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29.07.2010

RM-Serie: Deutschland, deine Politiker

BODO RAMELOW 
Freier Radikaler

Er ist bekennender Christ und wird vom Verfassungsschutz überwacht. Er ist Wessi und hat die Linkspartei in Thüringen zur zweitstärksten Partei gemacht. Der Politiker passt in keine Schublade.

VON KATJA WILKE



LANDESVATER-POSE: Ramelow erkundet in der Sommerpause Thüringen – gemeinsam mit seinem Hund Attila.
Foto: Germana Alberti vom Hofe 

Genau solche Situationen sind es, die Bodo Ramelow reizen: Vorgebeugt sitzt der Linken-Politiker an einem schattigen Tisch in einem Gartenrestaurant in der thüringischen Provinz. Ihm gegenüber sitzt ein junger Unternehmer aus der Region. Der versucht nicht einmal, die Skepsis, die er dem Fraktionschef der thüringischen Linken entgegenbringt, zu verbergen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen klopft er Ramelows Positionen ab, von der Regionalförderung bis zum Umgang mit der maroden Kaufhauskette Karstadt.

Ramelow gefällt das, er schreckt vor keiner Diskussion zurück. Im Laufe der Unterhaltung hat er längst seine Fernsehstimme eingeschaltet: sonor, jovial, Vertrauen einflößend. Karstadt gehört gerettet, die umliegende Gegend, in der die Saalekaskade zum größten zusammenhängenden Stauseegebiet Deutschlands gestaut wird, endlich gefördert. „Es ist ein Jammer, den Landstrich touristisch so brachliegen zu lassen“, klagt Ramelow.

Sein Gegenüber, ein erfolgreicher Mittelständler Mitte 30, spürt, dass er rhetorisch hoffnungslos unterlegen ist und dreht sich unentschlossen zu Hartmut Holzhey, dem dritten Mann am Tisch. Der versucht als Vorstand der Initiative „Thüringer Meer“ den Tourismus in der Region anzuschieben und fährt deswegen heute Ramelow in seinem Jeep durch die Gegend. „Ist der nun gut für uns?“, fragt der Unternehmer Holzhey und lächelt Ramelow für diese etwas unverschämte Offenheit entschuldigend an. Holzhey nickt. „Ja, der ist schon gut für uns.“

Ramelow lehnt sich entspannt zurück und legt seinen Panamahut auf den Platz neben sich. Einen Linken-Wähler macht er aus dem Unternehmer nie, das ist ihm klar. Aber vielleicht einen, der irgendwann anerkennt, dass sich Ramelow für seine Ziele einsetzt und nicht (oder nicht nur) die Verstaatlichung seiner Produktionsstätten vorantreibt. Für heute hat sich der Politiker zumindest Respekt verschafft. Denn der in Osterholz-Scharmbeck, Niedersachsen, geborene Ramelow, der Anfang der Neunzigerjahre als Gewerkschaftsfunktionär nach Thüringen kam, kennt seine neue Heimat genau. Er weiß, welche Themen unter den Nägeln brennen und kann deswegen auch bei den Bürgern punkten, die ansonsten die Linkspartei meiden.

Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr hat das die thüringische Linke mit 27,2 Prozent zur zweitstärksten Partei hinter der CDU gemacht. Für kurze Zeit sah es so aus, als würden Ramelows Linke gemeinsam mit SPD und Grünen die neue Landesregierung stellen. Die SPD entschied sich aber für eine Koalition mit der CDU – obwohl Ramelow im Laufe der Verhandlungen heftig warb und schließlich sogar in Aussicht stellte, im Falle eines rot-rot-grünen Bündnisses auf den Ministerpräsidentenposten zu verzichten. In der Parteispitze sorgte das für Ärger: Linken-Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi kritisierte Ramelow so scharf, dass dieser ihm das heute noch verübelt.

Nachhaltig beeindruckt hat Gysis Kritik den 54-Jährigen allerdings nicht. Ramelow hat seinen eigenen inneren Kompass, von Parteifreunden und -feinden lässt er sich nur im Ausnahmefall beeinflussen. Zuletzt war das bei der Bundespräsidentenwahl der Fall. Nach eigenen Aussagen stand er Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck offen gegenüber. „Nachdem er unserer Partei immer wieder verbal in den Hintern getreten hat, hätte ich es hier aber keinem Wähler mehr vermitteln können, ihn zu unterstützen.“ Für Kritiker ist das ein vorgeschobener Grund. Für sie bildet die Anti-Gauck-Haltung eine Zäsur in der Geschichte der Linkspartei: Sie habe ihr wahres Gesicht offenbart, ihren Unwillen und ihre Unfähigkeit, sich der DDR- Vergangenheit zu stellen.

Dass Ramelow dem ehemaligen Pfarrer Gauck eine Abfuhr erteilt, war nicht selbstverständlich. Ramelow ist gläubig, während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter von 2005 bis 2009 war er religionspolitischer Sprecher der Linken. Mit seinem Glauben ist er nicht nur in seiner Partei ein Exot, sondern auch in seinem Umfeld: Über zwei Drittel der Thüringer sind konfessionslos. Das störe ihn nicht, sagt er: „Ich habe hier eine Kirche wiedergefunden, die ich im Westen verloren hatte.“ Mit „der westdeutschen Amtskirche“ liege er über Kreuz, so Ramelow, dort habe er sich nicht mehr heimisch gefühlt und sei schließlich ausgetreten, bevor er in den Osten kam. Der ehemalige Gewerkschaftsfunktionär ging Anfang der Neunzigerjahre nach Thüringen, um dort eine Arbeitnehmervertretung aufzubauen.


Bodo Ramelow erzählt gern von seinem Glauben. Flankiert von dem Gefühl, soziale Verantwortung tragen zu wollen, hat dieser ihn in die Politik gebracht. „Es geht mir auch um das Gefühl, Missstände ändern zu können“, so Ramelow. Gleichzeitig ist ihm wichtig, dass sein Glauben privat bleibt: „Niemals würde ich mich beim Beten filmen oder fotografieren lassen.“ Gegenüber Katholiken – die in Thüringen gerade mal acht Prozent der Bevölkerung stellen und eher zur Kernwählerschaft der CDU zählen, fährt der Protestant Ramelow eine Charmeoffensive. „Ich habe große Achtung davor, wie widerständig die in DDR-Zeiten waren.“ Dass er mit einem solchen Lob die radikaleren Parteifreunde verärgert, nimmt er in Kauf.

Linken Hardlinern ist Ramelow ohnehin suspekt. Er glaubt aber, dass deren Vertreter in der Minderheit sind: „Es gibt einen Teil von Leuten, die laut und schrill sind, aber die sind nicht die Partei.“ Auf außenstehende Beobachter wirkt das wie Wunschdenken. Im Kreise von Altstalinisten, westdeutschen Querköpfen, ehemaligen Stasispitzeln und SED-Gefolgsleuten überraschen differenziert auftretende Linke wie Ramelow. Der gelernte Einzelhandelskaufmann hat Charisma und wirkt im Gegensatz zu vielen anderen Linken rational und unverblendet. Dennoch ist klar, dass auch er das Gedankengut der Partei teilt. So räumt er ein, in der DDR sei „himmelschreiendes Unrecht“ passiert; lehnt es aber ab, die DDR einen Unrechtsstaat zu nennen.

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts kam in der vergangenen Woche trotz derartiger Ausfälle überraschend. Nach dem Richterspruch ist die Beobachtung von Ramelow und der Linkspartei durch den Verfassungsschutz rechtens. Das Argument des Anwalts des Verfassungsschutzes verfing offenbar: „Offen extremistische“ Gruppen wie die Kommunistische Plattform hätten erheblichen Einfluss auf die Programmkommission der Partei. Ramelow bringt das Urteil in Rage: Wer denn zuletzt die Hypo Real Estate verstaatlicht habe, fragt er rhetorisch. „Sahra Wagenknecht – oder die Bundesregierung?“ Die Sommerpause, die er in diesem Jahr mit seiner Frau Germana Alberti vom Hofe – einer Mitarbeiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung – in Thüringen verbringt, nutzt er dazu, eine Verfassungsbeschwerde zu schreiben.


Ramelow ist kampfeslustig, so viel steht fest. Von Jugend an biss er sich durch: Nach dem Hauptschulabschluss legte er zunächst die mittlere Reife ab, später auch die Fachhochschulreife. Bis 1990 war der leidenschaftliche Wanderer Gewerkschaftssekretär in Mittelhessen, danach Landesvorsitzender der Gewerkschaft HBV in Thüringen. Anfang der 1990er-Jahre knüpfte er erste Kontakte zur SED-Nachfolgepartei PDS, 1999 kandidierte er erstmals in Thüringen.

Ein Wessi, der für Ossis kämpft – Ramelow genießt es, Grenzgänger und unberechenbar zu sein. „Ich war immer in Ecken, in denen ich nach Maßstäben anderer nicht hingehöre“, sagt er von sich. Trotzdem hofft er, dass seine Partei möglichst schnell in der Normalität ankommt und aktiv daran mitarbeitet, die Gesellschaft zu verändern. Ramelow ist zuversichtlich: „Nordrhein-Westfalen ist der Beginn einer Lockerungsübung“, sagt er. Dort regiert seit kurzem eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Duldung der Linkspartei. Dass der NRW-Landesverband als chaotische Truppe gilt, findet er ungerecht. „Es gibt auch dort sehr vernünftige Leute“, sagt Ramelow.

Mit solchen freundlichen Worten verbaut er sich innerparteilich nichts. Schließlich hat er noch viel vor. Entweder wird er nach der nächsten Landtagswahl – dann im dritten Anlauf – Ministerpräsident. „Oder ich bewerbe mich als Fraktionsvorsitzender auf Bundesebene.“

Name und Alter?
Bodo Ramelow, 54 Jahre alt

Position?
Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Thüringischen Landtag

Warum sind Sie in die Politik gegangen?
Als Gewerkschafter bin ich an Grenzen gestoßen. Ich wollte sehen, ob es mir gelingt, als Politiker Sachen in Gang zu setzen

Was bedeutet für Sie Macht?
Ein Faktum, per se weder negativ noch positiv. Es kommt darauf an, wie sie angewendet wird und verteilt ist

Wer sind Ihre Vorbilder?
Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela

Welche Eigenschaften brauchen Politiker?
Stehvermögen und Wahrhaftigkeit

Was sollte ein Politiker niemals tun?
Etwas, was gegen die eigene innere Auffassung verstößt
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
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