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27.05.2010

KOMMUNIKATION 
Kultisches Netzwerk

Das Internet wird zum Religionsersatz. Wer „surft“, sucht oft nicht primär Information, sondern Sicherheit, Vertrautheit und Gewissheit. Das verändert unser Gottesbild.

VON NORBERT BOLZ



PUZZLE:  Die Welt, aus einer Vielzahl von Bildern aufgebaut. Besucher der Fachmesse Photokina betrachten eine Installation.
Foto: Detlev Schilke 


Unter humanistisch gebildeten Menschen überwiegen beim Stichwort Internet immer noch die düsteren Visionen von der Sintflut der Bilder, vom Zerfall der Kultur – als ginge es rasend schnell auf den Untergang des Abendlandes zu. Doch dieser Pessimismus hat offenbar seine beste Zeit schon hinter sich. Heute mehren sich stattdessen die Heilsversprechen, die das Pfingstwunder des Internets ankündigen. Alle Menschen werden Brüder im Netz. Das technische Netzwerk nährt den sozialen Traum der Gemeinschaft. Und schon verklärt sich das Internet als Soziallabor, elektronisches Rathaus und virtuelles Parlament. Von der politischen Aufklärungsutopie zur Mystik der Vernetzung ist es dann nur noch ein Schritt. New-Age-Theologen und Gaia-Propheten verkünden den neuen Geist des Cyberspace und praktizieren Weltkommunikation als Religion.

Es gibt wohl schon heute in der westlichen Welt kaum jemanden mehr, der das Internet nicht benutzen würde. Aber es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen denen, die das Internet nutzen, und denen, die im Cyberspace leben. Es geht hier um den Unterschied zwischen den Älteren, die im Computer ein Werkzeug sehen, und den Jungen, die mit ihm ganz selbstverständlich spielen, weil sie in die digitale Welt hineingeboren sind. Für die einen sind die neuen Medien Instrumente, für die anderen Organe.

Deshalb hört man von den Älteren, wenn es um die Schlüsselphänomene des Web 2.0 geht, immer wieder die erstaunte Frage: Warum machen die das? Warum gibt es Millionen Menschen im Internet, die teilen, schenken und sich sorgen? Warum gibt es unzählige Autoren, die unbezahlt und anonym Beiträge für eine Online-Enzyklopädie schreiben oder Probleme anderer Leute lösen? Warum sind so viele Kunden bereit, Empfehlungen für andere Kunden zu formulieren? Die Antwort ist denkbar einfach, allerdings für „vernünftige“ Menschen und vor allem für klassische Wirtschaftswissenschaftler schwer zu verstehen: Die Leute tun das, weil es ihnen Freude macht.


Der katholische Philosoph Pierre Teilhard de Chardin hat einmal von Noosphäre gesprochen und damit eine Art Weltgeist gemeint, der sich um die Erde lege und die Evolution der Menschheit vollende. Das war in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts natürlich noch reine Theologie. Aber schon in den Sechzigerjahren hat der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan den Begriff der Noosphäre aufgegriffen, um eine neue Welt zu beschreiben, in der die neuen Medientechnologien die Sinne und Organe des Menschen erweitern und eine geistige Membran um die Erde legen. Heute macht das Internet aus dieser Noosphäre technische Wirklichkeit. Und daran mitzuwirken macht der Internetgemeinde einfach Freude.

Diese Freude hat faszinierende gesellschaftliche und wirtschaftliche Effekte. Wer hätte noch vor zehn Jahren an die Produktivität des Teilens geglaubt? Wer hätte geglaubt, dass eine Strategie des Teilens, Schenkens und Vertrauens in der kapitalistischen Welt überlebensfähig ist? Weil heute alle Welt von Heuschrecken, Finanzmonstern und gierigen Managern spricht, wird leicht übersehen, dass es noch nie so viel gelebten Idealismus gab. Idealistisch gesinnte Menschen gab es natürlich schon immer und durchaus auch in Massen. Aber die Lebensbedingungen, unter denen diese Gesinnung florieren konnte, waren selten gegeben. Heute haben Idealisten in der Internet-Gesellschaft nicht nur eine realistische Lebenschance, sondern auch gute Geschäftschancen.

Die Internetkultur besteht in erster Linie in der Pflege des Netzwerks selbst, also eines Angebots von Beziehungen und Verknüpfungsmöglichkeiten. Wer in dieser Welt arbeitet, tut mehr, als er weiß. Jeder, der heute einen Job hat, hat auch einen Zweitjob, eine Nebentätigkeit. Und diese heißt Kommunikation. Im Zeitalter des Internets wird diese Nebentätigkeit, das Netzwerk zu pflegen, immer mehr zur Hauptsache, zur eigentlichen Arbeit.

Vor diesem Hintergrund wird auch die Bedeutung des Zauberworts „Interaktivität“ klar. Je interaktiver ein Medium ist, desto unwichtiger wird die Information. Die Botschaft lautet im Extremfall nur noch: Wir kommunizieren. Marketingexperten haben dafür schon einen neuen, eleganten Begriff gefunden: „linking value“. Dieser soziale Mehrwert der „Links“ im Internet macht deutlich, dass den Menschen die Beteiligung an Kommunikation wichtiger ist als die Information. Und häufig genug trifft man auf den Grenzwert dieser Verdrängung von Information: Kommunikation kommuniziert Kommunizieren. Was haben Diplomatie, Talkshows und das protestantische „Reden wir miteinander“ gemeinsam? Wichtiger als die Information ist die Beteiligung an Kommunikation.

Schon zu Luthers und Gutenbergs Zeiten hat die Religion von Kult auf Kommunikation umgestellt. Heute haben wir eine interessante Ersatzreligion: Kommunikation als Kult. Und nicht nur im Internet. Auch Politik hebt sich in Rhetorik auf. Von Kirchenmännern hört man nur noch „reden wir darüber“, und Talkshows verwirklichen die romantische Utopie vom unendlichen Gespräch.

Das Internet, aber auch alte Medien wie das Fernsehen präsentieren heute Information als Fetisch und Kommunikation als Kult – bei Anne Will nicht anders als in den Chatrooms. Nicht was, sondern dass geredet wird, zählt. Wenn Menschen im Internet surfen, geht es ihnen nicht vorrangig darum, Informationen aufzunehmen oder auszutauschen. Sie wollen gerade in der Redundanz der Botschaft „mitschwingen“, oben auf der Welle bleiben. Es geht nicht um Kommunikation, sondern um Faszination.

Für immer mehr Menschen ersetzen die sozialen Netzwerke die Religion. Dass das so einfach möglich ist, lässt sich ganz leicht erklären. Genau wie die Religion verleiht die Kommunikation den Menschen in erster Linie Weltvertrauen. Es geht hier nicht primär um Informationsübertragung, sondern um Sicherheit, Vertrautheit und Gewissheit. Dass Kommunikation in sozialen Netzwerken als Religionsersatz funktioniert, lässt aber auch umgekehrt vermuten, dass die Theologie am besten geeignet sein könnte, die neue Internetgesellschaft zu beschreiben. Gerade Theologen könnten erkennen, dass in den Bindungen der Netzwerke, die man „Links“ nennt, genau das gesucht wird, was einmal „religio“ hieß. Marshall McLuhans berühmter Satz „Das Medium ist die Botschaft“ müsste heute heißen: Das Netzwerk ist die Frohe Botschaft.


Es ist die große kulturelle Verheißung des Internets, dass wir nach den Etappen der archaischen Stammesgemeinschaft und der modernen „Entfremdung“ nun wieder vor einer neuen Gemeinschaftsform stehen: der von elektronischen Netzwerken getragenen organisatorischen Nachbarschaft. Die eigentliche Bedeutung der Netzwerke liegt ja, wie wir gesehen haben, nicht in der Dimension der Informationsverarbeitung, sondern in der Bildung von Gemeinschaften. Damit verliert die Nation als identitätsbildende Instanz immer mehr an Bedeutung – zugunsten der globalisierenden, aber auch der tribalisierenden Kräfte. Die Netzverdichtung der Weltkommunikation durch technische Medien macht die Gesellschaft übrigens weitgehend unabhängig von der Bevölkerungszahl. Was zählt, ist Erreichbarkeit, nicht Anwesenheit; was zählt, ist Funktion, nicht Substanz.

Die Internetgesellschaft wird nicht von einem Dogma, einer Ideologie, sondern von Kommunikationsritualen zusammengehalten. Rituale setzen an die Stelle der Verständigung die Richtigkeit des Vollzugs. Das zeigt sich im Mediengebrauch als sozialer Anschlusszwang – man muss heute bei Facebook oder StudiVZ registriert sein. Das ist ein religiöser Formalismus, der sehr viel leichter erkennbar wird, wenn man begreift, dass es auch Riten ohne Gott gibt. Der Soziologe Émile Durkheim hat das in seinem Werk über die elementaren Formen des religiösen Lebens klar herausgearbeitet. Sein Fazit lautete, dass die Religion weit mehr sei als die Idee eines Gottes oder Heiligen Geistes. Deshalb haben auch gottunfähige Zeiten wie die unsere eine Religion – man darf sie nur nicht ausschließlich in den Kirchen suchen.
 Norbert Bolz ist Philosoph und Religionswissenschaftler. Er lehrt an der Technischen Universität Berlin.
© Rheinischer Merkur Nr. 21, 27.05.2010
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