Rheinischer Merkur: Ab wann erscheint ein Ereignis so groß, dass es zum Ausgangspunkt eines biografischen Wendepunkts wird?
Petra Bock: Man muss verschiedene Arten von Wendepunkten unterscheiden. Es gibt einmal die abrupten Wendepunkte, bei denen ein Ereignis von außen ins Leben einbricht. Das kann etwas Positives sein, wie sich verlieben, aber es kann sich auch um ein kritisches Ereignis handeln, wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Tod eines Angehörigen. Dann gibt es Wendepunkte, die sich über Jahre hinziehen und im Grunde Veränderungsphasen im Leben darstellen. Etwa wenn die Kinder aus dem Haus gehen, das passiert ja nicht von heute auf morgen, sondern ist ein „Wendepunkt“, der sich lange vorher ankündigt.
RM: Es gibt natürliche Wendepunkte in unserem Leben, die feststehen?
Bock: Leben bedeutet generell Wachstum und Entwicklung. Wer sich dem verweigert, wird meistens von außen auf die Wendepunkte gestoßen. Nach dem Psychologen C. G. Jung ist das menschliche Leben ein Individuationsprozess, bei dem man immer mehr zu sich selbst findet. Immer mehr gelangt man zum Kern der eigenen Persönlichkeit und durchläuft dabei viele Häutungsprozesse.
RM: Häutungsprozess heißt: Es kommt etwas zum Vorschein, was schon immer vorhanden war?
Bock: Ja, ich glaube, dass die großen Wendepunkte im Leben, wenn sie bewältigt werden, im Grunde Häutungsprozesse sind. Veränderungen größerer Art sind immer auch eine Aufforderung, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Wer allerdings erwartet, dass Veränderungen immer nur gute Gefühle hervorbringen, der ist auf dem Holzweg. Sich verändern heißt auch Schmerz aushalten, sich Zeit geben, sich neu zu organisieren, um dann gestärkt daraus hervorzugehen. Zu jedem tiefgreifenden Veränderungsprozess gehört eine Phase der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Dadurch werden unsere Selbstorganisationskräfte aktiviert und wir verändern uns tatsächlich.
RM: Mit welchen Fragen kommen Klienten zu Ihnen?
Bock: Die meisten meiner Klienten sind zwischen Ende 30 und Mitte 50 und kommen, weil sie beruflich und privat mehr vom Leben haben wollen. Mehr Sinn, Spaß, Erfüllung oder Erfolg. Die Übergänge zu den Vierziger- und Fünfziger-Jahren werden von vielen als einschneidende Wendepunkte im Leben gesehen. Oft handelt es sich dabei um Prozesse, die schon länger angefangen haben. Mir hat kürzlich eine Klientin gesagt, sie habe den Eindruck, ihr Leben verschlafen zu haben, bis sie fünfzig geworden ist, und möchte jetzt endlich aufwachen und ihr Leben so gestalten, wie sie sich das vorstellt.
RM: Wie kommt man dazu, das eigene Leben zu verschlafen?
Bock: Wenn man sich dauernd nach den Bedürfnissen von anderen oder nach den Erwartungen richtet, die andere haben könnten. Wenn man keinen eigenen Standpunkt im Leben entwickelt und sich selbst nie richtig überlegt hat, wie ticke ich und was will ich von dieser Zeit, die ich hier im Leben habe? Wenn man sich diese Fragen nie gestellt hat, ist die Gefahr groß, dass man ein fremdes Leben führt.
RM: Jede Krise ist eine Chance. Wer gerade tief in einer Krise steckt, mag das nicht glauben.
Bock: Es gibt in Veränderungsprozessen und persönlichen Krisen verschiedene Phasen der emotionalen Betroffenheit. In der akuten Betroffenheit, das wäre zum Beispiel, wenn man eine Diagnose, die sehr unangenehm ist, gerade frisch erfahren hat, dann kann man als Coach noch nicht mit solchen Chance-Metaphern arbeiten. Dass ist meiner Erfahrung nach erst drei bis vier Monate nach einem krisenhaften Ereignis möglich. Dass es am Anfang im akuten Schock noch keine Sicht auf die Zukunft gibt, ist normal.
RM: Kann man sein Leben innerhalb von wenigen Wochen verändern?
Bock: Das kommt darauf an, wie stark der Leidensdruck oder die Lust auf Veränderung ist. Manchmal ist man sogar dazu gezwungen, sein Leben sofort zu ändern. Im Krankheitsfall etwa. Das Schöne aber ist: Menschen sind von Natur aus Veränderungsweltmeister. Sie sind „Allrounder“ und können im Gegensatz zu den Tieren in den unmöglichsten Klimazonen überleben. Wir Menschen sind in der Lage, uns bis ins hohe Alter zu verändern. Das ist auch ein sozialpsychologischer Trend unseres Jahrhunderts: die Idee, die Notwendigkeit und auch die Erlaubnis, unser eigenes Leben zu gestalten. Wir sind selbst verantwortlich dafür, müssen Veränderungen selbst anregen und können nicht mehr darauf warten, was von außen kommt.
RM: Wer sich verändert, darf nicht nur Ballast abwerfen, er muss sich auch von lieb gewonnenen Gewohnheiten trennen.
Bock: Wenn wir eine Gewohnheit ablegen wollen, gelingt uns das dann besonders gut, wenn wir eine neue Gewohnheit dagegensetzen. Nur mit etwas aufzuhören funktioniert meistens nicht, wir müssen stattdessen etwas anderes tun. Unser Geist, unsere Psyche muss mit etwas anderem beschäftigt sein, um dieses Vakuum, diese Lücke, die nun entsteht, zu füllen. Es muss einen attraktiven Ersatz geben.
RM: Welche Rolle spielen Krankheiten in Bezug auf Lebensveränderungen?
Bock: Eine sehr große. Ich erlebe bei Klienten, die mit schweren Krankheiten zu tun hatten, dass sie diese Zeit im Nachhinein als großen persönlichen Entwicklungsschritt sehen. Sie haben akzeptiert, dass sie nicht perfekt sind, und gelernt, die Lebenszeit, die sie noch haben, deutlich mehr zu schätzen. Sie haben auch ein höheres Bewusstsein für die eigene Verletzlichkeit und damit auch eine größere Achtsamkeit dem eigenen Leben und dem Leben anderer gegenüber.
RM: Sie haben selbst einen einschneidenden Wendepunkt in Ihrer Biografie hinter sich.
Bock: Ich war früher im Frankfurter Bankenwesen tätig, eine typische Karrierefrau, habe sehr viel gearbeitet und mich überfordert, ohne es selbst zu merken. Ich war Ende 20, als ich mich dann eines Morgens nicht mehr bewegen konnte: doppelter Bandscheibenvorfall. Auf dem Weg ins Krankenhaus habe ich mich gefragt: Wie will ich eigentlich leben? Das war für mich der große Wendepunkt, meinem Leben eine andere Richtung zu geben.
RM: Wie viele Wendepunkte verkraftet eine Biografie?
Bock: Veränderungen kosten Kraft. Es gibt Untersuchungen, dass ein Todesfall für Menschen genauso viel Stress auslöst wie die eigene Hochzeit. Auch erfreuliche Ereignisse sind anstrengend, erfordern eine hohe psychische Anpassungsleistung. Permanente Veränderungen treiben Menschen in Krankheiten. Trotzdem ist überall zu lesen, dass man immer flexibel sein soll in der heutigen Zeit. Ein Irrtum! Der total flexible Mensch ist im Grunde wie eine Art Spielball in den Händen verschiedenster Interessen. Stattdessen geht es darum, dass wir unseren eigenen inneren Kompass finden und unser Leben so weit als möglich bewusst selbst gestalten. Das schützt uns davor, immer neuen Interessen genügen zu müssen.
Buchtipp: Petra Bock: 100 Fragen Ihr Leben betreffend. Knaur Verlag, München 2009. 95 Seiten, 10 Euro.
Internet: www.petrabock.de