Weltweit werden noch immer große Kohlekraftwerke gebaut. Es gibt Pläne, deren Kohlendioxid-Emissionen im Boden zu speichern. Ob die Lösung auf Dauer funktioniert, ist noch nicht geklärt.
VON GABRIELE HÖFLING |
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|  LUFTVERSCHMUTZER: Die Kühltürme eines Kohlekraftwerks im brandenburgischen Jänschwalde blasen Schwaden von weißem Wasserdampf in die Luft. Unsichtbar, aber viel gefährlicher ist das Treibhausgas, das ebenfalls in die Atmosphäre gelangt. Foto: Patrick Pleul/dpa

| Die Aktivisten sparen nicht an Dramatik. Während auf einer Uhr Sekunden und sogar Millisekunden unaufhörlich rückwärts rasen, zeigt ein einfaches Bild in Schwarz und Weiß, wie die CO2-Bombe tickt: Unaufhaltsam wird Kohlendioxid aus einem Kraftwerk in den Boden geleitet. Das Gas nährt eine Bombe, die sich immer weiter aufbläht. Rotes Feuer frisst sich bedrohlich den Zündfaden hinauf: Paff, die Bombe explodiert. Nach der Detonation erscheint ein weißer Schriftzug auf rotem Untergrund: „CO2-Endlager sind keine Energielösung“, steht da, mit einem Ausrufezeichen am Ende.
Was die Mitglieder der Bürgerinitiative „CO2-Endlager stoppen“ in Brandenburg aufregt, ist ausnahmsweise nicht die Emission von CO2 in die Atmosphäre, sondern das Gegenteil: „Bei uns soll das Gas aus dem Kraftwerk statt in die Luft einfach in die Erde unter uns gepresst werden“, empört sich Udo Schulze, Initiator des Protests.
„CCS“ – es sind nur drei Buchstaben, die die Gemüter erhitzen. Das Kürzel steht für den sperrigen englischen Begriff „Carbon Capture and Storage“, die deutsche Übersetzung lautet ähnlich unelegant „CO2-Abscheidung und -Speicherung“. Über die Technologie diskutieren Politiker, Wissenschaftler und Bürger in Regionen möglicher Pilotprojekte so kontrovers und emotional wie selten. „Jeden öffentlichen Euro, der in diese Technologie fließt, halte ich für falsch investiert. Wenn die großen Energieversorger die Technologie für so wichtig und vielversprechend halten, dann sollten sie die gesamte Forschung und Entwicklung selbst finanzieren“, sagt beispielsweise Rolf Kreibich, Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin. Zwei eng bedruckte DIN-A4-Seiten im Anhang einer Pressemitteilung sind nötig, um seine Bedenken gegen CCS auszudrücken.
Dabei hört sich CCS zunächst nach einer einfachen und genialen Lösung an, um jene CO2-Emissionen zu vermeiden, die die Atmosphäre unseres Planeten belasten. Drei wesentliche Schritte kennzeichnen das Verfahren: Bevor das Kohlendioxid aus Kraftwerken in die Luft gelangen kann, trennen es die Betreiber von den anderen Abgasen. Da es in der Regel vor Ort keine geeigneten natürlichen Speicher im Boden gibt, wird das Gas in einem zweiten Schritt über Schiffe oder Pipelines in ein Gebiet transportiert, das geologisch dafür tauglich ist. Der dritte Schritt ist das Lagern selbst: Besonders geeignet sind nach heutigem Wissen erschöpfte Öl- und Gaslager, in denen die natürlichen Rohstoffe über Jahrtausende sicher lagerten.
Auch sogenannte saline Aquifere liegen im Fokus der Forscher. Das sind poröse Gesteinschichten mit Salzwasser, die oft kilometerweit unter der Erde liegen und das dort hineingepumpte CO2 wie ein Schwamm aufnehmen. Nach unterschiedlichen Einschätzungen könnte das CCS-Verfahren frühestens in etwa zehn bis 15 Jahren Marktreife erlangen.
Es muss noch geforscht werden
Umsonst ist das alles nicht zu haben. Im Gegenteil: Etwa 40 bis 50 Prozent teurer könnte der CCS-Strom werden, schätzt Rolf Kreibich. Außerdem verbrauchen die verschiedenen Abscheidetechniken selbst Energie. Bei gleicher Stromproduktion steigt also der Kohlebedarf. Und es kann nicht das komplette CO2 abgeschieden werden. Ein Restanteil gelangt weiterhin in die Luft. Rechnet man die Kohleproduktion in die Bilanz mit ein, können insgesamt höchstens etwa 70 bis 90 Prozent CO2 eingespart werden.
Vor allem um die Speicherung des Kohlendioxid entbrennt eine hitzige Debatte. Wie sicher ist es, das Gas unter der Erde zu lagern? Kommt es in der Erde zu unkontrollierbaren chemischen Reaktionen? Könnte es nicht durch mögliche Lecks wieder an die Erdoberfläche kommen und dort Menschen, Tiere und Pflanzen gefährden? Kritiker befürchten, dass sich das CO2 tief unten in der Erde mit dem Trinkwasser verbinden und es unbrauchbar machen könnte. Auch eine Konkurrenz zwischen Geothermie und CCS ist nicht ausgeschlossen, wenn unterirdische Flächen für beides geeignet sind.
Nicht alle Forscher sind so skeptisch wie Rolf Kreibich. Uwe-Jens Görke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig untersucht mit mathematischen Modellen, was in CO2-Speichern vor sich geht. „Was dort unten passiert, können heute weder Befürworter noch Gegner der Technologie genau sagen“, räumt er ein. „Aber gerade das sollten wir Forscher erst einmal unvoreingenommen untersuchen, um dann sachlich fundierte Antworten zu liefern.“ Der Stromkonzern Vattenfall plant in Jänschwalde in der Lausitz ein CCS-Demonstrationskraftwerk. Gegen seine Pläne wendet sich der Protest der Bürgerinitiative um Udo Schulze. Es ist nicht überraschend, dass Unternehmenssprecherin Katharina Bloemer CCS noch einmal anders bewertet: „Bis CCS-Kraftwerke marktreif sind, dauert es noch. Aber dann ist die Speicherung eine sichere Geschichte“, sagt sie. Dass Wissenschaftler auf mögliche Restrisiken verweisen, ist für sie kein Widerspruch. „Selbst wenn es ein Restrisiko gäbe, dann wäre das viel weniger gefährlich, als sich weiter ungeschützt den globalen CO2-Emissionen und der Klimaerwärmung auszusetzen.“
Es wird deutlich: Hinter der wissenschaftlichen Debatte steckt noch eine zweite, eine politische Debatte. Dabei geht es letztlich um die Frage, wie in der Zukunft mit der Kohle als fossilem Energieträger umgegangen werden soll. „Die CCS-Technologie darf kein Freifahrtschein sein, weiter Kohlekraftwerke zu bauen“, sagt Bärbel Höhn, Vorsitzende des Arbeitskreises Umwelt der Grünen und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Partei im Bundestag. „Bis sie 2030 marktreif ist, werden die regenerativen Energien viel wirtschaftlicher sein. Dann brauchen wir kein CCS und keine neuen Kohlekraftwerke mehr.“ Die neue schwarz-gelbe Regierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen, in der neuen Legislaturperiode „zeitnah“ eine Richtlinie der Europäischen Union umzusetzen, die CCS regelt – also ein CCS-Gesetz zu beschließen. „Bei der Eile geht es um Milliardensubventionen, nicht um Klimaschutz oder die Sorgen der Betroffenen. Das wäre aus meiner Sicht ein Geschenk an die großen Energiekonzerne“, sagt Höhn.
Bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen wird die CCS-Technologie nach Einschätzung von Manfred Fischedick vom Wuppertal-Insitut für Klima, Umwelt, Energie keine direkte Rolle spielen: „Dort geht es zunächst einmal darum, konkrete Zahlen festzulegen, wie weit der Ausstoß von Treibhausgasen gesenkt werden soll“, sagt er. Für die Frage, wie dieses Ziel erreicht werde könne, sei CCS aber sehr wichtig: „Gerade die USA setzen sehr auf diese Technologie.“ Dennoch kann CCS nach der Einschätzung von Fischedick nur ein Teil der Strategie sein. Das bestätigt auch die Internationale Energieagentur. Sie hat gerade berechnet, wie die CO2-Emissionen gesenkt werden müssen, damit die Weltmitteltemperatur nicht weiter als zwei Grad Celsius steigt. Nur etwa zehn Prozent der nötigen Reduktion können bis 2030 durch CCS eingespart werden. Etwa die Hälfte muss durch eine höhere Energieeffizienz, ein Fünftel durch erneuerbare Energien gestemmt werden.
Die Zeit läuft ab
Bei einem Perspektivwechsel von der nationalen auf die internationale Ebene löst sich der Dissens zwischen den verschiedenen Lagern zum Teil auf. Schließlich haben Indien und China, die Industrieriesen von morgen, große Kohlevorkommen: „Dort werden weiter Kraftwerke gebaut, ob es uns nun gefällt oder nicht“, ist nicht nur Manfred Fischedick überzeugt. Und auch für Andreas Dahmke, Geologe an der Uni Kiel, liegt hier ein entscheidender Punkt in der Argumentation: „Uns läuft bei der globalen Klimaerwärmung massiv die Zeit weg. Da ist CCS eine wichtige Option“, sagt er. „Wenn wir uns jetzt in Deutschland ganz zurückziehen, dann haben wir ein legitimatorisches Problem in der internationalen Debatte.“ Man könne ja nicht national eine Technologie als zu gefährlich abtun, international aber verlangen, sie einzusetzen. Dahmke weist auch auf ein ganz praktisches Argument hin: Schließlich hingen an den Kohlekraftwerken Tausende Arbeitsplätze, sodass ein abrupter Ausstieg illusorisch sei.
Diese Argumente sieht auch der Brandenburger Udo Schulze. Allerdings hilft es ihm für seine persönliche Situation nicht sehr viel: „Wir hinterlassen unseren Kindern hier verbrannte Erde“, klagt er. Schon heute habe der Braunkohleabbau die Landschaft genug verschandelt. Und jetzt kommt auch noch die CO2-Bombe.
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