier- bis fünftausend Kilogramm Blütenblätter erforderlich, aus denen das kostbare Produkt im Destillationsverfahren gewonnen wird. Dies wiederum entspricht einer Anbaufläche von 1,2 Hektar. Ein Bauer kann also rund 500 Dollar auf 1000 Quadratmeter erlösen. Weizen, Mais, Baumwolle, Reis und was sonst noch am Hindukusch angebaut wird, bringt nur einen Bruchteil dessen ein. Die einzige Ausnahme ist Opium: Auf 1000 Quadratmeter Fläche erzielt ein Bauer nach den aktuellen, eher niedrigen Marktpreisen 400 Dollar, in guten Jahren sind es bis zu 700 Dollar.
Und so verwandelt sich Afghanistan in jedem Frühjahr wie von selbst in ein Meer aus Schlafmohn. Der getrocknete Milchsaft aus den unreifen Samen der Mohnkapseln wird synthetisch weiterverarbeitet, bevor er als Heroin auf bewährten Schmuggelwegen nach Asien und Europa gelangt. Drei Viertel der weltweit angebotenen Opiate stammen vom Hindukusch.
Den höchsten Verdienst streichen Schmuggler und Dealer ein. Die Bauern hingegen sind dringend auf die Erlöse angewiesen. Familie Khan bewirtschaftet gerade einmal 4000 Quadratmeter, manche Nachbarn besitzen noch weniger. Wegen des Erbrechts – der Besitz wird gleichmäßig unter allen Söhnen aufgeteilt – und des starken Bevölkerungswachstums sind die Afghanen zu Kleinbauern geworden. Die Opiumerlöse decken allein den täglichen Lebensunterhalt. Ein Motorrad oder ein Auto können sich nur die wenigen Großgrundbesitzer leisten.
Gefallenes Paradies
Die Menschen sind von der schweren Arbeit und den harten klimatischen Bedingungen gezeichnet. Zaimaba, eine Nachbarin der Khans, deren Familie auch Rosen pflanzt, sieht aus wie eine Sechzigjährige und ist doch erst 40 Jahre alt. Sie trägt eine lange Kette um den Hals, an den Fingernägeln kleben Reste von rotem Lack. Die feuerroten Haare leuchten unter einem blauen Kopftuch hervor, dessen Ende lässig über der Schulter hängt. Eine ungewöhnliche Erscheinung im Land der Burkas – und eine selbstbewusste Frau.
„Wenn ich den hier nicht geheiratet hätte, würde ich heute in Kabul leben, statt Tag und Nacht arbeiten zu müssen“, sagt Zaimaba und deutet auf ihren Mann. Ihr Vater war hoher General der afghanischen Armee. Wie ihre sieben Schwestern konnte sie die Schule besuchen, zwölf Jahre lang. Das verschafft ihr heute Respekt auf dem Dorf. Bei der Parlamentswahl an diesem Sonntag wird Zaimaba die internationalen Wahlbeobachter unterstützen.
„Vieles ist seit 2001 besser geworden“, sagt die Frau. Vorher hätten sie ihre Felder oft nicht bestellen können, weil lokale Kriegsfürsten einander bekämpften. Ihr Mann verdingte sich als Söldner, um die Familie zu ernähren. Als die internationalen Truppen vor vier Jahren gegen die Taliban vorgingen, war Nangarhar besonders stark betroffen. Dort liegt das Höhlensystem von Tora Bora, in dem sich Hunderte Al-Kaida-Kämpfer versteckten. Wochenlang warfen die USA tonnenschwere Bomben ab. Doch dauerte es nicht lange, bis der widerstandsfähige Schlafmohn aus dem Boden spross. Auch bei Zaimaba. Im Astwerk, das eine kleine Veranda vor dem Lehmhaus überdeckt, sind die vertrockneten Mohnkapseln noch zu erkennen.
Nirgendwo am Hindukusch wuchs der Schlafmohn schneller und besser als in Nangarhar, das viel Feuchtigkeit abbekommt, weil es im Randbereich des Monsuns liegt. Mehr als 28000 Hektar waren im vergangenen Jahr mit der verbotenen Pflanze bebaut, ein Fünftel der gesamten afghanischen Anbaufläche. Ein Paradies für Opiumerzeuger.
Oder sollte man besser sagen: ein gefallenes Paradies? Der neue Drogenbericht der Vereinten Nationen nennt Nangarhar als leuchtendes Beispiel für den erfolgreichen Kampf gegen Opium. Um 96 Prozent sind die Anbauflächen in diesem Jahr geschrumpft, im ganzen Land waren es21 Prozent. Zwar haben die ungewöhnlich ergiebigen Regenfälle die Erträge so sehr gesteigert, dass die Opiumproduktion insgesamt nur um zwei Prozent zurückging. Doch gilt es schon als Erfolg, dass der atemberaubende Anstieg vergangener Jahre gebrochen wurde.
Ausbruch der Gewalt
Dieser Erfolg hat in Nangarhar politische Gründe. Der frühere Provinzgouverneur aus der einflussreichen Familie ul-Haq entschied sich zur Zusammenarbeit mit der Regierung in Kabul, um dort mehr Einfluss zu gewinnen. Die Familie kontrolliert ein Zehntel des gesamten afghanischen Rauschgifthandels. Nach Unruhen im Mai wurde der Gouverneur von Karsai in die Nachbarprovinz versetzt. Ob sein Nachfolger den Kurs fortsetzt, wird sich erst im nächsten Frühjahr zeigen, wenn die Bauern die Saat ausbringen.
Norbert Burger wittert gleichwohl die Gunst der Stunde. „Wir haben jetzt die Chance, mehr Bauern für das Rosenprojekt zu gewinnen“, sagt der Entwicklungshelfer. Gegenwärtig nehmen 120 Landwirte daran teil, die Zahl soll sich bis 2007 verdoppeln. Insgesamt sollen 32 Hektar bebaut werden, genug, um eine Destille, die gerade gebaut wird, sinnvoll auszulasten. Die 1,3 Millionen Euro für das Projekt stammen von der Welthungerhilfe und – zum größeren Teil – von der Europäischen Union. Davon werden sechs Entwicklungshelfer und vierzig afghanische Angestellte bezahlt, die die Bauern betreuen.
Ein Teil des Geldes fließt auch in Einkommenshilfen. Wer auf Rosen umsteigt, wird erst nach drei Jahren Einnahmen erzielen, wenn die Pflanzen groß genug sind. Zur Überbrückung bekommen die Bauern maximal 100 Dollar pro tausend Quadratmeter Anbaufläche. Solange die Rosen noch nicht ausgewachsen sind, nutzen sie den freien Raum zwischen den Reihen, um Kartoffeln, Tomaten und Bohnen für ihren eigenen Bedarf zu pflanzen.
So hart die Anfangsphase ist – wer durchhält, hat gute Chancen, seinenLebensunterhalt langfristig zu sichern. Die Rosenstöcke halten mindestens dreißig Jahre, und die Nachfrage nach dem Öl ist groß. So groß, dass das Entwicklungsprojekt sogar von einem deutschen Kosmetikhersteller angestoßen wurde. Das Unternehmen hatte über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit seinen Bedarf an organisch hergestelltem Rosenöl angemeldet. Inzwischen hat Burger einen Vorvertrag über garantierte Abnahmemengen in der Tasche. Außerdem arbeitet er an einem Vermarktungskonzept für Rosenwasser, das bei der Destillation anfällt, und für andere Produkte wie Seife oder Marmelade mit Rosenaroma. „Wir sind auf gutem Weg und können nächstes Jahr die Destille testen“, sagt der 59 Jahre alte Entwicklungshelfer, der es genießt, nach Jahrzehnten kurzfristiger Nothilfe ein Projekt mit langem Atem zu leiten.
Und doch kennt er besser als alle anderen die Fallstricke. „Wie sich die Sicherheit entwickelt, ist schwer vorherzusagen“, sagt Burger. Zwar finden in Nangarhar keine Kämpfe zwischen US-Truppen und Taliban statt wie im benachbarten Kunar, wo Rebellen kürzlich einen Militärhubschrauber mit 17 Soldaten abschossen. Dennoch existieren Spannungen in der Bevölkerung, die sich blitzschnell entladen können. Mitte Mai kam es in Dschalalabad zu gewaltsamen Demonstrationen, nachdem die Zeitschrift „Newsweek“ von Schändungen des Korans im Gefangenenlager Guantanamo berichtet hatte. Angestachelt vom Islamistenführer Hekmatyar, zog der Mob durch die Stadt und verwüstete Büros der Vereinten Nationen und von Hilfsorganisationen. Die Welthungerhilfe blieb verschont, nicht jedoch die GTZ, die das Rosenprojekt im Auftrag der Europäischen Union mitbetreut.
Mit Mohammeds Hilfe
„Wenn die Internationale Schutztruppe militärisch gegen den Drogenanbau vorgeht, wie es Briten und Amerikaner fordern, können wir hier nicht mehr arbeiten“, sagt Leo Brandenberg, der das Büro der GTZ-Internationale Dienste in Dschalalabad leitet. Der erfahrene Schweizer sieht für die nächsten Monate einen „knallharten Konflikt zwischen dem militärischen und dem entwicklungspolitischen Ansatz“ voraus. „Ich habe Angst, dass unsere Stimmen immer weniger gehört werden“, sagt er.
Der Konflikt wird wohl zuerst in Brüssel ausgetragen werden, zwischen Nato und EU. Die Kommission gibt 150 Millionen Euro aus, um in Ostafghanistan zivile Alternativen zur Kriegs- und Opiumwirtschaft am Hindukusch zu fördern. Die Allianz spürt hingegen den politischen Druck aus manchen Hauptstädten, die nicht länger hinnehmen wollen, dass das Heroin auf ihren Straßen noch immer vom Hindukusch stammt.
Brandenberg und Burger würden es lieber sehen, wenn die afghanische Polizei gegen die 15000 Händler vorginge, die das Rauschgift außer Landes schmuggeln. Zwar sollten auch die Bauern spüren, dass der Anbau von Schlafmohn illegal sei. Angst vor Bestrafung könne durchaus ein Anreiz sein, an Alternativen wie dem Rosenprojekt teilzunehmen, sagen beide. Aber ein „Krieg gegen die Drogengesellschaft“ werde in die Sackgasse führen.
Wirkungsvoller könnte im konservativen, paschtunischen Süden noch ein anderes Argument sein. „Der Prophet hat den Gebrauch von Rauschmitteln verboten, aber den Duft der Rosen gelobt“, sagt Mohammed Omar, ein Rosenbauer, während er mit seinen Nachbarn den Fortgang des Projekts berät. „Wir mögen noch so hohe Gewinne erzielen – die Nachteile des Rauschgifts für die Menschheit sind weit größer als unsere eigenen Vorteile.“
Manche Bauern senken verlegen den Kopf. Sie spielen mit dem Gedanken, im nächsten Jahr wieder Opium anzubauen. Die Preise dürften nach der Verknappung des Angebots steigen, und die Rosen werfen noch keine Gewinne ab. Auch sind sie unzufrieden mit der Höhe der Einkommensbeihilfen. Eigentlich hat jeder vertraglich zugesichert, dass er nie mehr Rauschgift erzeugen wird. Aber was heißt das schon? Die Entwicklungshelfer werden den Beistand des Propheten benötigen, bis sie den ersten Liter afghanischen Rosenöls abfüllen können.