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| 05.11.2009 |
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| Leser, verzweifelt gesucht |
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Die „New York Times“ kommt nicht aus der Krise, auch andere große Blätter verlieren Auflage. Experten fordern Staatshilfe.
VON BEATRICE UERLINGS, NEW YORK |
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|  BANKROTT: Zwölf amerikanische Zeitungen wurden seit März 2007 eingestellt. Foto: Jon Shireman/Masterfile

| In der Skyline von Manhattan setzt die Zentrale der „New York Times“ Maßstäbe. Der in unmittelbarer Nähe des Times Square gelegene Wolkenkratzer ist mit 319 Metern das viertgrößte Gebäude der Stadt. Seine Fertigstellung verschlang stolze 850 Millionen Dollar. Ganz so, wie es dem mehr als 150 Jahre alten Flaggschiff unter den amerikanischen Zeitungen gebührt, atmet das New York Times Building Status und Futurismus zugleich.
Keine US-Zeitung hat mehr Preise gewonnen, kaum eine hat einen besseren Ruf. Doch steckt der Verlag so tief in der Krise, dass nun zum Abbau der Schulden sogar über den Verkauf der Firmenzentrale diskutiert wird. Nichts hat geholfen; nicht die Streichung der Jahresdividende in Höhe von 34,5 Millionen Dollar. Und auch nicht die Gehaltskürzungen um bis zu fünf Prozent, die das gesamte Personal erst im Frühling hingenommen hat. Nach Angaben der Gewerkschaft sind bis Jahresende mindestens weitere 150 Stellen bedroht. Die meisten sollen in der Zeitungsredaktion wegfallen, die mit 1250 Journalisten die größte der USA ist.
Die „New York Times“ ist kein Einzelfall. Auch den anderen amerikanischen Verlagsgruppen bläst ein eisiger Wind ins Gesicht. Zwölf Blätter sind laut dem Blog „Newspaper Death Watch“ seit März 2007 vom Markt verschwunden, sieben weitere gibt es mittlerweile entweder ausschließlich oder bis auf eine Wochenausgabe nur noch im Internet. Insgesamt 5900 US-Printjournalisten haben im vergangenen Jahr ihre Arbeit verloren.
Die Rezession hat die Krise bei den amerikanischen Printmedien noch verschärft. Immer weniger Amerikaner leisten sich eine Zeitung. Das Fachinstitut Audit Bureau of Circulations (ABC) hat den Abgang in Zahlen festgehalten: Das „Wall Street Journal“ ist eines der wenigen Blätter, die im September einen Leserzuwachs verzeichnen konnten. Mit einer Steigerung von 0,6 Prozent auf gut zwei Millionen ist die Finanzzeitung jetzt die auflagenstärkste in den USA. Der bisherige Marktführer „USA Today“ gerät dagegen ebenso wie andere Blätter immer weiter ins Hintertreffen. Seit April sind die Abonnentenzahlen unterm Strich erneut um zehn Prozent eingebrochen. „Die Tage, als Print ein Massenmedium war, sind gezählt“, resümiert Alan D. Mutter, der eine breit gefasste Analyse zu den Wehen der insgesamt 1400 Tageszeitungen in den USA erstellt hat. Seine verblüffendste Erkenntnis: Gerade einmal jeder dritte US-Bürger liest noch täglich eine Zeitung.
Mittlerweile buhlen die US-Verlage mit immer aufwendigeren Webseiten um ihre Leserschaft. Längst beschränken sie sich nicht mehr darauf, Videos und Audiodateien zu ihren Texten zu veröffentlichen. Mehr als die Hälfte der US-amerikanischen Verleger passt ihre Inhalte mittlerweile auch für die Darstellung auf Mobiltelefonen an. Die Mehrheit entwickelt darüber hinaus Smartphone-Applikationen, um die Verbreitung zu steigern. Auch die Verlagerung auf E-Paper-Formate ist in vollem Gange. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Umfrage des ABC, die auch zeigt, dass sich das Engagement auszahlt. Der digitale Zugriff über Mobilgeräte und E-Paper-Formate hat die Besucherzahl auf einzelnen Verlagsseiten um bis zu zehn Prozent erhöht.
Keine Zeitung ist so prominent im Internet vertreten wie die „New York Times“. Die Homepage zählt 72 Millionen Besucher im Monat, Tendenz steigend. Doch dieser Erfolg ist zugleich die Wurzel eines anderen Übels: Mit der Leserschaft verlagern sich auch die Werbekunden ins Netz. Nach Berechnungen der Association of America sind die Werbeeinnahmen der US-Zeitungen in diesem Jahr erneut um 28 Prozent eingebrochen. Ein Ende der Flaute ist nicht in Sicht. Vielen Verlagen bleibt nichts anderes übrig, als den Gürtel noch enger zu schnallen. Um Benzin und Transportkosten zu sparen, verzichten manche inzwischen sogar auf die Auslieferung in abgelegene Gegenden, vom Ausland ganz zu schweigen. Andere gehen in die Offensive und sagen dem Gratis-Dogma des Internets den Kampf an.
Niemand ist auf diesem Gebiet aktiver als der australische Medienmogul Rupert Murdoch. Dessen Konglomerat News Corp. meldete für das vergangene Quartal einen Verlust von 203 Millionen Dollar. Deshalb will Murdoch künftig für Netzpublikationen Geld berechnen. Die News-Corp.-Tochter „Wall Street Journal“ hat bereits Erfahrungen mit Bezahlsystemen im Internet. Die Leser-Flatrate kostet dort 1,99 Dollar pro Woche. Zuletzt hat die Homepage dadurch einen Jahresumsatz von 100 Millionen Dollar erzielt. Auch die „New York Times“ hat inzwischen den Lesern mitgeteilt, über eine monatliche Gebühr für ihre Homepage nachzudenken.
In den Internetforen ist umstritten, ob der Hang zu Bezahlinhalten nur das letzte Zucken der tödlich getroffenen US-Zeitungsbranche ist oder doch den Weg in die Zukunft weist. Der Schritt ist riskant, denn das Online-Geschäft birgt große Schwierigkeiten. Sind die Nachrichtenseiten kostenlos, erreichen die Verleger massenweise Leser und können daher viele Anzeigen verkaufen. Verlangen sie aber Geld für ihre Online-Angebote, wandern die Kunden zu Gratisvarianten ab, was wiederum die Anzeigenerlöse drückt. Die Online-Nutzer sind es gewohnt, Inhalte kostenlos abzurufen. Diese Erwartung ist ihnen kaum abzugewöhnen, es sei denn, alle Verlage gehen denselben Weg. „Die Zeitungen müssen gemeinsame Politik machen“, empfiehlt der Medienexperte Mark Bowden, „ähnlich wie die Fernsehsender das getan haben, bei denen die Zuschauer ja auch dafür zahlen müssen, wenn sie die besseren Programme sehen wollen.“
Eine andere Entwicklung in den USA ist, dass die Verlage sich an wohlhabendere Multimedia-Anbieter verkaufen. Das ist für beide Seiten ein gewinnbringendes Geschäft. Das „Wall Street Journal“ etwa gehört seit 2007 zur australischen News Corp., die der Zeitung im Gegenzug für ihr Renommee finanziell unter die Arme greift. Ein anderes Beispiel ist die geplante Übernahme der Zeitschrift „Business Week“ durch Bloomberg, die Finanz-Nachrichten-Agentur des New Yorker Bürgermeisters, Michael Bloomberg. Bloomberg, der sich in dieser Woche einer Wiederwahl stellte, will zwischen zwei und fünf Millionen Dollar für „Business Week“ zahlen und übernimmt zudem den Schuldenberg des Magazins. Im Gegenzug erhofft die Agentur sich einen besseren Zugang zu den Stellen in der Regierung und bei Firmen, bei denen wirtschaftlich relevante Dinge entschieden werden.
Kritiker sehen in der zunehmenden supra-medialen Konsolidierungswelle eine Gefahr für den unabhängigen Printjournalismus in den USA. Der Ruf nach öffentlicher Unterstützung für die existenzbedrohten Zeitungen wird immer lauter. Die renommierte Columbia University School of Journalism zeigt, wie es gehen könnte. Sie macht sich in einer Studie dafür stark, Zeitungsverlage als gemeinnützig anzuerkennen, sodass sie sich verstärkt auch über Spenden finanzieren dürfen. Zudem schlagen die Autoren der Columbia-Studie vor, einen Fonds für Lokaljournalismus zu gründen, der aus Gebühreneinnahmen der Regulierungsbehörde FCC gespeist werden soll.
Auch das könnte eine Lösung sein, denn die Lokalzeitungen in den USA stehen noch recht gut da. Der „York Daily Record“ aus Pennsylvania etwa verzeichnete 2008 das beste Jahr seit der Verlagsgründung: Die Leserschaft zog um 17 Prozent auf rund 55 000 an. Folglich verlagern sich auch Traditionszeitungen auf lokale Inhalte. Die „New York Times“ plant, die Lokalberichterstattung aus Chicago künftig von einer gemeinnützigen Gesellschaft ehemaliger „Chicago Tribune“-Redakteure einzukaufen, die von der MacArthur-Stiftung mitfinanziert wird.
Der Trend zu mehr Lokalberichterstattung könnte nicht nur die Rettung für amerikanische Zeitungsverlage sein. Er ist auch die Grundlage journalistischen Arbeitens bei den stark frequentierten lokalen TV- und Radiostationen des Landes, die mit wenigen Journalisten arbeiten und Inhalte aus Zeitungsartikeln übernehmen. Mehreren Großstädten droht wegen der Printkrise sogar ein Dasein ohne eigene Tageszeitung. Welche Bedeutung das Verschwinden eines lokalen Mediums für die Bevölkerung abgesehen von der geringeren Meinungsvielfalt hat, auch darüber gibt es Studien. Das „Time“-Magazin berief sich Ende März auf eine Abhandlung der Universität Princeton. Der Autor untersuchte den Fall „Cincinnati Post“, die 2007 vom Markt verschwand, und sagt: „Wenn die Leute keine Lokalberichterstattung bekommen, engagieren sie sich weniger.“ Das wirke sich wiederum negativ auf ihre Wahlbeteiligung aus. Dem gegenüber steht eine Befragung der US-Medienforschung Pew. Die besagt: Weniger als die Hälfte der amerikanischen Staatsbürger würden den Verlust ihrer Lokalzeitung „sehr“ bedauern.
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