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18.03.2010

VERLAGE 
Mit dem iPad in die Kirche

Christliche Publikationshäuser stellen sich vorsichtig auf das elektronische Zeitalter ein.

VON LAURA MÖHR

Die Bibel auf dem Mobiltelefon lesen – das ist schon seit 2008 technische Realität. Der Markt rund um die „Apps“ genannten Zusatzdienste für das Multifunktionshandy iPhone boomt kontinuierlich – auch im religiösen Bereich. Anfang des Jahres hat Apple-Chef Steven Jobs seine jüngste Innovation vorgestellt: einen Lesecomputer namens „iPad“. Er soll der Apple-Fangemeinde nun auch das digitale Lesen im klassischen Apple-Design auf buchgroßen Bildschirmen ermöglichen. Ende Januar 2010 präsentierte Jobs das laut ihm „magische, revolutionäre Produkt“ und löste damit umgehend eine globale IT-Debatte über die Vor- und Nachteile des neuen Tablet-PCs aus. Das iPad kann direkt per Finger oder Stift bedient werden wie ein riesiger Notizblock (Englisch: tablet). Ende April soll das Wunderwerk auch auf dem deutschen Markt erhältlich sein. Es stellt eine technisch nicht perfekte, aber durch den Kultstatus des Herstellers doch ernstzunehmende Konkurrenz für die Lesegeräte von Sony und Amazon dar.

Die christliche Medienlandschaft zeigt sich angesichts elektronischer Neuheiten gespalten: Ein paar Verlage versprechen sich viel von der Einführung elektronischer Angebote, tun aber wenig und lenken ihre Onlinebesucher derweil ab mit Twitter, Facebook, RSS-Feed oder Youtube-Videos als Promotionsplattformen für ihre neuen Bücher. Im Verlag Friedrich Pustet behält man die E-Book-Welle zwar genauestens im Auge, doch solange sich weder ein Format noch ein Lesegerät wirklich durchgesetzt hat, wartet man lieber ab. Auch sei es fraglich, ob ein eher älteres Lesepublikum wie etwa jenes für historische Bücher überhaupt am digitalen Lesen interessiert sei; im theologisch-wissenschaftlichen Bereich sei dies schon eher vorstellbar, erklärt eine Sprecherin.

Der ERF-Verlag, der zur Stiftung Christliche Medien gehört, hält es wie viele: Er probiert die Möglichkeiten des neuen Mediums vorsichtig aus und bietet einige Bücher in Downloadforen an. Es ist geplant, über die momentan im gängigen E-Pub-Format (electronic publication) angebotenen Bibeln und Romane hinauszugehen und im größeren Umfang digitale Schriftstücke feilzubieten.

Das Onlineversandhaus SCM Shop der Stiftung Christliche Medien hat sich schon stärker den elektronischen Trends angepasst: Es bietet seinen Kunden Liedtexte, Noten und MP3-Songs zum Download an. Braucht der Kirchgänger des 21. Jahrhunderts noch sein altes Gesangsbuch, wenn er einfach in der Messe seinen iPad starten und eine entsprechende Datei öffnen kann? Text- und Melodieunsicherheiten müssten nicht sein. Auf der Fahrt zum Gottesdienst lassen sich unbekannte Kirchenlieder noch schnell per MP3-Player anhören.

Das wohl hervorstechendste Angebot auf der SCM-Website bildet die Sonderedition des iPod nano: Er hat das vollständige Liederbuch „Feiert Jesus!“ gespeichert, verfügt also über ein Repertoire von mehr als 250 Liedern. Das kleine Bibellesebuch „Tiefenschärfe“ bildet dazu den technischen Kontrast: Es ist noch auf Diskette erhältlich. Ein passendes Sinnbild für die Frage, die die meisten kirchlichen Verlage momentan beschäftigt: Wie viel mediale Kompetenz ist der Zielkundschaft zuzutrauen? Und: Kann man anhand der Einführung elektronischer Medien im Sortiment eine neue, junge Leserschaft erreichen?

Denn selbst im Fall, dass ein Käufer gewillt ist, am Bildschirm zu lesen, heißt es noch lange nicht, dass auch die neuesten technischen Spielereien, wie der Tablet-PC, wirklich sein Interesse wecken. So zeigt die Kluft zwischen der Diskette, die 1969 auf den Markt kam, und dem iPod von 2001 einen Spagat zwischen unterschiedlichen Leserschaften: Wer heute noch Disketten kauft, ist tendenziell älteren Jahrgangs und technisch nicht sonderlich flexibel. Dagegen stehen die bunten iPod-Serien für eine Gruppe designbewusster und technikaffiner 20- bis 40-Jähriger.

Die meisten christlichen Verlage sehen die Möglichkeiten digitalen Lesens noch kritisch. Es finden sich zwar schon vermehrt elektronische Bücher in PDF- oder E-Pub-Format, doch haben sie noch einen eher geringen Marktanteil. Auch der Verleger Manuel Herder verweist auf die Gefahr, dass heutige Lesegeräte und ihre Betriebsgeräte schnell veraltet sind. Das Zögern der christlichen Verlagshäuser, sich jetzt schnell auf E-Books einzustellen, ist somit begründet.

Der Freiburger Herder Verlag bot schon auf der Buchmesse 2008 E-Books an und hat unter anderem die Herder-Bibel und den Koran als iTunes-Applikationen in ihrem Programm. Was bedeutet es für den Glauben, wenn die Bibel ebenfalls nur einen Klick in der iPhone-App-Sammlung entfernt ist, neben E-Mail- Konto, Busfahrplan und Kalorienzähler? Kann man wirklich neue Leserschaften mit den Downloadangeboten von Gesangbüchern auf einem iPad erreichen? Ältere Menschen könnten mit elektronischem Lesegerät in der Messe die entsprechenden Textstellen im Zweifel vergrößern. Das wäre ein recht exklusives Geschenk von trendbewussten Enkeln: Eine Sehhilfe für über 500 Euro kommt wohl nur für die wenigsten infrage.

Das iPad wird aller Wahrscheinlichkeit nach einen erneuten Apple-Hype auslösen. Ob sich davon christliche Bücherwürmer anstecken lassen, warten die christlichen Anbieter zumeist ab. Die religiöse Verlagsbranche kennt ihre Zielgruppe wohl am genauesten und wird mit ihrer zurückhaltenden bis ablehnenden Haltung nicht vollkommen falsch liegen. Dass die Verbindung zwischen Glauben und Technik aber auch anders geht, beweist die Freie evangelische Gemeinde in Bonn und an anderen Orten – so wie viele freikirchliche Gemeinden – auf ihrer Website: Dort lassen sich sämtliche Predigten der letzten zwei Jahre kostenlos als PDF- oder MP3-Datei herunterladen.

Doch auch hier macht das Angebot eine Grätsche zwischen fortschrittlicher Technik und altbekannten Formaten: Man kann die Predigten nach den Gottesdiensten auch noch als Tonkassette kaufen.
© Rheinischer Merkur Nr. 11, 18.03.2010
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