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03.09.2009

BEETHOVENFEST 
Henze versus Heintje

Bonn erinnert mit einer Konzertreihe an 60 Jahre bundesrepublikanische Musikgeschichte zwischen Saalschlachten und Schlagerseligkeit. Ist die Zeit reif für ein neues Deutschlandlied?.

VON AXEL BRÜGGEMANN




Aufreizend:  Tumult am Rande der Uraufführung von Henzes „Floß der Medusa“. Reizend: Der Kinderstar singt „Mama“.
Fotos: ddp;Peter Hillebrecht/AP 

Schlüsseljahr 1968. Während die Studenten gegen den Muff von 1000 Jahren unter deutschen Talaren demonstrierten, führte ein niederländischer Milchbubi namens Heintje 54 Wochen lang mit seinem Lied „Mama“ die Hitparade an. Auch 1969 stand Heintje mit „Heidschi Bumbeidschi“ für weitere 29 Wochen an der Spitze des bundesrepublikanischen Schlagerglücks. Dass der Kinderstar mit „Mama“ den Hit aus einem 1941 gedrehten deutsch-italienischen Propagandafilm aufwärmte und sich hinter dem „Heidschi Bumbeidschi“ die rassistisch gefärbte Fratze des Muselmanen Hadschi Bombaci verbarg, eines türkischen Räubers, der in der Nacht die Kinder der Habsburger Feinde raubte, interessierte nicht.

Als Heintje abräumte, scheiterte Hans Werner Henzes Oper „Das Floß der Medusa“ in Hamburg. Zur Uraufführung brachte ein Provokateur eine rote Fahne am Podium des NDR-Sendesaals an. Als Henze den Taktstock erhob, riefen die Mitglieder des Rias-Kammerchors „Die Fahne weg!“ und weigerten sich zu singen. Henze verließ das Pult, und im Saal brach Tumult aus. Die Einsatzkommandos griffen ein, zerrissen die Fahne, und die Besucher prügelten sich untereinander und mit der Polizei. Der Librettist Ernst Schnabel wurde durch eine Glastür geworfen, und während all das passierte, übertrug der NDR einen Mitschnitt der Generalprobe. Am folgenden Tag erklärte der Intendant den Komponisten für unerwünscht.


Das Internationale Beethovenfest widmet dem Soundtrack der Deutschen einen ganzen Tag mit 14 Konzerten. Unter dem Titel „Wege der Demokratie“ wird in sechs Konzerten an historischen Orten Musik gespielt, die Deutschland in jedem Jahrzehnt prägte: Neben John Goldsby, der Benny Goodman spielen wird, Stefan Litwin, der Stücke der Darmstädter Schule interpretiert, und dem Atrium Ensemble, das Beatles-Klassiker aufführt, versucht sich der Komponist Peter Ludwig an einer Neufassung des Deutschlandliedes. Die Konzerte mischen Jazz und neue Musik, Piazolla und Rihm; Heintje bleibt draußen.

Am Anfang der Bundesrepublik stand der musikalische Import: Kurz nachdem der Parlamentarische Rat im Museum König seine Arbeit aufgenommen hatte, landete Benny Goodman auf dem Flughafen in Köln und packte noch auf dem Rollfeld seine Klarinette aus, um der Stadt in Trümmern den Klang der amerikanischen Hoffnung und Freiheit zu schenken. Die Deutschen verwandelten die verbotene Musik prompt von der Populärmusik in eine musikalische Avantgarde. Auf den ersten Darmstädter Ferienkursen wurde der Cool Jazz als Chance für die Weiterentwicklung der Klassik verstanden. Musiktheoretiker wie Theodor W. Adorno und Carl Dalhaus, Komponisten wie Olivier Messiaen, Ernst Krenek und John Cage brachten ihren Zuhörern bei, dass vier Minuten und 33 Sekunden Stille Musik sein können.

Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Willy Brandt zogen ins Palais Schaumburg, aber die eigentliche Politik fand schnell auf der Straße statt. Springer und Heintje waren die Feindbilder der protestierenden Studenten, Bob Dylan und Janice Joplin ihre Ikonen. So zerrissen wie in diesen Jahren war die nationale Seele selten.

In den 1970er-Jahren schlug der friedliche Protest dann in Terror um: Die RAF tyrannisierte das Land. Die Lage war ernst, und so war auch der Sound der politischen Debatte. Die Redeschlachten von Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß im Wasserwerk waren dialektische Sinfonien. Rhetorik wurde zum Klang, die parlamentarische Sprache war vom ernsthaften Sound geprägt. Allein Bundespräsident Walter Scheel versuchte mit seinem Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ das Kollektiv zu erheitern.

Doch die Bürger interessierten sich eher für die Protestsongs, die nun zum politischen Ausdrucksmittel wurden. Auch in der DDR. Erich Honecker fürchtete, dass Wolf Biermann seinen Staat aus den Fugen singen könnte und bürgerte ihn 1976 nach einem Konzert in Köln aus. Westdeutsche Bands fanden ihre eigene Protestkultur. Aus der Subkultur des Punks entwickelte sich mit „Ton Steine Scherben“ und Rio Reiser oder mit Nina Hagen eine Musik, die sich nichts mehr gefallen ließ – die kaputt machen wollte, was sie kaputt zu machen drohte.


In den 1980er-Jahren versprach Helmut Kohl den Deutschen dann „die Wende“. Er wurde der Kanzler des Wohlstands. Das schlug sich auch in der Musik nieder. Die Deutschen drehten den Zauberwürfel und tanzten den Ententanz. Die „Neue Deutsche Welle“ eroberte die Diskos. Allein Udo Lindenberg wollte etwas bewirken und bestieg den „Sonderzug nach Pankow“. Deutschland hatte gute Laune – für Hochkultur blieb wenig Raum. Die schaute still zurück: Der Komponist Wolfgang Rihm entwickelte neue Klänge mit dem Bewusstsein um die Tradition und wurde der bundesdeutsche Auftragskünstler der Postmoderne.

1989 bestimmte dann wieder die Straßenmusik die deutsche Geschichte. Der Ruf „Wir sind das Volk“ zwang die DDR in die Knie und Lindenbergs Traum wurde wahr. Es wurde gefeiert. Die Deutschen pilgerten zur Love-Parade. Der Techno war auch für die Avantgarde eine Chance, das Populäre und die Hochkultur zu versöhnen. Komponisten wie Karlheinz Stockhausen fanden in wummernden Bässen und elektronischer Musik die Brücke von Mozart in die Moderne.

So wie das Parteiensystem zerfallen ist, ist auch die Musik der Bundesrepublik zerfallen. Die Zeit kollektiver Moden ist vorbei. Das Deutschland der Zukunft könnte sich nach einheitlicheren Formen, nach Ernsthaftigkeit statt nach Klamauk und Eklektizismus sehnen. Vielleicht schafft das auch Peter Ludwig mit seiner Bonner Komposition. Seinem „BRD-Song“ schickt er allerdings „Chansons bizarres“ voraus.

Die Reihe „Weg der Demokratie“ findet an diesem Sonntag statt. Sie umfasst 14 Konzerte an sechs historischen Bonner Orten, um 11, 13, 15, 17 und 21 Uhr.
Internet: www.beethovenfest.de
© Rheinischer Merkur Nr. 36, 03.09.2009
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