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22.07.2010

RM-Serie: Deutschland, deine Politiker

AGNES KRUMWIEDE 
Die wütende Pianistin

Im Kulturausschuss kämpft die Grüne gegen Ausbeutung in kreativen Berufen. Sie ist eine klassische Seiteneinsteigerin und als Musikerin eine Exotin im Parlament. „Miss Bundestag“ wurde sie wider Willen.

VON MARKUS FELS



PREMIERE: Die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion bei ihrer ersten Rede im Parlament.
Foto: Sven Simon/imago 

Die Sache mit dem Miss-Titel geht ihr auf die Nerven. Als Agnes Krumwiede ins Parlament gewählt wurde, kürte „Bild“ die damals 32-Jährige prompt zur „Miss Bundestag“. Es folgten Interviews, in denen sie über Schönheit und Politik befragt wurde, ihren Kleidungsstil und ein Foto von Jürgen Trittin. Es zeigt den Fraktionschef, wie er Krumwiede nach ihrer ersten Rede im Bundestag hinterherschaut. „Ich habe nicht so viel Lust, über Miss Bundestag zu sprechen“, wiegelt die Abgeordnete aus Neuburg an der Donau ab. „Es bewährt sich nicht, mich auf diese Projektionsfläche zu reduzieren, denn ich bin nicht reduzierbar. Ich bin in die Politik gegangen, weil ich Ziele und Überzeugungen habe.“

Miss Bundestag zu werden gehört nicht dazu. Angebote, für Modemagazine zu posieren, gab es einige. Die Grüne schlug sie aus. „Ich habe diese Angebote abgelehnt. Mit meiner inhaltlichen Arbeit hat das nichts zu tun.“ Krumwiede trägt ein buntes Kleid mit Blumenmuster, die schwarzen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie sitzt an einem Besprechungstisch in ihrem Wahlkreisbüro in Ingolstadt. Ein Altbau mit niedrigen Räumen, der sich in das mittelalterliche Zentrum duckt. An den Wänden des karg eingerichteten Raums hängen Bilder: abstrakte Werke in Grün- und Gelbtönen, die eine Studentin der Münchner Kunstakademie gemalt hat. Krumwiede hat ihr das Büro für eine Vernissage zur Verfügung gestellt. Ein knappes Jahr ist die Grüne nun im Berliner Politikbetrieb. In den Sitzungswochen lebt sie in einer WG im Prenzlauer Berg. „Es tut mir gut, dass ich nicht im Regierungsviertel wohne“, sagt sie. Es helfe ihr, sich zu „erden“.

Krumwiede ist eine klassische Seiteneinsteigerin. Mit Mitte zwanzig tritt sie bei den Grünen ein, gründet die Grüne Jugend in Ingolstadt mit. Damals studiert sie noch an der Musikhochschule in Würzburg, Hauptfach Klavier. Politisch geprägt hat sie ihr Vater, ein ehemaliger SPDler, der zu den Grünen wechselte, weil die Genossen damals nichts für Ökologie übrig hatten. „Als ich zwölf Jahre alt war, hat mir mein Vater schon erklärt, warum den alternativen Treibstoffen die Zukunft gehört und warum wir aus Erdöl, Kohle und Atom aussteigen müssen, wenn wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren wollen.“


Als sie sich entscheidet, für den Bundestag zu kandidieren, ist sie seit vier Jahren diplomierte Konzertpianistin und hat Wut im Bauch: „Ich war und bin wütend über die wahnsinnige Ausbeutung hochqualifizierter Arbeitskräfte im Kulturbetrieb.“ Das Wort „Wahn“ betont sie, schmettert es in den Raum, als wolle sie die Gesellschaft aufwecken. Sie wettert über „das weit verbreitete Unverständnis gegenüber einer kreativen Form des Denkens in unserer mechanistisch geprägten Welt“. Das zu ändern ist ihr Ziel. „Wütend zu sein, ohne selbst aktiv zu werden und gegen Missstände anzugehen, halte ich nicht für ausreichend. Da habe ich mir gedacht, jetzt ist es an der Zeit, dass ich in die Politik gehe.“ Ein zweistelliges Landesergebnis der bayerischen Grünen katapultiert Krumwiede von Listenplatz neun in den Bundestag. Dort ist sie die einzige Musikerin weit und breit – eine Exotin unter den Juristen, Mitarbeitern aus dem öffentlichen Dienst und Wissenschaftlern im Parlament. „Eigentlich sollte der deutsche Bundestag möglichst alle Gesellschaftsgruppen in unserem Land repräsentieren. Das tut er aber nicht. Es fehlen die Handwerker und die Kreativen“, kritisiert Krumwiede. Dieses Defizit sei mitverantwortlich für die Politikverdrossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung. „Die Menschen identifizieren sich nicht mehr mit denen, die Politik machen, weil sie sich von ihnen nicht vertreten fühlen.“

Gut möglich, dass dieses Unbehagen an der Politik auch etwas mit einem feinen Unterschied zu tun hat, den der Soziologe Max Weber in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ beschrieben hat. „Es gibt zwei Arten, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt für die Politik – oder aber: von der Politik“, so Weber im Jahr 1919. „Ganz klar, wie das bei mir ist“, sagt Krumwiede, ohne lange zu überlegen. „Seiteneinsteiger können eher für die Politik leben, weil sie nicht darauf angewiesen sind, von ihr zu leben. Außerdem haben sie meistens einen besseren Einblick in die realen gesellschaftlichen Verhältnisse. Was mich betrifft: Ich bin autark, denn in meinem Leben gibt es keinen größeren Reichtum, als den, dass ich Klavier spielen und malen kann.“

Es gibt bei den Wählern ein Bedürfnis nach Seiteneinsteigern. Sie entsprechen nicht dem gängigen Bild des Berufspolitikers und wirken authentisch, weil sie Politik weniger als Broterwerb, sondern eher aus Überzeugung betreiben. Doch im zähen Politikbetrieb haben es Seiteneinsteiger oft schwer. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich als Bundestagsneuling noch unheimlich viel lernen muss“, gibt Krumwiede zu. „Aber das Lernen gehört zum Leben dazu.“

Im Kulturausschuss hat sie erlebt, wie mühsam es ist, kleine Projekte anzuschieben. Es ging um einen Antrag, in dem Krumwiede forderte, das Grundstück im Regierungsviertel von der Bauleitplanung auszuschließen, auf dem das letzte erhaltene Mauersegment steht. Ein Künstler hat dort Bäume gepflanzt und Skulpturen aufgestellt. Krumwiede will verhindern, dass auf dem Gelände irgendwann doch ein Gebäude errichtet wird. Fast wäre es zu einem Gruppenantrag gekommen, erinnert sie sich. Monika Grütters, die Ausschussvorsitzende von der CDU, sympathisierte mit dem Anliegen, es gelang ihr aber nicht, die Mitglieder ihrer Partei hinter sich zu bringen. „Das ist sehr unglücklich gelaufen. Jetzt bleibt es eben bei einem grünen Antrag“, sagt Krumwiede.

Umgekehrt lief es bei ihrer Idee, ein Sonderprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) aufzulegen, um die Kultur zu fördern. Das Kalkül: So könnte der Bund trotz des Kooperationsverbots Unterstützung bei der kommunalen Kulturfinanzierung anbieten. Inzwischen habe die Ausschussvorsitzende die Idee aufgenommen und spreche in Interviews davon, Kulturkredite einzuführen. „Wenn man als Oppositionspolitikerin eine Idee vorträgt, ist es für die Umsetzung dieser Idee von Vorteil, wenn die Regierungsparteien sie aufgreifen und als ihre eigene ausgeben“, sagt Krumwiede mit einem Anflug von schwarzem Humor. Frust über die Politik verarbeitet sie kreativ. Dann malt sie. Ihr jüngstes Werk ist ein Selbstporträt, ein Foto davon hat sie auf ihrem iPhone gespeichert. Wenn sich Agnes Krumwiede selbst den Spiegel vorhält, sieht sie nicht aus wie Miss Bundestag, eher wie die mexikanische Malerin Frida Kahlo. Schwarze Haare, Mittelscheitel, eindringlicher Blick aus großen, dunklen Augen. Sie hockt vor einem Feld mit blauen Lilien, die Beine vor der Brust. „Auf dem Kopf habe ich meine Wut auf die herrschende Klasse verarbeitet“, sagt Krumwiede und lacht über die Gestalten mit den roten Pappnasen, die sich auf ihrem Haupt tummeln. Guido Westerwelle, der einen Euro zerbrechen lässt. Horst Seehofer, der einen grünen Zeigefinger in die Luft reckt. Karl-Theodor zu Guttenberg – mit einem Sarg.


Das Bild entstand kurz nach der Trauerfeier für die im April in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten. Krumwiede war damals auch im Ingolstädter Liebfrauenmünster, die Kirche ist nur wenige Gehminuten von ihrem Büro entfernt. „Dass ich das als junge Abgeordnete erleben musste, war traumatisch“, sagt sie. „Diese vier Särge mit ausgelöschten Menschenleben von Männern, die teilweise jünger waren als ich selbst, wurden an uns vorbei nach vorne getragen – es war sehr bedrückend.“ Mit seiner Rede bei der Trauerfeier habe zu Guttenberg nicht die richtige Tonlage getroffen, moniert die Musikerin: „Eltern, die ihr Kind im Krieg verloren haben, hilft es bestimmt nicht, wenn ihnen der Verteidigungsminister sagt, dass wir den Begriff Tapferkeit neu beleben müssen.“

Krumwiede hat eine pazifistische Seele. Die Veranstaltung am Abend trifft auch aus diesem Grund viel eher ihren Geschmack. Sie findet in einem als Jugendzentrum genutzten Bau der Festung Ingolstadt statt. Teenager diskutieren mit Abgeordneten über Politikverdrossenheit und die Probleme ihrer Generation. Aufmerksam beobachtet Krumwiede das Treiben auf der Bühne. Jugendliche schwenken Müllsäcke, auf die sie in rot das Wort „Krise“ gepinselt haben, und rappen über ihre Ängste und das Gefühl, dass die Politik sie im Stich gelassen hat. Krumwiede hat den Oberkörper nach vorne gebeugt, so als wolle sie näher am Geschehen sein. Mit einem Flyer fächelt sie sich Luft zu. Draußen ist es über 38 Grad Celsius heiß. Drinnen gefühlte 45.

Die Performance ist vorbei, der Moderator hält Krumwiede ein Mikro hin. Sie soll jetzt etwas zur „Generation Krise“ sagen. „Es ist noch gar nicht so lange her, da stand ich auch da oben mit einer Theatergruppe“, erzählt sie. Sie habe sich mit den Jugendlichen identifiziert, „aber auch die Kluft gespürt“ zwischen Politikern und Wählern. Ihre Botschaft an die rund 100 jugendlichen Besucher: „Wehrt euch, mischt euch ein!“ Es ist noch gar nicht so lange her, dass Krumwiede das zu sich selbst gesagt hat. Mit Wut im Bauch.

Name und Alter?
Agnes Krumwiede, 33 Jahre alt

Position?
Kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen

Warum sind Sie in die Politik gegangen?
Um als Kulturschaffende zur kreativen Entwicklung nachhaltiger Zukunftskonzepte beizutragen

Was bedeutet für Sie Macht?
Im demokratischen Sinne ist sie notwendig, um für die Menschen Verbesserungen durchzusetzen

Wer sind Ihre Vorbilder?
Sophie Scholl, Claudio Arrau, Albert Schweitzer und einige meiner Grünen-Freundinnen und -Freunde

Welche Eigenschaften brauchen Politiker?
Vernetztes, ganzheitliches Denken, Empathie, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz

Was sollte ein Politiker niemals tun?
Aus eigennützigen Profitinteressen gegen das Allgemeinwohl handeln, Versprechen nicht einhalten
© Rheinischer Merkur Nr. 29, 22.07.2010
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