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22.07.2010

DDR 
Ausgezeichnete Sozialisten

Um die Motivation der Bürger zu fördern, erfand der SED-Staat im Juli 1950 den Ehrentitel „Held der Arbeit“.

VON PETER PRAGAL

In einem volkseigenen Betrieb der DDR wurde die Belegschaft per Wandzeitungsappell aufgefordert, eine Sonderschicht einzulegen. Sie sollte sich am Vorzeigekumpel Adolf Hennecke ein Beispiel nehmen, der im Oktober 1948 in einer sächsischen Steinkohlengrube eine Rekordförderleistung vollbracht hatte und von der SED-Propaganda zur Leitfigur einer Aktivisten-Kampagne erhoben worden war. Am nächsten Tag stand unter dem Aufruf der handgeschriebene Zusatz: „Gebt uns erst reichlich Verpflegung, dann sind wir auch für die Bewegung.“

Der Partei- und Staatsführung war die Abneigung vieler Werktätiger gegen die geforderte Mehrleistung ohne zusätzliche Vergütung nicht entgangen. Sie musste zur Kenntnis nehmen, dass Menschen aus reinem Idealismus nur selten Höchstleistungen erbringen. Deshalb sollten künftig zusätzliche Anreize den sozialistischen Wettbewerb fördern und die Produktivität steigern. Am 27. Juli 1950 beschloss der Ministerrat die Einführung des Ehrentitels „Held der Arbeit“. Mit ihm sollten „hervorragende, bahnbrechende“ Taten für den Aufbau und den Sieg des Sozialismus in der Volkswirtschaft anerkannt und gewürdigt werden. Zu der Auszeichnung gehörten ein Ehrenzeichen in Form eines fünfzackigen Sterns, eine Urkunde und eine Prämie von bis zu 10 000 Ost-Mark. Steuerfrei.

Anfangs wurde der auf 50 Auszeichnungen pro Jahr limitierte Ehrentitel an echte Werktätige verliehen. Zu den Geehrten des Jahres 1950 gehörten eine Damenschneiderin aus Halle, ein Bergmann aus Mansfeld, ein Maurer aus Zwickau und ein Lokführer aus Leipzig. Aber schon bald begannen die Spitzenfunktionäre der SED, sich gegenseitig den Orden ans Revers zu heften. Erst wurde Präsident Wilhelm Pieck die Würdigung zuteil. Dann folgten Erich Mielke, Willi Stoph, Kurt Hager und andere Mitglieder des Politbüros. Obwohl der Titel laut Ministerratsbeschluss nur einmal an eine Person verliehen werden sollte, wurden manche Oberbonzen gleich zweimal zu Helden der Arbeit gekürt.


Aber auch das gemeine Volk sollte nicht leer ausgehen. Zug um Zug entstand ein System der Vergabe von Orden, Ehrenzeichen und Prämien, bei dem letztlich fast jeder einmal „drankam“. Für das proletarische Fußvolk war der Titel „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ bestimmt. Ihn erhielten pro Jahr mehrere hunderttausend Werktätige. Die Zeitungen benötigten viele Druckseiten, um alle die Geehrten zu nennen. Für staatsbewusste Bürger war das Durchgehen der Namenslisten Pflichtlektüre. Es hätte ja ein Vorgesetzter, Kollege oder Nachbar unter den Dekorierten sein können, der auf eine Gratulation Wert legte. Eine fast ebenso häufige Auszeichnung war der Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“. Um ihn zu erhalten, bedurfte es keiner Höchstleistungen. Es reichte, am sozialistischen Wettbewerb teilzunehmen und seine Pläne gewissenhaft zu erfüllen.

Gemessen an den strengen Kriterien, nach denen sozialistische Arbeitsbürger noch in den Fünfzigerjahren belohnt wurden, entwickelte sich das Ordenswesen in der Ära von Parteichef Erich Honecker geradezu inflationär. Rund 140 verschiedene Titel verzeichnete ein DDR-Lexikon. Da gab es zum Beispiel die Ehrentitel „Verdienter Arzt des Volkes“, „Hervorragender Wissenschaftler des Volkes“, „Verdienter Volkskontrolleur“ und „Verdienter Jurist der DDR“. Treue Dienste bei Reichsbahn, Post, Zoll und Feuerwehr wurden mit speziellen Medaillen belohnt. Getrübt wurde der Stolz der schmuckbehängten Titelträger nur dadurch, dass es zu viele Ausgezeichnete gab. Die DDR-Bevölkerung, so sagten Spötter, könne man getrost in zwei Gruppen einteilen: in die der Geehrten und die der Beleidigten.

Damit sich die Loyalität zum Regime nicht nur auf ideelle Werte stützen musste, war die Verleihung häufig mit Prämien und Zuwendungen verbunden, gestaffelt nach dem Rang der Auszeichnung. In der Regel gab es 5000 Ost-Mark. Häufig wurden die Ausgezeichneten auch bei der Zuteilung von Neubauwohnungen und Urlaubsplätzen bevorzugt. Beim hoch begehrten Nationalpreis konnte die Prämie bis zu 100 000 Mark betragen. Als Träger des Karl-Marx-Ordens gehörte man ebenfalls zur sozialistischen Elite. Die Summe, die der Geldsegen auf das Volk insgesamt kostete, wurde auf mindestens 50 Millionen DDR-Mark pro Jahr geschätzt.


Mit den Titeln wurden allerdings nicht nur erbrachte Leistungen honoriert. Die Obrigkeit wollte die Inhaber auch zu neuen Taten anspornen. Wer zum Beispiel mit der Auszeichnung „Banner der Arbeit“ geehrt wurde, stand fortan unter dem moralischen Zwang, an seinem Arbeitsplatz stets Vorbild zu sein. Heute können sich Nostalgiker noch immer wie einst im Arbeiter-und-Bauern-Staat fühlen. Die Firma „Ostprodukte-Versand“ bietet auf ihrer Seite im Internet einen Porzellanbecher mit der Aufschrift „Held der Arbeit“ an. Spülmaschinengeeignet. Für 4,99 Euro.
 Peter Pragal lebte und arbeitete in den Siebziger- und Achtzigerjahren als westdeutscher Korrespondent in Ostberlin. Seine Erinnerungen hat er in dem Buch „Der geduldete Klassenfeind“ festgehalten, das 2009 im Osburg Verlag erschienen ist.
© Rheinischer Merkur Nr. 29, 22.07.2010
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