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17.06.2010

DEMOSKOPIE 
Menschen stellen Fragen

Meinungsforscher durchleuchten religiöse Einstellungen. Kirche ist respektiert, soll aber keine Ansprüche an ihre Mitglieder stellen. Sie muss neu und mit allen Medien um Beteiligung werben.

VON WOLFGANG THIELMANN



Gegensätze Das Forschungsinstitut Sinus Sociovision hat zehn Milieus in der Bevölkerung ausgemacht. Sie suchen unterschiedliche Antworten auf Existenzfragen.
Zur Vollansicht auf die Grafik klicken. 


Rüdiger Schulz bleibt sachlich, formuliert konstruktiv und nimmt für die bitteren Erkenntnisse einen Anlauf. Das weiße Haar korrekt nach hinten gekämmt, spricht er vom „latenten Wohlwollen“ gegenüber der katholischen Kirche: „Es gibt ein Gefühl, dass die Welt ohne Kirche ärmer wäre“ – bis die Kirche von ihren Mitgliedern ein konkretes moralisches Verhalten erwartet; „dann sträuben sich die Nackenhaare“. Schulz ist vom Institut für Demoskopie in Allensbach nach Frankfurt/Main gekommen, um den dritten Trendmonitor „Religiöse Kommunikation“ vorzustellen, den sein Haus zusammen mit den Forschern von Sinus Sociovision in Heidelberg und Berlin im Auftrag der katholischen Mediendienstleistungsgesellschaft (mdg) in München erarbeitet hat.

Sein junger Sinus-Kollege Marc Calmbach im schwarzen Anzug fügt hinzu, offenbar schaffe es die Kirche nicht, „ihre Angebote so zu platzieren, dass sie attraktiv sind. Oft fehlt die ästhetische Verpackung.“ Ihn hat alarmiert, dass gerade den jüngeren unter den 2056 befragten Katholiken nichts mehr eingefallen ist, als sie gebeten wurden, ihre Vision von Kirche aufzuschreiben. „Man kann sich heute“, ergänzt Schulz, „ein sinnvolles Leben durchaus ohne Kirche vorstellen.“ Wie noch nie fragen junge Generationen: „Was bringt es mir?“ Ohne das Versprechen eines Nutzens „wird die Kirche keine Angebote platzieren können“. Wo früher Katholiken fragten, was Gott oder die Kirche erwarten, wollen heute zwei Drittel vor allem vor sich selbst bestehen können. 70 Prozent der Katholiken, fünf Prozent mehr als 1979, plädieren für religiöse Werteerziehung. Auch in einer Nacherhebung nach der einsetzenden Missbrauchsdiskussion ging der Wert nur um ein Prozent zurück. Katholische Schulen verbuchen nach wie vor hohe Anmeldungszahlen.


„Doch am anderen Ende rangiert wenig Zustimmung zu den Haltungen der katholischen Kirche“, sagt Schulz. Und die Weitergabe des Glaubens in den Familien fällt weitgehend aus – ein Ergebnis, das sich auch in den alle zehn Jahre stattfindenden Befragungen der evangelischen Kirche spiegelt und dort als „Traditionsabbruch“ bezeichnet wird. Die katholischen Bischöfe haben deshalb auf ihrer Frühjahrsvollversammlung im Februar in Freiburg grünes Licht für eine Kommission gegeben, die sich Gedanken darüber machen soll, wie die Kirche im „kulturellen Pluralismus“ der Gegenwart ihre Stimme zur Geltung bringt. Ihr gehören die Bischöfe Reinahrd Marx, Franz Josef Bode und Franz Josef Overbeck an.

Nirgends ist die Kirche so gefragt und so akzeptiert wie bei der Alten- und Krankenpflege. Mit ihrem karitativen Einsatz sind 86 Prozent der Befragten einverstanden. Danach folgt das Engagement für den Frieden. Die Zustimmung dafür wuchs von 1967 bis 2009 von 69 auf 77 Prozent. Von 34 auf 49 Prozent kletterte auch die Zustimmung zur Rolle des Papstes. Hingegen büßte das Ja zur ökumenischen Positionierung der katholischen Kirche sieben Prozent ein und fiel von 51 auf 44 Prozent. Die Unterstützung für den Umgang mit Homosexuellen in der Kirche verringerte sich von 20 auf 17 Prozent, das Ja zum Zölibat blieb mit 12 zu 13 Prozent fast gleich. Die katholische Position zur Empfängnisverhütung verlor dagegen und fiel von zwölf auf neun Prozent. Nur die wenigsten Katholiken, sagt die Auswertung, trauen ihrer Kirche Antworten auf zentrale Lebensfragen zu. Der Trend, ein selbstbestimmtes Leben führen zu wollen, hält an. Eine feste religiöse Bindung hielten 2009 noch 34 Prozent (1967: 47 Prozent) für nötig. Die Zahl derer, die es richtig fanden, sich in eine Ordnung einzupassen, sank von 60 (1967) auf 38 (2009) Prozent.

Das hängt auch damit zusammen, dass der Anteil der eng verbundenen Kirchenmitglieder unter den Jüngeren drastisch abnimmt: Von 31 Prozent bei den über 60-Jährigen auf nur noch fünf Prozent bei den 16- bis 29-Jährigen. Der Anteil der kritisch Verbundenen schwand von 40 (über 60 Jahre) auf 28 Prozent (unter 30 Jahre), der Anteil der Kirchendistanzierten wuchs dagegen von 23 (über 60 Jahre) auf 38 Prozent (unter 30 Jahre). Der Gottesdienstbesuch ist von 11,7 Prozent im Jahr 1950 auf 3,3 Prozent im Jahr 2008 gesunken – trotz Sonntagspflicht. Die Austritte lagen bis 2009 stabil bei rund 120 000 im Jahr. Für 2010 rechnen Fachleute mit einem deutlichen Anstieg durch das Bekanntwerden vieler Missbrauchsfälle.


17 Prozent der Katholiken insgesamt fühlen sich der Kirche eng verbunden, 37 Prozent sind kritisch Verbundene, 32 Prozent bedeutet die Kirche nicht viel, und sechs Prozent gaben an, keine Religion zu brauchen. Das hebt sich ab von den Daten zur evangelischen Kirche. Diese hat 12 Prozent eng Verbundene und 28 Prozent kritisch Verbundene, weniger also als die katholische. 38 Prozent, sechs mehr als bei Katholiken, bedeutet die Kirche nicht viel. Die Kirchenbindung liegt also bei Katholiken nach wie vor etwas höher. Der Trend der Befragungen zeigt bei beiden Kirchen die gleiche Tendenz: Kirche schrumpft sich nicht gesund. Beide Kirchen verlieren nicht etwa nur kritische oder distanzierte Mitglieder, während die engagierten bleiben. Vielmehr verlieren die Kirchen in allen Bereichen.

Was bringt einem die Kirche? Die meisten, 68 Prozent, schätzen die Begleitung bei biografischen Eckpunkten wie Taufe und Hochzeit, gefolgt vom Argument, Kirchenmitgliedschaft habe Tradition in der Familie, mit 50 Prozent. Gottesdienste liegen mit 35 Prozent im Mittelfeld, ebenso wie die Eucharistie mit 22 Prozent und, mit 21 Prozent, das Vertrauen darauf, dass die Kirchensteuer sinnvoll eingesetzt wird. Am Ende der Skala stehen mit jeweils elf Prozent hilfreiche Gespräche über den Glauben und die Begegnung mit Vorbildern – ein Ergebnis, das die Kirche beschäftigen muss, denn das Vertrauen zu ihr läuft zumindest vor Ort über das Vertrauen zu Personen.

Erstmals wurden die Antworten auch auf die zehn Milieus angewandt, die das Sinus-Institut in der deutschen Bevölkerung ausgemacht hat. In drei bis vier davon ist die Kirche eher zu Hause: den Traditionsverwurzelten, den Konservativen, den Etablierten und den Postmateriellen. Das ähnelt Ergebnissen für die evangelische Kirche, die vor sieben Jahren erhoben wurden. 70 Prozent der Katholiken in Westdeutschland bezeichnen sich nach Allensbacher Daten als religiöse Menschen. In der Minderheitensituation der neuen Bundesländer sind es sogar 81 Prozent. Die evangelischen Untersuchungen sowie auch die dritte große religiöse Datenerhebung, der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, bestätigen das.

Wenn sie sich über die Kirche informieren wollen, greifen traditionell orientierte Kirchenmitglieder vor allem zum Pfarrbrief. Modernere zücken das Internethandy oder fahren den Computer hoch. Aber beide tun es vor allem, wenn sie mit dem Pfarrer gesprochen haben oder mit ehrenamtlich Engagierten. Diese bilden das erste Glied in der Kommunikationskette.


Für die Verbundenen bleiben kirchliche Zeitungen daher unverzichtbar. Wegen des Auflagenrückgangs empfiehlt die Untersuchung alternative Modelle wie etwa Mitgliedermagazine. Die sind in der evangelischen Kirche aber schon erfolglos erprobt worden. Bei den kritisch Verbundenen sieht die Befragung jedoch noch großes Potenzial. Zudem haben Kirchenthemen in allgemeinen Medien, im Fernsehen wie in Zeitungen, große Reichweiten. Das Internet nutzen Katholiken etwas intensiver als der Bevölkerungsschnitt.

David Hober vom Medienreferat der Deutschen Bischofskonferenz sieht die Ergebnisse als Lastenheft für das Kommunikationsangebot der katholischen Kirche. Ihm geht es um die „ästhetische Anschlussfähigkeit“. Vor allem in den Online-Angeboten müsse die katholische Kirche „den Stand der Dinge erreichen“. Das Portal Katholisch.de soll, sagt er, „Web-zwei-nulliger“ werden, mit Community und Video und Verbindungen zu den sozialen Netzwerken. „Die Daten sagen: Uns werden Fragen gestellt.“


Katholische Zeitungen: Der RM ist am bekanntesten

Ein schönes Ergebnis hält die Allensbach-Sinus-Umfrage der katholischen Mediendienstleistungsgesellschaft für den RM bereit: Er ist mit großem Abstand das bekannteste gedruckte Medium der katholischen Kirche. 38 Prozent der Befragten nannten seinen Titel auf die Frage, welche katholischen Zeitungen und Zeitschriften sie kennen. Alle anderen Titel blieben weit unter 25 Prozent. Für die engagierten Christen wie auch die kritisch mit ihrer Kirche Verbundenen nimmt der RM damit eine Schlüsselstellung ein. Zudem sind 40 Prozent seiner Leser evangelisch, sodass er zugleich eine ökumenische Brücke schlägt.
Eine weitere gute Nachricht: Ungebrochen ist auch die Zustimmung zu religiösen Büchern und die Zufriedenheit der Leser mit dem Angebot. Ebenfalls einen guten Ruf haben die fast 4000 öffentlichen katholischen Büchereien. Besonders Eltern mit kleinen Kindern, eine begehrte Zielgruppe, nutzen das Angebot rege.

Internet: Die Untersuchung ist in Kurzform abrufbar und in voller Länge zu kaufen unter www.mdg-online.de
© Rheinischer Merkur Nr. 24, 17.06.2010
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