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04.02.2010

STANDORTBESTIMMUNG 
Haltung, bitte!

Es ist schick geworden, konservative Werte als politisch inkorrekt in Szene zu setzen. Damit geht verloren, was wirklich bewahrenswert ist: das sorgfältige Abwägen.

VON CHRISTIANE FLORIN


Aus Solidarität mit den gefangenen RAF-Häftlingen schließt sich Renate monatelang auf der Gästetoilette ein. Ihr Sohn Joshua erledigt für sie den Drogenkurierdienst und lernt ganz nebenbei, dass „Isolationsfolter“ vor allem die Nicht-Gefangenen malträtiert. Seine Rache an der Hippie-Mama:An einem Oktobermittag des Jahres 1991 steht er mit einem frischen Schmiss auf der Wange vor ihrer Tür.

Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange hat Joshua und seine Mutter für ihren Roman „Peace“ erfunden, oder eher: Sie hat die Mutter-Sohn-Karikatur in der prallen Dialektik des Lebens gefunden. Nicht alle Altachtundsechziger sind so überdreht wie Renate; in der milderen Variante beugen sie sich über neue Jugendstudien und rätselt sorgenvoll: Warum sind die Teenies von heute nur so angepasst? Kürzlich mutete das „Süddeutsche Magazin“ seiner Kundschaft lauter adrette Teenager in einer langen Bilderstrecke zu: die Jungs seitengescheitelt, die Mädchen mit Blusen und Perlenohrringen. Guter Job, geregeltes Einkommen, schöne Wohnung – wenn die Mehrheit so überschaubar bürgerlich träumt, was haben wir alten Revoluzzer da bloß falsch gemacht?, fragt sich die linksliberale Elternschaft indigniert.


Der nicht mehr ganz junge „Spiegel“- Redakteur Jan Fleischhauer bekennt im Bestseller „Unter Linken“, er sei ein Konservativer geworden. „Das Schwierigste für jeden späten Konservativen ist immer das Coming-out“, gesteht er. „Es ist ein Moment, den man hinauszögert, solange es geht. Man fürchtet die Reaktion der Kollegen. Man will auch seine Eltern nicht beschämen.“ Vernünftige Leute, so sein Fazit, müssen sich von der dauerpubertierenden Linken verabschieden. Wenn der Verstand über die Hormone triumphiert, gewinnt immer das Konservative.

Der Senior im Lodenmantel gewichtet die Machtverhältnisse jedoch völlig anders. Er trachtet schon etwas länger als der Neu-Altvordere Fleischhauer, am Bewahrenswerten festzuhalten – und fühlt sich als Verlierer. Dieser Konservative alter Schule muss erleben, dass die eigene Tochter acht gescheiterte Beziehungen hinter sich hat, aber noch immer kinderlos ist; die Enkel der anderen haben zwar Abitur, halten aber Mars ausschließlich für einen Schokoriegel; der Medien-Mainstream fürchtet den Untergang der Insel Tuvalu mehr als den des gesamtem Abendlandes. Kein Wunder, denkt der vom Zeitgeist Gebeutelte, dass der verweichlichte Westen dem Islam nichts mehr entgegenzusetzen hat. In seiner Sicht der Dinge sind Frauenbewegung, sexuelle Libertinage, Kuschelpädagogik und Multikulti-Ideologie siegreich durch alle Institutionen marschiert, vor allem Familie und Schule ließen sie als Ruinen zurück.

Diese verkürzte Bestandsaufnahme zeigt: Die Gesellschaft ist weder rechter noch linker geworden. Jedes festumrissene Milieu ist in der Krise, weil es eine konsequente Haltung voraussetzt. Haltung aber will durchgehalten werden, und daran hapert es auf allen Seiten. Wer einst für die Gesamtschule demonstrierte, schickt den eigenen Sohn aufs katholische Privatgymnasium. Wer in den Achtzigern kiloweise Wolle für den Weltfrieden verstrickte, gibt sich heute mit der Wärmedämmung des Eigenheims zufrieden. Eine Frontfrau der Linkspartei wettert gegen berufstätige Mütter, während eine nach eigenem Bekunden „konservative Feministin“ mit sieben Kindern in der CDU Karriere macht. Der entschiedenste Gegner eines EU-Beitritts der Türkei lächelt freundlich in die Kamera des Hochzeitsfotografen, wenn sein Sohn eine Muslimin aus Istanbul zum Standesamt führt. Grünen-Wähler verdienen so gut wie früher bloß FDP-Anhänger, dafür greift der Freiberufler auch schon mal gern zu den marinierten Venusmuscheln aus dem Bioladen.

Alle haben im Milieu des anderen gewildert, weil sie sich davon Lebensstil-Gewinne versprachen. Und alle haben Profil verloren. Die Konservativen aber reden mehr darüber, denn das Verlustgefühl gehört, anders als in anderen politischen Strömungen, zur Identität. Der Konservative hat keine Utopie, sein Denken kreist nicht um das Künftige, sondern um das Ewige. „Le Conservateur“ hieß die von Chateaubriand zwischen 1818 und 1820 herausgegebene Zeitschrift, aus der die Bewegung ihren Namen ableitete. Sie war das Organ derer, die sich von der Französischen Revolution überrollt fühlten. Der Landadel brachte sich gegen das Bürgertum in Stellung, später das Bürgertum gegen die Arbeiter, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutete konservativ vor allem, dem Paradigmenwechsel nach 1968 in die Parade zu fahren. Konservativ sein heißt, so formuliert es der Historiker Hans Fenske in seiner „Geschichte der politischen Ideen“, „Widerstand zu leisten gegen kontinuierliche und blindwütig übernommene Neuerungen“.

Wer zu blindwütig losrennt, dem fallen viele Wertgegenstände unbemerkt aus den Taschen. Die gewissenhafte Taschenkontrolle ist eine verdienstvolle und geistig anspruchsvolle Aufgabe, damit nichts Wesentliches auf der Strecke bleibt. Der wahre Konservative schreit deshalb nicht einfach „Halt!“ oder „Kommando zurück!“, sobald die anderen sich in Bewegung setzen. Er plädiert für ein gemäßigtes Lauftempo und für regelmäßiges Durchatmen.

Das sorgfältige Sondieren ist jedoch jenen, die sich zu Kämpfern wider den Zeitgeist stilisieren, abhandengekommen. Wer sich Publikationen anschaut, die sich als konservativ in Szene setzen, findet statt der selbstbewussten Definition des Bewahrenswerten vor allem die Selbstdefinition über die Fehler der anderen: Die anderen sind politisch korrekt, wir inkorrekt! Die anderen sind dämlich, wir herrlich! Die anderen sind dressiert, wir frei! Publikationen wie „Junge Freiheit“ und Internetseiten wie „PI-News“ und „Fact Fiction“ positionieren sich gegen die „Gutmenschendiktatur“. Seit einiger Zeit ist auch die Schweizer „Weltwoche“ demonstrativ dazu übergegangen, der gefühlten Meinungsführerschaft von Frauen, Schwulen und Muslimfreunden Paroli zu bieten.


Eine Heldin dieser neokonservativen Bewegung war zunächst Eva Herman, nun ist es Thilo Sarrazin. Herman sagte am 6. September 2007: „Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das, alles, was wir an Werten hatten – es war ’ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle –, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft.“ Das war kein Nazi-Lob, das war Nonsens. Trotz der Abwesenheit eines Denkanstoßes kam sie unter konservativen Denkmalschutz.

Viele von denen aber, die Hermans Mütter-an-den-Herd-Appell beklatschten und Alice Schwarzer am liebsten wie Hänsels Hexe im Backofen hätten schmoren lassen, werfen den Muslimen nun vor, Frauen zu unterdrücken. Altfeministinnen und Neukonservative finden sich Seit an Seit im Bündnis gegen den Islam wieder.

Ebenso erstaunlich ist der Gesinnungswandel gegenüber „den“ Juden. Lange Zeit war es in selbst ernannten konservativen Publikationen Common Sense, selbstbewusst auf die deutsche Geschichte zurückzublicken. Politiker, Journalisten und Historiker, die dem Holocaust in der Erinnerung den vordersten Platz einräumten, redeten angeblich einer jüdischen Schuldlobby nach dem Mund. Nun aber, da der Islam das neue Top-Feindbild abgibt, gehört Philosemitismus zum guten Ton. Auch das machte Thilo Sarrazin mit seinem Hinweis auf die bildungswilligen Juden und die schulisch wenig ambitionierten Türken vor.

Die Welt ist komplizierter, als es schlichtes Freund-Feind-Denken erlaubt. In der Finanzkrise zum Beispiel versagen die klassischen Schuldzuweisungen. Sie wurde weder vom Islam noch von der Linken ausgelöst, sie nahm ihren Anfang im bürgerlichsten aller Lebensentwürfe: im Traum vom eigenen Häuschen. Riskante Wettgeschäfte sind das Gegenteil einer bewahrenden Wertanlage, doch das wahre Glück in den eigenen vier Wänden geriet in die Hände von Spekulanten. Nicht nur auf dem Finanzmarkt, sondern auch auf dem Meinungsmarkt wird mit konservativen Papieren gezockt. Wer wirklich Werte bewahren will, durchsucht erst einmal die eigenen Taschen.
© Rheinischer Merkur Nr. 5, 04.02.2010
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