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15.10.2009

MODEFARBE 
Kann denn Lila Sünde sein?

In den Sechzigern und Siebzigern provozierten Feministinnen mit violetten Latzhosen. In dieser Saison sind Flieder-, Lavendel- und Veilchentöne in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Eine Geschmackssache.

VON JÜRGEN BRÄUNLEIN



TON IN TON: Lila lässt fast jeden blass aussehen. Das macht die Farbe besonders nobel.
Foto: istockphoto.com 

Was würde Goethe zur Haute Couture der Carla Bruni-Sarkozy sagen? Vermutlich nicht das Beste. Ob Etuikleid oder weit ausschwingender Mantel, die meistfotografierte Staatsoberhauptsgattin der Welt trägt neuerdings mit Vorliebe Violett. Leuchtet uns bei ihr kein Kleidungsstück in dieser Farbe entgegen, ist es zumindest ein Accessoire, das irgendwie violett ins Auge sticht: Handtasche, Handschuhe, Brosche. Auch in den Strickspezials der Frauenzeitschriften dominieren Flieder- und Lavendeltöne. Der lila Faden erfasst Männer wie Frauen, Kinder wie Senioren.

Für Goethe wäre das kein schöner Anblick, sondern ein Albtraum. Im Rahmen seiner Farbenlehre assoziierte er Lila mit dem „Schrecken des Weltuntergangs“. Der Expressionist und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky kam etwa hundert Jahre später zu keinem versöhnlicheren Urteil. Violett, so schrieb er, sei „abgekühltes Rot, im physischen und im psychischen Sinne. Es hat deshalb etwas Krankhaftes, Erlöschtes, etwas Trauriges an sich.“

Hätten Goethe und Kandinsky recht, dann würde unser Land derzeit in Dekadenz dahinsiechen, ja mehr noch, auf einen Abgrund zuschlittern. Schließlich wurde selbst unsere Bundeskanzlerin, gewiss niemand, die in Verdacht geraten könnte, Fashion-Victim zu sein, in jüngster Zeit mehrfach violett gewandet gesichtet, auf den Bayreuther Festspielen etwa oder im Juni auf der Islamkonferenz in Berlin. Dort legte sie mit ihrem glänzenden lila Blazer einen fürwahr spektakulären Auftritt hin. Im Auditorium wurde fast durchgängig Schwarz getragen, und die Leute applaudierten, als würde man eine Königin begrüßen. Womöglich war Merkel weniger wissend denn bestens beraten: Lilatöne sind derzeit die Trend- und Modefarbe Nummer eins.

Ob Madonna, Operndiva Anna Netrebko oder Hollywood-Veteranin Meryl Streep, Stars, auf die alle Welt starrt, tragen die Farbe mit dem schrillen Leumund seit längerem schon in all ihren Schattierungen. Alicia Keys kombinierte bei den World Music Awards in Monaco ihr fliederfarbenes Kleid mit einem Handtäschchen im Himbeerton, Tilda Swinton zeigte sich kürzlich im brombeerfarbenen Hemdblusenkleid, und auf Kinoleinwand und Computerbildschirmen kämpfen Fantasy-Heldinnen wie Catwoman im hautengen violetten Dress gegen das dunkle Böse.

Selbst auf dem Münchner Oktoberfest konnten dieses Jahr viele Dirndl in knalligem Lila bewundert werden, außerdem Lederhosen mit lila Stickereien und sogar Lodenhüte komplett in dieser Farbe. Laut dem Fachblatt „Textilwirtschaft“ sind lilafarbene Oberteile die am besten verkauften Kleidungsstücke der Saison.

„Früher war es Schwarz, heute ist Lila die Farbe, die Status besitzt“, erklärt Axel Venn, Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Das hat vor allem auch historische Gründe, erklärt er: „Schon bei der Toga der alten Römer und Griechen stand die Farbe Violett für ein hohes Staatsamt. Das kaiserliche Purpur mit seinem leuchtenden Rotanteil ist gewissermaßen heute plebiszitär geworden.“

In der katholischen Kirche ist Lila nie aus der Mode gekommen, sondern jedes Jahr zur Fastenzeit die Farbe der Saison – seit mindestens 750 Jahren. Papst Innozenz III. führte zu Beginn des 13. Jahrhunderts einen verbindlichen Farbenkanon ein, Violett steht seit damals für Buße und Umkehr, versinnbildlicht etwa in der violetten Seidenstola des katholischen Priesters. Doch damit nicht genug. Den in Purpur gekleideten Kardinälen steckt der Heilige Vater auch noch einen violetten Amethystring an den Finger.

Als die bundesrepublikanische Frauenbewegung in den 1970er-Jahren Lila für sich okkupierte, war nicht an Buße und Stille gedacht worden, wohl aber an Protest und Aufruhr. Ein schrilles Lila war der Gegenentwurf zu gängigen Mustervorstellungen adretter Weiblichkeit. Gemeint war aber auch ein Angriff auf das Patriarchat, und da konnte der Vatikan natürlich nicht ausgeschlossen werden.


Veilchen für die alte Jungfer

Oben trug Frau nun kurze, henna-violette Haare, untenherum eine Malerlatzhose aus dem Baumarkt, und auch die hatte schon eine Leidensgeschichte hinter sich. Zu Hause war die billig erstandene Männerhose im Badezimmer lila gefärbt worden, das dann zum Leidwesen anderer WG-Bewohner oft stundenlang blockiert wurde. Manche Männer waren aus Solidarität dazu bereit, ihre weißen Unterhemden gleich mitfärben zu lassen. Später wurden sie dafür bestraft und als „Frauenversteher“ und „Softies“ lächerlich gemacht.

Lila, so spotteten Lifestyle-Kritiker schon damals, sei die Farbe der Alternativbewegung, die modisch nur peinliche Entgleisungen zustande bringe. Lila sei zudem die Farbe der unbefriedigten Frauen. Veilchen- und Lavendelfarben passten in dieses diskriminierende Männerkonzept von Altjüngferlichkeit. Ein, zwei Generationen davor fiel das Urteil über diese Farbtöne sogar noch schlimmer aus. „Der letzte Versuch“ hieß es, wenn ältere Dame mit violett gefärbten Haaren und anderen Accessoires in diesem Farbton zu signalisieren schienen, dass ihr erotisches Interesse noch nicht ganz erloschen war.

„Violett ist nicht ungefährlich“, warnte dann auch Paul Winkelmann, Geschäftsführer des Stoff- und Möbelgeschäfts „Winkelmann und Sohn“, alias Loriot in „Ödipussi“ (1988): „Frauen bringen sich in violetten Sitzgruppen um … alleinstehende Frauen.“

Längst war zu diesem Zeitpunkt der unschuldigen Farbe aus anderer Richtung weiteres Unbill zugewachsen. Immer mehr schräge Paradiesvögel kleideten sich in Lila und Rosa, die Farben waren zum Symbol der Schwulenbewegung geworden, und beides schien vielen Menschen verdächtig, wenn nicht gar bedrohlich.

Tattoos arbeiteten sich in die Mitte der Gesellschaft vor, und auch der Veilchenton kam abseits seines traditionellen Biotops zu neuer Blüte. „Der Öko-Touch von Lila und auch andere ehemals negative Assoziationen mit dieser Farbe sind inzwischen schon lange genug her und fast vergessen“, meint die Wohnexpertin und Designerin Katharina Semling aus Oldenburg. „Zudem tritt die Farbe Lila heute ganz anders auf als früher. Klarer, hochwertiger, edler. Die Farbe ist gewissermaßen erwachsen geworden.“

Heute ist der Modetrend auch in der Wohnungseinrichtung angekommen. Lilafarbene Sofas und Sessel ziehen in die Wohnzimmer ein oder wenigstens Kissenbezüge, Tischdecken und Vasen in dieser Farbe. Vor allem Küchen bekommen lila Akzente. Wer Einrichtungshäuser besucht, sieht das dann auch: Bei Karaffen, Bechern, Windlichtern und anderen Wohnaccessoires dominieren die Töne Brombeer, Pflaume und Flieder. Für das Arrangement in den eigenen vier Wänden eröffnet das ein Füllhorn an Möglichkeiten. Der Laie ist erleichtert, wenn er von der Fachkraft erfährt: Die unterschiedlichsten Formen und Materialien lassen sich über die ähnlichen Farbtöne geschmackssicher miteinander kombinieren.

Auch die Firma Leonardo, Marktführer für Geschenke und Gläser in Deutschland, folgt dem aktuellen Trend mit einer neuen Trinkglasserie in Lila- und Goldtönen. Die Gläser wirken geheimnisvoll, tiefgründig und beruhigend. Qualitäten, die man Lila schon immer zugeschrieben hat als einer Farbe des Geistes, des Mystischen. Immerhin erreichten „Die Violetten für spirituelle Politik“ bei der Bundestagswahl 32.078 Stimmen.

„Man kann nicht von der Farbe Lila sprechen“, das ist der Wohnexpertin Katharina Semling sehr wichtig. „Die Farbe an sich gibt es grundsätzlich nicht, es sind immer Abstufungen und Nuancen, gerade auch bei Lila. Mit mehr Rosaanteil bekommt Lila etwas Zartes, leicht Schwülstiges, mit mehr kühlem Blau etwas Nobles.“ Sie selbst findet Lilatöne fürs Schlafzimmer eine gute Idee, „weil das beruhigend ist“, und kann grundsätzlich die Kombination aus Lila und Grün empfehlen.


Die Kuh inspiriert den Kohl

Möglicherweise wäre das Comeback der Farbe Lila ohne die mutige Vorarbeit der Schokoladenindustrie nicht möglich gewesen. Da Lila bei den Deutschen seit Jahrzehnten zu den unbeliebtesten Farben zählt, hat auch die Werbewelt lange darauf verzichtet. Höchstens bei Reise- und Tourismusprospekten für die Provence kam man an Lavendel auf dem Titelbild nicht vorbei. Erst die berühmte lila Kuh (seit 1973 als Werbetier auf dem Markt) hat die Wende gebracht und Violett als Farbe der (zarten) Versuchung in die Köpfe der Konsumenten installiert. Leider so erfolgreich, dass heute angeblich jedes dritte Kindergartenkind glaubt, Kühe seien von Natur aus lila. Vielleicht ist es da ein Trost, zu wissen, dass mit der Farbe Lila auf dem Teller nicht gut Kirschen essen ist. Zwar gibt es mittlerweile Züchtungen von lila Blumenkohl, doch Schule wird das wohl nicht machen. Der Farbtheoretiker Johannes Itten konnte vor Jahrzehnten schon den Beweis erbringen, dass Gäste vor Speisen, die violett angestrahlt werden, mit Ekelgefühlen zurückschrecken.

Wenigstens hat die Farbe jetzt einen anderen gesellschaftlichen Vorstoß geschafft, den man ihr vor Jahren noch nicht zugetraut hätte. Selbst Männer, die keine bunten Vögel sein wollen, holen sich die Farbe Lila in die Wohnung oder als Bildschirmschoner auf den Computer. Auch sind Manager mit lila Krawatten keine Seltenheit mehr, heute kommt einem schon einmal der junge Vorstand einer pikfeinen Hamburger Agentur mit einer knallengen lila Satinhose entgegen, ohne dass man deswegen seine beruflichen Kompetenzen in Zweifel ziehen würde. So hat Lila auch die Businesswelt der Männer erobert, und wieder werden dabei Ansehen und Macht nach außen getragen. Und das geht im Prinzip ganz einfach: Schwarze Dienstkleidung wird royal aufgepeppt.

Doch für den Farbexperten Axel Veen ist Lila heute weitaus mehr als ein Statussymbol, sondern eine Haltung. Er kommt regelrecht ins Schwärmen: „Lila ist die Farbe einer Mona Lisa, einer Sphinx, eine schwebende Farbe, die verhüllt und zugleich ein elegantes hintergründiges Outing darstellt. Eine Farbe, die zurückgenommen auftritt, nicht spektakulär und nicht spaßbetont ist, aber individuell markant und Würde besitzt.“
© Rheinischer Merkur Nr. 42, 15.10.2009
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