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29.07.2010

ÖSTERREICH 
Als der Asphalt in die Alpen kam

Vor 75 Jahren wurde die Großglockner-Passstraße eröffnet. Heute führt sie durch den Nationalpark Hohe Tauern. Naturschutz und Tourismus ergänzen sich, doch sind die Folgen des Klimawandels unübersehbar.

VON STEFAN SPATH



HERAUSFORDERUNG:  Mit 27 Kehren schlängelt sich die insgesamt 48 Kilometer lange Piste den Berg hinauf und hinunter.
Der Wind trägt ein Brummen heran, das erst ab- und dann wieder anschwillt. Und dann biegt der Pulk von Harley-Davidson-Maschinen auf die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe ein. Zehn, zwanzig und noch mehr chromblitzende Bikes zwängen sich in die Parklücken am „Drive-in-Gletscher“. Abgesattelt, aufgeblickt. Das Panorama: gewaltig. Gegenüber spießt der 3798 Meter hohe Großglockner ein Loch in den Himmel. Rasch dahinjagende Wolken legen tiefe Schatten auf den Pasterze-Gletscher 1500 Meter unter der Gipfelzacke. Ein perfekter Glockner-Tag. Neben Hunderten anderen Besuchern werden auch die Biker Erinnerungsfotos schießen, im Mega-Souvenirladen einen Trachtenhut oder ein Plüsch-Murmeltier erstehen, Snacks mit fettem Hochgebirgszuschlag verspeisen und mit den Resten die feisten Murmeltiere füttern. Dann legen sie wieder den ersten Gang ein, um die Spitzkehren weiter auszureizen.

Das ist das klassische Programm auf der Großglockner-Hochalpenstraße. 75 Jahre ist die Paradestraße der Alpen jetzt alt und erwartet im Sommer ihren 60-millionsten Besucher. Mit 27 Kehren schlängelt sich die 48 Kilometer lange Strecke mitten durch den Nationalpark Hohe Tauern, das größte Naturschutzgebiet Mitteleuropas. Lärm und Benzingestank gegen Naturschutz – wie das wohl zusammenpasst? Ganz einfach: Die Autonarren waren lange vorher da.


Ein Blick in die Geschichte: Mit dem Untergang der k. u. k. Monarchie 1918 brachen Österreichs Tourismusdestinationen reihenweise weg. Die böhmischen Heilbäder, die Seebäder auf der istrischen Halbinsel, die Dolomiten – alles plötzlich Ausland! Auf der Suche nach neuen Tourismusattraktionen, nationalem Selbstwertgefühl und Devisen kam das Projekt des Ingenieurs Franz Wallack wie gerufen: eine Erlebnisstraße, die sich adlergleich über Österreichs höchstes Gebirge schwingen und Besucher von nah und fern anlocken sollte. Als Ausgangspunkte sah Wallack das Salzburger Fuscher Tal beziehungsweise Heiligenblut im Kärntner Mölltal vor. Auch der Knackpunkt war absehbar: das Hochtor, 2506 Meter über dem Meer.

Zwar waren bereits Kelten und Römer über diesen Pass gezogen und später die Säumer, Wanderhändler, die auf ausgesetzten Pfaden Salz im Tausch für Wein, Öl und andere „Venezianer-Ware“ nach Italien lieferten. Aber Autos und gar Busse? Die einen attestierten Wallack einen Höhenkoller, die anderen sahen in ihm einen Visionär. Schließlich stellte sich auch die Regierung im fernen Wien hinter das Prestigeprojekt, das in wirtschaftlich schweren Zeiten ein Heer von Menschen in Lohn und Brot bringen würde. Im August 1930 ließen die ersten 100 Sprengungen die Murmeltierhöhlen im Fuscher Tal erzittern. Fünf Jahre lang wühlten sich die sogenannten Glockner-Baraberer durch das Hochgebirge, von ihrem Chef Wallack verklärt als „zusammengeschweißte Arbeitertruppe, die mit gewaltigen technischen Hilfsmitteln die Natur bekämpfte und eine einzige große Sinfonie der Arbeit erklingen ließ“.

Mit der Eröffnung am 3. August 1935 schlug die Geburtsstunde des „automobilen Alpinismus“. Die Ära mühsamer Anreise war passé; die Großglockner-Hochalpenstraße legte den Massen das Hochgebirge bequem zu Füßen. Schon im Eröffnungsjahr kletterten 13 000 Automobile auf der neuen Panoramaroute über den Alpenhauptkamm – statistisch gesehen etwa 60 Prozent des österreichischen Fuhrparks. In der Nachkriegszeit fuhr hier die Avantgarde des deutschen „Wirtschaftswunders“ ihre neuen Statussymbole von VW Käfer über Opel Kapitän bis zum Porsche 356 spazieren. 360 000 Fahrzeuge und 1,3 Millionen Besucher verzeichneten die Mautstellen im Rekordjahr 1962 – und das bei einer Wintersperre von November bis Mai.

Für viele Österreicher gehörte die Glockner-Fahrt zum Ritual des Erwachsenwerdens. Mit seinem ersten Besuch vor 25 Jahren verbindet Norbert Templ nostalgische Gefühle. Am Rummel habe sich wenig geändert, befindet er. Die Parkhäuser sind noch etwas tiefer in den Berg gebaut, die Preise in den Restaurants noch abenteuerlicher. Einen leichten Schock versetzt ihm allerdings der Blick auf die Pasterze. Geschrumpft und grau schwächelt der größte Gletscher der Ostalpen in seinem Trog, der Panzer mit Schutt übersät, mancherorts rußig. „Die Pasterze ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst“, murmelt der Oberösterreicher.

Und mit diesem Tiefblick verliert auch die Straße ihre Unschuld. Wo einst dem automobilen Glück und der gepflegten Kurvenorgie gehuldigt wurde, rückt zusehends der gefährdete Naturraum in den Vordergrund. Das ist ein Verdienst des in den 1980er-Jahren gegründeten Nationalparks Hohe Tauern. „Die Geschichte hat die Straße gemacht. Wir nutzen sie als Vehikel, um den Besuchern Naturschutzanliegen näherzubringen und Bewusstsein für den einzigartigen Lebensraum Hochgebirge zu schaffen“, erklärt Wolfgang Urban, Direktor für den Salzburger Teil des Nationalparks. Diesem Zweck dienen Schaupulte, Ausstellungen, Lehrwege und erlebnisreiche Rangertouren entlang der Route, die selbst nicht Teil des Nationalparks ist.

Atemberaubende Glockner-Panoramen und botanische Raritäten verbindet beispielsweise der Naturlehrweg Gamsgrube hoch über der Pasterze. Enzian, Steinbrech, Arnika und Gletscher-Hahnenfuß, die die Bergwiesen in allen Farben sprenkeln, sind vielen Wanderern bekannt. Parkbetreuer weisen zudem Pionierpflanzen wie Tauerneisenhut und Gletschergemswurz aus, die den klimatischen Extremen im Pasterze-Vorfeld trotzen. Mit modernsten optischen Geräten lassen sich kapitale Steinböcke rund um die Franz-Josefs-Höhe heranzoomen. Die Zahl der Hornwülste, dividiert durch zwei, liefert Aufschluss über ihr ungefähres Alter. Begleitet wird die Tierbeobachtung in der einem Bergkristall nachempfundenen Wilhelm-Swarovski-Beobachtungswarte mit Infos über erfolgreiche Artenschutzprojekte.


Einen Schwerpunkt legen die Nationalpark-Ranger auf die Folgen des globalen Klimawandels, der in den Alpen dramatisch zu spüren ist. Das ist nicht ohne Ironie, bildet doch gerade die Großglockner-Hochalpenstraße ein kraftvolles Symbol für den Lebensstil der individuellen Motorisierung, der die Umwelt entscheidend mitverändert hat. Am Steig hinab zu Pasterze geben Schautafeln Auskunft über den „Füllstand“ der Eiswanne seit etwa 1850. Und wer die Schilder mit dem Gletscherstand 1980 und 2005 betrachtet, mag nicht mehr ausschließen, dass das Totenglöcklein für die Pasterze schon sehr bald läuten könnte. Manche Forscher geben den Alpengletschern noch Zeit bis 2050, Optimisten legen noch 50 Jahre drauf.

Jenseits des Hochtors liegt die über eine Stichstraße erschlossene Edelweißspitze, mit 2571 Metern höchster Punkt der Tauern-Transversale. Von ferne erinnert sie an ein geköpftes Ei – und der Eindruck trügt nicht. Mit der Einebnung zur Parkraumschaffung ging 1934 auch der neue Name einher, um dem „kurvenreichen Naturerlebnis“ einen wohlklingenden Höhepunkt zu verleihen. Heute ist der „Bikers Point“ auf der Edelweißspitze beliebter Treffpunkt für die Motorradfahrer Europas.

Um das Panorama der mehr als 30 Dreitausender aufnehmen und genießen zu können, bräuchte es wohl einen Moment Ruhe – doch stattdessen dominieren Motorenlärm und kräftiges Benzinaroma. Der Spagat zwischen Natur und „purem“ Fahrerlebnis, der wird auch künftige Generationen beschäftigen. Bis vielleicht in gar nicht so ferner Zukunft nur mehr surrende Elektrofahrzeuge und Fahrräder über Österreichs höchstes Gebirge rollen.

Anreise: Je nach Schneelage ist die Großglockner-Hochalpenstraße von Anfang Mai bis Ende Oktober geöffnet. Die Maut (Tageskarte Pkw 28 Euro) beinhaltet auch die zahlreichen Ausstellungen entlang der Route.

Ausstellungen: Noch bis Ende der Saison zu sehen ist die interessante Ausstellung zum 75-Jahre-Jubiläum am Piffkar. Weitere Informationen: Tel. 0043/4824/221 30. Mit einem Besucherzentrum, mehreren Naturlehrwegen und der Wilhelm-Swarovski-Beobachtungswarte bietet die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe ein besonders abwechslungsreiches Programm (Stichstraße auf Kärntner Seite). Im Internet präsentiert der Nationalpark Hohe Tauern sein Programm.

Essen und Unterkunft: Das zahme Murmeltier „Morfi“ ist die Attraktion beim Mankeiwirt (Fuscherlacke). Außerdem gibt es in der Gaststätte gutes Essen undÜbernachtungsmöglichkeiten (29 Euro pro Person), Tel. 0043/6545/67 79. Eine gediegene Küche und Komfort bietet der Schlosswirt in der Kärntner Gemeinde Großkirchheim, Tel. 0043/4825/411. Die Übernachtung inkl. Frühstück kostet in der Hauptsaison 110 Euro pro Person.

Umgebung: Auch rund um die Hochalpenstraße gibt es viel zu sehen: Das Goldgräberdorf Alter Pocher im Kleinen Fleißtal östlich von Heiligenblut
Führt zurück in die längst vergangene Epoche des Tauerngoldes. Gegen eine Leihgebühr kann man zwischen Juni und September sein Glück als Goldsucher versuchen.

Auskunft: Österreich Werbung Deutschland GmbH, Klosterstraße 64, 10179 Berlin, Tel. 030/219 14 80.

© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
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