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| 26.11.2009 |
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Schon die Römer förderten rund um das rumänische Karpatendorf Rosia Montana Edelmetalle. Ein kanadisches Unternehmen will dort den größten Tagebau Europas schaffen. Viele Bewohner sind umgesiedelt, einige weigern sich hartnäckig, zu weichen. Derweil schafft die Firma Tatsachen.
VON CARSTEN DIPPEL |
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|  Geisterstadt: Während die Wirtschaft in der Region boomt, leert sich Rosia Montana. Unten: Alte Kupfermine im Rücken von Rosia Montana. Sieht so, nur mit viel gigantischerer Zerstörung, die Zukunft des Dorfes aus? Fotos: Carsten Dippel

| Hoch steht die Sonne, Grillen zirpen. In den von Wind und Wetter zerschlissenen Bauernhütten wuchert Gras. Langsam stapfen Kühe mit ihren schweren Hufen herauf, die Glocken bimmelnd um den Hals. „Dhiii, hier lang, zack, zack.“ Unter einer kessen Baskenmütze lugt das rosige Gesicht von Gheorghe Urs hervor. „Früher“, erzählt der alte Bauer, während er auf einem Strohhalm kaut, „konnten meine Tiere nicht so einfach in die Gärten. Aber jetzt, seitdem die Goldleute da sind, steht ihnen nichts mehr im Weg.“
Weit oben in den rumänischen Westkarpaten liegt das uralte Goldgräberdorf Rosia Montana. Zwischen den Bergwiesen ragen schwarze Felsen hervor. Schon Herodot wusste vom Gold der Karpaten zu berichten. Die Römer förderten das edle Metall tonnenweise, hinterließen kilometerlange, perfekt trapezförmig in die Felsen gehauene Stollen. Bis zur Entdeckung Amerikas war die Gegend um Rosia Montana die wichtigste Goldquelle des Abendlandes. Später kamen die Habsburger und führten die alten Stollen weiter. Das Gold von Rosia Montana hat Generation um Generation ernährt. Und noch bis zur Enteignung durch die Kommunisten im Jahr 1948 nannten nicht wenige Familien hier Goldminen ihr Eigen. Cirnic, Cetate, Jig, Orlea, wie die Berge alle heißen, sie sind zerlöchert wie ein Schweizer Käse.
„Das alles“, Bauer Urs zeichnet mit seinen Armen einen weiten Bogen, „gehört jetzt ihnen. Und da hinten die Hügel auch noch.“ Es herrscht wieder Goldgräberstimmung in Rosia Montana. Gabriel Resources, ein kanadisches Unternehmen, will aus den Bergen ringsum 300 Tonnen Gold und 1600 Tonnen Silber herausholen. Mit gewaltigen Trucks, ein jeder über 100 Tonnen Gestein schleppend, die Räder dreimal so groß wie ein Mann. Bald soll unter der Wucht des Dynamits das ganze Gebirgsmassiv verschwinden. Es geht darum, das ganz große Rad zu drehen. Gabriel Resources will den größten Goldtagebau Europas schaffen.
Doch noch gibt es Menschen im Dorf, die nicht weichen wollen. „Sie haben mir gesagt, ich könne hier wohnen bleiben. Na schön. Aber wenn sie die Berge in die Luft jagen, werde ich doch in meinem eigenen Haus begraben!“ Eugen Cornea geht jeden Morgen in den Stall zu seinen Kühen. Die frisch gemolkene Milch verteilt er an Freunde. Als Topograf hat er einst im Nachbartal eine Kupfermine projektiert. Heute ist er ein leidenschaftlicher Gegner des Minenprojekts und arbeitet für die Soros-Stiftung, die ein Informationsbüro im Dorf unterhält. „Hier ist überall Gold. Selbst unter meinem Haus. Wir sitzen alle auf einer Goldmine.“ Wenn die Firma das Projekt umsetzen will, werde sie nicht nur die Berge abtragen, sondern den ganzen Ort zerstören. „Die werden einen riesigen Krater hinsetzen. Acht Kilometer breit, 400 Meter tief. Nichts wird von Rosia Montana bleiben.“
Gabriel Resources hat eine Konzession zum Goldabbau für 25 Jahre über das ganze Gebiet erhalten. Im Jahr 2004 haben sie angefangen, Häuser und Land zu kaufen, obwohl weder vom Umwelt- noch vom Kulturministerium eine Genehmigung vorlag. Dabei gibt es keinen zweiten Ort auf der Welt, der römische Bergwerksstollen in dieser Qualität aufweisen kann. Ein Platz auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes wäre Rosia Montana sicher, wenn nur Bukarest einen entsprechenden Antrag stellen würde. Inzwischen haben die meisten Bewohner jedoch Haus und Grund verkauft – sicher, das Geschäft ihres Lebens gemacht zu haben. Dabei spotten die gezahlten Summen selbst für rumänische Verhältnisse jeder Beschreibung. Gerade mal einen Euro gibt es für einen Quadratmeter Land. Einst bot sich dem Besucher ein stolzer Ort, der allein schon in seiner Architektur die einzigartige Geschichte eines 2000 Jahre alten Minenortes widerspiegelte. Mittlerweile sind viele Häuser nur mehr Ruinen.
Im Büro von Gabriel Resources hängen lauter bunte Pläne an der Wand. Ein Modell entwirft die Vision der Firma. Den Ort zerstören? Keineswegs! „Hier haben wir die geschützte Zone“, zeigt Catalin Hosu, Sprecher von Gabriel, auf einen bemalten Fleck zwischen grünen Pappmaché-Hügeln. Natürlich werde man die denkmalgeschützten Häuser erhalten. Im Gegenteil: Erst dank Gabriel Resources könne das kulturelle Erbe von Rosia Montana bewahrt werden. Gern erzählt er noch, wie man sich um die Leute kümmert, Kinder zur Schule oder Alte ins Krankenhaus fährt. Allein: Welche sozialen oder ökologischen Auswirkungen das Minenprojekt für die Region hat, darüber mag Catalin Hosu nicht reden.
Schmutziges Geschäft
Im Nachbartal von Rosia Montana lebt Remus Cenusa. Kleine Weiden in saftigem Grün, alte Häuser mit knorrigen Holzvorbauten. Hier und da flattert Wäsche im Wind. Drei Kirchen hat Corna und kaum noch Einwohner. Remus Cenusa ist Zimmermann. Seitdem die Firma da ist, hat er die meisten Kunden verloren. Mit lauter Bonbons seien sie gekommen, hätten den Leuten das Blaue vom Himmel versprochen, damit sie ihre Häuser verkaufen. Seinen Hof mit der Werkstatt und den Bienenstöcken hinterm Haus wird er nach dem Willen von Gabriel verlieren. „Die haben hier überall gebohrt und das Gelände auf seine Widerstandskraft geprüft. Wo ich jetzt stehe, soll der 180 Meter hohe Damm für das Zyanid hinkommen.“
Der moderne Goldabbau ist ein schmutziges Geschäft. Das Gestein, in dem sich das Edelmetall oft nur in mi- kroskopisch kleinen Pünktchen findet, wird gesprengt, später die Felsbrocken in einer Fabrik zu kiesartigem Schutt zermalmt. Um daraus die wertvollen Erze zu extrahieren, ist eine Giftwäsche nötig. Man hat die Wahl: Quecksilber oder das weltweit am häufigsten verwendete Zyanid. Bei einem durchschnittlichen Goldgehalt von 1,3 Gramm pro Tonne Gestein wie in Rosia Montana müssen ganze Berge aus dem Weg geräumt werden. Übrig bleibt ein hoch toxischer Gesteinsschlamm. „Hier in dieses wunderschöne Tal soll der ganze Zyanidschlamm reinlaufen. Da werden nur noch die Spitzen der Kirchtürme rausgucken“, fürchtet Remus Cenusa.
Das Verfahren sei absolut sicher, beteuert die Firma. Das hatten auch die Betreiber einer Goldmine im nordrumänischen Baia Mare versprochen. Bis dort im Jahr 2000 der Damm brach. Mehr als 100 000 Kubikmeter mit Schwermetallen versetzten Zyanidschlamms ergossen sich ins Tal. Es war die größte Umweltkatastrophe Osteuropas seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986.
Dass entgegen den Prognosen der Firma bis heute noch kein Gramm Gold gefördert wurde, obwohl sie seit mehr als zehn Jahren im Ort agiert, liegt nicht nur an noch ausstehenden Genehmigungen. Gegen das Projekt hat sich Widerstand formiert. Im Jahr 2002 wurde von einigen hundert Eigentümern eine Interessenvereinigung gegründet: „Alburnus Maior“ nach dem lateinischen Namen der Siedlung. Inzwischen haben zwar etliche den Verein verlassen und ihr Land verkauft. Doch ein harter Kern ist geblieben. „Die Firma“, sagt ihr Präsident Eugen David, „kann nichts machen. Solange auch nur ein Einziger bleibt, ist das Projekt gestorben.“ Mit spitzbübischem Lächeln, Strohhut, braun gebranntem Oberkörper stemmt er Heu zu einer Miete.
Die ganze Familie hilft bei der schweißtreibenden Arbeit. Hart sei das Leben auf dem Bauernhof. Eugen David ist Biobauer. Sein Hof liegt weit oberhalb des Dorfes. Von dort kann er gut zur Cetate schauen, jenem halb abgetragenen Berg, der schon unter Ceausescu dem Goldabbau zum Opfer fiel.
Im Grunde würde die Firma nichts anderes machen, als die von der Revolution im Jahr 1989 gestoppten Pläne des Diktators weiterzuführen. Früher arbeitete Eugen David im Büro der staatlichen Goldmine. „Einen Job bei einer Firma hat man heute, aber morgen vielleicht nicht mehr.“ Das Land hingegen werde immer die Existenz des Menschen sichern. „Auf meinem Hof finde ich alles, was ich zum Leben brauche. Und dafür kämpfe ich“, gibt sich David entschieden.
Bis nach Brüssel hat es ihn wegen des Projekts schon verschlagen. Kampagnen wurden organisiert, Pressemitteilungen geschrieben, Gerichtsprozesse angestrengt. Unterstützung kommt auch von außen. Viele Experten warnen eindringlich vor dem Projekt, laut Umfragen ist die Mehrheit der Rumänen dagegen.
Gabriel Resources schläft jedoch nicht. Die Firma erfreut sich glänzender Kontakte bis hoch in die Spitzen der Politik. So versandete bislang noch jede Parlamentsinitiative zum Zyanidverbot im Tagebau. Mit ihren goldenen Versprechungen hat Gabriel den meisten Bewohnern den Kopf verdreht. Wir schaffen Arbeitsplätze!, lautet die Parole. Habe Rosia Montana nicht schon immer allein dank des Bergbaus existiert? Gut 70 Prozent der Häuser wurden mittlerweile aufgekauft. Ein Großteil des Landes ebenso. Sonderlich besorgt wirkt der Alburnus-Chef darüber nicht. Schließlich, so sein fester Glaube, werde nach erfolgreichem Kampf gegen das Projekt ein neues Rosia Montana entstehen. Getragen von Tourismus und ökologischer Landwirtschaft.
Gabriel Resources schafft derweil Tatsachen. Biobauer Eugen David? Der gehöre doch zu einer Minderheit, tönt Pressesprecher Hosu. „Finden Sie es demokratisch, dass sich eine Minderheit gegen die Mehrheit auflehnt?“ Gabriel setzt auf Zeit. Wenn es bald kaum noch jemanden im Ort gibt, keinen Arzt, keine Schule, keinen Bäcker mehr, was soll die Leute dann noch halten? Früher oder später werde auch ein David aufgeben. Eine Drohung? „Wir üben keinen Druck aus. Die Leute ändern nur ihre Meinung.“
Perspektiven fehlen
Doch hat die Firma tatsächlich so viel Zeit? Immerhin wollen Investoren und Aktionäre beruhigt werden. Seit vielen Jahren tobt der Kampf, bis jetzt hat das Projekt bereits 250 Millionen Euro verschlungen. Bis auch nur ein Gramm Gold gefördert worden ist, wird es mehr als eine Milliarde Euro sein. Dabei ist Gabriel nur ein kleines Licht unter dem guten Dutzend der weltweit tätigen Giganten im Goldgeschäft. Wer fragt, woher die Summen kommen, verirrt sich schnell im Dickicht des globalen Monopolys um gewinnbringende Ressourcen.
Derlei Fragen interessieren die meisten Bewohner nicht. Sie wollen einen Job. Eine Perspektive. Wer will es ihnen nach der endgültigen Schließung der unrentablen staatlichen Mine im Jahr 2006 verdenken? So hoffen sie beim Bier in der Mittagssonne nichts sehnlicher, als dass es endlich losgeht. Für Alburnus, Greenpeace und andere Kritiker haben sie nur verächtliche Blicke parat. Umweltzerstörung, Weltkulturerbe? „Bitte schön“, empört sich lauthals ein Mittvierziger, „soll ich Pilze pflücken gehen?“
Im Jahr 2002 wurde Rosia Montana in einem Raumgestaltungsplan zur Industriezone erklärt. Seitdem darf sich kein anderes Unternehmen im Ort ansiedeln. Während die Wirtschaft in der Region boomt, gleicht Rosia Montana immer mehr einer Geisterstadt. Ganze 17 Jahre soll das Projekt dauern. Arbeit für wenige hundert. Und gewiss, das gibt Sprecher Hosu unumwunden zu, nicht für jene, die dann bereits weit weggezogen sind. Seit Jahren blockieren sich Gegner und Befürworter gegenseitig. Außer viel Aktionismus – mal eine Baustelle hier, Messungen da, ein Dorffest „im Stil des Bergarbeiters“ – hat Gabriel noch nicht viel auf die Beine gestellt.
Zwei Stunden Fahrt sind es nach Alba Iulia. Die Provinzhauptstadt liegt in einer Senke. Ganz am Stadtrand wird es sein: ein Teil des neuen Rosia Montana. Ein plattes Feld, vier Hektar groß, Einfamilienhäuser wie Ufos auf dem noch sandigen Grund. Rosig malt Gabriel die Zukunft: Sie werden umziehen, mit ihren Familien und Freunden einträchtig beieinander wohnen wie einst in den Bergen. „Wir haben sogar die Straßen nach den Dorfgassen benannt!“ Die Firma ist stolz auf ihr Vorzeigeprojekt. In Rosia Montana gebe es ja nicht einmal Strom und fließend Wasser, die Winter frostig kalt, bis minus 25 Grad. Wer will da noch bleiben? Auch Bauer Urs wird nach Alba Iulia ziehen. Von seinen Kühen muss er sich bald verabschieden. „Ich werde mich schon daran gewöhnen. Irgendwie.“ Wenn ihn doch mal die Sehnsucht packe, werde er mit seiner Tochter eben nach Rosia fahren, picknicken und fischen.
Was Häuser alles erzählen
Was könnten die mittlerweile verlassenen und heruntergekommenen Häuser von Rosia Montana alles erzählen. Von früher, als im Saal, in dem Gabriel sein Quartier aufgeschlagen hat, noch getanzt wurde. Wehmütig blickt Eugen Cornea auf jene Tage zurück. „Sie haben ganze Familien zerrissen. Es gab Kinder, die hinter dem Rücken der Eltern deren Haus verkauft haben. Weil sie ein fetteres Auto wollten. Teile und herrsche. Das ist das Konzept von Gabriel!“
An Wochenenden und zu Feiertagen sieht man in Rosia Montana besonders viele Autos mit fremden Kennzeichen. Manche kommen immer wieder zurück, gehen zu ihrem alten Grundstück und küssen weinend die Tür ihres Hauses. Der Kampf ist noch längst nicht entschieden. Doch für Gabriel Resources können die derzeitigen Jubelmeldungen über immer neue Börsenrekorde beim Goldpreis nur gute Nachrichten sein.
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