Dass sich die Band indischen Gurus zuwandte, auch im Christentum ihr Heil suchte, ist bekannt. Doch in ihren Songs finden sich Bezüge zum kommunistischen Vordenker – und zu Friedrich Nietzsche.
VON WALTHER WUTTKE |
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|  KULTORT: Der Zebrastreifen in der Abbey Road schrieb Popgeschichte. Ein berühmtes Beatles-Album trägt den Namen der Straße. Foto: dpa

| Die Beatles sind ohne jeden Zweifel die bedeutendste Band der vergangenen 50 Jahre. Ihre Musik ist im Gegensatz zu den meisten anderen Formationen, die im Windschatten der vier Musiker aus Liverpool auftraten, bis heute frisch geblieben, und ihr Einfluss auf die Populärmusik ist ungebrochen. Damals, als sie vor einem halben Jahrhundert zu ihrer Weltkarriere antraten, war die Welt – wenigstens die der populären Musik – in zwei Lager geteilt. Auf der einen Seite John, Paul, George und Ringo, die trotz ihrer gewagten Frisuren vergleichsweise bürgerlich daherkamen, und auf der anderen Seite die Rolling Stones, die sich selbst als Rebellen definierten und diese Rolle bis heute mehr oder (meistens) weniger überzeugend noch als Rock-Opas spielen.
Die musikalischen Verdienste der „Fab Four“ sind also unumstritten, doch dass sie der Nachwelt auch Philosophisches hinterlassen haben, ist eine vollkommen neue Erkenntnis, die Michael und Steve Baur als Herausgeber eines überaus unterhaltsamen Bandes allerdings überzeugend darstellen. „Die Beatles und die Philosophie“ ist ein widersprüchliches Werk und in gewisser Weise auch ein Etikettenschwindel, allerdings ein sehr amüsanter. Denn eigentlich ist das Buch eine leichtfüßige Einführung in die Welt der Philosophie – am Beispiel der Band aus Liverpool. „Die Beatles verstanden sich nicht als Philosophen – angesichts ihrer Begabungen eine kluge Entscheidung“, stellen die Herausgeber bereits im ersten Satz fest, um dann namhafte Philosophen und Musikwissenschaftler über das Philosophische im Werk der vier Musiker schreiben zu lassen.
Steve und Michael Baurs Kollegen unternehmen dabei den Versuch, einen „philosophischen Blick auf das Werk der Beatles“ zu werfen. Sie finden in vielen Songs der Beatles ganz unterschiedliche Werte. So attestiert Michael Baur vielen Titeln „Anklänge an den idealistischen Monismus“, und Jacob M. Held bringt das Thema Liebe, das die Beatles immer wieder ins Zentrum ihre Texte stellten, auf reizvolle Art und Weise mit Hegel in Verbindung.
Dass die vier allerdings den deutschen Philosophen kannten, als sie zum Beispiel in „Eleanor Rigby“ die Einsamkeit thematisierten, ist allerdings unwahrscheinlich. Natürlich darf in diesem Werk Karl Marx nicht fehlen, schließlich ist der Mann der einzige Philosoph, der es auf den Umschlag einer Beatles-Langspielplatte geschafft hat. Ob die Musiker aber, wie Steve Baur meint, „die Vision einer an einer idealen Gemeinschaftlichkeit ausgerichteten Neuordnung der Gesellschaft“ hatten, nur weil sie sich in ihrem Lied „Revolution“ mit dem Aufstand der Jugend auseinandersetzten, ist eher zweifelhaft.
Allerdings wehrten sie sich erfolgreich – wahrscheinlich ohne es zu wissen –gegen die von Marx beschriebene Entfremdung. „Wir wollten doch nicht Musik machen, um eine Arbeit zu haben! Ehrlich gesagt, wir haben damit angefangen, um irgendwelchen drögen Jobs zu entkommen“, beschrieb Paul McCartney einmal den Grund für ihren Einstieg ins Musikgeschäft. Ganz den marxistischen Ideen entsprechend überwanden die Beatles dank ihres phänomenalen Erfolges später die kapitalistischen Zwänge und verfügten am Ende über die Finanzen, die es ihnen gestatteten, ihre eigenen Produktionsmittel zu besitzen. Apple Records war so konzipiert, dass sie die Musiker von Profitzwängen befreien sollte. Paul McCartney: „Wir sind in der glücklichen Lage, kein Geld mehr zu brauchen, das ist also das erste Mal, dass es den Bossen nicht um Gewinn geht.“
Dass dem Ende der Beatles vor 40 Jahren erbitterte Prozesse folgten, in denen es um nichts anderes als Geld ging, steht auf einem anderen Blatt. Es ist spannend zu sehen, wie die Autoren in den Texten immer wieder Anklänge an ganz unterschiedliche Denkrichtungen finden. So wird nach ihrer Analyse zum Beispiel in dem Song „I’m only Sleeping“ offen gegen die kapitalistische Arbeitsmoral Stellung bezogen. Später, als vor allem John Lennon, der Denker der Gruppe, mehr hinterfragte, als Antworten zu geben, war die Ernüchterung über das Erreichte freilich groß. So äußerte sich Lennon: „Die Leute, die die Kontrolle und die Macht haben, und die ganze beschissene bürgerliche Szene haben sich kein bisschen verändert; bis auf so ein paar Kids aus dem Mittelstand, die jetzt mit langen Haaren herumlaufen.“
Die vier Musiker, das wird von den Autoren deutlich herausgearbeitet, waren vollkommen unterschiedliche Charaktere mit durchaus gegensätzlichen Ansichten. George Harrison, der introvertiert wirkende und von John Lennon und Paul McCartney in den Hintergrund gedrängte Gitarrist, war ständig an Religionsfindung interessiert. Alles könne warten, nur die Suche nach Gott nicht, meinte er gegen Ende seines Lebens. Er brachte die Beatles nach Indien und baute später Ideen der süd- und ostasiatischen Philosophie und Religion in seine Songs ein. Und in seinem erfolgreichsten Song „My sweet Lord“ schließlich feierte er seine neue Beziehung zu Gott.
Nach Ansicht der Autoren lassen sich in der Entwicklung der Band Anklänge an alle bedeutenden Philosophen finden. So meint Paul Swift zum Beispiel, dass sie „als schöpferische Visionäre das gefahrvolle, welterschütternde Potenzial“ verkörpern, „auf das Nietzsche seine Hoffnung setzte“. Und: „Als freier Denker jenseits der Grenzen des Establishments verkörperte offensichtlich vor allem John Lennon Nietzsches Bild des Philosophen.“ Überhaupt John Lennon. In den Aufsätzen schreiben ihm die Autoren so gut wie alle Richtungen der Philosophie zu, was natürlich die Gefahr mit sich bringt, allzu beliebig Aussagen und Songtexte in ein bestimmtes Denkmuster zu zwingen.
John Lennon selbst, der Lyriker der Beatles, war darüber belustigt, wie sehr Zeitgenossen immer wieder versuchten, ein wenig Licht in seine mitunter seltsamen Zeilen zu bringen. Über den Song „I Am the Walrus“ sagte er einmal: „Die Worte bedeuten nicht viel. Die Leute ziehen so viele Schlüsse, und das ist doch lächerlich. Ich habe es die ganze Zeit ironisch gemeint – wie alle anderen auch.“
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Michael Baur, Steve Baur: Die Beatles und die Philosophie. Tropen Verlag, Stuttgart 2010. 319 Seiten, 19,90 Euro. |
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