Laut Medienberichten nutzen immer mehr Menschen Medikamente, um ihre Konzentration und Merkfähigkeit zu erhöhen. Vieles davon wird übertrieben dargestellt. Dennoch ist es Zeit für eine gesellschaftliche Debatte.
VON JÖRG AUF DEM HÖVEL |
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|  DENKHELFER: Wie weit lassen sich geistige Fähigkeiten mit Pillen steigern? Illustration: A1PIX

| „Haben Sie heute schon gedopt? Wahrscheinlich ja. Auf jeden Fall dann, wenn Sie zu den Kaffeetrinkern gehören. Koffein ist noch immer der Deutschen liebster Wachmacher und das populärste Fördermittel für die Konzentration. Aber seit einiger Zeit rücken neue Medikamente ins Licht der Öffentlichkeit – Mittel, die in dem Ruf stehen, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit zu erhöhen.
Die Rede ist vom „Cognitive Enhancement“, der Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit über das Normalmaß hinaus. Gleich mehreren Arzneimitteln wird nachgesagt, sie könnten den Geist auf Trab bringen. Zugleich berichten viele Medien, immer mehr Deutsche würden diese Medikamente als Hirndoping benutzen. Doch bei näherer Betrachtung bleibt von den Versprechen und Behauptungen wenig übrig.
Drei Kandidaten sind es, die immer wieder genannt werden, wenn es um Hirndoping geht: Modafinil, Ritalin und sogenannte Antidementiva. Allerdings konnte bisher niemand eindeutig ihre Tauglichkeit als Tonikum für den Geist bei gesunden Menschen nachweisen. Das liegt unter anderem an der schwammigen Definition des Cognitive Enhancement. Mit „kognitiv“ kann viel gemeint sein: Aufmerksamkeit, Lernen, Erinnerung, Kreativität. Klinische Tests zeigen, dass eine Verbesserung in einem Sektor oft mit einer Verschlechterung anderer kognitiver Fähigkeiten einhergeht.
Zum Beispiel Modafinil: Der Wirkstoff wird bei der Behandlung der Narkolepsie (Schlafkrankheit) angewendet. Anfang dieses Jahrhunderts kam er aufgrund seiner anregenden Effekte zu dem Ruf, gesunden Menschen geistig auf die Sprünge zu helfen. Danielle Turner von der Universität Cambridge testete daraufhin im Jahre 2003 Modafinil an 60 gesunden Probanden. Im Vergleich zu einem Placebo schnitten sie unter Modafinil-Einfluss bei einem Test des Kurzzeitgedächtnisses tatsächlich signifikant besser ab. Doch die genauere Analyse relativiert den Befund. Denn die Probanden konnten zwar Muster besser erkennen und Zahlenreihen etwas genauer behalten. Beim schnellen Erfassen visueller Informationen und anderen Aufmerksamkeitsprüfungen zeigten sich hingegen keine Vorteile.
Fokussierter Arbeiten
Bei dem in Deutschland unter dem Namen Ritalin gehandelten Wirkstoff Methylphenidat sieht das kaum anders aus. Auch hier schneiden gesunde Probanden in den Tests ihrer kognitiven Leistungen nicht eindeutig besser ab als nüchterne Probanden. Normalerweise wird Ritalin niedrig dosiert eingesetzt, um Kindern und Jugendlichen, bei denen ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-syndrom (ADHS) diagnostiziert wurde, zu helfen, sich besser auf Tätigkeiten fokussieren zu können.
Methylphenidat ist chemisch eng mit der Droge Amphetamin (Speed) verwandt, einem starken Aufputschmittel. Vieles, was heute als Neuro-Doping gehandelt wird, sind Stimulanzien, die wachhalten. Wer länger durchhält, der leistet (oftmals) mehr. Mit einer tatsächlichen Verbesserung der Auffassungsgabe hat das freilich wenig zu tun. Präsenz war noch nie gleichzusetzen mit Intelligenz.
Zentral für die Beurteilung von psychoaktiven Substanzen, seien es legale Medikamente oder illegale Drogen, ist die Frage nach Sicherheit und Gesundheit. Es gilt der Grundsatz: „Keine Wirkung ohne Nebenwirkung.“ Es wäre eine positive aber unwahrscheinliche Überraschung, wenn neue Wirkstoffe gefunden würden, die – ähnlich wie Koffein – bei vernünftiger Dosierung wenig Nachteile mit sich bringen. Noch gibt es keine Langzeitstudien zu den pharmakologischen Leistungsboostern. Es fehlen auch praktische Erfahrungen mit Dauerkonsumenten, die Ritalin und Co. regelmäßig in hoher Dosierung zu sich nehmen.
Für die dritte Wirkstoffgruppe, die Antidementiva, liegen Studien vor, die ihre Wirkung auf den Lebensalltag von schwer dementen Patienten untersucht haben. Hier sind positive Effekte zwar erkennbar, eine Heilung vom geistigen Verfall aber keineswegs möglich. Gleichwohl gelten einige Wirkstoffe wie Donepezil und Memantin als Kandidaten, um das Kurzzeitgedächtnis von gesunden Menschen zu perfektionieren oder gar Informationsübergänge in das Langzeitgedächtnis zu fördern.
Ganz so simpel sind die Zusammenhänge freilich nicht. Es macht einen Unterschied, ob man ein chemisch aus der Balance geratenes Hirn wieder in Richtung Normalform zurückleiten oder ein korrekt funktionierendes Gehirn optimieren möchte. Die Hirnchemie beruht evolutionär bedingt auf einer fein austarierten Balance verschiedenster Botenstoffe und deren Regelkreise. Auch wenn ein pillengestützter Eingriff kurzfristig und subjektiv als Verbesserung erlebt wird, kann er für den Körper eine empfindliche Störung darstellen.
Noch haftet den Hirnmedikamenten das Image klinischer Reinheit und Sicherheit an. Gefördert wird diese Wahrnehmung auch durch Initiativen von Wissenschaftlern, die in der Gesellschaft eine offene Diskussion über die Möglichkeiten und für die Akzeptanz des Hirndopings anzustoßen versuchen. Doch diese Sichtweise könnte schnell kippen, sollten die eingesetzten Wirkstoffe in den Schwarzmarkt abgedrängt werden, mitsamt den hinlänglich bekannten Begleiterscheinungen. Es wären nicht die ersten Substanzen, die den Weg vom Medikament über den Geheimtipp bis hin in die Schmuddelecke genommen hätten. Es sind eben primär die Konsummuster, die jede Substanz, jedes Medikament zum Suchtmittel werden lassen können.
Es liegt nahe, zu vermuten, dass in einer leistungsorientierten und zugleich pharma-affinen Gesellschaft, sich Mittel schnell durchsetzen, die versprechen, den Nutzer für den Arbeitsalltag fit zu halten. Nur: Belastbare Daten, die diesen Trend belegen, gibt es bislang kaum. Anfang 2009 legte die Krankenkasse DAK eine Studie vor, die das Dopingverhalten der Deutschen unter die Lupe nahm. Die Meldungen überschlugen sich daraufhin: „Hunderttausende dopen sich für den Job“, titelte der „Tagesspiegel“. „Jeder Fünfte ist für Doping am Arbeitsplatz“, hieß es bei „Focus Online“.
Eine genauere Analyse der Daten entlarvt dieses Bild als Überzeichnung. Bundesweit wurden im Rahmen der Studie rund 3000 Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 50 Jahren interviewt. 143 Befragte gaben an, dass sie ein Medikament ohne medizinische Notwendigkeit einnehmen beziehungsweise schon einmal eingenommen haben. Auf den ersten Blick liest sich das so, als würden fünf Prozent der erwerbstätigen Deutschen aktiv „dopen“. Doch das ist eine fehlgeleitete Interpretation. Denn in den überwiegenden Fällen ging es den Beteiligten de facto nicht um die Verbesserung ihrer Hirnleistung, sondern nur um die Wiederherstellunge des Normalzustands.
Unter den 143 erfassten Fällen hatten die Hälfte der Frauen und 14 Prozent der Männer Mittel gegen eine depressive Verstimmung eingenommen, 47 Prozent der Frauen beziehungsweise bei den Männern 40 Prozent hatten Angstzustände bekämpft. Lässt man Antidepressiva und Stimmungsaufheller außen vor, hatte nur noch ein Prozent der Befragten tatsächlich im Sinne des Hirndopings gehandelt.
Das Fazit der beauftragten Forscher lautet denn auch: „Alles in allem kann von 1,0 bis 1,9 Prozent ‚Dopern‘ in der Gruppe der aktiv Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 50 Jahren ausgegangen werden.“ Die Zahlen stützen also nicht die in den Medien aufgebauschte Annahme, dass es sich beim Doping am Arbeitsplatz um ein weit verbreitetes Phänomen handelt. „Vielmehr verstärkt sich der Eindruck, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild dargestellt wird“, so die Experten.
Menschen sollen funktionieren
Es wäre falsch, dies als Entwarnung zu verstehen. Der DAK-Report belegt, wie weit verbreitet und akzeptiert die Einnahme von Medikamenten, die in verschiedenster Weise auf die Psyche wirken, mittlerweile ist. Es ist an der Zeit für eine kritische Auseinandersetzung mit den treibenden Kräften hinter diesem Trend. In erster Linie zielen die Eingriffe in die Hirnchemie darauf, Menschen im Arbeitsalltag oder im Prüfungsstress stromlinienförmig funktionieren zu lassen. Dieser Anspruch reicht bis hin zur Eliminierung unerwünschter Persönlichkeitseigenschaften. Selbst Schüchternheit gilt heute als behandlungswürdige Sozialphobie. Psychologen, Wissenschaftler, Ärzte und Pharmaunternehmen spielen hier eine zentrale Rolle. Sie alle tragen dazu bei, dass der Katalog psychischer Krankheiten seit Jahren immer länger wird.
In einem solchen Klima erscheint es vielen kaum noch als paradox, sich eher Gedanken darüber zu machen, wie man den immer höheren Anforderungen der Leistungsgesellschaft durch Medikamenteneinnahme gewachsen ist, als sich darum zu kümmern, wie eine möglichst humane Gesellschaft aussehen könnte, die Leistung nicht an erste Stelle setzt. Im Zentrum einer Debatte um das Neuro-Enhancement muss darum auch die Frage stehen: Wo wollen wir Menschen künftig die Grenze zwischen Selbstgestaltung und Selbstausbeutung ziehen?
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Lesetipp: Jörg auf dem Hövel: Pillen für den besseren Menschen. Wie Psychopharmaka, Drogen und Biotechnologie den Menschen der Zukunft formen. Heise Verlag, Hannover 2008. 208 Seiten, 18 Euro. |
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