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29.07.2010

WIRTSCHAFTSSTUDIUM 
Die Rechner stürzen ab

An der privaten Alanus-Hochschule müssen angehende BWL-Bachelor und -Master auch Module in Kunst und Philosophie belegen. Damit sie wissen, was sie nicht wissen.



TAFELFREUDEN:  Mathematik gehört zur Kernkompetenz des Ökonomen. Doch wie berechenbar ist die Welt?
Fotos: STOCK4B; Alanus-Hochschule  


Rheinischer Merkur: Warum ist der Manager, der sich im Wirtschaftsstudium auch mit Kunst auseinandergesetzt hat, der bessere?

Marcelo Da Veiga: Mit Kunst auseinandersetzen wäre zu wenig. Unser Wirtschaftsstudiengang begreift Wirtschaft als kulturelles, vom Menschen gemachtes Geschehen. Ökonomie muss zum Individuum in Beziehung gesetzt werden und zur Natur. Wirtschaftswissenschaft war bisher sehr auf den Gewinn orientiert, sie hat den Menschen, die Natur und die Gesellschaft instrumentalisiert, ohne zu fragen: Wem dient das? Der Lockvogel in klassischen Wirtschaftsstudiengängen ist: Du wirst ein erfolgreicher Manager, ein erfolgreicher Broker. Du wirst mehr verdienen als alle anderen. Es wird nie die Frage nach dem Sinn und dem Zusammenhang gestellt. Wir müssen den Menschen wieder ins Zentrum der Wirtschaft stellen.

Silja Graupe: Philosophie und Kunst müssen die Ökonomie verändern, nicht nur ergänzen. Die Volkswirtschaftslehre versucht, die Welt mathematisch-physikalistisch zu beschreiben, die Modelle stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der Studierende trainiert, die Wirtschaft als Beobachter wahrzunehmen, um sie zu berechnen. Das ist mit einem Allmachts-, einem Kontrollversprechen verbunden. Die Selbstreflexion fehlt völlig. Auch Wirtschaftsgeschichte, also die Vorstellung dessen, was schon gedacht worden ist, kommt an den meisten Unis zu kurz. Wenn Wirtschaftswissenschaftler aber als Künstler aktiv werden, erfahren sie sich als Menschen, nicht nur als Beobachter. Und als Philosophen lernen sie, ihre Weltsicht und die ihres Faches zu hinterfragen und zu verändern.

RM: Wie sieht die Kunst für Betriebswirte konkret aus?

Da Veiga: Im ersten Semester bekommen die Studierenden zum Beispiel verschiedene Materialien. Sie sollen daraus innerhalb eines Tages Objekte fertigen, ohne miteinander zu sprechen. Sie müssen sich also ohne Worte abstimmen, Aufgaben verteilen, Führungsrollen festlegen. Eine solche Übung macht bewusst, welche Bedeutung Sprache hat. Ich könnte auch über den Wert der Sprache dozieren, aber das hätte nie diese Wirkung. Man kann bestimmte Dinge nicht rein kognitiv lernen. Kunst vermittelt Erfahrungen, die man nicht vergisst und die auf viele Lebensbereiche übertragbar sind.

RM: Vor der Krise galten solche Ideen als seltsam. Werden Sie jetzt weniger belächelt?

Graupe: Es stimmt, der Mainstream hat uns belächelt. Nun werden innovative Ideen interessanter, weil der Mainstream in seinen Grundlagen erschüttert worden ist. Es geht nicht mehr um Fragen wie: Können wir noch besser rechnen? Finden wir noch bessere Instrumente, um einen Crash vorauszusagen? Es bestehen grundsätzliche Zweifel: Ist es nicht eine Illusion gewesen, alles berechnen zu können? Das berührt ganz elementare Fragen der Steuerbarkeit.

Da Veiga: Ich kann allerdings noch nicht erkennen, dass sich Denken nach der Krise grundlegend geändert hätte. Es hat sich herausgestellt, das die Realisten, die uns als Träumer belächelt haben, die wahren Träumer sind. Sie haben die gesellschaftlichen und menschlichen Folgen ihres Tuns überhaupt nicht bedacht, Nachhaltigkeit und Verantwortung spielten für sie keine Rolle. Albert Einstein hat einmal gesagt: Man kann Probleme nicht lösen, wenn man die Denkweise, die sie herbeigeführt hat, nicht ändert. Praktiker vergessen das oft.

RM: Eine neue Denkweise wäre zum Beispiel das Grundeinkommen…

Da Veiga: Ja, die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist der Versuch, konsequenter als bisher mit der Menschenwürde umzugehen. Jeder Mensch hat ein Recht auf Existenz und diese ist in modernen Gesellschaften ohne ein Einkommen kaum möglich. Wir hoffen, dass sich diese Einsichten auch in der Politik durchsetzen. Für uns als Hochschule ist aber entscheidend, dass sich ein Wirtschaftsstudent mit der Frage nach der Menschenwürde im Verhältnis zur Wirtschaft beschäftigt und den einseitigen Börsenbrokertunnelblick zu relativieren lernt.

RM: Was macht der Alanus-Absolvent anders als der mit dem Tunnelblick?

Da Veiga: Er weiß zum Beispiel, dass es für viele gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme keine unmittelbaren Lösungen gibt. Wir müssen daher wieder lernen, Perplexität und mangelnde Einsicht im Sinne des sokratischen „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ einzugestehen. Das ist der Ausgangspunkt, um auf wirklich neue Lösungen zu kommen. Sonst setzt man das Alte nur fort.

RM: Die EU-Staaten haben vor einigen Monaten 750 Milliarden in die Rettung des Euro gepumpt, es musste schnell gehen, hieß es, diese Aktion sei alternativlos. Alles gelogen?

Da Veiga: Gelogen würde ich nicht sagen. Man hat auf Altverschuldung mit Neuverschuldung reagiert. Zu mehr reicht das Denken offenbar nicht. Die ganze Weltwirtschaft ist ein konstanter Umschuldungsprozess. Diese Summen können nie zurückgezahlt werden, es droht ein totaler Kontrollverlust. Das traut sich aber kaum jemand öffentlich zu sagen.

RM: Für eine Bundes- kanzlerin wäre so viel Ehrlichkeit gefährlich …

Da Veiga: Das mag sein. Aber wir sind hier eine Hochschule und nicht die Bundesregierung. Dennoch müssen auch Politiker sich von vermeintlich bewährten Patentrezepten verabschieden. Wir müssen in der Wirtschaft und in der Gesellschaft die Bereitschaft entwickeln, Dinge grundsätzlich neu zu denken. Das ist nicht ganz einfach, zumal, wie schon gesagt, die neuen Lösungen erst gefunden werden müssen. Sie werden aber nicht gefunden, wenn nur schnelle Entscheidungen nach alten Strickmustern vorgenommen werden.

Graupe: Wir dachten lange, Manager wie Politiker könnten Wirtschaftsprozesse so präzise steuern wie ein Ingenieur seine Maschine. Nun entpuppt sich dies als gefährliche Illusion. Wirtschaft lässt sich nur von innen heraus gestalten. Dies aber erfordert gänzlich andere Fähigkeiten.

RM: Vermissen Sie das ideologische Feuer in wirtschaftlichen Debatten?

Graupe: Bis 1989 war die Wirtschaftswissenschaft stark ideologisiert. Es ging um den Streit von Markt und Staat, um Keynesianismus, Liberalismus und Marxismus. Diese Konfliktlinien sind fast verschwunden, der Liberalismus ist übrig geblieben, und es gibt niemanden, der grundsätzlich anders denkt. Das bedaure ich, nicht den Verlust der Ideologie. Gerade jetzt ist es wichtig, als Wissenschaftler Gewohnheitsprozesse zu durchbrechen. Der Kunde hat zwar in der freien Marktwirtschaft die Wahl zwischen 70 Salatsoßen und 500 Wellness-Paradiesen, das verschafft ihm aber nur die Illusion von Freiheit.

RM: Warum Illusion?

Graupe: Weil wir nie danach schauen, in welchen Beziehungen diese Wahlfreiheit zustande kommt. Die Beziehung erfolgt allein über Geldströme, die Globalisierung hat die Bedeutung des Geldes noch einmal explosionsartig wachsen lassen. Alles wird im weltweiten Maßstab vergleichbar, und der Maßstab ist das Geld. Insofern hat die Globalisierung das Denken ärmer gemacht.

RM: Wie brechen Sie ganz praktisch Gewohnheiten auf?

Graupe: Dabei spielt die Kunst eine große Rolle. Unsere Studierenden arbeiten zum Beispiel mit Schauspielern, die ihnen zeigen, dass man sich ganz anders bewegen kann. Das betrifft zunächst einmal nur die körperliche Ebene, aber nach einer solchen Übung wird einem erst klar, wie viel wir aus Routine tun. Dies sensibilisiert für die Macht von Denkgewohnheiten, zu denen die Studierenden bei uns dann konkret Alternativen erarbeiten.

Nehmen wir den Umgang mit Zeit. Der klassische Wirtschaftswissenschaftler macht einen Zahlenstrahl und fertig. Wenn ich aber zum Beispiel weiß, dass das Bibel-Hebräische keine chronologisch geordneten Zeitstufen kennt, sondern lediglich abgeschlossene und unabgeschlossene Handlungen unterscheidet – also stets das Vollendete vom Unvollendeten trennt –, dann gewinne ich nicht nur ein anderes Verhältnis zur Zeit, sondern auch zum eigenen schöpferischen Tun.


Da Veiga: An einer reinen Business-School ist es schwerer, die Atmosphäre für solche Debatten zu schaffen. Normalerweise kleiden sich Wirtschaftsstudenten schon an der Uni so, als gingen sie ins Unternehmen. Hier ist das Bild bunter, hier gibt es keine Uniform. Und die Leute merken, dass sie auch in legerer Kleidung nicht weniger von Wirtschaft verstehen als die Anzugträger.

RM: Werden Ihre Absolventen nicht auch Anzugträger und Entscheider?

Da Veiga: Ja, auch. Aber sie schöpfen aus einem anderen Fundus an Erfahrung als jene, die nie künstlerisch kreativ waren. Man kann das mit der Kindererziehung vergleichen: Wenn man in seiner Kindheit nicht einmal Blockflöte gelernt hat, nie mit Religion in Berührung gekommen ist, dann hat man später als Erwachsener nichts, woran man anknüpfen kann. Wenn man sich im Studium auch mit Philosophie und Kunst beschäftigt hat, dann bleibt das im von Hast und Betriebsamkeit geprägten beruflichen Alltag als eine Art Hintergrund erhalten und man kann darauf bauen, wenn es darum geht, zu entscheiden und zu handeln.

Über Fachgrenzen hinweg
Die Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn ist eine staatlich anerkannte private Kunsthochschule. Sie bietet neben Bildender Kunst, Schauspiel, Kunsttherapie und Architektur auch Bildungswissenschaften und Wirtschaft an. Das Studium generale gehört zum interdisziplinären Pflichtprogramm. Ein Schwerpunkt liegt in der Auseinandersetzung mit den Lehren Rudolf Steiners. Die Hochschule ist anthroposophisch inspiriert, Partnerunternehmen des Wirtschaftsstudiengangs sind unter anderem die Drogeriekette dm, Rewe und Alnatura. Derzeit sind etwa 800 Studenten eingeschrieben; die Gebühren liegen in den künstlerischen Fächern und Erziehungswissenschaft bei 310 Euro, ein BWL-Studium kostet 810 Euro im Monat.

Internet: www.alanus.edu, www.wirtschaft-neu-denken.de
 Der Kulturphilosoph Marcelo Da Veiga, Jahrgang 1960, ist seit 2002 Rektor der Alanus-Hochschule.
 Silja Graupe, Jahrgang 1975, hat seit Mai 2009 eine Juniorprofessur für Philosophie und Wirtschaft inne. Das Gespräch führte Christiane Florin.
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
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