|
Merkur
aktuell |
 |
|
|
Services |
 |
|
|
 |
|
|
|
| 04.02.2010 |
|
 |
|
|
Mit besserem Service will die dpa Kunden in schwierigen Zeiten an sich binden. Die Konkurrenz ddp setzt auf Zukäufe und Konfrontation.
VON ANGELIKA LUDERSCHMIDT |
|
Die Gegner rüsten auf. Sie richten Taskforces ein, werben einander Arbeitskräfte ab, ziehen vor Gericht oder bilden in Berlin eine fast 4000 Quadratmeter große Einsatzzentrale. Die beiden Flaggschiffe der deutschen Agenturlandschaft, Deutsche Presse-Agentur (dpa) und Deutscher Depeschendienst (ddp), kämpfen um die beste Position am Markt – mit unterschiedlichen Strategien. Denn der Wind ist eisig geworden: Der Verkauf von Nachrichten läuft schleppend. Gerade regionale Blätter, deren Auflagen sinken und denen Werbeeinnahmen wegbrechen, greifen seltener auf die Dienste von Agenturen zurück. Eine beunruhigende Entwicklung, die in den USAbereits weit fortgeschritten ist. Dort bedienen sich immer mehr Redaktionen aus Geldmangel kostenloser Texte aus dem Internet.
Früher waren die weltweit rund 150 Nachrichtenagenturen Grundversorger. Sie waren der zentrale Verteiler für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Unverändert beliefern sie als Dienstleister Redaktionen mit aktuellen Nachrichten in Wort, Bild und Ton. Neben Print und Rundfunk gehören auch Unternehmen, Behörden, Parteien und Gewerkschaften zu ihren Kunden.
Bisher genossen Nachrichtenagenturen den Ruf, zuverlässig zu arbeiten, vollständig und insbesondere zeitnah zu berichten. Es galt der Grundsatz: Was die Agenturen nicht melden, hat nicht stattgefunden. Bereits Anfang 2009 musste die dpa, die mit 190 Gesellschaftern die größte Agentur Deutschlands ist, herbe Verluste hinnehmen. Die WAZ-Gruppe kündigte den Dienst. Damit brachen der Deutschen Presse-Agentur sieben Titel weg. Darunter die „Thüringer Allgemeine“, die „Westfälische Rundschau“ und die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“. Für die dpa bedeutete dies einen Verlust von rund drei Millionen Euro. Aus Kostengründen sollten eigene Redakteure mit Mantelredaktionen oder Korrespondenten die Seiten bestücken oder auf andere, billigere Nachrichtenlieferanten zurückgreifen. Eine Geschäftsidee, die bereits die „Rheinische Post“ und die „Rheinpfalz“ mit Erfolg erprobten.
Auch der „Tagesspiegel“ kündigte im Dezember sein Abo. Aus Prinzip und nicht aus Spargründen, wie die Zeitung betonte. Bis Juli sollen alle 170 Mitarbeiter in Hamburg (dpa-Zentrale, Wort, Internet und Grafik) und 30 Redakteure in Frankfurt (Bilderdienst) ihre Koffer packen und die Zentralredaktion in der Berliner Axel-Springer-Passage beziehen. Diese räumliche Nähe zum Springer Verlag empfand der Chefredakteur des „Tagesspiegel“, Stephan-Andreas Casdorff, als problematisch. „Mit der gebotenen Unabhängigkeit ist diese Entscheidung nicht zu vereinbaren“, sagte Casdorff einem Branchenmagazin und fügte hinzu: „Wir sehen deshalb keine Grundlage mehr für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.“ Ein zugegeben seltsames Messen mit zweierlei Maß, wird der „Tagesspiegel“ doch im Druckhaus Spandau der Axel Springer AG hergestellt.
Trotz wegbrechender Einnahmen hat die 1949 gegründete dpa viel vor: Sie will verstärkt auf Multimedia setzen, um für Verlage attraktiv zu bleiben. 120 Redakteure arbeiten künftig mittags gleichzeitig. Viermal so viele wie bisher in Hamburg.
Teil des Modernisierungsplans ist es, den Service zu verbessern. Bei „Deutschlands einziger Vollagentur“ – ein klarer Seitenhieb auf den Kontrahenten ddp – können Kunden im passwortgeschützten Intranet mit den Redakteuren in Dialog treten, um weitere Fakten bitten oder auf eventuelle Fehler aufmerksam machen. Korrekturbedarf gab es in den letzten Monaten reichlich. Meldungen mit schlampig recherchierten Texten machten die Runde, bei denen die Nachrichtenredaktion später Abbitte leisten musste.
So gab sie zum Beispiel den angeblichen Rücktritt des Bundesvorsitzenden der Republikaner, Rolf Schierer, bekannt und musste hinterher eingestehen, auf eine Falschmeldung hereingefallen zu sein. Zudem hatte sie gemeldet, in der US-Stadt Bluewater hätten Deutsche einen Selbstmordanschlag verübt. Nach diesem „Bluewater-Debakel“ verordnete der neue dpa-Chef Wolfgang Büchner seinen Mitarbeitern einen strengeren Regelkatalog. Vor wenigen Tagen mahnte er erneut zu besonderer Sorgfalt. Sein Plädoyer: Richtigkeit geht immer vor Schnelligkeit.
Über eine Dezimierung des Personals und eine Änderung der Tarifstruktur muss sich Büchner trotz Kundenschwunds vorerst keine Gedanken machen. Immerhin zeichnet sich ab, dass rund 70 Mitarbeiter, insbesondere aus den Fachredaktionen für die Infografiken und Themendienste, nicht bereit sind, ihre Heimat zu verlassen. Aber auch wenn die Zahl der Berlin-Muffel etwas nach unten korrigiert werden würde, müsste Büchner dennoch neue Leute einstellen, anstatt wie angekündigt Stellen nicht mehr nachzubesetzen.
Büchner, ehemals Chefredakteur von „Spiegel online“, versucht sich auf den steigenden Wettbewerb mit dem informationsüberfluteten Web vorzubereiten. Er arbeitet seit Jahresbeginn nicht nur an der Realisierung des Umzugs, sondern treibt auch einen Relaunch voran. Bei der Verabschiedung seines Vorgängers Wilm Herlyn kündigte der 43-Jährige an: „Wir wollen uns wandeln und unsere Dienste noch besser machen.“ So soll etwa eine ständige Taskforce von Berlin aus die bei 50 deutschen Büros und 32 Auslandsstandorten beschäftigten Korrespondenten bei wichtigen Ereignissen koordinieren.
Der Konkurrenz gefällt dieses Vorpreschen sicher nicht. Doch ist dem krisengebeutelten Deutsche Depeschendienst – bereits zweimal musste ddp Insolvenz anmelden – zum Jahresende ein großer Coup gelungen. Am 8. Dezember 2009 meldete die Nachrichtenagentur aus Berlin die sofortige Übernahme der deutschen Tochter der amerikanischen Associated Press (AP). Die beliefert Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit internationalen Nachrichten in deutscher Sprache. Und noch wichtiger: Für die nächsten 15 Jahre hat ddp alle Übersetzungsrechte am internationalen AP-Material für den deutschsprachigen Raum. Einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag hat die Übernahme nach eigenen Aussagen gekostet. Dpa-Chef Büchner sieht in dem Kauf vor allem Nachteile für die internationalen Beziehungen: „Als ehemaliger AP-Korrespondent finde ich es persönlich sehr bedauerlich, dass die AP ihre deutsche Tochter an Finanzinvestoren verkauft hat und sich schrittweise aus Europa zurückzieht. Ich fürchte, dass dies mittelfristig auch negative Auswirkungen auf die Wahrnehmung Deutschlands in den USA haben wird.“
Recht ungeschickt hingegen gingen die ddp-Eigner Löw und sein Partner Martin Vorderwülbecke bei der Namensgebung des übernommenen Dienstes vor. AP Deutschland mit dem Kürzel apd wurde Anfang des Jahres in Deutscher Auslands-Depeschendienst (DAPD) umgewandelt und hat seitdem das Kürzel apn. Grund für das Buchstabenschütteln war eine Beschwerde des Adventistischen Pressedienstes, der seit 1984 in Deutschland seine Meldungen mit apd unterschreibt. Dumm nur, dass das neue Kürzel apn ebenfalls bereits vergeben ist. Hinter APN München steht der Verein der Architekten für Menschen in Not. Beschwert haben die sich bisher noch nicht.
Um die AP-Belegschaft zu beruhigen, meldeten die ddp-Eigner bei Übernahme, alle 110 festen Mitarbeiter der Agenturtochter würden übernommen. Die Betonung lag scheinbar auf „fest“. Ganz ohne Kündigungen ging es dann doch nicht. Beim Personal würde es eine „Korrektur in der Größenordnung von bis zu 15 Stellen“ geben, verkündete Privatinvestor Löw, der den Deutschen Depeschendienst zusammen mit Vorderwülbecke 2009 übernahm.
An Weihnachten gab es dann eine böse Bescherung: Zehn AP-Bildredakteure mit Pauschalistenverträgen erhielten die Kündigung. Inzwischen sind laut „Mediummagazin“ auch feste Bildredakteure ihre Stelle bei der Frankfurter DAPD-Zentrale los. Womöglich ein erstes Anzeichen dafür, dass aufgrund von Überschneidungen bei den Auslandsmeldungen von DAPD und ddp weitere Mitarbeiter ihre Stelle verlieren könnten. In den letzten Tagen entlud sich schließlich die Spannung bei den Mitarbeitern des ehemaligen Dienstes von AP-Deutschland. Sie schrieben einen Protestbrief an Vorderwülbecke, in dem sie ihm ihr „tiefes Misstrauen“ aussprachen.
Nicht nur innerhalb des Deutschen Depeschendienstes bahnten sich Konflikte an. Auch der Ton zwischen dpa und ddp verschärfte sich in den letzten Wochen zunehmend. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Löw: „Unsere Strategie ist es, dpa verzichtbar zu machen“, und sorgte mit dieser Kampfansage für böses Blut. Wolfgang Zehrt, Geschäftsführer bei der Schwesterfirma ddp direct, ergänzt auf Anfrage: „Verzichtbar wird dpa als bislang monopolistische deutsche Vollagentur“, und fügte hinzu: „Mit dem internationalen Angebot von AP ist ddp jetzt so aufgestellt, dass erstmals nach Jahrzehnten eine gleichwertige Alternative, zudem von höherer journalistischer Qualität bei niedrigen Preisen, auf dem deutschen Medienmarkt existiert.“ Zu aller Subtilitätsverweigerung behaupteten die beiden ddp-Eigner auch, die Verträge der dpa enthielten „sittenwidrige Vertragslaufzeiten mit rechtswidrigen Verlängerungsklauseln“. Außerdem erhalte die Deutsche Presseagentur staatliche Subventionen, die zu „illegalen Kostenvorteilen“ führten.
Dpa wollte diese Anschuldigungen nicht hinnehmen und fuhr schwerere Geschütze auf. Sie will vor Gericht eine einstweilige Verfügung erwirken. „Die Eigentümer von ddp und DAPD haben nicht nur angekündigt, dass sie die dpa ‚verzichtbar‘ machen wollen, sondern bei einer Pressekonferenz zudem noch eine ganze Reihe falscher und rufschädigender Behauptungen über die Deutsche Presse-Agentur verbreitet. Das ist ein Tonfall und ein Stil, den es im Wettbewerb der Nachrichtenagenturen so noch nicht gab“, begründete dpa-Chefredakteur Büchner die juristischen Schritte. Auf der Gegenseite gibt man sich gelassen: „Auch wenn wir das Mittel der Klage etwas befremdlich finden, freuen wir uns darauf, dass diese Punkte möglicherweise objektiv und neutral durch ein Gericht bewertet werden“, sagt Zehrt. Klein beigeben sieht anders aus.
Die nächste Runde im öffentlich ausgetragenen Streit ist bereits eingeläutet. Büchners Redaktion bekam in den letzten Tagen Zuwachs. Das Heikle daran: Die neuen Mitarbeiter kommen vom Kontrahenten. Wie viel Geld der dpa-Chef mehr bezahlt als die ddp ihren Mitarbeitern, ist nicht bekannt. Zu den Neuankömmlingen gehört unter anderem Peter Zschunke, der bei der dpa Chefkorrespondent in der künftigen „Netzwelt“-Redaktion wird. Derzeit ist Zschunke noch stellvertretender Chefredakteur und Auslandschef beim Deutschen Auslands-Depeschendienst.
Zumindest was die Abozahl der bundesweiten Zeitungen betrifft, geht die dpa als Sieger hervor. Sie deckt immer noch fast 95 Prozent der deutschsprachigen Tageszeitungen ab. Wenn die Scharmützel zu Ende sind, ist die eigentliche Schlacht noch nicht geschlagen: In Zeiten von Web 2.0 und Jedermann-Journalismus via Twitter, Handyvideos oder iPhone-Bildern gerät die Grundlage des Agentur-Geschäftsmodells ins Wanken. Die Exklusivität der Nachrichten nimmt stetig ab. Und eben dafür müssen sich die Nachrichtenagenturen rüsten. Ihre Waffen: journalistische Sorgfalt und handwerkliche Qualität.
|
|
|
|