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29.07.2010

SÄKULARISIERUNG 
Die feste Burg wankt

Wittenberg gilt als Wiege der Reformation. Heute zahlen nur noch 15 Prozent der Einwohner Kirchensteuer. Die meisten Gottesdienstbesucher sind Touristen. Wie die Christen gegen den Bedeutungsverlust kämpfen.

VON BENJAMIN LASSIWE

„Hier hat Paul Gerhardt als Student gewohnt“, sagt die Stadtführerin vor dem unscheinbaren Haus in der Wittenberger Kollegienstraße. „Sie kennen ihn bestimmt: Er hat ,Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘ gedichtet.“ Die Dame mittleren Alters stimmt das Lied an. Doch auf der mit einem künstlichen Stadtbach geschmückten, kopfsteingepflasterten Straße im Herzen der Lutherstadt ist die Melodie des bekanntesten Kirchenlieds der Deutschen nicht wiederzuerkennen. Die Fremdenführerin singt laut und falsch.

In Wittenberg, der 47.000-Einwohner-Stadt in Sachsen-Anhalt, ist das so außergewöhnlich nicht. „Die Menschen hier gehen nicht in die Kirche, weil sie nicht in die Kirche gehen“, zitiert Stadtpfarrer Andreas Volkmann den ehemaligen Landesbischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack. Nur etwa 15 Prozent der Wohnbevölkerung seien noch Mitglied einer christlichen Kirche. Die hölzernen Bänke unter der alten Kanzel Martin Luthers sind trotzdem gut besucht. „Sonntag für Sonntag haben wir 150 bis 600 Leute im Gottesdienst“, sagt Volkmann. Doch ein großer Teil der Kirchgänger sind Touristen auf den Spuren des Reformators.


Nirgendwo sonst in Deutschland ist der Kontrast zwischen kirchenferner Wohnbevölkerung und kirchlichem Zentrum so stark wie in Wittenberg mit seinem Lutherdenkmal auf dem Marktplatz und der Kirche, an deren Tür der Reformator einstmals seine Thesen heftete. „Come and sing with us ,A Mighty Fortress‘“ – ein Schild, das auf Englisch dazu einlädt, in der englischsprachigen Abendandacht in der Schlosskirche „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu singen, gehört in Wittenberg zum Stadtbild. „Aber in die Kirche tritt hier kaum einer ein“, sagt Volkmann. „Das macht man nicht. Das entspricht nicht der Political Correctness.“ Einen Glaubenskurs pro Jahr bietet die Stadtkirchengemeinde an. Jedes Jahr kämen zehn bis 15 Menschen, die nur sehr wenig oder gar keine Ahnung vom Glauben hätten. Einzelne ließen sich am Ende taufen. „Wir haben Formen, die auch Menschen neugierig machen, die nicht zur Kirche gehören“, erzählt Andreas Volkmann. Predigtreihen, bei denen Prominente aus Kirche und Gesellschaft die alte Kanzel Martin Luthers besteigen, locken auch Besucher, die außerhalb oder am Rand der Gemeinde stehen, in die Kirche.

Auch in Wittenberg sind Menschen auf der Suche nach Spiritualität. Manchmal allerdings endet diese Suche auch woanders. Direkt am Marktplatz zum Beispiel, in der Kollegienstraße, in einem Geschäft namens „Engelswelten“. Bücher über den richtigen Umgang mit Runen finden sich in den Auslagen ebenso wie ein vorbereitetes „Ritual zur Wohnungsreinigung“, eingeschweißt in Zellophan. Drinnen steht eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, das Kind bewundert die Engelsfiguren im Regal. „Es kommen viele Touristen, aber auch viele Menschen aus der Stadt“, berichtet die Verkäuferin.

Allein in der Kollegienstraße, in der ein gutes Dutzend Läden leer steht, kann der Wittenberg-Besucher unter drei Esoterikläden wählen. Ein Geschäft bietet „ganzheitliche Edelsteinberatung und Therapie“ an, dazu „Steine für Schwangerschaft und Geburt“. Ein Plakat lädt zu Tarotabenden ein, und auch einige Häuser weiter gibt es Buddhafiguren im Schaufenster und „Schätze der Natur für Körper, Geist und Seele“.

„Die 85 Prozent, die keine Bindung zur Kirche haben, haben natürlich auch eine spirituelle Sehnsucht“, sagt Andreas Volkmann. „Aber die Sehnsucht suchen sie nicht bei der Kirche, weil ihnen in über 40 Jahren DDR gesagt wurde, dass die Kirche nur eine Geschichte von gestern, ein überholter Aberglaube sei.“ Der Theologe berichtet von einer Konfirmandin, die mit ihrer Familie in einem der kleinen Häuschen in der Wittenberger Innenstadt wohnt. Ein Jahr lang besuchte sie den Konfirmandenunterricht. Doch als es an die Konfirmation ging, redete die Mutter mit der Tochter. „Deine Großmutter war nicht konfirmiert, ich war nicht konfirmiert, warum willst du dich konfirmieren lassen?“, erinnert sich Volkmann. Danach kam die Tochter nicht mehr in den Unterricht. „In Wittenberg ist mittlerweile die vierte Generation ohne Kirche aufgewachsen“, sagt der Regionalbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Siegfried Kasparick. „Und durch den demografischen Wandel werden wir in den nächsten Jahren weiter schrumpfen.“ Es sterben mehr Menschen, als neu in die Kirche aufgenommen werden.


Vor dem 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag 2017 steigt das Wittenberger Engagement der Evangelischen Kirche in Deutschland. In der Lutherstadt gibt es neben einem eigenen Bevollmächtigten des Rates der EKD ein Predigerseminar und das neue Zentrum für Predigtkultur. Für mehrere Millionen Euro soll das alte Schloss der sächsischen Kurfürsten zu einem evangelischen Zentrum ausgebaut werden. Und mit dem mitten in der Stadt gelegenen Lutherhotel betreibt die zur evangelischen Kirche gehörende Berliner Stadtmission eines der größten Hotels der Kleinstadt an der Elbe.

„Es gibt immer wieder mal Kritik, dass man sich nur noch um Luther kümmert“, sagt Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD). Seine Begründung dafür ist freilich alles andere als religiös: „Alles, was mit Luther zu tun hat, betrifft die Innenstadt – die Leute sagen dann oft: Vergesst die anderen Stadtteile nicht!“ Generell stünden die meisten Bürger von Wittenberg dem Thema Luther positiv gegenüber. Nicht nur die Kirchen, auch zahlreiche Vereine, etwa die historische Wittenberger Stadtwache oder der Heimatverein, engagierten sich dafür. „Man ist stolz auf das, was in der eigenen Stadt passiert ist“, sagt Naumann.

Es gehöre mittlerweile zum guten Ton, dass die Kirche bei allen wichtigen Anlässen der Stadt präsent ist. Das sieht auch Regionalbischof Siegfried Kasparick so. „Die Erwartungen an die Kirche werden immer größer“, sagt der Theologe. In Ostdeutschland entstehe eine „säkulare Volkskirche“. „Die Menschen engagieren sich für Kirchengebäude, für christliche Schulen und Sozialprojekte.“ Sie freuten sich, wenn ein Dorffest mit einem Gottesdienst beginnt. „Aber sie treten nicht in die Kirche ein, weil sie sich nicht binden wollen.“ Und dennoch: „Die Kirche ist gut beraten, ihre Türen aufzumachen“, sagt Kasparick. „Denn sie ist den Menschen noch immer wichtig – und einen Grund zum Jammern haben wir noch lange nicht.“
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
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