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17.12.2009

TERMIN MIT FATIH AKIN 
Mister Zehntausendvolt

Die Produktionen des Regisseurs sind voller Energie und Emotion. Für seine neue Komödie „Soul Kitchen“ wurde der Deutschtürke bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

VON KALLE SCHÄFER



ETHNOKÜNSTLER: Seit „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ gilt Fatih Akin unter den hiesigen Filmemachern als Rebell.
Foto: Jens Ress/dpa 

„Da kommt er ja!“, ruft Fatih Akins Assistentin beim Blick aus dem Fenster. Ditmar-Koel-Straße im Hamburger Portugiesenviertel. Die Landungsbrücken sind nur einen Steinwurf entfernt. Über Altbau und Backstein wacht der Kirchturm des Michels. Kleine Restaurants, originelle Geschäfte, Kneipen und Tante-Emma-Läden. Szenen für die Krimiserie „Großstadtrevier“ werden auch mal wieder hier gedreht. Fatih Akin wechselt ein paar Worte mit dem Schauspieler Jan Fedder, der auf die nächste Aufnahme wartet. Dann hetzt er über die Straße, rein ins unscheinbare Bürohaus. Er hat sich verspätet, und seine Entschuldigung fällt ebenso wortreich wie herzlich aus: Termin beim Steuerberater, war mal wieder nötig, leider, man solle ihm ruhig den Kopf abreißen, nur zu!

Die Räume seiner Produktionsfirma hat Fatih Akin hier, im heimlichen Herzen von Hamburg, angemietet. Wie passend, dass „Corazón International“ an der Klingel steht, denn Corazón heißt auf Deutsch Herz. Weshalb ausgerechnet Corazón? Weshalb zum Beispiel kein türkischer Begriff? „Als meine beiden Partner und ich bei der Firmengründung einen Namen suchten, waren wir mit Frauen zusammen, die aus Mexiko, Chile und Portugal stammten. So kamen wir schnell auf Corazón.“ Und das angehängte International? „Ach, wir wollten international sein, auf der ganzen Welt arbeiten, ein Netzwerk schaffen. Das internationale Herz, das die Welt miteinander verbindet!“ Fatih Akin lächelt schief. Als wollte er sagen: War vielleicht ein bisschen großspurig, ganz hinbekommen haben wir das nicht.

Darüber ließe sich streiten. Denn das, was Fatih Akin in den vergangenen zehn Jahren geschafft hat, ist bemerkenswert. Nicht nur hierzulande, auch im Ausland wird der Hamburger „Jung“ mit türkischen Wurzeln gefeiert. Kein anderer deutscher Filmregisseur räumte zuletzt so viele Auszeichnungen ab wie er: 2004 Goldener Berlinale-Bär für „Gegen die Wand“. 2007 in Cannes Drehbuchpreis und Preis der ökumenischen Jury für „Auf der anderen Seite“. Im September 2009 in Venedig schließlich der Spezialpreis der Jury für „Soul Kitchen“. Am 25. Dezember läuft der Film in den deutschen Kinos an, eine gutgelaunte Heimatkomödie über zwei ungleiche Brüder (gespielt von Moritz Bleibtreu und Akins altem Kumpel Adam Bousdoukos), die eine verranzte Gastwirtschaft im Niemandsland von Hamburg-Wilhelmsburg in einen Gourmettempel verwandeln.

Akins Kino sieht so aus, als wäre er von Martin Scorsese und Emir Kusturica gemeinsam in kreativem Filmemachen unterrichtet worden. Mal kantig, mal gefühlvoll, immer überbordend vor prallem, unverstelltem Leben. Den berühmten US-Regisseur Scorsese bezeichnet der 36-Jährige als seinen Mentor, mit dem er sich in New York hin und wieder zum Dinner treffe. Gefragt, welchen Film eines Kollegen er für sein Leben gern selbst gedreht hätte, nennt Akin wie aus der Pistole geschossen Scorseses frühes Meisterwerk „Taxi Driver“. Mit dem in Paris lebenden Serben Kusturica („einer meiner Helden“) saß Akin 2005 gemeinsam in der Jury des Filmfestivals von Cannes. „Das war für mich wie ein Workshop“, erinnert er sich. „Da werden dir Türen und Fenster geöffnet, die du benutzen kannst zum Lernen.“

Nicht, dass er es unbedingt nötig hätte. Nach seinem Debütfilm „Kurz und schmerzlos“, einer Multikulti-Gangsterballade, die er 1998 drehte, galt Fatih Akin über Nacht als die deutsche Regie-Hoffnung. Die Erwartungen der Außenwelt hat er offenkundig mehr als erfüllt. Aber wie sieht es mit seinen eigenen Erwartungen aus? „Dass es so gut läuft, hätte ich nie gedacht. Das mit dem Erfolg, meine ich. Und was das Kreative angeht – nun, ich sitze jetzt nicht da und denke: Oh, wie toll! Zwischen meinen Filmen und mir gibt es eine Beziehung, und bei einigen bin ich mehr, bei anderen weniger einverstanden.“ Der Liebling unter seinen eigenen Arbeiten ist der Dokumentarfilm „Crossing the Bridge“ über türkische Popmusik und Musiker in Istanbul. „Der ist wie eine Party, hat einen Sog, man erfährt sehr viel, er ist fröhlich und nachdenklich zugleich, liebevoll gemacht und besitzt eine positive Ausstrahlung.“ Lauter Adjektive, mit denen Fatih Akin, wenn er wollte, auch sich selbst trefflich beschreiben könnte.


Gibt’s auch was nicht so Nettes zu beichten? „Am Set kann ich streng sein“, räumt er ein. „Aber ich bin nicht unfair.“ Dünnhäutig reagiert er nur dann, wenn seine Schauspieler ihren Text nicht können. Und noch einer Schwäche ist er sich bewusst: „Ich bin einer der ungeduldigsten Menschen, die ich kenne. Mein Sternzeichen ist Jungfrau, angeblich sind die ja so ordentlich und penibel. Im Job bin ich das, aber im Privatleben überhaupt nicht. Da lasse ich alles liegen und renne der Zeit hinterher. Das habe ich von meiner Mutter. Die kam jeden Morgen zu spät zur Arbeit. Mein Vater nicht, der war sehr deutsch!“, sagt Fatih Akin und lacht.

In seine hochdeutsche Aussprache mischt sich gelegentlich ein Hamburger Zungenschlag, der verrät, dass er zwischen Elbe und Alster geboren wurde und aufgewachsen ist. Wenn er von seiner Familie erzählt – sein Vater, der 1965 nach Deutschland kam, arbeitete in einer Teppich-Reinigungsfirma, seine Mutter, eine ausgebildete Lehrerin, als Reinigungskraft und Packerin –, schwingt viel Liebe, Dankbarkeit und Bewunderung mit.

Eine normale Kindheit und Jugend hat Fatih Akin in Altona gehabt. Schlimm waren lediglich die Filme, die er in der Videothek von Freunden seiner Eltern sah. Dort verbrachte er ganze Nachmittage, um unter Aufsicht zu sein, wenn Vater und Mutter arbeiteten. „Mit sieben habe ich Romeros Horrorfilm ‚Zombie‘ gesehen, in dem sich die Leute gegenseitig auffressen.“ Danach sei er komplett traumatisiert gewesen und konnte monatelang nicht schlafen. „Oder ‚Jäger des verlorenen Schatzes‘. Da prügelt sich Harrison Ford als Indiana Jones mit einem Nazi unter einem Flugzeug mit rotierenden Propellern. Natürlich landet der Nazi irgendwann im Propeller. Ich gucke weg, und genau in dem Moment, da ich wieder hingucke, sehe ich das Blut spritzen!“

Die Schuld an seinem frühkindlichen Trauma gibt er, nicht ohne Augenzwinkern, seinem drei Jahre älteren Bruder. Der habe ihn gezwungen, sich die Filme mit ihm anzusehen. Splatter hin, Grusel her: Cem Akin arbeitet heute im diplomatischen Dienst der Türkei. Und Fatih Akin hinderte es nicht daran, Abitur zu machen und an der Hamburger Hochschule für bildende Künste zu studieren.

Dass er schon als Knirps von dem Medium gebannt war und früh wusste, dass er zum Film gehen wollte, sagt er, habe ganz gewiss mit den starken Empfindungen zu tun, die sie bei ihm auslösten. Einerseits. Und andererseits damit, dass dem kleinen Fatih irgendwann die vielen Namen in den Vor- und Abspännen der Filme auffielen. „Meine Intuition sagte mir, dass sie von Menschen gemacht wurden. Das half auch, meine Angst zu relativieren.“ Weil ihn seine Mutter schon früh in der Bücherhalle angemeldet hatte, verschlang er bald reihenweise Filmbücher, „die ich damals gar nicht verstand – und die ich heute noch lese“.

Wie er so vor einem sitzt – offener Blick aus fast schwarzen Augen, das dunkle T-Shirt und die Jeans gut eingetragen –, wirkt Fatih Akin sehr gelassen und sortiert. Wie jemand, der auf dem berühmten Teppich geblieben ist. Die vielen Preise, sagt er, ließen ihn nicht abheben. Im Stadtteil Ottensen, wo er mit seiner Frau Monique und dem dreijährigen Sohn wohnt, habe er seine Ruhe, da spreche ihn keiner an. „Nicht mal in der Videothek.“ Und was sein Selbstbewusstsein angehe, nun, bei jedem neuen Film fühle er sich wieder wie ein Anfänger. Auch wenn Erfahrung mehr Sicherheit gebe und er längst nicht mehr so naiv sei wie früher, als bei ihm die Gewissheit vorherrschte, man müsse nur loslegen, dann würde sich alles Weitere regeln. Er lacht. „An einem Set bin ich zwar der Käpt’n, aber ich tue nicht so, als ob ich alles wüsste. Mein Team kennt mich viel zu gut. Wenn ich was nicht weiß, sage ich, hey, stopp, Unterbrechung, gebt mir eine halbe Stunde zum Nachdenken.“


Mit viel Verve, ja geradezu lustvoll erzählt er ausführlich von richtigem Timing und Rhythmus und Schnitt, mithin von den sagenhaften Schwierigkeiten, eine Komödie so punktgenau zu inszenieren, dass Humor und Gags funktionieren, und dabei wird deutlich: Filmemachen ist für diesen Mann kein Job, sondern eine Lebenseinstellung. Trotzdem wirkt er nicht wie ein vergeistigter Künstler, der jede Menge Schaum schlägt und dozierend vor allem seiner eigenen Wichtigkeit huldigt. Hemdsärmelig, zupackend, ein Kumpeltyp ist er. Einer, der – wenn er noch die Zeit dafür findet – in Klubs Platten auflegt. Und bei aller Coolness so cool ist zu verraten, dass er den Duft von Blumen liebt. Und der, wenn er gerade einen Film dreht, beim morgendlichen Blick in den Spiegel als erstes die Stresspickel sieht, die er ausdrücken muss.

Warum hat sich Fatih Akin nach der schweren Kost von „Auf der anderen Seite“ für die Leichtigkeit von „Soul Kitchen“ entschieden? „Den Film habe ich für mich gemacht“, antwortet er freimütig. „Ich wollte nicht länger Trübsal blasen. Und musste was zum Lachen drehen. Mein Partner Andreas Thiel starb ja in den letzten Drehwochen von ‚Auf der anderen Seite‘. Wovon wir in dem Film erzählten, Tod und Verlust, war plötzlich Realität geworden. Ein halbes Jahr habe ich getrauert.“ Thiel habe immer gewollt, dass er „Soul Kitchen“ mache, das Drehbuch lag seit 2004 in der Schublade.

Und dann ist der Film natürlich auch ein Tribut an seine Jugend. Genau jetzt habe er ihn drehen müssen, da er noch nah genug dran ist. Denn nichts sei schlimmer, als ihr mit 50 nachzutrauern. Zu bedauern hat Fatih Akin im Moment nicht viel, allenfalls, dass er nicht mehr so oft ins Kino gehen kann wie früher, „da habe ich mir manchmal drei Filme an einem Tag angeguckt“. Seitdem er Vater ist, verbringt er die meiste Zeit mit dem „Lütten“. Und sieht überwiegend DVD auf dem großen Flachbildschirm zu Hause. „Obwohl, meine Frau will dann oft lieber ‚Sex and the City‘ oder so was sehen.“ Seine eigenen Werke präsentiert Fatih Akin inzwischen auf den gigantischen Leinwänden der Festspielhäuser von Cannes und Venedig. Doch wenn es gar nicht anders geht, zieht er sich Filme eben auch schon mal im Büro rein. Am Computerbildschirm.
 Filmstart: 25. Dezember
© Rheinischer Merkur Nr. 51, 17.12.2009
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