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04.03.2010

7_Mall.jpg7_Moschee.jpg7_Zollverein.jpg
Impressionen des Ruhrgebietes [zur Fotostrecke]

RUHRGEBIET 
Eine Frage der Kohle

Das Revier ist zum Strukturwandel gezwungen. Beendet ist er noch lange nicht. Die Jungen ziehen weg, die Kommunen sind pleite, der Bergbau lebt nur in der Erinnerung. Eine Expedition in eine Arbeitswelt ohne Maloche – und ohne Seele.

VON RAOUL LÖBBERT


„Das Ruhrgebiet ist immer noch für die Literatur ein unentdecktes Land.“
(Heinrich Böll)

Foto: Westend61/vario images 


Am Anfang ist das Nichts. Dann weit unten ein graues Meer aus Häusern. Langsam kommt es näher, dann schneller, immer schneller. Schließlich stürzt der Blick hinein in eine Stadt aus lauter Städten: der Planet Pott aus der Satellitenperspektive von Google Earth. Ohne auf der A 40 im Dauerstau von Bochum nach Duisburg zu stehen, ohne sich bei der Ankunft in Oberhausen von der Lieblosigkeit eines Fünfzigerjahre-Bahnhofs deprimieren zu lassen, ist er nun dank Google in Sekundenbruchteilen möglich, der große Zoom ins Herz des Reviers.

Nach und nach werden die Konturen einer neuen Arbeitswelt sichtbar. Häuser, Zechen, Fabriken nähern sich schnell, werden riesengroß, entfernen sich wieder auf Wunsch, werden zu Punkten weit entfernt. Es braucht Nähe und Abstand, die Widersprüche des Ruhrgebiets als Teile eines großen Ganzen zu sehen. Hier die wackelige Trinkhalle an der Ecke, dort die Shopping-Mall-Krake in Oberhausen. Links die rauchende Kokerei Prosper in Bottrop, rechts die Skihalle mit dem einsamen Bimmelbähnchen davor. Verfallene Wohnbunker, leer und schwarz, neben einem großem Baggerloch in Dortmund-Hörde. Bald soll dort aus der Asche der Hermannshütte der Phoenixsee erstehen. Eine grüne Wohn- und Wohlfühloase im Problemstadtteil mit Bötchen und Mittelstandsfamilien, die im rapide alternden Ruhrgebiet ihre Bugaboo-Kinderwagen durch die Sonne schieben.

So oder anders wird das neue Ruhrgebiet sein. Mit dem fest im deutschen Bildgedächtnis verankerten Kohlenpott hat dieses Ruhrgebiet wenig gemein. Bis heute ist die Region dort als Moloch der Montanindustrie abgespeichert, als schwarzes, qualmendes Land, bewohnt von dunklen Gestalten, die die Erde durchwühlen. Doch wo früher Rauch war, gibt es nun einen Himmel. Das Land von Feuer und Stahl hat das Rauchen mittlerweile fast völlig aufgegeben. Zu tief sitzt die Steinkohle, zu unrentabel ist sie heute im globalisierten Energiemarkt. Subventionen halten den Patienten Bergbau künstlich am Leben. Der liegt seit fünf Jahrzehnten im Sterben, Zeche für Zeche entlässt er die, die von ihm lebten, in die Frührente. 2018 wird der Staat wohl endgültig die Subventionszufuhr kappen. Dann verweht er für immer, der Atem aus Rauch. Übrig bleiben Anfänge und ganz viele Enden, übrig bleibt …

Der Mythos

Der Architekt Heinrich Böll hat nie etwas geschrieben, was von literarischer Bedeutung war, dennoch hat er ein Weltkulturerbe erschaffen. Im Trenchcoat steht der Essener mit dem berühmten Schriftstellernamen vor dem Pförtnerhäuschen der Zeche Zollverein und deutet hustend hinter sich: „Da!“ Und genau da steht sie, die 1986 stillgelegte, ehemals größte und schönste Zeche der Welt, samt Doppelbockförderturm und restauriertem Schacht 12 im Bauhausstil. Ein Prestigebau des Industrialismus, gestaltet von 1928 bis 1932 aus einem Guss, klotzig, wuchtig und dank Heinrich Böll nicht mehr schmutzig-rissig, sondern schnittig-schön. Von 1989 bis 1999 haben Böll und sein auf marode Industrieanlagen spezialisiertes Architekturbüro in einer ersten Bauphase an dem Komplex mit seinen 21 Hallen herumrenoviert. Der Abschluss der zweiten und letzten: die mit dem holländischen Stararchitekten Rem Kohlhaas gestaltete Kohlenwäsche, dieser wie eine Maschine wirkende Kasten mit dem neuen Ruhrmuseum darin und der Gangway in Holländisch-Orange davor. „Nach Zechenschließung“, so Böll, „war die Kohlenwäsche das größte und heruntergekommenste Gebäude auf Zollverein.“ Lange hat sich niemand an sie herangetraut. Als es Böll doch wagte, wurde er grau über den Problemen.

Es lohnte sich. Am 9. Januar beklatscht die Welt zur Eröffnung von Kulturhauptstadtjahr und Ruhrmuseum das Ergebnis des architektonischen Verjüngungsprozesses – wenn auch mit steifen Fingern, weil draußen und bei Schneetreiben. Ein paar hundert Gäste mit Rang oder Namen zittern wie in Frischhaltefolie verpackt als grün-gelb-rote Ampelmännchen unter ihren bunten Wärmecapes. Bundespräsident Horst Köhler trägt einen Indiana-Jones-Gedächtnishut und hält eine Rede, die der Wind verweht. Zwei Rapper reimen auf „Herne“ „gerne“. Herbert Grönemeyer singt eine Hymne, als wäre die „Ruhr 2010“ die neue Fußball-WM. Vorher darf NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers noch metaphysisch werden. Mit breitem Pinsel skizziert er die Farbenlehre des neuen Reviers: „Früher hieß es, das Ruhrgebiet ist grau. Ich sage, das Ruhrgebiet ist grün. Heute ist es weiß und Weiß ist bunt.“ Stille. Dann in die Andacht hinein eine Musical-Version von „Glück auf, der Steiger kommt!“ Alle Ampelmännchen singen mit.

„Ja“, sagt Heinrich Böll bei Käsekuchen im Café der Kohlenwäsche, „manchmal treibt der Stolz über den Titel Kulturhauptstadt Europas bunte Blüten.“ Bei offiziellen Anlässen wird er von den Mächtigen gern als Bekenntnis-Cocktail serviert: Ja, wir alle sind Kumpel, wir malochen fürs Revier und für Deutschland, wir lieben Disziplin, wir sind außen zäh wie Leder und schmelzen innen heiß wie Kruppstahl. So sieht er aus, der gefühlte Bergbau, dem keine Krise etwas anhaben kann.

Niemand bringt ihn samt der Mischung aus Proletarierromantik und Konservatismus derzeit so gekonnt auf den Punkt wie der dauerwahlkämpfende Jürgen Rüttgers, der sozialdemokratischste Konservative, den die CDU je hatte: „Is okay so! Weitermachen! Glück auf!“, so sein Arbeitsauftrag zu Beginn der Ruhr 2010. Weitermachen ist im Ruhrgebiet Glaubensgrundsatz. Selbst als nichts mehr „okay“ war, in den Achtzigern und Neunzigern, als bei Zechenschließung jeder mit den demonstrierenden Bergarbeitern im Fernsehen mitmarschieren konnte, lautete das Heilsversprechen noch immer: Glück auf mit Subventionen.

„Einige Zeit“, sagt der Strukturwandel-Experte Franz Lehner in seinem Büro an der Ruhr-Universität Bochum, war das auch „okay so“. Das Festhalten am Mythos habe die Region lange vor dem Schlimmsten bewahrt: „Subventionen schützen vor Massenarbeitslosigkeit. Dann aber“, der Schweizer Professor für angewandte Sozialforschung wechselt ins solidarische „Wir“ und greift beherzt in eine Keksdose mit der Aufschrift „Futtern wie bei Muttern“, „haben wir den Absprung in die Nachkohlezeit verpasst.“ „An der Ruhr“, schrieb bereits 1928 der Essener Publizist Erik Reger, „vollzieht sich das öffentliche Leben aufgrund von Fiktionen. Man läuft hinter den Größen der Vergangenheit mit Superlativen der Bewunderung her: Wo keine Überzeugung ist, hört die Überlieferung niemals auf.“ So, sagt Franz Lehner, sei der Mythos lange Ausrede für Konzeptlosigkeit gewesen. Dennoch gibt es Hoffnung.

Für Heinrich Böll ist Hoffnung ein Schalthaus: Halle 2 auf Zollverein. Wo früher Strom transformiert wurde, transformieren heute Werbedesigner in einer Kreativschaltstelle ihren Gedankenstrom in neue Reklamekonzepte. Ein italienischer Kaffeeautomat röchelt in einer Bürolandschaft. So hell und sauber ist sie, dass man ohne Tasse den Latte macchiato auch vom Fliesenboden lecken könnte. Alles, was einst schwarz war, ist jetzt weiß, alles, was elektrisch summte, schweigt nun still. Nur im Obergeschoss warten zwei alte Umformer wie schlafende Riesen auf ein Erwachen, das nie mehr kommen wird.

„Erhalt durch Umnutzung“, nennt das Böll, „das Vorhandene als Basis für Neues sehen.“ Denkmalschutz bedeute halt nicht automatisch, jede noch so rostige Maschine für alle Zeiten zu konservieren. „Mythen kommen ohne lebenserhaltende Maßnahmen aus.“ Sie verändern sich, atmen. Früher etwa hätte sich kein Arbeiter zum Malocher-Sein bekannt. „Da war Zollverein eine verbotene Stadt, in die man nicht ging.“ Kohle war schmutzig, wer will sich schon schmutzig machen? Die Region lebte den Minderwertigkeitskomplex, nicht fein, nicht gebildet genug für Restdeutschland zu sein. Bis Mitte der Sechziger gab es im Ruhrgebiet nicht mal eine Universität. Der Bergmann sollte arbeiten und schweigen. Maloche bestimmte das Selbst, geliebt wurde sie nie.

„Mehr als eine Wirtschafts- ist der Tod der Kohle eine Identitätskrise“, so Böll. Nach der Stilllegung von Zollverein etwa sollte die Zeche abgerissen werden, nur eine Initiative des Landes konnte das verhindern. Heinrich Böll steht in 38 Meter Höhe auf dem Dach der Kohlenwäsche. Er schaut traurig aus dem Panoramafenster zum verschneiten Doppelbock. Franz Müntefering hat hier im Restaurant seine Michelle geheiratet. Dieter Bohlen schnauzte an gleicher Stelle seine Möchtegernstars in Grund und Boden. „Schon komisch“, sagt Böll und rauft sich das graue Haar, „dass die Menschen mit alldem anfangs nichts zu tun haben wollten.“ Oft sei er missbilligend von Essenern gefragt worden, wie viele Schwimmbäder sich von den rund 220 Millionen Euro Gesamtkosten für Zollverein bauen ließen. Und ja: Eine ganze Stadt hätte wie die Könige baden gehen können von dem Geld. Doch stattdessen ströme sie jetzt hierher und sei stolz auf Zollverein und den Mythos Maloche, weil es der einzige Mythos ist, den das Ruhrgebiet hat. Mehr als Identität, eine Geschichte, Sinn könne Kultur nicht schaffen. Alles andere ist Sache der Politik, und die ist im Pott nicht schwarz wie die Kohle, sondern rot bis aufs Blut.

Die Mächtigen

Gelsenkirchen ist wie Eintopf: gräulich, deftig, ehrlich. Frank Baranowski hat ein Herz für Eintopf. Er ist Oberbürgermeister von Gelsenkirchen. Die wenigsten Kommunalpolitiker dürften ihn dafür beneiden. Schulden drücken, die Gebildeten wandern ab, die Arbeitslosigkeit ist höher als manches SPD-Wahlergebnis in Ostdeutschland. Von der Arena Auf Schalke abgesehen, gibt es nichts, womit man Besucher beeindrucken könnte. Trotzdem ist Baranowski ein Überzeugungs-Gelsenkirchener. Schaut auf diesen Zoo, sagt der schlaksige 47-Jährige gern, ist der nicht neu, ist der nicht schön? Ja, er ist schön. Aber Zoos gibt es viele. Einzigartig ist in Gelsenkirchen das Eintopfprinzip, das Ineinanderrühren von Dingen, die so verschieden sind wie Linsen und Würstchen.

Nach diesem Rezept wurden Anfang des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Gebietsreformen Gemeinden mit so klingenden Namen wie Horst, Heßler oder Bismarck zu einer neuen Stadt zusammengekocht: Gelsenkirchen. Doch der urbanen Suppe fehlt es noch immer an Bindung und den Stadtteilen an einer Mitte. Dennoch ist der Gelsenkirchener Eintopf für Frank Baranowski Heimat. Das Rezept könne man ja nach und nach verfeinern. In einem Behelfsrathaus in Buer – der Hauptsitz wird gerade saniert – sitzt Baranowski an einem viel zu großen Schreibtisch und schwelgt in gastronomischen Erinnerungen. Wie es war, als seine Eltern – der Vater Bauschlosser, die Mutter Änderungsschneiderin, beide Enkel polnischer Bergleute – kaum Geld für Fleisch hatten. Als es zweimal die Woche Linseneintopf gab. Wie es sich anfühlte, nicht arm und nicht Mittelschicht zu sein, so wie die meisten Menschen im Ruhrgebiet weder arm noch Mittelschicht sind. Es ist diese Zeit, die alte und selten gute, von der sich Frank Baranowski gern vornehm distanziert. Eine Zeit, in der jeder SPD-Funktionär so dickhäutig, mächtig und unbeweglich war wie Martha-Rosl, die greise Nilpferddame im Gelsenkirchener Zoo, deren Pate Baranowski ist.

„Bis 1999 dachte die SPD hier, dass sie ein Abonnement auf die Macht habe. Sie hatte den Kontakt zu den Leuten verloren“, sagt Baranowski in seinem Büro und spielt mit dem Designer-Kuli. Ein paar Quadratmeter Moderne hat der ehemalige Deutschlehrer sich in einem Übergangsgebäude erschaffen, das wie ein Bunker für eine aus der Zeit gefallene Bürokratie aussieht. Graues Linoleum schlägt auf den Fluren Blasen. Ein Paternoster steht still. Es riecht nach klammem Papier, nach Putzmittel, nach Füßen. Dennoch weht ein Hauch Obama durch Buer.

Nach der Katastrophen-Kommunalwahl von 1999, bei der die SPD viele Rathäuser an die Union verlor, glauben seit einigen Jahren die Menschen im
Ruhrgebiet ihren Genossen wieder. Die sozialdemokratische Reconquista rollt seitdem durchs Revier, einer ihrer Anführer: Frank Baranowski, der Mister 64 Prozent der Kommunalwahl 2009. „Ich war davon ausgegangen, die Zeit der absoluten Mehrheiten ist vorbei“, entschuldigt er sich beinahe. Immerhin sei die Katastrophe von 1999 mehr als ein Denkzettel gewesen.

Eine Ära sei mit ihr zu Ende gegangen, die Ära der letzten Gewissheiten. Der Gewissheit etwa, dass die Subventionen immer sprudeln, dass irgendwer im Falle des Falles schon als Rundumversorger an die Stelle des Bergbaus tritt, und ja, auch die Gewissheit, dass die SPD die Arbeiterschaft ist und die Arbeiterschaft die SPD. „Die klassischen Milieus verschwinden.“ Das liege neben dem Strukturwandel auch an der SPD-Bildungspolitik.

Die ermöglichte es nicht nur dem jungenhaften Stadtvater – Bafög sei Dank! –, als Kind kleiner Leute an die Uni zu gehen. Noch so ein Glaubensgrundsatz des Ruhrgebiets: Sohnemann soll es mal besser haben. Und als es die Sohnemänner schließlich besser hatten, zogen sie mit ihren frischgebackenen Mittelschichtfamilien ins Grüne. Zurück blieben Straßen ohne Bäume, Mietskasernen ohne Charme, die noch schneller altern als die greisen Kumpel darin. So zog die Sozialdemokratie an dem Teppich, auf dem sie selber stand und auf den alle SPD-Bürgermeister und Ministerpräsidenten bis zum großen Versöhner Johannes Rau ihren Nachfolgern in Blutrot eine Mahnung gestickt hatten: Solidarität!

Mit Solidarität begann der Aufstieg der SPD im Ruhrgebiet. Die Sozialdemokratie wurde hier erst richtig groß, schreibt der Parteienforscher Franz Walter, als das Zechensterben einsetzte. Als es Kümmerer brauchte, Wahrer des sozialen Friedens, Verteidiger des Bestehenden. „Diese Sozialdemokraten versprachen nicht die neue Gesellschaft, keine rote Zukunft“, so Walter. Sie hörten zu, nahmen in den Arm, trösteten: Hömma, wir kriegen dat schon hin. „So adaptierten und säkularisierten sie erfolgreich den traditionell im Revier starken Sozialkatholizismus“, sagt Norbert Lammert, Bundestagspräsident, Vorsitzender der Ruhr-CDU und Sohn eines Bochumer Bäckers, beim Empfang nach dem Eröffnungsgottesdienst der Ruhr 2010. „Diese scheinbar sozialdemokratische Kernregion“, so Lammert zwischen einer Semmel und einer noch nicht geschüttelten Hand, „wurde länger vom Zentrum und den Kommunisten bestimmt als von der SPD.“

Da alle es taten und tun, kann das Kümmern also gar nicht aus der Mode kommen. Die Arbeiter seien ja nicht weg, sagt Frank Baranowski. Sie werden nur alt und sie werden weniger, aber es gibt sie noch und sie wollen gepflegt werden. Baranowski kann das. Als Gewerkschafter ist er so SPD, wie man nur SPD sein kann. Trotzdem ist er anders, nicht so ruhrselig wie viele Genossen einst. Gesundheitswirtschaft lautet sein Mantra beim Thema Demografie. „Früher war Gelsenkirchen auf 400 000 Einwohner angelegt, heute hat es 240 000. Rückbau ist Realität.“ Warum also nicht Spitzenreiter in der Altenindustrie werden, wieso nicht Gelsenkirchen zu einem der führenden Seniorenheime der Republik machen? Das schaffe Arbeitsplätze. Die Menschen gehen, die Industrieanlagen stehen leer, gut, weg damit. Lasst auf Ruinen blühende Landschaften, Gewerbeflächen oder Museen erstehen – so argumentiert kein Traditions-Kümmerer, so spricht ein Problemmanager, der das Modell der „kreativen Zerstörung“ des Ökonomen Joseph Alois Schumpeter bis zum letzten Buchstaben verinnerlicht hat. Das Neue: Vor kurzem hätte man mit dem Versprechen auf Zerstörung keinen Blumentopf gewonnen, heute holt man damit absolute Mehrheiten.

Frank Baranowski ist Optimist – was hat er für eine andere Wahl? Er setzt auf Aufbau West. „Die Probleme der Ruhrgebietskommunen sind so groß, dass wir sie nur mit Bund und Land zusammen lösen können.“ Die Lage im Westen sei der im Nachwende-Osten ähnlich. Wie dort soll Rettung von oben kommen. Früher waren dafür im Ruhrgebiet nicht die Mächtigen zuständig, sondern die Übermächtigen, die Ruhrbarone, die Stinnes, die Krupps. Sie bildeten die einzige Instanz, die das Revier verändern konnte. Die Lokalpolitik war ihr kniender Hofstaat, die „Filzekrattie“, wie die Mischung aus politischer Macht und Ohnmacht bis heute im Ruhrpott-Slang heißt.

Mit dem Rauch verschwanden die übermächtigen Götter, sie waren nur scheinbar unsterblich. Seitdem ist der Himmel blau, aber leer. Unter ihm sitzt Frank Baranowski noch immer an seinem viel zu großen Schreibtisch. Vor ihm steht ein Bild von Abraham Lincoln, dem Befreier der Sklaven. Lincoln guckt ernst, aber milde. Baranowski guckt gar nicht. Mit geschlossenen Augen scheint er an Eintopf zu denken. Er lächelt und kann gar nicht mehr aufhören. Fröhlich-frei träumt er wie viele im Ruhrgebiet von Zukunft. Gemacht aus den Zutaten des alten Reviers, köchelt irgendwann vielleicht in ihrem Pott …

Die Stadt

Am Anfang ist das Nichts, nur ein paar über die Landschaft gestreute Hütten. Mit der Zeit werden die Hütten zu Dörfern, die Dörfer zu Städten, die Städte zu einer Metropole – zum großen atmenden Stadtkörper, wie der Schweizer Soziologe Franz Lehner sagt. Nicht Luft und Liebe halten eine solche Metropole am Leben, sondern Arbeitsteilung. so Lehner. Bei einem Körper sind fürs Greifen die Hände, fürs Sehen die Augen und fürs Laufen die Beine zuständig. Ähnlich funktionieren Metropolen wie New York, Tokio oder London. „Da gibt es einen Stadtteil mit Schwerpunkt Finanzen, einen für Kultur und Einkaufen, einen dritten für Bildung und so weiter.“

In der oft beschworenen Metropole Ruhr mit ihren noch fünf Millionen Einwohnern dagegen muss das Auge gleichzeitig laufen und die Hand gleichzeitig sehen können. „Hier will jede Stadt ihre eigene Universität, ihr eigenes Theater.“ Keine aber könne allein existieren, dafür fehle das Umland. Doch statt sich als Metropolregion zu begreifen, agierten viele Städte wie Einzelkämpfer in einem Krieg aller gegen alle. Oberhausen etwa klotzte – großzügig subventioniert – Mitte der Neunziger die Shopping-Mall „Centro“ eines englischen Investors samt Vergnügungspark und Konzerthalle auf ein Gelände der Thyssen AG und nannte das Ganze „Neue Mitte“, es hatte keine alte. Wie ein Staubsauger zog das Centro die Kaufkraft aus der eigenen wie aus den umgebenden Fußgängerzonen ab. Die Nachbarn konterten die Kaufkriegserklärung mit dem Bau eigener Shopping-Malls – wohlgemerkt in einer Region mit extrem niedriger Kaufkraft: „Irrsinn“, schimpft Lehner, „Irrsinn.“

Am Ende gab es keine Sieger, nur Verletzte. Statt Arbeitsplatzmotor wurde das Centro Einspritzpumpe für Billigjobs. Statt Wirtschaftsaufstieg hat Oberhausen heute die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland. Ein Palast für die Luxusprodukte der Welt sollte das Centro sein, stattdessen gibt es hier Ladenketten wie überall auf der Welt. Immerhin zum Ort des Austauschs hat es die „Neue Mitte“ gebracht. In der Plastikwelt der Coca-Cola-Oase im Herzen des Centro darf sich die Stadt nun darüber austauschen, welche Fritten besser für Oberhausen sind, die von McDonald’s, Nordsee oder Curry Karl, während auf einer Videowand Bohlens Superstars den Traum vom großen Glück besingen. Ja, sagt Franz Lehner mit Bernhardinerblick, das kommt davon, wenn man Stadtentwicklung Großinvestoren überlasse: „Man kann von einem Callgirl keine Liebe erwarten.“

Der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault hatte mehr Verständnis für Lokalpossen: „Wie regiert man sich selbst“, fragte er einmal in einem Interview, „wenn man selbst Objekt der eigenen Handlungen ist, der Bereich, in dem sie sich abspielen, das Instrument, dessen sie sich bedienen und zugleich das Subjekt, das handelt?“ Indem man Wege ausfindig macht, schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett, „sich der Realität des Scheiterns und der Selbstbegrenzung zu stellen“. Was kann ich besser als andere, was nicht? Die Stärken sind es, an denen man arbeiten muss.

„Die Universitäten Essen und Bochum sind stark in klinischer Forschung“, so Lehner. „Gut! Lasst uns die Mittel von Stadt und Land hier bündeln, auf dass ein Spitzenforschungskern entsteht.“ Das sei auch für Firmen aus der Gesundheitswirtschaft attraktiv. Der Haken: Arbeitsteilung in einer „polyzentrischen Metropole“ sei stets gewachsen, keiner habe bislang versucht, sie von oben zu steuern. Eine Möglichkeit wäre eine Art Europäische Union auf Ruhrebene. Aber wie in der EU, so sträuben sich auch im Revier die einzelnen Zutaten beharrlich dagegen, zu Eintopf zu werden. Angst vor dem Verlust der Eigenständigkeit, von Macht, ist das Haar in der Suppe der Metropole Ruhr – nicht nur dort. Franz Lehner wedelt mit dem Zeigefinger: Schwerpunkte bilden heißt nicht, alte Monokulturfehler zu wiederholen. Schwerpunkte schließen Vielfalt nicht aus. Man muss nur mal dahin blicken, wo im Schatten Hoffnung blüht. Nach Bottrop.

Bottrop – einer der letzten Bergbaustandorte im Ruhrgebiet, die jüngste Großstadt des Reviers. Zur deutschen Leitkultur trugen Bottrops Kult(ur)intendant August Everding und Pornostar Kelly Trump bei. Bottrop war schon immer anders und ist es noch: Die Arbeitslosenquote liegt unter zehn Prozent, kaum Leerstand in der Fußgängerzone, kaum Wegzug und dazu ein Oberbürgermeister mit Düsseldorfer Migrationshintergrund, der kein Lehrer ist, sondern Raumplaner, ein Mann vom Fach also.

Bei der letzten Kommunalwahl holte Bernd Tischler für die SPD 53 Prozent, „ein bescheidenes Ergebnis, verglichen mit dem von Frank Baranowski in Gelsenkirchen“, wie er sagt. Dafür hat Tischler das schönere Rathaus: einen rostroten Neorenaissancebau, den die Bottroper 1916 den Ruhrbaronen als Machtdemonstration vor die Nase setzten. Im nussbaumvertäfelten Besprechungszimmer beugt sich Tischler über einen handtuchgroßen Flächennutzungsplan. „Bottrop hat noch Platz zum Wachsen, das ist unser Vorteil.“ Die Bergarbeiterkolonien um die Zechen konnten nicht wie sonst überall mit dem alten Dorfkern zu einem Häusermeer verschmelzen. Zudem sind einige der großzügig ausgestatteten Gartenstädte des 19. Jahrhunderts – die Verwirklichung des alten Bergarbeitertraums vom Häuschen mit Rasen – erhalten geblieben und dienen nun den andernorts aussterbenden jungen Mittelstandsfamilien als frisch restaurierter Lebensraum.

Niemals hat Bottrop den Fehler begangen, sein Herz nur einem Callgirl zu schenken. Freizeitgroßprojekte wie Alpincenter und Movie Park sind genauso gern gesehen wie ein glücklicher Mittelstand und ein nicht allzu depressiver Restbergbau. Aber was, wenn der 2018 verschwindet? Keine andere Industrie wirkt so in die Tiefe, schafft im Verhältnis zur Fläche über der Erde so viele Arbeitsplätze. Tischler schaut verzückt auf seinen kunterbunten Flächennutzungsplan: „Selbst dann sind wir gut aufgestellt.“

Die Ohnmächtigen

Derweil streichelt Jörg Henke die Kurven des Smartphones, das einmal sein Leben war: das SL 91 von BenQ. Ein gutes Handy sei das, zuverlässig, robust, gute Akkuleistung, sagt der alleinerziehende Vater eines pubertierenden Sohns und könnte damit auch sich selber meinen. Früher war er Maschinenschlosser auf Zeche Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort, tief im Westen des Reviers. Ein Bergmann, wie seine Brüder, der Vater, der Großvater. Dann aber bekam Jörg Henke dieses komische Gefühl, den ziehenden Schmerz, sich verändern zu müssen, weil Bergbau schmutzig und gefährlich ist. Und überhaupt: Veränderung sei gut, das höre man überall.

Nur ein paar Straßen weiter musste Jörg Henke gehen, von Friedrich Heinrich zu Siemens, um ein neuer Mensch zu werden. Aus Jörg Henke, dem Bergmann, wurde Jörg Henke, der Line Operator. „In einer dynamischen Gesellschaft“, schreibt Richard Sennett in seinem Standardwerk „Der flexible Mensch“, „ist Stillstand der Tod.“ Jörg Henke stand nicht still, er war flexibel. Die Welt veränderte sich nur ein klein wenig schneller als er.

Zehn Jahre später verkaufte Siemens die Mobilfunksparte samt Werk in Kamp-Lintfort an den taiwanischen Hersteller BenQ. Ein Jahr darauf meldete BenQ Insolvenz an. Jörg Henke erfuhr davon im Videotext. Zum Trost bekam er wie jeder der 2000 Beschäftigen aus der Insolvenzmasse einen Beleg der eigenen Schaffenskraft: ein SL 91. Mit dem SL 91 sollte mal die Zukunft für BenQ und Kamp-Lintfort beginnen, sie war bereits Vergangenheit, bevor sie Gegenwart wurde: Das SL 91 wurde niemals ausgeliefert.

„Es hätte eh keiner haben wollen“, sagt Jörg Henke und legt sein SL 91 zurück in die Schachtel, in der es darauf wartet, gebraucht zu werden. Dann lässt er sich in seiner Kamp-Lintforter Eigentumswohnung mit den Porzellanputten an der Wand auf die Couch-Landschaft fallen und schaut in die Röhre: Ein Ermittler hetzt in einer Dokusoap Hartz-IV-Betrügern hinterher. Jörg Henke macht den Ton aus, er hat genug von solchen Geschichten. Arbeitslosigkeit suche sich niemand aus. Selber hat er nie von Hartz IV gelebt. Kurz nach der BenQ-Pleite fand Henke einen neuen Job bei den Deutschen Edelstahlwerken als Dreher und Zerspaner. Arbeit sei das, mehr nicht. Henke zeigt auf einen Tirolerhut auf der Anrichte. Einmal im Jahr fährt er nach Antholz, Wintersport gucken. Jörg Henke mag Biathlon. Die Wölkchen aus Atem, die Stille vor dem Schuss, Schnee, Schweiß und Bier, der Jubel der Menge – das ist für ihn das Leben.

Wie kann ein Mensch, fragt der Soziologe Richard Sennett, in einer Arbeitswelt, „die aus Episoden und Fragmenten besteht, seine Identität und Lebensgeschichte zu einer Erzählung bündeln“? Indem er sie wie Jörg Henke von der Couch aus analysiert: „Bergbau stirbt, dachte ich. Er ist schon tot, er zuckt nur noch, dachte ich.“ Niemals hätte er geglaubt, auf Friedrich Heinrich die Rente erleben zu können. Und jetzt arbeitet er noch 15 Jahre für weniger Gehalt als die Kumpels von einst. Bald werden die ihre Sachen packen und genug Geld haben für Berge und Biathlon oder was sie sonst glauben, sich verdient zu haben. Jörg Henke schaltet ab. Er kann das Elend nicht mehr sehen.

Thomas Jeckel schaut, schnäuzt und reibt sich die tränenden Augen. „Alte Tradition im Bergbau“, sagt er. Wegen des Grubengases herrscht striktes Rauchverbot auf der Zeche.“ Da müsse man sich, auch wenn’s kitzelt, den Tabak durch die Nase ziehen. Jeckel ist in der vierten Generation Bergmann. Auf Zeche Prosper-Haniel in Bottrop ist er für Arbeits- und Gesundheitsschutz zuständig. Seit den Tagen seines Urgroßvaters hat sich einiges verändert. Früher waren Kohle und Krieg nur etwas für echte Männer, erzählt Jeckel in der Kaue auf Prosper-Haniel. Die Kleider der Kumpel hängen in der Kaue wie Körper ohne Leben an Haken unterm Dach.

Alles Zivile bleibt hier zurück. Tausend Meter tiefer tobt der Kampf gegen den Berg. Früher war der lebensgefährlich, Unglücke waren nicht selten. Doch die Zeiten ändern sich auch hier. Dank der Technisierung und Mechanisierung sind die Unfallzahlen stetig rückläufig. „Bergmann ist mittlerweile so ungefährlich wie jeder andere Job“, sagt Jeckel. Für alle Fälle trägt er eine rote Alarm-Jacke mit Schutzhelm. Selbst die Staublunge, die alte Bergmannsseuche, ist heute nur noch berufsmedizinische Erinnerung. Die meiste Zeit kämpft Jeckel mittlerweile einen endlosen Papierkrieg; von wegen ein Mann, ein Presslufthammer. Eines aber ändert sich wohl nie: Frauen wagen sich nur in die Kaue, wenn sie den Boden bohnern, von einer sagenumwobenen holländischen Praktikantin namens Cindy einmal abgesehen. Cindy! – ein Seufzen geht durch die Kaue.

Thomas Jeckel spricht viel von Gefahr und Sicherheit und einer Zahl, die über allen Köpfen schwebt, als hinge sie da oben zwischen all den Hosen: 2018. Prosper-Haniel wird dann zu den beiden letzten Zechen gehören, die stillgelegt werden. Jeckel weiß, was das bedeutet, er hat es zweimal erlebt: Alte Bergmänner wurden frühverrentet, junge auf die verbleibenden Zechen verteilt. 2018 wird es, sollte eine Überprüfung des Ausstiegs 2012 das Ende bestätigen, keine verbleibenden Zechen mehr geben. Betriebsbedingte Kündigungen sind ausgeschlossen, der Rückzug läuft geordnet und sozialverträglich, zurück lässt er ein Heer jugendlicher Rentner.

Wo einst im Schatten der Fördertürme Kumpel in Kolonien lebten und eine Gemeinschaft über und unter Tage bildeten, ist heute ihre einzige geteilte Freizeiterfahrung der Pendlerstau auf der A 40. Lange vor 2018 ist Bergbau als Lebensstil ein Schatten seiner selbst, auch wenn nicht nur Thomas Jeckel von einem Sockelbergbau träumt, auf dem dann in besseren Tagen neue Kumpel aufbauen können. Denn was ist Arbeit wert, fragt Jeckel schniefend – seine, die des Vaters, Großvaters, Urgroßvaters –, wenn sie keine Früchte trägt?

„In der Welt von heute ist der größte Wert der Arbeit die Arbeit an sich“, sagt Rolf Hölper. Als Senior Product Lifecycle Manager arbeitet er im Bochumer Forschungszentrum der kanadischen Firma Research in Motion (RIM) am Nachfolger des Bold 9700, des angeblich besten Blackberry, das die Welt je gesehen hat. Hölper erzählt ganz im modischen Schwarz vom Zeitgeist: „Ein Smartphone ist ein Lifestyle-Produkt.“ Es zu entwerfen ist mehr als Technik, es ist Design, Mode, vielleicht sogar Kunst. Das Blackberry war ein Volltreffer, Jörg Henkes SL 91 war es nicht. Unabhängig von Zeit und Ort defragmentiert ein Blackberry Tag für Tag das Leben von Managern und denen, die es werden wollen, in Episoden zwischen einer Mail und der nächsten, einer SMS, der Hoffnung auf Antwort und ihrer Erfüllung. Das Blackberry gab der Flexibilität einen Klingelton, die Grenze zwischen Arbeits- und Privatsphäre erodiert seitdem schneller dank ihm – auch bei RIM: Die 240 Mitarbeiter – Tendenz steigend – duzen sich aus Prinzip, die Hierarchien sind flach, der Umgangston kumpelhaft, die Geschäftssprache Englisch. „We are family“, sagt Rolf Hölper strahlend. Spaß an der Arbeit ist das Wichtigste, das Geld nimmt man bei RIM im Vorbeigehen mit.

Es ist nicht lange her, da war dem Bochumer, der ein bisschen aussieht wie Herbert Grönemeyer, gar nicht zum Lachen zumute. Das war, als Nokia, Hölpers früherer Arbeitgeber, die Produktion in Bochum urplötzlich einstellte, um sie hoch flexibel nach Rumänien zu transferieren. Jürgen Rüttgers gefiel das überhaupt nicht: „Im Unterschied zu den Arbeitnehmern im Ruhrgebiet kommen die in Rumänien nicht um sieben zur ersten Schicht und bleiben bis zum Schluss. Sie kommen und gehen, wann sie wollen, und sie wissen nicht, was sie tun“, giftete der Ministerpräsident. Der Senior Product Lifecycle Manager findet das nicht „okay so“. Er kann Nokia sogar verstehen, auch Research in Motion produziert global. „Aber es gibt Grenzen. Ein
Unternehmen hat Verantwortung für Stadt und Menschen.“ Global Player aber sind nirgends richtig zu Hause, sie sind Nomaden.

Verantwortlich für eine Stadt fühlen sich vor allem die kleinen Unternehmen vor Ort, der lächelnde Mittelstand, Manfred Milz-Caspar. Der fröhliche Hobbyrocker mit Dreitagebart weiß nicht einmal, was ein Smartphone alles kann, warum auch, er ist kein Manager und will es auch nicht werden. Manfred Milz-Caspar lebt den „Lifestyle“ eines unabhängigen Tankstellenbesitzers in der dritten Generation. Einem der internationalen Mineralölkonzerne hat er sich nie unterworfen. Seit 1924 wird in Essen-Holsterhausen auf eigene Rechnung getankt, geschraubt, getratscht. Milz-Caspars „Tankstelle mit Herz“ ist damit die älteste Deutschlands.

Nur die Liebe scheint die windschiefe Hütte im Brausen der Globalisierung zusammenzuhalten. Doch im Herzen des Sturms herrscht Ruhe: „Krumme Dinger gibt es bei uns nicht“, sagt Manfred Milz-Caspar in einem Büro, das aussieht, als wäre gerade der Papierkorb explodiert. „Der Liter Super kostet bei uns noch Einsdreißig und nicht Einsneunundzwanzigneun.“ Torkelt ein „Besuffski“ zur Tür herein und grölt „Fernet-Branca!“, macht Manfred Milz-Caspar erst mal Kaffee. Er ist Seelsorger und Orakel in einer Person. Wie bei einem Orakel üblich, gibt es Menschen, die von weit her kommen, um bei ihm Sinn zu suchen – und Sprit. Wem es dagegen nur um eine schnelle Füllung geht, der tankt lieber billiger und anderswo.

Die paar Cent mehr, die alles in der Tankstelle mit Herz kostet, lohnen sich. Bei Tankwart Milz-Caspar bekommt man noch Wahrheiten, die keine Demografie- oder Arbeitsmarktstudie auszusprechen wagt: „Ich sach Ihnen, warum keine Kinder mehr geboren werden: Eine Kassiererin bei Plus kommt um elf Uhr nachts nach Hause; da is halt nix mehr mit Geschlechtsverkehr.“ Manfred Milz-Caspar schaut aus dem kleinen, milchigen Fenster des Hüttchens. Da fährt eine Stammkundin vor, eine attraktive Geschäftsfrau. In Dubai hatte sie vor ein paar Jahren einen Bericht über die Tankstelle und ihr Orakel im Business-Fernsehen gesehen, seither kommt sie regelmäßig. Nun will sie, dass Manfred Milz-Caspar ihr die Wischblätter richtet. Er lächelt und zieht sich die Jacke über: „Dann wollen wir mal.“ Ein harter Arbeitstag wartet, an dem er wieder kaum verdienen wird. Manfred Milz-Caspar denkt nicht an morgen, er hat eh nichts gespart. Er lebt für Volltanken und Wischblätter. Würde ihm das genommen, wäre er nackt bis auf die Jacke. Dann könnte ihm keiner mehr helfen, dann fiele er ins Bodenlose.

Glaube! Liebe! Hoffnung?

Am Anfang ist das Nichts. Dann geht es von ganz weit oben plötzlich abwärts, schneller, immer schneller, vorbei an den rußenden Hochöfen der Duisburger Thyssen AG, die Straßen entlang, durch die Götz George als Schimanski schon mal mit Blaulicht bretterte, damit seine Currywurst nicht kalt wird, tief hinein nach Marxloh, ins Herz des Problemstadtteils, dorthin, wo ein baufälliger Kirchturm ganz plötzlich die Sicht blockiert: St. Peter, ein Hochofen Gottes. Zweimal die Woche morgens um Viertel nach acht hebt Pastor Michael Kemper in St. Peter die Arme gen Himmel und betet für Unschuldige und Sünder, Mächtige und Ohnmächtige, für die wenigen Lebenden und die ganz vielen Toten. Nur ein paar Kerzen brennen um den Altar. Dunkelheit pirscht sich aus den Ecken an die Insel aus Licht heran, in dem zwei, drei, vier, fünf Gläubige knien und die Hände falten. „Mehr sind es selten“, sagt Pastor Kemper nach der Frühmesse in der Sakristei. Ein krummes Mütterchen schaut kurz um die Ecke. Braucht jemand etwas? Und ja, Pastor Kemper braucht etwas: Gläubige, Geld. Das Mütterchen nickt kurz und geht ab.

Seit Jahren sterben Marxloh und dem übrigen Ruhrgebiet die Gläubigen weg. Dabei bestand die Ursuppe des Potts früher aus Kohle und Katholizismus. Ein heiliger Bund, den Franz Hengsbach, erster Bischof des Ruhrbistums, 1958 mit einem Ring besiegelte, in den ein Kohlestückchen eingelassen war. Kohle könne zu Diamanten werden, so Hengsbach. Dazu brauche es nur Druck.

Druck gibt es genug im Ruhrgebiet, Diamanten weniger. Vor fünf Jahren wurde die finanzielle Not des noch jungen Ruhrbistums so groß, dass es in einer Strukturreform viele Pfarreien zusammenlegen und jede dritte Kirche schließen musste. „In der Tat hat das Ruhrbistum “, sagt Norbert Lammert nach dem Eröffnungsgottesdienst der Ruhr 2010, während Bischof Franz-Josef Overbeck wie durch göttliche Fügung vorbeiflaniert, „einen besonderen Ehrgeiz entwickelt im notwendigen Bemühen um Veränderung.“ Wobei man aber durchaus darüber streiten könne, ob Riesengemeinden und Sparen per Rasenmähermethode nicht das Gefühl von Nähe und Geborgenheit rasieren und Anonymität begünstigen. „Andererseits“, Norbert Lammert beißt kräftig in seine Salamisemmel, „ist die Not groß.“ Wie groß? So groß: „Schauen Sie, die Fassade“, sagt Pastor Kemper, als er in Siebenmeilenschritten den Pfad von St. Peter zum Pfarrhaus nimmt. „Vorne ist sie rot, hinten kohlrabenschwarz. Da ging uns das Geld aus, den Dreck von früher abzuwaschen.“

Früher, das ist die Zeit, als der Himmel stets dreckig grau statt sonnig blau war. Als Hunderttausende Arbeiter aus Polen kamen und im Ruhrgebiet blieben, obwohl sie nur geholt wurden, um irgendwann wieder zu gehen. Wie Frank Baranowskis Urgroßeltern sprachen sie Polnisch, kauften in polnischen Geschäften polnische Linsen und polnische Würstchen: Soczewica und Kielbaski, gründeten polnische Vereine und waren doch nie eine polnische Parallelgesellschaft. „Weil sie sonntags“, so Kemper, „neben den deutschen Kumpeln in der Messe saßen, denen sie täglich im Schacht ihr Leben anvertrauten.“ Das Revier war eine Glaubens- und Schicksalsgemeinschaft, lange ist das her.

Seit den sieben Jahren, die Kemper in Marxloh ist, muss er mit Sanftmut zur Kenntnis nehmen, wie sich sein Stadtteil verändert. Wie die Jungen gehen, wie die Luft schlecht bleibt in der Nähe zu Thyssen und Marxloh manchmal zum Himmel stinkt. Wie nur die Alten bleiben und die Armen und es immer mehr Arme werden, weil sie aus ganz Duisburg hierher ziehen der günstigen Mieten wegen und dann aus den Fenstern mit den Ellbogen auf den Sofakissen den ganzen Tag nach dem Rechten sehen. „Irgendwann“, orakelt Kemper, „lebt hier alles auf Hartz IV.“ Aber auch das habe sein Gutes: Wer Hartz IV beziehe, komme zwar nicht öfter in die Messe, trete aber auch nicht aus der Kirche aus. „Dazu fehlt der finanzielle Anreiz.“ Kemper lacht trocken, es klingt wie Keuchhusten.

Armut, nicht Migration sei das größte Problem in Marxloh. „Das übersehen viele Medien gern.“ Fernsehteams kommen oft hierher und bestaunen je nach Gusto den Multikulti-Mix aus Dönerbuden, Spielhallen und guten alten deutschen Rentnern oder messen auf der Suche nach dem Kampf der Kulturen nach, wie hoch das Minarett der Merkez-Moschee ist, der größten Moschee Deutschlands. Jeder dritte der heute knapp 18 000 Einwohner von Marxloh hat türkische Wurzeln. In den Sechziger- und Siebzigerjahren kamen die Türken wie hundert Jahre vor ihnen die Polen, um zu arbeiten und dann wieder zu gehen. Auch sie blieben. Nur waren sie allein mit ihrer Religion und ihrer Sprache, konnten oftmals nicht lesen und können es oft noch heute nicht.

„Bergbau war harte Arbeit: Stemmen, stemmen, immer wieder stemmen“, sagt Dervis Sarikaya auf Türkisch in der Teestube der Merkez-Moschee. Seit gut 40 Jahren lebt er in Duisburg, sein Deutsch bedarf jedoch der Strukturreform. Söhne hat er keine, deshalb soll es seine Tochter mal besser haben. Sie studiert Jura in Duisburg. Dervis Sarikaya ist schon lange aus Marxloh weggezogen: Hinaus ins Grüne, erzählt er, so wie das jeder hier tue, der Geld und Verstand habe, egal ob Deutscher oder Türke. Dennoch: Es sind die Türken, die Marxloh am Leben erhalten, selbst wenn sie, wie Gültekin Börekci, unter keinen Umständen hier wohnen wollen.

Börekci betreibt eins der rund zwei Dutzend Brautmodengeschäfte auf der Hauptstraße. „In Sachen türkischer Brautmode ist Marxloh Weltmarktführer“, sagt der smarte 32-jährige Diplom-Kaufmann und zupft an einem Kleid, das so bunt ist wie ein auf Überlebensgröße aufgepumpter Kolibri. Selbst in Istanbul gebe es nicht so eine Auswahl. Aber die Geschäfte gehen schlecht: „Die Krise, die Krise.“ „Ja“, sagt Dervis Sarikaya in der Teestube der Merkez-Moschee zwischen anderen türkischen Bergleuten in Rente. „Die Zeiten sind schlimm. Sie waren es immer, sie werden es immer sein.“ Jeden Tag kommt er in die Merkez-Moschee. Ihr traditioneller Stil erinnert Dervis Sarikaya an alles, was schön ist: an Zuhause.

Vor zwei Jahren wurde die Moschee eröffnet. Der damalige katholische Bischof Felix Genn war dabei und Jürgen Rüttgers sowieso. Einmalig ist nicht allein die Größe, sondern auch die interreligiöse Begegnungsstätte mit Verein und Beirat, in dem neben Anwohnern und Politikern auch Pastor Kemper sitzt. Ein Pflänzchen der Transparenz im wuchernden Garten der deutschen Moscheenlandschaft. Oft wird in diesem Garten ein islamistisches Unterholz vermutet, deshalb müsse man das Pflänzchen schützen, sagt Kemper, etwa vor den allzu liebevollen Zugriffsversuchen des Moscheenverbands Ditib. Denn zwischen Merkez und St. Peter wächst das neue Marxloh, vielleicht sogar das neue Ruhrgebiet, mit dem Islam als Leitreligion und einem Christentum, das auf dem Weg zur Hauskirche ist. Michael Kemper reibt sich die Hände. „Dann machen wir es uns richtig schön gemütlich um den Altar.“

Was auch geschieht, nie wird das Minarett der Merkez-Moschee – es ist 34 Meter hoch – den Kirchturm von St. Peter überragen. Man kann ihn sehen vom Gebetssaal, wo der Hodscha fünfmal am Tag das „Ettehiyat“ wiederholt, den Lobpreis der Himmelfahrt des Propheten. Weichen Teppich und weiches Licht gibt es dort und Männer, viele Männer, die sich in einer Reihe gen Mekka verneigen. Einer von ihnen steht in den Gebetspausen an der Kasse im Moscheeshop, kaut Kürbiskerne und verkauft Postkarten und Comics, die dem Nachwuchs den Islam erklären sollen: „Es ist“, sagt der kleine rotstichige Holger in „Ich liebe das rituelle Gebet“, „als ob das Universum eine Moschee sei. Alle Wesen beten den einen Schöpfer an.“ Sie knien. Genauso wie die eins, zwei, drei, vier, fünf Morgenbeter von St. Peter oder die vier- bis fünfhundert Menschen beim ökumenischen Eröffnungsgottesdienst des Kulturhauptstadtjahres. Das Fernsehen ist da, der Essener Dom ist voll. Beides kommt nicht gerade häufig vor. Im schönsten Moment dann das Kulturhauptstadtkreuz: Hereingetragen von würdigen Männern, geht es gleich wieder hinaus zu den „Local Heroes“, den Städten des Ruhrgebiets, eine Tour de Ruhr durch ein Revier voller Helden. Lange gab es dort nur Gegenwart, eine rauchende, rußende, endlose Moderne, die dann doch zu Ende ging. Seitdem haben auch Local Heroes eine Vergangenheit. Mit jedem Schrittchen vorwärts schreiben sie auf ihrem Weg Geschichte.

Die würdigen Männer stolpern nicht. Ernst, aber milde bahnen sie dem Kreuz einen Weg durch die Menge. Norbert Lammert sitzt da. Und Fritz Pleitgen. Und Jürgen Rüttgers sowieso. Eine Kamera hat den Drei-Mann-Sturm der Ruhr-2010 in Manndeckung genommen. „Für wen beten die“, hat gerade noch ein Mann ganz links ganz laut gefragt, „WDR? RTL?“ Aber dann erhob auch er sich, als sie sich erhoben, als die Fürbitten gelesen wurden und alle im Dom nach oben guckten und an ihr Revier dachten, an Dortmund, Bottrop, Bochum, Gelsenkirchen, Oberhausen, Kamp-Lintfort, selbst an Marxloh, als sie stumm den Stimmen lauschten, die für sie von Liebe und von Hoffnung sprachen.

„Wann ist man wirklich zu Hause?“, fragt der Schweizer Franz Lehner in Bochum. „Wenn im Bus ein Tourist zum anderen sagt: ,Nett, die Kultur hier, aber warum nur ist der Rest so grausig?‘ und wenn das dann wehtut.“
„Ich will Rente und vor meinem Fenster Berge sehen“, sagt Jörg Henke in Kamp-Lintfort.
„Volltanken? Immer!“, lacht in Holsterhausen der Mittelstand mit Herz.
In Bottrops Kaue seufzt es: „Cindy!“
In Gelsenkirchen will man: „Eintopf!“
Bleibt Marxloh, wo vor bunten Kleidern ein Kaufmann keine Bräute sieht.
Plötzlich Stille.
Dann Jürgen Rüttgers und Norbert Lammert und Fritz Pleitgen und mit ihnen alle, die kurz vor Schluss im Gottesdienst noch das zu sagen haben:
„Wir bitten dich: Erhöre uns!“
Glocken klingen.
Alle gehen.
Essen!
© Rheinischer Merkur Nr. 9, 04.03.2010
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Tour de Ruhr 2010 – Die große RM-Reportage
Ruhrgebiet:  Eine Frage der Kohle. Reportage von Raoul Löbbert
as Ende der Kohle: Protokoll eines Ausstiegs

Literaturhinweise: Ein Pott voll lesenswerter Bücher

 

 
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