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12.02.2009

WISSEN IM FERNSEHEN 
„Geist, frei von Zeitgeist“

Warum ist das Meer blau? Wie lange hält ein Elefantenzahn? Erklärsendungen boomen. Werner Reuß, Chef des Bildungskanals BR-alpha, mahnt, vor lauter Kurzweil nicht die Substanz zu vergessen.



Werner Reuß ist beim Bayerischen Fernsehen für Wissenschaft, Bildung und Geschichte zuständig.
Foto: BR 

Rheinischer Merkur: „Wissen macht Ah!“, „Wissen vor 8“, „W wie Wissen“ – warum boomt Wissen so ungebremst im deutschen Fernsehen?

Werner Reuß: Wissensformate werden stark nachgefragt, weil sie ein Bedürfnis befriedigen, das ich mit Unterhaltungssucht bezeichnen würde. Muss ich wissen, dass sich der Zahn eines Krokodils alle zwei Jahre erneuert? Oder dass ein Elefantenkalb bei der Geburt hundert Kilogramm wiegt? Das ist Nice-to-have-Wissen, aber kein Must-Have. Man darf nicht vergessen, dass auch Substanz vermittelt werden muss. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.

RM: Sie unterstellen dem Pisa-traumatisierten deutschen Publikum aber nicht ausschließlich nackte Unterhaltungssucht, oder?

Reuß: Die Zuschauer suchen nach Orientierung. Offensichtlich dient auch Instantwissen der Orientierung. Es gibt ihnen die trügerische Sicherheit, sich im Leben zurechtfinden zu können. Alle hören von Globalisierung, von Unsicherheit. Jede Tatsache, die da vermittelt wird, gibt den Menschen eine Scheinsicherheit. Deshalb boomen Wissensformate.

RM: Wissen liefert Ihnen gute Quoten. Was hat die Wissenschaft davon?

Reuß: Es muss doch auch gefragt werden: Wer generiert Wissen? Das geht nicht mit Wikipedia, schnell schnell. Wissen muss mühsam erarbeitet werden. Das geht nur über wissenschaftliche Methodik. Was oft so leicht daherkommt, muss zuerst mühsam erforscht werden. Wenn man sieht, wie viel wir nicht wissen, erkennt man den großen Forschungsbedarf. Wissensformate werden also sicher den Wunsch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen fördern.

RM: Und aus künftigen Dozenten-generationen lauter Ranga Yogeshwars machen?

Reuß: Letztlich werden diese Formate die Wissenschaft befruchten. Es tut auch der Wissenschaft gut, sich auf unterhaltsame und spielerische Formen der Vermittlung einzulassen. Letztlich ist Wissenschaft wie auch Journalismus rechenschaftspflichtig. Sie muss sich fragen: Warum und für wen tut sie das eigentlich?

RM: In „Wissen vor 8“ ist Wissensvermittlung auf ein Minutenformat zusammengeschrumpft. Sind längere Formate out?

Reuß: Nein. Die Dinge sind oft komplexer als in der „Knoff-Hoff-Show“. Nach dem Motto: Guck mal, wenn ich das zusammengieße, macht es puff, klasse, nächstes Thema. Man muss auch fragen dürfen: Warum macht das eigentlich puff, was ist da passiert? Kurze Formate können animieren, Lust machen. Die längeren erklären Hintergründe. Nehmen sie Charles Darwin. Das ist ja kein rein biologisches Thema, sondern ein theologisches, ein philosophisches. Im Grunde ist Darwin nur interdisziplinär zu verstehen. Dafür braucht man längere Formate.

RM: Eines dieser Formate, die Sie jetzt produziert haben, ist ein Film über die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Er trägt den Titel „Für Bayern die Besten“. Warum?

Reuß: Die Mitglieder der Akademie sind die absoluten Koryphäen ihres Fachs. Das Tolle ist, dass hier frei vom Zeitgeist über Jahrzehnte Wissen generiert wird, das uns Erkenntnisse liefert, die wir sonst nicht hätten. Beispielsweise die Gletscherforschung. Nur jahrzehntelange Beschäftigung ermöglicht, hier Trends abzulesen. Dass es eine Akademie gibt, die diese Forschung betreiben kann, ist großartig. Das kann man nicht genug betonen, und deshalb bin ich froh, dass wir diesen Film produziert haben.

RM: Hinter den Mauern deutscher Wissenschaftsakademien vermutet man weise und greise Professoren. Zu Recht?

Reuß: Nein! Es sind viele junge, engagierte Wissenschaftler dabei. Mit glänzenden Augen stecken sie einen an mit ihrer Euphorie. Sie müssen ihre Forschungsergebnisse nicht nach einem Jahr abgeben, weil sie von Drittmitteln weniger abhängig sind als ihre Kollegen an den Universitäten. Unabhängig und nachhaltig befassen sie sich mit Forschung, von der wir profitieren. Siehe Klimawandel.

RM: Der Film blickt zurück auf 250 Jahre Wissenschaftsgeschichte. Gibt es eine zentrale Erkenntnis?

Reuß: Wissenschaft überdauert Mächte und Kriege. Man kann sie bremsen. Vielleicht aufhalten. Aber Wissenschaft bricht sich Bahn. Die Akademiegeschichte zeigt das. Wenn Sie die Entstehung des Deutschen Museum betrachten: 1903 hatte Oskar von Miller die Idee, 1925 wurde das neue Gebäude eröffnet. Das zeigt, wie hartnäckig die Wissenschaft an ihren Ideen festhält.

RM: Wenn Fernsehen unterhält und bildet – was ist bei Ihnen nach dieser Dokumentation hängengeblieben?

Reuß: Verstehen braucht Zeit, braucht Menschen, die sich Zeit nehmen können, und auch Menschen, die sich Zeit nehmen, zuzuhören. Das halte ich in dieser schnelllebigen Welt für ganz essenziell und das habe ich in diesem Film gelernt.


TV-Tipp: Für Bayern die Besten. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Ein Film von Jörg Richter, produziert von merkur.tv.
Bayerisches Fernsehen, Montag, 16. Februar, 22.45 Uhr.
Internet: www.br-online.de/br-alpha, www.badw.de
 Das Gespräch führte Axel Fuhrmann. 
© Rheinischer Merkur Nr. 7, 12.02.2009
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