In diesem Jahr wäre er 200 geworden. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt über reichen Orchesterklang, verkannte Werke und die Oper als Psychodrama.
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 Großer Unbekannter: Robert Schumann ist als Opernkomponist noch zu entdecken.  Abbildung: Alfredo Dagli Orti/BPK

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Rheinischer Merkur: Warum fasziniert die Musik Schumanns noch heute?
Nikolaus Harnoncourt: Die Musik Schumanns hat einen Zug von Genialität. Natürlich hat das auch die Musik Mendelssohns und Wagners. Aber Wagner hatte das unbeschreibliche Glück, dass die anderen beiden so früh gestorben sind und er dann allein werken konnte. Mit einem neben ihm lebenden Schumann hätte die ganze zweite Jahrhunderthälfte auf dem Opernsektor ganz anders ausgesehen.
RM: Warum?
Harnoncourt: Die Möglichkeiten, die Schumann erfunden hat, mit seiner „Genoveva“ oder mit seinen sinfonischen Dichtungen, „Das Paradies und die Peri“ und die „Faust-Szenen“, die lassen ahnen, dass Schumann die Oper völlig anders weiterentwickelt hätte. Mit „Genoveva“ hat er die Oper praktisch neu erfunden. Das hat sich leider auch darin geäußert, dass die Welt das nicht angenommen hat. Es wird wahrscheinlich auch mit Wagner zu tun haben, dass immer wieder dieselben Reaktionen kommen: „Wunderbare Musik, blöder Text!“ Dasselbe finden wir bei Schubert. Dessen Opern sind so wichtig und so toll. Die wurden nie vom Publikum angenommen. Immer mit der Begründung: „Tolle Musik, blöder Text.“
RM: Sie erwähnten das Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Darin versucht Peri, ins Paradies zu gelangen, scheitert jedoch. Hat Schumann sein eigenes Scheitern auf der Suche nach Erlösung in dieser Figur verewigt?
Harnoncourt: Ich sehe nicht, dass darin Erlösung gesucht wird. Diese Peri will unbedingt etwas erreichen, und sie wird dreimal abgewiesen und erreicht es nicht. Das ist musikalisch so geschrieben, wie es in unserem Leben immer wieder geschieht. Wir versuchen etwas zu lernen und wir scheitern. Schumann schildert den Menschen, dass man nicht aufgeben darf, bis man das erreicht hat, was man erreichen will. Er hat das auch formal wunderbar gelöst. Jeder Teil endet mit dem vermeintlichen Sieg. Peri glaubt ihr Ziel erreicht zu haben. Im nächsten Teil steht sie wieder vor dem Himmelstor und wird abgewiesen. Jeder Akt beginnt mit dem Scheitern und endet mit dem Triumph. Damit sagt Schumann dem Hörer: „Du darfst nie aufgeben, du musst immer weiter!“
RM: Das scheint Schumanns Lebensmotto gewesen zu sein. Wohin hat ihn das in der Musik geführt?
Harnoncourt: Schumann war in seiner Generation der am reichsten instrumentierende Komponist. Seine Klänge sind die perfekte und umfassendste Ausnützung der Klangmöglichkeiten des Orchesters. Er hat eigentlich das moderne Orchester erfunden. Dieses Verdienst wird immer Hector Berlioz zugeschrieben, aber vergessen Sie das bitte! Es ist Schumann, denn bei Schumann finden wir eine emotionale Tiefe, zu der Berlioz nicht fähig war. Ich würde nie ein Stück von Berlioz aufführen aus diesem Grund.
RM: Das bedeutet, Schumann hat die Sinfonie mit großem klangfarblichem Wissen und Orchesterverständnis wesentlich weiterentwickelt. Warum ist er dann als Musikdirektor und Dirigent in seiner Position in Düsseldorf gescheitert?
Harnoncourt: Ich kann mir nicht gut vorstellen, dass Schumann das nötige Feingefühl hatte, sich in den einzelnen Musiker hineinzuversetzen. Der Komponist sieht sein Werk und nichts anderes. Er will das realisiert haben, was er sich vorstellt. Da sitzen aber Menschen, jeder mit einer eigenen Einstellung, mit einer eigenen Auffassung, mit großer Begeisterung und zugleich großer Ablehnung. Jeder setzt sich mit dem Werk auf eine andere Weise auseinander, und der Dirigent hat die Aufgabe, diese verschiedenen, sehr starken Meinungen zu bündeln und eine gemeinsame Begeisterung für das Werk hervorzubringen. Das ist bis heute das Schwierigste für einen Dirigenten.
RM: Ist er daran in Düsseldorf gescheitert und deswegen entlassen worden? Weil er den Musikern seine Vorstellungen nicht vermitteln konnte, also warum sie so oder so spielen sollen?
Harnoncourt: Wirklich große Interpretationen gibt es nur, wenn jeder Musiker das Warum kennt. Es könnte sein, dass Schumann für sich das Warum zu genau kannte. Er lebte in diesem Warum. Es war für ihn tausendfach beantwortet. Er konnte nicht verstehen, was die Musiker brauchen oder nicht brauchen.
RM: Schumann, Mendelssohn und Wagner lebten zur gleichen Zeit. Standen die drei in einer Art künstlerischem Wettbewerb?
Harnoncourt: Ich möchte gern dabei gewesen sein, wie die drei diskutiert haben über ihre Pläne und wie die drei sich auch belauert und beneidet haben, jeder für das, was der andere besser konnte. Mendelssohn hat den „Tannhäuser“ mal dirigiert und fand das so schrecklich, was er da dirigieren musste, dass er daraufhin seine Version der Wahnsinnsfrau, nämlich „Das Märchen von der schönen Melusine“, komponiert hat. Also die haben ja schon reagiert aufeinander.
RM: Wagner hat sich für seine Opernerfolge Stoffe gesucht, die sich theatralisch gut in Szene setzen ließen. Warum hat Schumann Texte von Hebbel und Tieck gewählt?
Harnoncourt: Wenn man sich die Genoveva-Dramen von Hebbel und von Tieck ansieht, dann muss man sagen: Die sind für Oper ungeeignet. Was Schumann dann doch daraus gemacht hat, war ja eine Neuerfindung der Oper. Er hat das Psychodrama erfunden. Musikalisch gesehen war Schumann der Freud der Romantik. Freud war zu spät, nicht Schumann zu früh. Freud ist ein Romantiker im 20. Jahrhundert.
RM: Weshalb war Schumanns Musik zu Lebzeiten nicht so recht populär?
Harnoncourt: Die Lieder Schumanns sind das, was noch heute am ehesten akzeptiert wird. Die großen Orchesterwerke verlangten schon damals so viel vom Hörer, da muss man erst einmal so viele Erwartungen über Bord werfen. Hat Erfolg etwas mit der Qualität zu tun? Beethoven hat über „Così fan tutte“ gesagt, dass das schlechte Libretto Mozart nicht inspiriert hat. Dann hat man „Così“ das ganze 19. Jahrhundert links liegenlassen. Heute würde es kein Mensch wagen, „Così fan tutte“ eine schlechte Oper zu nennen. Bei Schumann steht das noch bevor. Plötzlich wird man sagen: „Das ist überhauptdieOper.“ Für mich ist „Genoveva“dieOper des 19. Jahrhunderts.
RM: War Schumann ein grüblerischer, melancholischer Romantiker?
Harnoncourt: Schumann hatte ein breites Spektrum, von der äußersten, orgiastischen Freudigkeit bis zur Tristesse.
RM: In die er auch verfiel, als er sich seine Hand durch zu extensives Klavierüben ruiniert hatte. Eine Tragödie für ihn, ein Glück für die Musikgeschichte?
Harnoncourt: Es ist immer ein Glück, was passiert ist. Dass Bach nicht seine Hofstelle in Köthen behalten hat. Was wäre gewesen, wenn Mozart Hofkomponist in Wien geworden wäre? Die Geschichte stößt uns in eine Richtung, und dann ist es gut so. Das gilt wahrscheinlich auch für Schumann. Auch für sein Ende. Dieses Verlöschen in einem Sanatorium für Nervenkranke. Man muss froh sein, dass er nicht erleben musste, wie Brahms und Clara Werke wie das Violinkonzert vor der Öffentlichkeit verbergen wollten, weil sie meinten, da habe er nicht mehr seine volle künstlerische Kraft gehabt. Das ist doch schrecklich für einen Künstler, der große Werke schafft. Das ist ja das Ärgste, was man tun kann, wenn man einem Künstler sagt: „Du darfst nicht sprechen.“
An diesem Sonntag um 13.45 Uhr zeigt das Erste den Merkur-TV-Film „Robert Schumanns verlorene Träume“.
Mehr zur Produktion unter www.merkur.tv