| Schlimmer als in der Schule |
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Anwesenheitskontrollen, Vorlesungen, bei denen sich Referat an Referat reiht: Die Uni ist von der Bildungs- zur Ausbildungsstätte degeneriert.
VON KARIN JANKER |
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Der Professor betritt im Eichstätter Politikwissenschaft-Seminar den Raum, stellt seine Ledertasche ab, setzt sich und holt das Blatt mit der Teilnehmerliste aus seiner Mappe: Anwesenheitskontrolle. Alphabetisch ruft er alle Namen auf; die Studenten antworten mit „hier“, „ja“ oder „anwesend“. Kurz blickt der Professor jedes Mal auf, dann setzt er ein Häkchen hinter den Namen auf der Liste. Eine Studentin aber gibt statt der erwarteten Antwort eine Frage zurück: „Warum müssen wir damit in jeder Sitzung wertvolle Zeit vertrödeln?“ Irritiert blickt der Professor auf. Nach einer kurzen Pause antwortet er verlegen: „Ja, ich weiß. Ich finde das genauso sinnlos wie Sie. Aber ich bin durch die neue Studienordnung dazu verpflichtet.“ Im letzten Semester habe er die Liste in jeder Sitzung durch die Reihen gehen lassen, aber dann hätten einzelne Studenten betrogen, indem sie einfach einen Kommilitonen gebeten hätten, für sie zu unterschreiben. „Seitdem wird die Anwesenheitsliste in meinen Seminaren immer verlesen.“
Johanna Umbach kennt solche Situationen: „Die Studenten stehen mittlerweile dauernd unter Überwachung. Man kommt sich manchmal vor wie in der Schule.“ Die 24-Jährige studiert im siebten Semester Geschichte auf Magister und ist froh, dass sie in ihrem Studiengang noch mehr Freiräume hat. Dabei gehe es nicht darum, einfach die Seminare schwänzen zu können: „Wir wollen vor allem ernst genommen werden – und Selbstverantwortung übernehmen.“ Die Bachelor-Studenten, die ihr Studium erst jetzt beginnen, kennen es hingegen nicht anders, für sie ist der Schulalltag beinahe nahtlos in das Uni-Leben übergegangen.
Wie derzeit an zahlreichen deutschen Universitäten kämpfen auch an der Uni Eichstätt-Ingolstadt, rund 100 Kilometer von München entfernt, Studenten für bessere Bildung. Anders als in der bayerischen Landeshauptstadt verzichten sie allerdings bewusst auf Besetzungen. „Wir denken, dass vorher alle anderen Wege ausgereizt werden sollten“, sagt Johanna Umbach, die auch Sprecherin des Arbeitskreises Freie Bildung in Eichstätt ist.
Eichstätt-Ingolstadt ist eine kleine Hochschule; nur rund 4500 Studierende sind hier eingeschrieben, der Weg zur Uni-Leitung ist kurz. Deshalb setzen die Studierenden auch auf Dialog. Die Strategie scheint aufzugehen: Die Hochschulleitung zeigt sich in vielen Fragen kompromissbereit. So nahm der Präsident, Andreas Lob-Hüdepohl, von rund 250 Demonstranten einen Forderungskatalog entgegen und kündigte an, mit ihnen zusammenzuarbeiten. „Wir haben von der Uni-Leitung bereits einige konkrete Daten und Vorschläge zugesichert bekommen, zum Beispiel sollen paritätische Arbeitsgruppen gebildet werden, die über Studiengebühren oder Anwesenheitspflicht diskutieren“, erklärt Johanna Umbach.
Besetzungen sind Notfalllösung
Obwohl sie besetzte Hörsäle nur als Notfalllösung ansieht, versteht die Studentin ihre streikenden Kommilitonen in den anderen Städten: „Wir unterstützen die Studierenden an den anderen Unis, denn wir brauchen diese Aufmerksamkeit, um überhaupt einen Diskurs anstoßen zu können.“
Ins Rollen gebracht wurde die Diskussion von den Studierenden bereits im Juni dieses Jahres. Damals gingen während der sogenannten Bildungsstreikwoche bundesweit rund 270 00 Studierende und Schüler auf die Straßen. Protestmärsche und Kundgebungen – lautstark versuchten sie auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Inzwischen trägt eine Welle der Solidarität die Studenten; Musiker, Professoren und auch so mancher Politiker zeigen Verständnis für die Proteste. Nötig waren die Aktionen, bei denen nicht nur protestiert, sondern auch informiert wurde, auch deshalb, weil viele Außenstehende einfach nicht wissen, wie mittlerweile der Alltag an deutschen Unis aussieht.
Im Foyer der Eichstätter Universität stehen drei Studentinnen vor der großen Tafel mit Forderungen, die der AK Freie Bildung im Rahmen der Studentenproteste aufgestellt hat. Mit Kugelschreiber haben Studierende Kritik und Verbesserungswünsche notiert. Die Liste ist lang. Die drei Studentinnen schütteln den Kopf. „Also ich bin nicht für die Abschaffung der Anwesenheitspflicht. Das ist doch ganz normal – war doch in der Schule auch schon so, dass man nicht einfach fehlen durfte“, sagt die eine.
Johanna Umbach wird nachdenklich, wenn sie so etwas hört: „Viele Studenten im ersten Semester wissen nicht einmal mehr, dass das Studium früher anders war. Vor kurzem kam eine Freundin zu mir, die auch auf Bachelor studiert, und sagte: ‚Ich begreife jetzt erst, was mir genommen wurde und welcher Unfug mit mir getrieben wird.’“ Johanna Umbach hofft, dass durch die breiten Proteste viele Bachelor-Studenten zum Nachdenken angeregt werden und feststellen, dass es im Studium nicht mehr so sein muss wie in der Schule. Und dass auch ein gewisses Maß an Freiheit und Selbstdisziplin zum Erwachsensein dazugehört.
„Wenn ich heute durch die Uni gehe, spüre ich viel Hast, Nervosität und Unsicherheit“, erzählt Johanna Umbach. „Es breitet sich immer mehr eine Wettbewerbsmentalität aus; die Ellbogen müssen ausgefahren werden.“ Sie hat beobachtet, dass sich das Klima an deutschen Hochschulen durch die Bologna-Reform deutlich verändert hat. „Die Uni ist zur reinen Ausbildungsstätte geworden – dabei sollte man hier auch etwas fürs Leben lernen.“
Ohne Druck geht es nicht
Die Leseunlust vieler Studierender ist ein Problem, mit dem sich so mancher Dozent konfrontiert sieht. Das Bachelor-System schreibt pro Seminar eine bestimmte Vorbereitungs- und Lesezeit zu Hause vor. Diese Hausaufgaben können in der Klausur am Semesterende abgefragt werden. „Es herrscht nun mehr Zwang; die Leute müssen bestimmte Dinge einfach lesen und sich besser auf Seminare vorbereiten“, sagt Thomas Pittrof, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Eichstätter Uni. Die Erfahrung zeige, dass es durchschnittlich nur fünf Prozent begeisterte Leser unter den Studenten gebe, die auch Kanonliteratur aus reinem Interesse lesen. Für diese kleine Gruppe bestehe im Bachelor-System zwar weniger Zeit für selbstbestimmtes Lesen. Für die Mehrheit aber sei der Druck notwendig, damit sie überhaupt die wichtigsten literarischen Werke lesen, so Pittrof.
An einem Freitagnachmittag sitzt Janina Binder in einer Ecke des Cafés gegenüber der Uni, um sie herum ein Gewirr aus Stimmen, Gesprächsfetzen und Tassengeklapper. Neben ihr steht ein Kommilitone, beide starren auf den Bildschirm des Laptops, der vor ihnen auf dem Tisch steht. „Wir müssen heute noch das Referat hier fertig machen“, erklärt die Studentin. Das Seminar ist schon am nächsten Tag, aber die ganze Woche über hatte sie keine Zeit wegen anderer Kurse. „Wir haben morgen dann sieben Stunden Frontalreferate, und wir sind die Letzten, die dran sind“, sagt Janina Binder und rollt mit den Augen. „Aber immerhin gibt’s fünf Punkte für das Seminar“, fügt sie hinzu, bevor sie ihren Blick wieder auf den Bildschirm richtet.
Punkte sammeln in Seminaren, in denen sich Referat an Referat reiht. Da die Bachelor-Studenten eine bestimmte Anzahl an sogenannten Credit-Points benötigen und ein Referat zusätzliche Punkte einbringt, bestehen viele Seminare vor allem in geisteswissenschaftlichen Studiengängen fast nur noch aus Vorträgen. Der Dozent hat so kaum noch Zeit zu lehren. Nicht selten beschränkt er sich auf die Kontrolle der Anwesenheit zu Beginn der Sitzung und übergibt danach das Wort an eine ganze Schar von Referenten. „Die Referate sollten ein Teil der Lehre des Professors sein, er sollte sie zumindest kommentieren und das Thema entsprechend einordnen“, fordert Johanna Umbach. „Sonst fehlt einfach der Lerneffekt.“
Weil viele Studienordnungen von den Bachelor-Studenten für jeden besuchten Kurs einen Leistungsnachweis verlangen, müssen die Studierenden während eines Semesters oft eine Vielzahl an Referaten halten. Vorlesungen, in denen ein Professor die Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten vorträgt und Studenten einfach nur aus Interesse zuhören, gibt es hingegen kaum noch. Stattdessen sitzt man immer häufiger in Seminaren und bekommt von Kommilitonen unter Zeitdruck vorbereitete Kurzreferate mit wenig Tiefgang zu hören. „Unter dieser Masse an Referaten leidet dann natürlich auch die Qualität“, sagt Umbach. Der Leistungsdruck wird nicht selten zum Leidensdruck.
Nicht nur die Bachelor-Studenten klagen über die zunehmende Belastung durch reine Referateseminare, auch Studenten des alten Systems haben zumindest indirekt unter der Bologna-Reform zu leiden. Immerhin sind nach der Statistik der Hochschulrektorenkonferenz rund ein Viertel der Studiengänge noch nicht auf Bachelor oder Master umgestellt. Bundesweit studieren an den Universitäten nur 40 Prozent der Studenten auf Bachelor oder Master. Die, die nach dem alten System ausgebildet werden, scheinen allerdings bei vielen Planungen vernachlässigt zu werden. Auch sie sind betroffen, wenn eine Vorlesung über Literaturgeschichte plötzlich nur noch aus mittelmäßigen Referaten besteht. Außerdem werden an vielen Hochschulen kaum noch Alternativen zu den Veranstaltungen angeboten, die für Bachelor-Studenten verpflichtend und deshalb meist überbelegt sind.
Der Leistungsdruck, unter dem viele Bachelor-Studenten aufgrund der strikten Vorschriften in ihren Studienplänen stehen, macht auch den Dozenten zu schaffen. „Bitte, lassen Sie uns in diesem Seminar eine Klausur statt der Hausarbeit schreiben.“ Gleich mehrere Studenten reden auf den Dozenten für lateinamerikanische Geschichte ein. „Wir haben in diesem Semester so viele Prüfungen, dass wir keine Zeit mehr für eine Hausarbeit haben“, argumentieren sie. Der Dozent lässt sich nicht erweichen: „In der Literaturwissenschaft muss man lernen, selbstständig und wissenschaftlich zu arbeiten und nicht nur auswendig zu lernen.“ Doch die Bitten geben auch ihm zu denken. Viele wollen aufgrund des Prüfungsdrucks das fortführen, was sie aus der Schule kennen: Abschreiben, Auswendiglernen, Abspulen. Wissenschaft sieh anders aus.
Deshalb also streiken die deutschen Studierenden: gegen das Schnell-schnell-Studium und für mehr Tiefgang. Weil vieles von dem, was die Studenten fordern, letztendlich auch der deutschen Wissenschaftslandschaft zugute kommen würde, zeigen immer mehr Professoren, Hochschulleitungen und Politiker Verständnis für die Proteste. An der Uni Eichstätt hat die Universitäts-Leitung bereits vor Beginn der Proteste alle Studierenden zur Vollversammlung am 10. Dezember eingeladen. Unter dem Motto „Ganz Ohr!“ will Universitäts-Präsident Andreas Lob-Hüdepohl zusammen mit den Studierenden deren Probleme und Forderungen diskutieren und über die „Optimierung des Bolognaprozesses“ sprechen.
„Entschlackung nötig“
„Auch ich kritisiere besonders die Überfrachtung der Studienordnungen mit Prüfungsleistungen. Hier muss eine Entschlackung stattfinden“, erklärt Lob- Hüdepohl. In einem gemeinsamen Brainstorming will er versuchen, Korrekturmöglichkeiten für die Bachelor- und Master-Studiengänge zu finden.
An anderen Universitäten ist man von dieser Art der Zusammenarbeit noch ein gutes Stück entfernt. In mehreren Hochschulen, unter anderem in Bielefeld und Tübingen, wurden die besetzten Hörsäle polizeilich geräumt. Um den Druck auf die Verantwortlichen in Politik und Universitätsleitungen zu erhöhen, plant das Bildungsstreik-Bündnis allerdings demnächst weitere Aktionen. Kommende Woche geht der bundesweite Bildungsstreik weiter, auch am 10. Dezember sind Aktionen geplant, dem Tag der Kultusministerkonferenz in Bonn. Dann werden wieder Studenten und Schüler Plakate durch die Straßen tragen und ihre Forderungen lautstark verkünden.
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| Merkur spezial – Das Bologna-Desaster |
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