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14.01.2010


Reiches Dubai, armes Dubai
Dubai glitzert. Die Stadt bleibt reich, trotz Finanzkrise. Sie will überall an erster Stelle stehen. Das höchste Gebäude der Welt, die teuersten Einkaufszentren? Sind in Dubai gebaut worden. Eine Skihalle mitten in der Wüste? Kein Problem. „Hier kannst du alles kaufen“, sagen Einheimische. Die meisten sind stolz auf die Entwicklung, schließlich lebten ihre Familien vor nur 50 Jahren noch als arme Beduinen oder verdienten ihr Geld als Perlentaucher. Doch jenseits des Glitzers zeigt sich auch ein anderes Dubai. Eines, das mit dem rasanten Tempo des Fortschritts seine Identität verloren hat. Aber auch eines, das liberal ist und erstmals Frauen zu islamischen Rechtsgelehrten ausbilden will. In Kooperation mit dem Rheinischen Merkur hat das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in den Emiraten 18 junge Journalisten aus Deutschland und mehreren Golfstaaten zu einem Seminar in Dubai eingeladen. Zehn Tage lang recherchierten, diskutierten und schrieben die Teilnehmer gemeinsam Artikel. Sie erzählen von den Seiten der Stadt, die die Autoren jenseits der glitzernden Fassaden fanden. Eine Auswahl der Texte lesen Sie hier. jku


IDENTITÄT 
Fremd in der Heimat

Der Wandel des Emirats vollzieht sich so rasant, dass sich viele Ältere dort nicht mehr zurechtfinden. Die Beduinen und Perlentaucher von früher verstehen die Welt nicht mehr.

VON ANNA KUHN-OSIUS



MIT KOPFHÖRER: Der Bewohner eines Altenheims in Dubai hört per MP3-Player seine traditionelle arabische Lieblingsmusik.
Foto: Anna Kuhn-Osius 

Als sie ihm seine Wüste nahmen und dort Hochhäuser bauten, zog Ganim an den Strand. 15 Jahre lebte er am Wasser, der alte Beduine, allein, ohne Familie, in einem Zelt aus Reisig. Dann war auch am Strand kein Platz mehr für ihn. Ganim störte den Anblick. Er passte nicht zu den Luxushotels und sonnenbadenden Touristen an Dubais Küste. Ihm blieb nur ein Ort: das Altenheim. Ganim spricht kaum noch. Seine Pfleger erzählen, er betrete das Heimgebäude nur zum Essen. Er mag es nicht, wenn er den Himmel nicht sehen kann. Draußen, vor dem Heim im Norden Dubais, haben sie ihm ein Zelt gebaut, ein bisschen so wie einst in der Wüste. Dort schläft er.

Dubai boomt nach wie vor. Hochhäuser schießen aus dem Boden, die ganze Stadt ist eine Baustelle. Zwanzig Jahre alte Häuser werden wieder abgerissen, weil sie zu alt wirken – immer höhere Glasbauten ersetzen sie. Die Stadt verändere sich jede Woche, klagen selbst junge Einheimische. Stadtteile verschwinden, Straßen werden umgeleitet, ganze Landstriche entstehen neu. Wirklich Altes gibt es nicht: Die Häuser von früher sind abgerissen, die historischen Viertel verschwunden. Auch alte Menschen findet man in der Stadt nicht viele. Für sie gibt es kaum noch Platz in dieser neuen Welt.

Sie fühlen sich fremd in der Heimat. Im Vorraum des Altenheims kauert Amna zusammengesunken im übergroßen Rollstuhl, die Beine angezogen. Sie ist 89 Jahre alt. Mit ihren faltigen Händen zupft sie immer wieder das schwarze Tuch zurecht, das ihre Haare bedeckt. Ihre dunklen Augen schauen einen unentwegt an. Jeden Morgen schminken die Pflegerinnen sie. Amna möchte es so. Fotografiert werden will sie nicht. Vor allem Fremden hat sie Angst. Vor Besuchern weicht sie zurück. Zerbrechlich wirkt sie und verloren in dieser Welt. Sie mag die Hochhäuser nicht. Als Amna klein war, sah Dubai so anders aus. Nichts ist mehr übrig geblieben von ihrer kleinen Stadt mit den niedrigen aneinandergedrückten Häusern in Sandfarben, nichts mehr von dem Staub in den Gassen, vom Geruch der Ziegen und Kamele, die meckernd und röhrend nebeneinanderstanden. Das war Dubai – vor gerade einmal 50 Jahren.


Regelmäßige Ausflüge

„Unsere Bewohner fühlen sich orientierungslos im neuen Dubai“, erzählt Heimleiter Mohammed. Deswegen macht er mit den Alten regelmäßig Ausflüge in die Stadt. Dann schieben die Pfleger die Rollstühle in die Super-Wolkenkratzer und neuen Hotels, sie fahren die alten Scheichs und Beduinen in die 89. Etage. „Das beeindruckt sie schon“, sagt der Heimleiter, der nichts auf Dubais Bauvorhaben kommen lässt. „Unsere Bewohner sind alt, aber doch nicht zurückgeblieben.“ Außerdem hat das neue Dubai den Alten ein wenig Luxus zu bieten. In ihrer Jugend konnten sie sich fließendes Wasser nicht einmal vorstellen, sondern mussten im lebensfeindlichen Wüstenklima den Alltag meistern. Jetzt sitzen sie in klimatisierten Räumen.

Angesichts solcher Annehmlichkeiten der modernen Welt wünscht sich mancher die Welt von früher gar nicht zurück. „70 Jahre meines Lebens hatte ich Kamele“, sagt Muftah. „ Jetzt habe ich ein Auto – und das ist schneller.“ Der 90-Jährige lacht, breit und zahnlos. Er sei zufrieden, sagt er und blickt um sich. „Ich habe ja das hier.“ Das hier – damit meint er seine Holzbank und die zehn Quadratmeter Wüste davor. Die sind ihm geblieben.

Jeden Tag kommt er ins Freilichtmuseum von Dubai, dort hat er seinen festen Platz. Jahrzehntelang zog er früher mit seiner Kamelherde durch die Wüste. Dann lernte er den Scheich kennen, Raschid bin Said al-Maktum. Er war der alte Herrscher von Dubai, dieser kleinen Siedlung am Golf. Muftah blieb bei ihm, wurde Helfer und Berater. Er erlebte mit, wie in den Sechzigerjahren Öl gefunden wurde, sah die Hochhäuser wachsen und die Wüste schrumpfen. Jetzt fotografieren japanische Besucher des Museums sein sonnengegerbtes Gesicht mit den tiefen Furchen und freuen sich, einen echten Beduinen zu treffen – hier in dieser Glitzerwelt.

Dubai wirkt wie eine gigantische Glasfassade – schillernd, blendend, künstlich. Es gibt Skihallen bei 35 Grad Celsius im Schatten, Hotels mit Fassaden aus reinem Gold, künstliche Inseln, auf denen komplette Viertel entstehen. Alles ist groß, gläsern und grell. Menschen passen nicht in diese Welt, denn sie haben Fehler, Schwächen, eine Vergangenheit, Falten im Gesicht und Fragen in der Seele. Wer bin ich? Wo komme ich her? Diese Fragen hat sich Dubai bisher kaum gestellt.

Zwischen Touristenbespaßung und lauter Musik im Taxi ist der Stadt eines verloren gegangen: Stille. Das ist der Preis für das schnelle Wachstum. Die ganze Stadt steckt in einem Identitätskonflikt. „Wir wollen, dass die Stadt einen Charakter bekommt“, sagt Abdullah, der sich um das Freilichtmuseum kümmert. In seiner Freizeit geht er in Schulen und Universitäten und erzählt dort, wie die Stadt aussah, als er ein Junge war. Dabei ist er gerade einmal 45 Jahre alt. „Die Kinder können sich nicht vorstellen, dass es vor so kurzer Zeit noch ein ganz anderes Dubai gab“, sagt er. „Nur wenn wir das bewahren, hat dieses Stadt eine Identität.“

Um sich eine Identität zu geben, will Dubai historisch werden, um jeden Preis. Stück für Stück hat die Stadtverwaltung alte Häuser zusammentragen lassen und im Freilichtmuseum wieder aufgebaut. Sie lässt eine neue Altstadt entstehen, direkt neben den Hochhäusern. Ganze Gebiete sollen nachgebaut werden, um zu zeigen, wie Dubai einmal war. Identität lockt Touristen eben doch mehr als Kommerz. Im ganz großen Stil soll auch die Perlen-Kultur wieder zu Leben erweckt werden: mit Tauchveranstaltungen für Touristen, Perlen-Massenverkauf und -vertrieb. Dass die Muscheln dafür jetzt aus der Südsee eingeflogen werden, stört hier niemanden beim Geldverdienen.


Jeden Tag Physiotherapie

Thani schüttelt darüber den Kopf. „Das war so harte Arbeit damals“, sagt der 78-Jährige. „Eigentlich hältst du das nicht lange durch.“ Fast 20 Jahre lang war Thani Perlentaucher im Persischen Golf, monatelang getrennt von seiner Familie. Nachts im Hafen auf dem Steinboden, tagsüber – nur mit einer Nasenklammer vor dem Salzwasser geschützt – in den Tiefen des Ozeans auf der Suche. „Das war unser Leben damals“, sagt Thani. „Entweder du warst Perlentaucher oder Beduine.“ Der alte Mann bekommt jetzt jeden Tag Physiotherapie im Altenheim. Oder er sitzt einfach in der Sonne. Schlecht gehe es ihm nicht, sagt er. Nur dass er die Welt da draußen nicht mehr verstehe.

Da ist er nicht der Einzige. Wenn Ganim, der alte Beduine, nicht im Zelt sitzt, irrt er auf dem Parkplatz vor dem Altenheim herum. Eine gekrümmte Gestalt zwischen dicken Geländewagen. Er ist auf der Suche. Wonach? Seine Pfleger zucken mit den Schultern. „Er hat sich selbst verloren“, sagt einer.
 Anna Kuhn-Osiushat an der Uni Dortmund Journalistik und Politik studiert. Heute arbeitet sie als freie Journalistin für den WDR und die Deutsche Welle.
© Rheinischer Merkur Nr. 2, 14.01.2010
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