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29.07.2010

GEDANKENSPIEL 
Deutschland 2030

Wie der Alltag in 20 Jahren aussehen könnte. Und was die Wissenschaft über die Zukunft zu wissen glaubt. Ein Blick in die Glaskugel.

VON SILKE LINNEWEBER



NEUGIER: In jedem von uns steckt ein kleiner Hellseher.

Ein Freitagnachmittag im Deutschland des Jahres 2030: Ulrich Müller macht für den Tag Schluss. Der Ingenieur, der in der Deutschlandzentrale eines chinesischen Technologiekonzerns in München arbeitet, hat Feierabend. Bevor er in sein mit Solarkraft betriebenes Auto steigt, lässt er in seinem Zuhause schon mal die Badewanne volllaufen. Neue Kommunikationstechnologie ermöglicht es ihm, sein voll vernetztes Haus von jedem beliebigen Ort aus zu steuern.

Zu Hause angekommen, findet Müller ein Schreiben seiner Kirchengemeinde im Briefkasten. Sie bittet um eine Spende für die Altenarbeit. Erst vor fünf Jahren ist der Ingenieur eingetreten. Eine persönliche Krise hatte ihn erst auf ein Seelsorgeangebot im Internet gebracht. Anschließend besuchte er einen Glaubenskurs. Müller zahlt zwar Kirchensteuer. Doch er weiß, dass das Aufkommen kaum noch reicht, um ein Grundangebot für die Gläubigen aufrechtzuerhalten. Deshalb wird er die zehn Euro, um die ihn seine Gemeinde bittet, überweisen.

Nach dem Bad und einem kurzen Chat mit seinem Psycho-Coach macht sich Müller auf ins Wochenende. Er greift sich die fertig gepackte Reisetasche, springt ins Auto und braust los. Es geht in ein Wildnis-Camp in Brandenburg. Dorthin, wo seit Jahren keine Menschen mehr leben, aber wieder zahlreiche Bären und Wölfe.


Ob das Leben im Jahr 2030 tatsächlich so abläuft wie das von Müller, ist offen. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, lautet ein Sprichwort. Trends, die heute in aller Munde sind, können schon morgen in Vergessenheit geraten. Sicher ist nur: Die Deutschen werden in den kommenden Jahren erst greiser – und dann weniger.

Schon heute sind etwa 20 Prozent der Bundesbürger 65 Jahre oder älter. Bereits bis 2030 wird der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung deutlich steigen. „Im Jahr 2060 wird dann jeder Dritte mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben. Jeder Siebente wird sogar 80 Jahre oder älter sein“, glaubt Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden.

Außerdem schrumpft die Bevölkerung; wenn auch langsamer, als sie altert. Bis 2060 werde die Zahl der Geburten stetig sinken, haben Egelers Mitarbeiter ausgerechnet. Gleichzeitig werde die Zahl der Sterbefälle bis Anfang der 2050er-Jahre steigen. 2060 werde das jährliche Geburtendefizit, also der Überschuss der Todesfälle gegenüber den Geburten, bei mindestens 527 000 liegen. Eine Entwicklung, die weder durch mehr Zuwanderung noch durch mehr Kinder aufgehalten werden könne. Die Konsequenz: 2060 werden nur noch 65 bis 70 Millionen Menschen in der Bundesrepublik leben; derzeit sind es rund 82 Millionen.

Städte und Gemeinden werden das große Schrumpfen managen müssen. Wie das geht, machen Städte wie Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt vor. Auch das Zusammenleben wird sich verändern. Informations- und Kommunikationstechnologien werden den Alltag noch stärker prägen als ohnehin schon. Noch ist die voll vernetzte Stadt eine Vision. In Friedrichshafen am Bodensee probt die Deutsche Telekom jedoch bereits den Zukunftsfall.

Wie die Bevölkerung insgesamt wird auch die Zahl der Christen in Deutschland in den nächsten 20 Jahren rapide sinken. Um wie viele, hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) herauszufinden versucht. Schreibt man den Trend der letzten Jahre fort, schrumpft die Zahl der Protestanten hierzulande bis 2030 auf 17 Millionen. Das wäre rund ein Drittel weniger als 2003. Besonders drastisch fällt der Aderlass in den östlichen Gliedkirchen der EKD aus. Wegen des schon jetzt hohen Durchschnittsalters der Gemeinden und der anhaltenden Abwanderung könnten sie mehr als 40 Prozent ihrer Mitglieder verlieren. Für die katholische Kirche, der 2008 rund 25 Millionen Deutsche angehörten, liegen keine offiziellen Prognosen zur Mitgliederentwicklung vor. Allerdings dürfte sie vor den gleichen Problemen stehen wie die EKD.


Verlieren die Kirchen Mitglieder, büßen sie nicht nur gesellschaftliche Gestaltungsmacht ein, sondern auch an Finanzkraft. Gut möglich, dass sie in 20 Jahren mit der Hälfte der heutigen Einnahmen auskommen müssen. Die Kirchen müssen gleichzeitig ihr Angebot ausdünnen und neue Einnahmequellen erschließen. Zum Beispiel, indem sie verstärkt um Spenden bitten.

Doch die Zukunft birgt auch Chancen. Möglich, dass die deutsche Volkswirtschaft künftig nicht mehr von Chemie, Automobil- und Maschinenbau lebt, sondern von der Gesundheitsbranche. Städte wie Hannover, einer der führenden Standorte für Transplantationsmedizin in Deutschland, haben also hervorragende Aussichten. Nicht nur, weil eine alternde Bevölkerung zusätzliche medizinische Versorgung benötigt.

Nach Ansicht des amerikanischen Ökonomen Leo Nefiodow befindet sich die Welt nämlich in der sechsten langen Welle ihrer Entwicklung. Jeder dieser Zyklen, von denen der erste im 18. Jahrhundert begann, wurde von einer großen Innovation ausgelöst, etwa durch Dampfmaschine oder Eisenbahn. In der aktuellen Welle steht jedoch keine materielle Neuerung im Mittelpunkt, sondern das Interesse am Menschen. Die neuen Wachstumstreiber heißen Wohlbefinden, Nachhaltigkeit – und Spiritualität. „Körperliche, geistige und soziale Gesundheit werden künftig zur wichtigsten volkswirtschaftlichen Ressource“, meint Oliver Pfirrmann, Autor des „Technologiereports 2010“ der Prognos AG.

Vorausgesetzt, Gesellschaft und Politik stellen die Weichen richtig. „Eines der aktuell größten Probleme ist Datensicherheit“, sagt Pfirrmann. „Wenn es nicht gelöst wird, werden sich neue informationstechnichsche Anwendungen in Medizin, Verwaltung und Alltag kaum durchsetzen.“ Hinzu kommen ethische Fragen, vor allem in der Medizin. „Schon in fünf Jahren wird eine individuelle Genomsequenzierung für unter 1000 US-Dollar zu bekommen sein“, glaubt er. In 20 Jahren könnten umfangreiche Gentests mit allen ihren Konsequenzen zum Alltag von Menschen wie Müller gehören. Die Entscheidung aber, inwieweit eine Gesellschaft das will, fällt heute.
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
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Merkur spezial – Wie wir leben werden

Gedankenspiel: Deutschland im Jahr 2030. Ein Blick in die Glaskugel
Trendforschung: Immer an der Wirklichkeit vorbei. Eine Kritik
Wittenberg: Wie Christen gegen den Bedeutungsverlust kämpfen
Friedrichshafen: Neue digitale Dienste, die den Alltag verändern werden
Hannover: Was bald Einzug in alle Kliniken halten könnte
Bitterfeld-Wolfen: Wenn die Einwohner immer weniger werden

 

 
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