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20.05.2010

RESSENTIMENTS 
Judenfeinde gab es bereits unter den alten Ägyptern

Peter Schäfer erklärt, warum die Ursprünge des Antisemitismus in der Antike liegen.

VON NIKOLAUS GERMAN

Antisemitismus ist kein Phänomen, das erst im 19./20. Jahrhundert als Folge völkisch-rassistischer Ideologien auftaucht. Judenhass, Judenfeindschaft und Judenfurcht sind vielmehr schon in der Antike zu finden. Dort lägen die Anfänge des Antisemitismus, so Peter Schäfer, Judaistik-Professor an der Universität Princeton. Damit wendet er sich in seinem neuen Buch gegen die, wie er schreibt, „komplexeste moderne Antisemitismustheorie“ von Gavin I. Langmuir. Dieser sah in seinen Anfang der Neunzigerjahre erschienenen Werken das Aufkommen eines „echten“ Antisemitismus – im Unterschied zum „moderaten“ Antijudaismus bei Griechen, Römern und frühen Christen – erst mit dem 12./13. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt warfen Christen in Europa den Juden erstmals vor, Ritualmorde zu begehen, Brunnen zu vergiften und Hostien zu schänden.

Um seine These vom antiken Ursprung des Antisemitismus zu belegen, bringt Schäfer hingegen in seinem Buch eine Vielzahl von Beispielen judenfeindlicher Einstellungen und Aktivitäten im Altertum. So gibt es mindestens seit 300 v. Chr. eine ägyptisch-griechische polemische Literatur gegen die Juden, insbesondere eine wirkmächtige Gegenerzählung zur jüdischen Exodus-Geschichte. Demnach hatte sich der ägyptische Pharao nicht etwa geweigert, die Hebräer in die Freiheit zu entlassen, sondern sie im Gegenteil aus dem Land gejagt, weil sie mit ihren fremden Kulten die Götter des Landes gegen sich aufbrachten und Pest und Unheil auf sich und die Ägypter herabbeschworen. Zu regelrechten Pogromen gegen Juden kam es 410 v. Chr. im ägyptischen Elephantine, als dort der jüdische Tempel zerstört wurde.

Antijüdische Einstellungen und Ressentiments wuchsen bei den Völkern des Altertums aus verschiedenen Gründen. Da war vor allem der alle anderen Götter und Religionen verachtende Monotheismus der Juden; die Vorstellung ihres exklusiven Bundes mit dem einzigen wahren Gott, der sie ihrer multireligiösen mediterranen Umwelt verdächtig bis verhasst machte. Das Verbot, Schweinefleisch zu essen, das Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen, das Ritual der Beschneidung wirkten auf die hellenistisch-römische Kultur befremdlich bis abstoßend. Man warf den sich kultisch und religiös von der damaligen Weltkultur absondernden Juden Menschenhass und Fremdenfeindlichkeit vor. Bei den Römern führte der wachsende Einfluss von Juden (dann auch Christen) im ganzen Reich und besonders in Rom zu einer „Judäophobie“ (Schäfer). Sie befürchteten durch den jüdisch-christlichen „Aberglauben“ (superstitio) eine Zerstörung ihrer Kultur.

Peter Schäfers These von der Entstehung des Antisemitismus in der Antike hat einiges für sich. Sein Buch breitet viel historisches Material aus, geht analytisch freilich nicht sehr in die Tiefe. Hier empfiehlt sich als ergänzende Lektüre Peter Sloterdijks Studie „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“ – ebenfalls im Verlag der Weltreligionen erschienen.
 Peter Schäfer: Judenhass und Judenfurcht. Die Entstehung des Antisemitismus in der Antike. Verlag der Weltreligionen, Berlin 2010. 443 Seiten, 26,80 Euro.
© Rheinischer Merkur Nr. 20, 20.05.2010
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