Das Parteitagsgelände, das Architekt Albert Speer für die NSDAP entwarf, verfällt. Muss die Stadt das Nazi-Erbe um jeden Preis erhalten?
VON DIETMAR BRUCKNER |
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|  RISKANTE KANTEN: Die Stadt warnt die Besucher vor der bröckelnden Gigantomanie. Foto: Timm Schamberger/ddp

| Es ist ein guter Tag, um trüben Gedanken nachzuhängen, draußen am ehemaligen Reichsparteitagsgelände vor den Toren der Stadt, wo die Fahrschüler Anfahren und Einparken üben und einsame Tennisspieler sich im stummen Dialog mit der Granitmauer von Hitlers Zuschauertribüne fit halten. Jetzt bläst ein eisiger Wind, es liegt Schnee, ein harschiger, verbrauchter Schnee, der die großspurige Architektur gnädig bedeckt, darüber ein Himmel, so unbestimmt grau, als gäbe es ihn nicht. Ein trostloses Areal, kein Zweifel. Die Flutlichtmasten aus dem Fußballstadion nebenan und das Eisstadion mit der Leuchtschrift der örtlichen Versicherung künden immerhin von Normalität, von Torjubel und städtischem Wochenendvergnügen. Sie setzen Zeichen einer zivileren Epoche.
Ein paar versprengte Touristen mit bunten Anoraks und ins Gesicht gezogener Kapuze balancieren, das Handy zum Fotografieren in der Hand, über die verschneiten Zuschauerränge. Gelegentlich traut sich einer auf die „Führerkanzel“ und fröstelt ein wenig bei dem Gedanken, dass da Hitler gestanden hat bei seinen Tiraden ans Volk. Weit geht der Blick von hier oben hinaus ins fränkische Land, lädt geradezu ein zur Selbstüberschätzung. Unterhalb das hufeisenförmige Zeppelinfeld, wo bei den Parteitagen 200 000 Menschen zur fähnchenschwenkenden Jubelkulisse zusammengepfercht waren. Die akkuraten Toilettentürmchen mit ihren Schießschartenfenstern erinnern noch daran. Selbst bei ihnen dominiert der rechte Winkel, für den NS-Architekten Albert Speer eine geradezu obsessive Vorgabe. Nur nichts Rundes, Geschwungenes, Verspieltes. Stattdessen gerade Linien, Bombast, Angeberei, Sterilität. Dem griechischen Pergamonaltar hatte er die Haupttribüne nachempfinden wollen. Ein Kolossalbau, mit dem Maßstäbe gesetzt werden sollten.
Der Wahnsinn hatte Methode, damals, als das Hakenkreuz an der Haupttribüne prangte. So sollten im ebenfalls für Nürnberg vorgesehenen Großen Stadion, gleich nebenan, die Olympischen Spiele stattfinden. Zum ersten Mal 1944, und dann nur noch hier. Plätze für 400 000 Zuschauer waren geplant, eine Kultstätte stramm „teutscher“ Leibesertüchtigung, bei der selbst die Größe der Sportplätze neu festgelegt werden sollte. „Wie das Spielfeld zu bemessen ist, bestimmen dann wir“, tönte Adolf Hitler.
Die Stadt Nürnberg, in diesen Tagen an den Folgen der Finanzkrise laborierend wie die meisten Kommunen, steht vor einem bizarren Problem: Soll sie das ehemalige Reichsparteitagsgelände, dessen Eigentümerin sie ist, sanieren? Die Kosten dafür werden auf mindestens 70 Millionen Euro geschätzt. Oder soll sie es dem Zahn der Zeit überlassen und warten, bis es langsam zerbröselt? An seiner inneren Schwäche kollabiert und im wahrsten Sinne im Staub der Geschichte versinkt? Auch das wäre ein Bild mit Symbolgehalt.
Hinzu kommt die Tatsache, dass die Torso gebliebenen Bauten von Albert Speer für die Stadt notwendigerweise ein Denkmal der eigenen Schande sind, indem sie die Erinnerung an die einstige Nazi-Hochburg Nürnberg, eine von Hitlers Lieblingsstädten, wachhalten. Also auch noch aufwendig restaurieren, was an das düsterste Kapitel der Stadtgeschichte erinnert? Nur um dem Denkmalschutz und einer politisch korrekten Erinnerungskultur Genüge zu tun? Ist das nicht etwas viel verlangt?
Schon einmal stand die Stadt vor einer ähnlich bizarren Situation. Das war am Ende des Zweiten Weltkriegs: Nürnberg lag in Schutt und Asche, war die nach Dresden am meisten zerstörte Stadt in Deutschland, nur das Reichsparteitagsgelände an der Peripherie war von den Bombenfliegern der Alliierten seltsam unbehelligt geblieben. Ein Umstand, der nicht nur die „FAZ“ zum Grübeln brachte: „Fast zynisch erscheint es, dass die Alliierten die Nürnberger Altstadt zu 90 Prozent zerstörten, das Aufmarschgelände der Nazis aber unangetastet blieb.“
„Gebaute Megalomanie“ wird es Speer in seinen „Erinnerungen“ später nennen. Und er wird darin noch einmal auf das Schlüsselerlebnis zu sprechen kommen: 1934, bei einem offiziellen Abendempfang, hatte Hitler zu Speers Ehefrau gesagt: „Ihr Mann wird für mich Bauten errichten, wie sie seit vier Jahrtausenden nicht mehr entstanden sind.“
Das verstand der ehrgeizige junge Baumeister als Auftrag. Er, der sich – in aller Bescheidenheit – schon immer als legitimer Nachfolger Karl Friedrich Schinkels gesehen hatte, witterte die Chance seines Lebens. Hinzu kam, dass er zu dieser Zeit kaum Einkünfte hatte. Hermann Göring, dem das nicht verborgen geblieben war, hatte erst kurz zuvor gehöhnt: „Sie mit Ihren Idealen! Sie müssen erst mal richtig Geld verdienen!“
Hitlers Pläne kamen für Speer wie gerufen. Längst war er dem „Charisma“ Hitlers, wie er es nannte, verfallen. Und so machte er sich daran, erst in Nürnberg, dann in Berlin die Kulisse für die angeblich bevorstehende Weltherrschaft der Nazis zu schaffen. Die Granitblöcke, die er dafür benötigte, ließ er im KZ Natzweiler-Struthof bei Straßburg brechen und nach Nürnberg schaffen. Die Speer-Legende, er sei der „gute Nazi“ gewesen und habe von nichts gewusst, ist zwar so bröckelig wie sein Bauwerk, aber selbst Joachim Fest, der über jeden Soupçon erhabene Hitler-Biograf, ging charmanten Baukünstler auf den Leim und beschädigte damit seine wissenschaftliche Reputation. Die Legendenbildung zeigt auf der anderen Seite Speers Geschick, sich aus heiklen Situationen herauszuwinden. So hatte er sich beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess schuldig bekannt, ohne diese Schuld näher auszuführen. Gleichwohl dürfte ihn dieses Geständnis vor der Hinrichtung bewahrt haben. Inzwischen freilich ist eine Fülle von Dokumenten bekannt, die keine Verharmlosung seiner Rolle zulassen.
Das Gelände, das Speer in Nürnberg vorfand, war ein bis dahin unschuldiger Ort gewesen. 1909 war Graf Zeppelin hier gelandet. Später war es ein beliebtes Naherholungsgebiet der Nürnberger gewesen mit Kleingartenkolonie, Freibad und Sportplätzen, Gaststätten und Cafés. Dann kamen die Nazis und mit ihnen die Militarisierung des Geländes, selbst der Tiergarten musste weichen. Aus dem Zeppelinfeld wurde der nationale Exerzierplatz. Ein Ort zur Einstimmung in die hegemoniale Paranoia. Wie es bei den Parteitagen mit ihrer einstudierten Massenchoreografie zuging, lässt sich in Leni Riefenstahls Propagandafilm „Triumph des Willens“ verfolgen, der 1934 hier entstand.
Ein Jahr später musste nachgedreht werden. Die Wehrmacht hatte sich beklagt, dass sie nur eine Minute und 30 Sekunden im Bild gewesen war. Außerdem hatte es geregnet bei ihrem Aufmarsch. Das aber ging überhaupt nicht, triefende Uniformen, nasse Gesichter, Pfützen überall. Also wurde die Regisseurin beauftragt, eigens noch einen Film über die Wehrmacht zu drehen und in ihr Werk zu integrieren. Auf diesem Gelände zelebrierte Speer seinen „Lichtdom“, eine Art Lasershow mit Flakscheinwerfern. Hier sollte die deutsche Öffentlichkeit auf Hitlers Vernichtungsfeldzug eingeschworen werden. Die späteren Kriegsgegner durften als Ehrengäste daran teilnehmen.
1945 das Ende des Wahns. Die US-Armee hielt hier ihre Siegesparade ab und sprengte symbolträchtig das Hakenkreuz. Inzwischen donnern einmal im Jahr die Tourenwagen beim Norisring-Rennen über die Pisten, Pop- und Rockkonzerte finden statt, die Skater nutzen die breiten Straßen, und bei den Heimspielen des 1. FC Nürnberg steht hier das Sanitätszelt. 1978 trat Bob Dylan auf, den Dutzendteich mit der ebenso kolossalen wie sinnlosen Kongresshalle im Rücken. Zum Ende des Konzerts stimmte er ein krächzendes „The Times, They Are A-Changin’“ an, und allen, die dabei waren, kroch ein Schauer über den Rücken.
„Vorsicht Absturzgefahr! Geländer nicht übersteigen!“, steht auf unzähligen Warnschildern an der Haupttribüne. Der Besucher begibt sich auf riskantes Terrain, die Stadt allerdings in Zeiten finanzieller Abwärtsbewegungen auch. Für die steinerne Erblast muss sie in ihrem Haushalt jedes Jahr 100 000 Euro zur Erhaltung des ungeliebten Objekts fest einplanen. Darüber hinaus müssen immer wieder Einzelteile des angeblich für die Ewigkeit gebauten Ensembles saniert werden. So in den Neunzigerjahren, als für 15 Millionen Mark die Große Straße, die zentrale Achse des Reichsparteitagsgeländes, später von den Amerikanern als Landebahn für ihre Flugzeuge genutzt, einen neuen Belag brauchte.
Auch als die Stadt die frühere SS-Kaserne umbauen ließ, fielen Kosten von 130 Millionen Mark an, die der Bund übernehmen musste, weil die Kommune dazu nicht in der Lage war. Und nun eben die Generalsanierung jenes Geländes, das einst dem „Volk in Trance“, wie Simone de Beauvoir anlässlich eines Besuches in Nürnberg schrieb, als Bühne seiner Selbstdarstellung diente.
„Ich weiß nicht, ob der Erhalt so eines Trümmerhaufens 70 Millionen Euro wert ist“, sagt Hermann Glaser. Der langjährige Kulturreferent der Stadt., der zudem mehrere Standardwerke zur Geschichte der Kultur in der Bundesrepublik schrieb, ist eine beachtete Stimme. Er fordere ja nicht, so Glaser, dass die Tribüne „über Nacht gesprengt“ werde, „aber es sollte schon eine offene Diskussion über den Sinn der Sanierung zu diesem Preis geführt werden“. Er hatte in der Vergangenheit immer wieder für eine „Trivialisierung“ der monumentalen Architektur plädiert, um auf diesem Wege ihr bombastisches Gepräge zu konterkarieren, es womöglich der Lächerlichkeit preiszugeben. Gelegentlich gelang das, so, als im Innenhof der Kongresshalle ein Autofriedhof entstand oder mit dem Vorschlag, ein Billigkaufhaus einzurichten. „Rudi’s Resterampe“ in den unheiligen Nazihallen – das wäre dann doch zu peinlich. Letztlich herrscht Ratlosigkeit.
Ein wirklich überzeugendes Konzept zur Aufarbeitung der Vergangenheit gibt es bislang nur im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Schon architektonisch setzt der lange Keil aus Glas und Stahl, der sich in die Mauer der Kongresshalle bohrt, einen eindrucksvollen Kontrapunkt zu deren bemühter Klassizität. Rund 200 000 Besucher hat das Dokumentationszentrum mittlerweile im Jahr, viele davon aus dem Ausland. Das museumspädagogische Angebot, nicht zuletzt für Schulklassen, gilt unter Fachleuten als beispielhaft. Das sah auch die Jury des Unesco-Preises für Menschenrechtserziehung so, die im Jahr 2000 nicht nur die Stadt Nürnberg, sondern ausdrücklich auch deren damals neu entstandenes Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände auszeichnete. An dessen Finanzierung hatten sich der Bund, der Freistaat Bayern und die Stadt Nürnberg zu je einem Drittel beteiligt.
„Es gibt in ganz Deutschland nur noch zwei bauliche Erzeugnisse aus der Nazizeit, die in dieser Form ausschließlich für die Inszenierung der Nazis dienten“, sagt Nürnbergs OB Ulrich Maly, „das eine ist Prora an der Ostsee und das andere ist das Reichsparteitagsgelände.“
Beide Ensembles, das macht ihren Sonderstatus aus, erinnern nicht wie die zahlreichen KZ-Gedenkstätten an die Opfer, sondern an die Täter. Wie sie dachten, wie sie sich selbst sahen, vor allem aber, wie sie bauten. Die Architektur war es, mit der Hitler seinen Nachruhm sichern wollte. „Es gibt kaum einen anderen Ort in Deutschland, wo man anhand der Anlagen dieses Restensembles die NS-Ideologie so genau erkennen kann“, sagt der Historiker Eckart Dietzfelbinger. Hier werde die politische Ästhetik von Albert Speer im Original abgebildet und mit ihr der Ungeist der nationalsozialistischen Weltsicht. Deshalb müsse das Gelände als Mahnmal erhalten bleiben.
Ohnehin sind die Spielräume der Stadt, sich so oder so zu entscheiden, äußerst eng. Da das Gelände unter Denkmalschutz steht, wäre ein systematischer Verfall wohl problematisch und könnte die Stadt in einen peinlichen Verdacht bringen: den der nachträglichen Spurenverwischung. So hat sie sich 2004 in einem Leitlinienpapier des Stadtrates zum Erhalt des Geländes „ohne vorgegebenes Ende“ verpflichtet. Gleichzeitig macht sie darin jedoch auch deutlich, dass es sich um ein nationales Erbe handelt, das zu stemmen über die Kräfte einer Kommune geht. Damit ist nicht nur, vordergründig, die finanzielle Dauerbelastung gemeint. Es fehlt auch die öffentliche Debatte darüber, was mit der grotesken Hinterlassenschaft zu geschehen habe. Ein mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende immerhin bemerkenswertes Faktum.
Internet: www.museen.nuernberg.de/dokuzentrum
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