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RM-Reiseserie: Auf den Spuren berühmter Autoren
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New York ist in den Romanen Paul Austers allgegenwärtig. Hier lebt er und zieht wie seine Helden gern zu Fuß und ohne festes Ziel durch die Stadt, die niemals schläft.
VON VIOLA KEEVE |
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Mitten in der Nacht klingelt das Telefon. Der Anrufer fragt nach Paul Auster, eine Verwechslung. So hat es der Autor selbst erlebt. Und weil er Verwirrspiele mit dem Leser und auch sonst im Leben liebt, wird daraus ein Romananfang. In „Stadt aus Glas“ verfolgt Detektiv Quinn nämlich als Paul Auster einen alten Mann, den aus der Psychiatrie entlassenen Religionsforscher Peter Stillman, auf seinen ziellosen Wegen durch Manhattan.
Autor und Figur verschmelzen wie oft im Werk des amerikanischen Autors: „Was er am liebsten tat, war Gehen“, heißt es im Buch „Stadt aus Glas“. „Beinahe jeden Tag, ob Sonne oder Regen, heiß oder kalt, verließ er seine Wohnung, um durch die Stadt zu gehen – er ging nie wirklich irgendwohin, sondern ging einfach, wohin ihn seine Beine zufällig trugen.“ Auch Auster geht gern zu Fuß, vielleicht die einzige Art, New York zu erfassen, Straße für Straße, Viertel für Viertel. Wie seine Helden lässt er sich treiben – vom Zufall, von Ereignissen und Eingebungen.
Für seinen Detektiv Quinn ist New York „ein unerschöpflicher Raum, ein Labyrinth von endlosen Schritten“. Wohin er auch geht: „Es hinterließ in ihm immer das Gefühl, verloren zu sein. Verloren nicht nur in der Stadt, sondern auch in sich selbst.“ Ihrem Rhythmus passt er sich an, wird Teil; nur noch „sehendes Auge“ zu sein erzeugt in ihm „ein Maß von Frieden, eine heilsame Leere in seinem Innern“, heißt es. „New York war das Nirgendwo, das er um sich herum aufgebaut hatte, und es war ihm bewusst, dass er nicht die Absicht hatte, es jemals wieder zu verlassen.“
Häufig webt Auster Autobiografisches in sein Werk ein – und natürlich die Stadt aller Städte. Nicht nur das Apokalyptische, die Unentrinnbarkeit ihres Häusermeers, die Einsamkeit, das Anonyme, Hektische der Großstadt zeigt er, auch ihre Oasen: den Central Park, Morningside Heights, den Riverside Park, das elegante Brooklyn Heights und das grüne, beschauliche Park Slope.
Wer all das sehen will, leiht sich besser ein Rad, bei Gotham Bike in TriBeCa für 23 Euro pro Tag, und beginnt in Manhattan, am Columbus Circle. Im Haus 240 Central Park South haben die Großeltern gewohnt. Als Kind, erinnert er sich, wollte er einmal einen Penny auf die Straße werfen. Als er die Hand öffnen will, schreit die Großmutter: „Nein, nicht! Wenn er jemanden trifft, wird er ihm mitten durch den Kopf fahren.“ Das biblische Thema des Fallens wird ein Leitmotiv, ein Leben lang.
Als Sechsjähriger besucht er mit seiner Mutter Liberty Island. Als ihr auf der Treppe zur Fackel der Freiheitsstatue schwindelig wird, rutscht sie auf dem Hintern herunter, Stufe für Stufe. Dem Sohn verkauft sie es als Spiel. Im Roman „Leviathan“ sagt Mrs. Sachs: „Sie hatte das Gefühl, sie könnte jederzeit abstürzen.“ Und ihr Sohn Benjamin sprengt etliche Nachbildungen der Statue in die Luft. „Ich habe gelernt, dass Freiheit etwas Gefährliches sein kann“, erklärt Benjamin. „Wenn man nicht aufpasst, kann sie einen töten.“
Solch ein Ort ist die Brooklyn Bridge, die in Austers Romanen Selbstmörder anzieht. Peter Stillman aus „Stadt aus Glas“ stürzt sich hier ins Wasser, auch Black im Roman „Schlagschatten“ denkt darüber nach, „wie die Knochen krachen beim Aufschlag, wie der Körper auseinanderbricht“. Er spielt in Brooklyn Heights, dem eleganten, reichen Viertel, das eher an London oder Brüssel erinnert. Auster hat hier nie gewohnt, aber andere große Autoren: Truman Capote, Arthur Miller, Walt Whitman.
Wer sich auf die grünen Parkbänke der Promenade setzt, sieht die Skyline von Manhattan – und ist in einer anderen Welt, umgeben von schmiedeeisernen Pforten, kleinen Giebeln, Steintreppen und alten Holzhäusern. Brooklyn eben, wahres Auster-Land.
Seit 30 Jahren lebt der Schriftsteller hier. Der 63-Jährige liebt den Bezirk, in dem es 90 ethnische Gruppen, 32 000 Geschäfte, 1500 Kirchen, Synagogen und Moscheen gibt: Vielfalt. Hier liest er sie auf, die Episoden der Unglückswürmer, Verzager und Eigenbrötler seiner Romane, wie die von Nathan, 59. In „Die Brooklyn-Revue“ zieht der scheinbar lungenkrebskranke Versicherungsvertreter nach Park Slope, sucht einen „ruhigen Ort, um zu sterben“. Aber er entdeckt das Leben.
Paul Auster ging es nicht anders. Der Bezirk hat ihn aufgefangen, als es ihm wohl am schlechtesten ging. Heiligabend 1979 verbringt er in der Varick Street in TriBeCa unter verrußten Blechdecken, zwischen zischenden Dampfheizungen und Rohrleitungsnetzen, an einem Ort der Arbeit, nur gedacht für „Maschinen, Spucknäpfe und Schweiß“. Er ist einsam, verzweifelt und lässt sich gehen.
„Alles lief schief. Ich war pleite, meine Ehe ging in die Brüche“, erinnert er sich. Der Vater stirbt, und dank der kleinen Erbschaft kann er sich immerhin endlich nur auf das Schreiben konzentrieren. „Die Erfindung der Einsamkeit“ entsteht. 1981 begegnet er im Winter bei einer Lesung Siri Hustvedt. Schon im Sommer ziehen sie zusammen, heute lebt er mit ihr und der gemeinsamen Tochter Sophie in Park Slope, am Prospect Park. Lange hat er auf den Erfolg warten müssen. Fast 40 ist er, als er mit Preisen, Auszeichnungen überhäuft wird.
Lange hat er sich mit allen möglichen Jobs durchgeschlagen, als Volkszähler in Harlem, als Übersetzer, Ghostwriter, Buchhändler, selbst auf einem Tanker im Golf von Mexiko hat er einmal angeheuert, um einen Aufenthalt in Paris bezahlen zu können. Wie nur wenige Zeitgenossen besitzt Paul Auster vielleicht deshalb eine große Sympathie für Stadtstreicher. Bettler und Künstler hat er in „Schlagschatten“ zur „Elite der Gefallenen“ befördert.
„Fast jeder Schriftsteller fühlt sich als Außenseiter“, erklärt er. Seine düsteren Jahre hat er nicht vergessen. „Ich wollte unbedingt Romane schreiben, ich hatte zahllose Notizbücher mit Wörtern gefüllt, aber für nichts und niemanden.“ Von 17 Verlegern wird sein Buch „Stadt aus Glas“ abgelehnt, das seinen Ruhm begründet, als es doch gedruckt wird. 1990 bittet der Regisseur Wayne Wang Auster, aus der Weihnachtsgeschichte für die „New York Times“ ein Drehbuch zu entwickeln. 1995 bekommt der Film „Smoke“ in Berlin den Silbernen Bären.
Er ist eine Hommage an Brooklyn und seine Bewohner: Im Tabakladen von Auggie Wren, Ecke 16th Street Prospect Park West, der „Brooklyn Cigar Co.“, wird gelogen, geraucht, gestohlen, vermisst, gehofft – und beiläufig auch noch über das Leben philosophiert. All die Episoden, die schrägen Charaktere hat Auster bei seinem Friseur gefunden. Den Zigarrenladen gab es in Wirklichkeit nie, nur im Film, heute steht hier eine Konditorei, The Pie Shop.
Dagegen ist The Park Slope Barber von Angelo Fiumefreddo von 1904, der älteste Friseurladen in New York, einer, den man erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe: Man sitzt auf Friseurstühlen mit rotem Leder und Fußstützen aus Metall, sieht Spiegel, Marmor, Holzschränke mit weißen Handtüchern, abgeschnittene Haare überall und eine Registrierkasse von 1902. Eine Verdi-Oper läuft. Und eine Eisenbahn fährt im Schaufenster durch eine Landschaft aus Styropor.
Hier lässt sich Auster die Haare schneiden, 14 Dollar zahlen Männer, Frauen 15. Ob John, der Friseur, ihn kennt? „Natürlich, ab und zu kommt er vorbei, ein netter Gentleman mit rosigem Teint, wie man ihn von der Küste kennt“, sagt John. Im Roman „Die Brooklyn-Revue“ erwähnt Auster den Laden sogar. Verändert hat ihn das nicht, glücklicherweise. Brooklyn ist ein Bezirk, sagt Auster, der sich selbst nicht so wichtig nimmt.
Hier ist der große Spaziergänger zur Ruhe gekommen, sehr klein ist das New York, das er heute beschreibt, fast nur noch eine Straße, die 7th Avenue. Hier geht er zum Friseur, ins Park Café, liest im Community Bookstore, in dem hinten ein Kaninchen hoppelt und eine Katze auf dem Sofa schläft. Junge, wohlhabende Familien ziehen her, „bohemian bourgeois breeder“ nennt sie Drehbuchautorin Amy Sohn im Buch „Prospect Park West“, nestbauende, überbesorgte Dreißigjährige mit Werten der Fünfziger, „neue Viktorianer“.
Auf Spielplätzen schauen Vollzeitmütter und Ehefrauen, die ihren Affären im East Village nachtrauern, auf die Uhr, wenn ihr Baby lacht, und denken: „Nur noch 18 Jahre.“ Im beschaulichen Soziotop aus Baby- und Bioläden, Buch-, Tier- und Weinhandlungen, aus französischen und japanischen Restaurants, Yogaklassen und gehobenen Kochutensil-Läden ist Austers Friseur ein herrliches Relikt aus einer anderen Zeit.
Hier kann er dem Leben ablauschen, was es an unzufälligen Zufällen bereithält, an Unvorhersehbarem, an Poesie preisgibt. Man muss nur Geduld haben, gehen, sehen, auf der Hut sein. „Alles kommt auf die Bereitschaft an“, sagt Auster, „weil ein Werk nur entstehen kann, wenn die Welt es einem geschenkt hat, darf man die Welt nicht aus den Augen lassen.“
Anreise: Frankfurt–New York, Singapore Airlines, ab 490 Euro (im September).
Übernachten: Bed & Breakfast on the Park, luxuriös, DZ mit Frühstück, ab 185 Euro, mindestens zwei Nächte, schönster Raum: Lady Liberty (mit Dachterrasse), 113 Prospect Park W, Brooklyn, NY 11215–3710, Tel. 001/718/499/61 15. Desmond Tutu Center, Zimmer imältesten Priesterseminar New Yorks,ab 155 Euro, ohne Frühstück.
Friseur: The Park Slope Barber, 223 7th Avenue, Brooklyn; Herren 14 Euro, Damen 15 Euro, Tel. 001/718/965/43 66.
Essen: Park Café, 82 7th Avenue, Two Boots, 514 7th Avenue.
Leihräder: Gotham Bikes, 23 Euro pro Tag mit Helm, 112 West Broadway, TriBeCa (Manhattan), Tel. 001/212/732/24 53.
Auskunft: The Mangum Group, Sonnenstraße 9, 80331 München, Tel. 089/23 66 21 34.
Aufgelesen Viel Rauch um alles Was für eine Hommage an Brooklyn: In dem Zigarrenladen von Auggie Wren (Harvey Keitel) wird viel geraucht und über alle Aspekte des Lebens philosophiert – beiläufig, leise, wunderbar. 1995 bekamen Harvey Keitel und der Regisseur Wayne Wang dafür den Silbernen Bären der Berlinale. Das Drehbuch schrieb Paul Auster, auch zu der dokumentarischeren Fortsetzung „Blue in the Face“ (mit Lou Reed und Jim Jarmusch). Smoke. DVD. Arthaus Collection 2007, 7,95 Euro.
Blättern und Nachgehen Auster mag keine Interviews. Umso beeindruckender ist der Bildband mit Texten und Auszügen aus Interviews des Essayisten Gérard de Cortanze und Fotos von James Rudnick. Nach Karte (kopieren!) lässt sich selbst der Weg von Detektiv Quinn aus „Stadt aus Glas“ ablaufen. Beste Lektüre zum Vorbereiten und Nachlesen, unterwegs aber einfach zu schwer. Gérard de Cortanze, James Rudnick: Paul Austers New York. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 1998. 168 Seiten, 17,90 Euro.
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