Johann Sebastian Bach setzte die Maßstäbe. Bis in die heutige Zeit stellen sich Komponisten der Herausforderung durch die Spiritualität. Ein Gespräch mit Helmuth Rilling.
Rheinischer Merkur: Sie haben sich seit Ihrer Jugend in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit geistlicher Musik und, damit verbunden, auch mit theoretischen Fragen zu diesem Kontext beschäftigt. Was prägte Sie dabei?
Helmuth Rilling: Von Hause aus bin ich Kirchenmusiker und stark geprägt durch meine Schulzeit in den Evangelisch-theologischen Seminaren Schöntal und Urach. Seit damals habe ich mich einerseits für theologische Fragen interessiert, andererseits über die Funktion von Kirchenmusik – sakraler Musik – in unserer Zeit nachgedacht. Als Kind habe ich den Krieg noch miterlebt, bin dann in die Nachkriegszeit hineingewachsen, wo natürlich zunächst alles schwierig war.
RM: Und dann haben Sie in Urach unterm hohen, spitzen Dach des ehemaligen Chorherrn-Stiftsgebäudes auf den Übe-Orgeln trainiert?
Rilling: Ja – und ich hatte dort mit Kirchenmusikdirektor Fritz Aichele einen sehr prägenden Lehrer.Von Stuttgart zu Bernstein
RM: Der Musikbetrieb der 1950er-Jahre ging ja überhaupt nicht in Richtung der Wiederbelebung von Kirchenmusik …
Rilling: Das stimmt in gewisser Weise. Freilich muss ich sagen, dass es gerade in der Nachkriegszeit in Württemberg Leute gab, die den Aufbau der Kirchenmusik sehr energisch betrieben haben, und dass diese durchaus wieder aufblühte.
RM: Aber die Kirchenmusik hatte erhebliche Identitätsprobleme – wegen ihrer vorangegangenen Verstrickungen in das NS-Musikdenken und generell die nationalsozialistische Formatierung der Gesellschaft. Gab es nicht gute Gründe dafür, dass junge Musiker in den Fünfzigerjahren ohne die Kirchen ihren Weg suchten?
Rilling: Dieses Problem hatte ich auch. Die Kirchenmusik war damals überwiegend gottesdienstbezogen ausgerichtet und hat sich vor allem um liturgische Kompositionen und Aufführungen gekümmert. Aktivitäten, die breitere Schichten der Bevölkerung erreichen wollten, waren vonseiten der evangelischen Kirche nicht gefragt. Nach meinem Studium an der Stuttgarter Musikhochschule war ich zunächst im Ausland, habe zwei Jahre in Rom studiert und dann auch in den USA bei Leonard Bernstein. Das war sehr wichtig – denn da habe ich über die Kirchenmusik hinaus die ganze Bandbreite des Musikbetriebs kennengelernt.
RM: Im Mittelpunkt Ihrer Arbeit als Dirigent und Organisator von Musikleben – in immerhin sechs Jahrzehnten – stand Johann Sebastian Bach. Aber Ihre Aktivitäten gingen über eine historistische Bach-Pflege hinaus. Was spielte, außer Bach, für Sie eine wichtige Rolle?
Rilling: Wir haben nicht nur unter anderem für die erste Aufnahme Bachscher Kirchenkantaten gesorgt, die zum 300. Geburtstag im Jahr 1985 abgeschlossen war. Ich habe immer gedacht, dass es nicht genügt, sich mit der Musik der Vergangenheit – so wertvoll und bedeutsam sie ist – zu beschäftigen, sondern dass auch die Musik unserer Zeit Rang und Bedeutung hat.Requiem der Versöhnung
RM: Ist das nicht auch eine Frage der Auftragslage?
Rilling: Da haben wir ja seit längerem die Situation, dass die Kirche als Auftraggeberin zeitgenössischer Musik kaum mehr eine Rolle spielt. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, hier gewissermaßen einzuspringen und an führende Komponisten unserer Zeit heranzutreten mit der Bitte, geistliche Texte zu vertonen. Das haben wir sehr umfangreich getan. Und es ist durchaus nicht so, dass diese Komponisten etwa keine Lust, kein Interesse gehabt hätten, so etwas zu machen. Im Gegenteil: Wir haben ja bedeutenden Werken auf diese Weise zur Entstehung verholfen.
RM: … angefangen von der „St.-Bach-Passion“ von Mauricio Kagel über das „Requiem der Versöhnung“ bis hin zu den neueren Projekten …
Rilling: Am „Requiem der Versöhnung“ haben sich 14 Komponisten – 14 ist die Namenszahl Bachs! – aus verschiedenen Ländern beteiligt. Zugrunde lag der Gedanke, dass diese Komponisten aus Ländern kommen sollten, die im Zweiten Weltkrieg Feinde waren. Wir hatten also beispielsweise amerikanische, englische, französische, russische Komponisten – und auf der anderen Seite deutsche, italienische, japanische. Dieses gemeinsame Stück war damals ein Monument, das an den fünfzig Jahre zurückliegenden Krieg erinnerte. Wir haben absichtsvoll den lateinischen Requiemstext benutzt, weil er international verbindlich ist und in seinem Inhalt Wesentliches zu dem zurückliegenden schrecklichen Ereignis des Kriegs sagen konnte. Wir haben übrigens einen gemeinsamen Nenner vorgegeben: Das gregorianische Requiem, also die historische Grundlage solcher Musik, sollte von allen Komponisten einbezogen werden. Das ist auch geschehen.
RM: Die 1970 gegründete Internationale Bachakademie in Stuttgart verbindet unterschiedliche Funktionen: Primär ist sie eine Institution der Musik, dann aber auch – insbesondere in Ihren Augen und Ohren – eine Verkündigungsinstanz für christliche Botschaften, mithin also auch eine theologische Institution; schließlich, zumal in den Zeiten der Spaltung Europas, nahm sie politische Aufgaben wahr. Im Moskauer Tschaikowsky-Saal im Jahr 1985, dem Jahr, in dem auch das große Bach-Jubiläum in Leipzig stattfand, kam es zu einem „Vorfall“: Damals haben Sie, entgegen den Wünschen der Nomenklatura in der Sowjetunion, keine heitere weltliche Kantate von Bach präsentiert, sondern eines der großen geistlichen Werke. Worum ging es da?
Rilling: Es war damals so, dass die zentrale sowjetische Kulturinstitution Gosconcert die ganze Szene beherrschte, und unsere Gastspiele in Moskau mussten mit ihr abgesprochen werden. Wir wurden mit der Forderung konfrontiert: keinesfalls geistliche Musik! Sondern eines der weltlichen Händel-Oratorien, eine Oper vielleicht – und von Bach die Bauern- oder Kaffee-Kantate. Damals habe ich mich quergelegt und gesagt: Dies ist ein Bach- und ein Händel-Jubiläum – die beiden Komponisten sind ja im selben Jahr, 1685, geboren, das ist auch der Grund, warum wir reisen.
RM: Konnten Sie sich damit durchsetzen?
Rilling: Ja, ich habe mich durchgesetzt, wir haben in Moskau Händels „Saul“ gegeben und von Bach die h-Moll-Messe. Händel hat ja in seiner Hauptschaffenszeit sehr viele Opern geschrieben, anschließend dann auch eine beachtliche Anzahl von Oratorien. Dabei ist kaum zu übersehen, dass diese Oratorien zu einem erheblichen Teil als geistliche Opern zu begreifen sind – etwa „Saul“, „Israel in Ägypten“, „Jephta“ oder „Judas Makkabäus“. Bei Bach ist das anders. Bach hat im Lauf seines langen Berufslebens so ziemlich von Anfang bis kurz vorm Ende sehr viele Kantaten und auch die beiden großen Passionen komponiert und musiziert; die h-Moll-Messe, von der einzelne Sätze aus früheren Schaffensperioden stammen, bildet so etwas wie einen Schlusspunkt. Das Credo zum Beispiel wurde wohl erst 1748/49 in das große Konvolut eingefügt. In Bachs Musik sind Religion, Glaube und Frömmigkeit so gut wie durchgängig verankert.
RM: Die Bach-Akademie setzte und setzt – schon mit ihrem Namen – einen klaren Schwerpunkt. Hatten Sie zeitweise auch eine weiter gefasste Aufgabenstellung für das Unternehmen erwogen, die möglicherweise auch zu einem anderen Firmen-Logo geführt hätte?
Rilling: Man muss, wenn man die politische Sphäre betrachtet, wissen: Bis zur „Wende“ 1989/90 in den Ländern Osteuropas – nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in der Tschechoslowakei, Ungarn und sogar bis zu einem gewissen Grad in Polen – war geistliche Musik nicht erwünscht.Der siebte Evangelist
RM: Als was sahen die Mächtigen im Ostblock die geistliche Musik an?
Rilling: Sie war für die damaligen Machthaber Ausdruck und Zeichen, wie sie hofften, einer vergangenen Zeit.
RM: Welcher Komponist wurde am wichtigsten für die Menschen im Osten?
Rilling: Nicht nur im sicheren Westen, sondern auch in östlichen Ländern suchten die Menschen Zugang zu Komponisten, die die wichtigsten Werke in diesem Bereich geschrieben haben – und vor allem Bach. Und so waren die ersten Aufführungen etwa des Weihnachtsoratoriums in Moskau oder – und daran erinnere ich mich ebenso – in Warschau, Krakau und Prag Ausrufezeichen: Sie haben nicht nur darauf verwiesen, dass es diese Musik nach wie vor gibt und dass sie nach wie vor die Menschen bewegt. Die erwähnten Aufführungen setzten Zeichen – auch dafür, dass sich die Zeiten ändern werden. Es sei nicht verschwiegen, dass sich die deutsche Diplomatie sehr für unsere Konzerte einsetzte, sie zum Teil auch mitfinanzierte.
RM: Sosehr sie auch auf das Hier und Heute zielen mögen: Viele Autoren und Tonkünstler sind nicht ganz frei von dem Wunsch, sich in eines der vielen Bücher der Geschichte, die der Kulturbetrieb anhäuft, einschreiben zu wollen. Wollten Sie, nach Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Johann Sebastian Bach und Albert Schweitzer so etwas wie der „siebte Evangelist“ werden?
Rilling: Ganz bestimmt nicht! Wenn man über die vier Evangelisten der Bibel hinaus partout von einem weiteren sprechen möchte, dann kommt allein Johann Sebastian Bach selbst eine solche Würdigung zu. Die Aussage seines Werks würde dies tatsächlich in mancher Hinsicht rechtfertigen. Ich selbst stehe da dahinter als jemand, der schon manches ermöglicht hat, aber ein Evangelist wollte ich nie werden. Um es deutlich zu sagen: Ich bin nicht als Missionar mit Bachs Werken nach Asien, Südamerika oder in die Länder des damaligen Ostblocks gefahren, sondern als Musiker, der diese wunderbaren Stücke von Bach und Händel den Menschen dort verfügbar machen wollte. Es ging primär um Musik, nicht um eine theologische Botschaft! Ich wäre nicht als redender Missionar in diese Länder gefahren.
RM: Die fortschreitende Säkularisierung und Kirchenferne großer Bevölkerungsschichten gehört zu den wesentlichen Merkmalen des 20. Jahrhunderts in Europa. Glaubensbereitschaft und kirchliche Einflüsse schwinden zusehends. Spielen geistliche Themen überhaupt noch eine Rolle?
Rilling: Der Säkularisierungsprozess ist sicher viele Jahre lang fortgeschritten und dauert bis heute an. Und tatsächlich sind die Menschen heute eher kirchenfern. Aber das bedeutet nicht, dass sie an geistlichen Themen und Fragen nicht interessiert wären. Und gerade das beobachte ich in unseren Konzerten.
RM: Inzwischen zeigt sich eine interessante gegenläufige Tendenz: Religion findet wieder Zulauf – freilich mehr in ihren außerkirchlichen Ausprägungen. Rudelweise verlorene Söhne auch unter den Komponisten und Musikern! Sie haben plötzlich viele neue Kombattanten! Immerhin haben Sie sechs Jahrzehnte lang künstlerisch eindeutig Partei genommen und die Verbindung von Musik und Glauben gelebt. Haben heute denn auch junge Leute Interesse an Ihrer Arbeit?
Rilling: Wir haben zum Beispiel in Stuttgart eine Reihe mit Oratorien aller Zeiten und Stile – von der Zeit vor Bach bis zur zeitgenössischen Musik. Wir beobachten einen sehr starken Zulauf, das wachsende Interesse eines breiten Publikums – und darin gerade auch junger Menschen – an dieser Musik. Das heißt, dass vielleicht manche Dinge, die früher in Gottesdiensten angeregt wurden, heute eher auf einer kulturellen Ebene vermittelt werden und die Menschen erreichen.
RM: Wenn Sie jetzt ein Fazit ziehen sollten: Was waren die wichtigsten künstlerischen Schritte in Ihrem Berufsleben?
Rilling: Die Betonung Bachs und die weltweite Aktivität in Sachen Bach – gerade auch mit der Gründung von Bach-Akademien in vielen Ländern, die Gesamtaufnahme aller seiner Werke – all das hat die Kenntnis und das Verständnis dieses Komponisten sicher gefördert. Freilich habe ich zum Beispiel auch eine Zeitlang als Gastdirigent an der Hamburgischen Staatsoper gearbeitet und da unter anderem „Amadis des Gaules“ von Bachs jüngstem Sohn Johann Christian ziemlich oft aufgeführt – ein nicht uninteressantes Werk, das zwischen dem großen Vorbild des Vaters und Mozart steht.
RM: Ihr musikalisches Spektrum ging aber um einiges darüber hinaus. Was hat Sie besonders fasziniert?
Rilling: Ich habe mich stets auch für die „romantische“ Musik interessiert. Zum Beispiel hinsichtlich Mendelssohns war, wegen dessen Ächtung in der Nazizeit, nach dem Zweiten Weltkrieg ein verstärktes Engagement dringend geboten. Ich freue mich, dass wir in diese Richtung einiges unternehmen konnten und die zunächst so zögerliche Rückkehr Mendelssohns in die Konzertsäle etwas beschleunigen, diesen wunderbaren Komponisten wieder ins Bewusstsein heben konnten.Mit Mut zum Sinn
RM: Spielte nicht auch die zeitgenössische Musik eine bedeutende Rolle für Ihr Schaffen?
Rilling: Auch der Bereich der zeitgenössischen Musik war für mich ganz entscheidend. Zu den großen Bausteinen in ihm gehört die Komposition und Aufführung von vier neuen Passionsmusiken im Jahr 2000 – vier Komponisten aus unterschiedlichen Kulturkreisen wurden beauftragt, zu Ehren Bachs, des großen Passionskomponisten, neue Werke zu schreiben. So bekamen wir eine deutsche Lukaspassion von Wolfgang Rihm, eine spanischsprachige Markuspassion von Osvaldo Golijov, eine russische Johannespassion von Sofia Gubaidulina und die sich auf Matthäus beziehende englischsprachige „Water-Passion“ von Tan Dun, der aus China stammt.
RM: Was wünschen Sie sich für die Musik und das Musikleben der Zeit?
Rilling: Ganz allgemein wünsche ich mir, dass gewisse Kriterien des gegenwärtig vorherrschenden Musiklebens nicht die Oberhand gewinnen: dass Musik nicht nur „leicht“ oder spielerisch sein soll und entsprechend musiziert wird, sondern dass die Sinngebung – insbesondere in den oratorischen Werken aller Zeiten – gesehen wird. Ich wünsche mir auch, dass die Interpreten den Mut und die Bereitschaft haben, diese für ihr Publikum auszudrücken.
Im 19. Jahrhundert entdeckte Felix Mendelssohn Bartholdy den vergessenen Johann Sebastian Bach neu. Heute ist es Helmuth Rilling, der sich wie kein Zweiter um das Werk des Meisters Bach verdient gemacht hat. Zwischen 1970 und 1985 spielte er, als erster Dirigent überhaupt, alle geistlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs auf Schallplatte ein. 2000 schloss er die erste Gesamtaufnahme aller Werke von Johann Sebastian Bach ab.
Rilling ist nicht nur einer der prägenden Kirchenmusiker, Dirigenten und Musikpädagogen der vergangenen sechs Jahrzehnte. Er hat sich auch als überaus produktiver Förderer der spirituellen Musik weltweit einen Namen gemacht. 1933 wurde er in Stuttgart geboren; er studierte bei Karl Ludwig Gerok, Hermann Keller und Hans Grischkat in Stuttgart und bei Fernando Germani in Rom. 1957 wurde er Kantor in Stuttgart und lehrte an der Berliner Kirchenmusikhochschule. Von 1969 bis 1985 war er Professor für Chorleitung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main.
Zahlreiche Ensembles, Chöre und Festivals wären ohne seinen Einsatz nicht entstanden, dazu gehören die Gächinger Kantorei, des Bach-Collegium Stuttgart, das Oregon Bach Festival und die Internationale Bachakademie Stuttgart. Seit mehr als 30 Jahren finden in Stuttgart, Oregon, Japan und zahlreichen Orten Osteuropas Rillings berühmte Bachakademien statt, Festivals, in denen er Konzerte mit Vorträgen und Meisterkursen verbindet. Für Rilling stellt die geistliche Musik eine spirituelle und ästhetische Provokation dar, der er seit Jahrzehnten seine Arbeit widmet. hjn