Erstmals leitet mit Munib Younan ein Palästinenser die Reformationskirchen. Sie werden von Auseinandersetzungen um Homosexualität und Frauenordination erschüttert.
VON BENJAMIN LASSIWE |
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|  VERSÖHNER: Bischof Munib Younan vor den Delegierten der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart. Foto: LWB

| Der Nahostkonflikt prägte Munib Younans Leben. Als Kind palästinensischer Flüchtlinge wuchs er in Jerusalem auf. Den LutherischenWeltbund (LWB) lernte er in der Schule kennen, denn dessen Weltdienst lieferte die Schokoladenmilch, die er in der Pause bekam. Bis heute besitzt der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land einen Flüchtlingsausweis der Vereinten Nationen. Künftig muss er ihn häufiger nutzen: Die in Stuttgart versammelten 360 Delegierten der Vollversammlung des LWB wählten Younan zum Präsidenten der weltweiten Dachorganisation der Lutheraner. Das ehemalige Flüchtlingskind vertritt als Nachfolger des Amerikaners Mark S. Hanson, dessen sechsjährige Amtszeit in Stuttgart turnusgemäß zu Ende ging, 145 lutherische Kirchen mit 70 Millionen Mitgliedern in 79 Ländern.
„Als ich unter Juden und Muslimen in Jerusalem aufwuchs, habe ich die gemeinsamen Werte des Friedens, der Gerechtigkeit und der gegenseitigen Unterstützung schätzen gelernt“, sagte Younan vor den Delegierten. Der Bischof sieht seine Wahl vor allem als Signal an die Christen in Palästina, die in den letzten Jahrzehnten ihre Heimat in Scharen verlassen haben. „Meine Wahl wird Minderheitenkirchen in Ländern mit anderen religiösen Mehrheiten ermutigen und den arabischen Christen neue Hoffnung bringen.“
„Preachy“, moralisierend, sei seine Wahlrede gewesen, spottete ein englischer Delegierter abends beim Bier im Zelt der Pfadfinder. Lautstark war sie auf jeden Fall: Streckenweise übertönte Younan den Ton der Simultandolmetscher. Energisch und engagiert, so präsentierte sich der neue Mann den Delegierten. Doch für den LWB könnte sich die Kür des Palästinensers auch zu einem Politikum entwickeln. Denn im Nahostkonflikt hat sich der Bischof eindeutig positioniert: als Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung entsprechend der politischen Grenzen von 1967.
Ins Lavieren gerät der weißhaarige, stets in Schwarz gekleidete Theologe beim Kairos-Papier, einem im vergangenen Jahr von palästinensischen Theologen verfassten Dokument, das in Anlehnung an den Protest von Christen gegen die Apartheidpolitik Südafrikas zum Boykott israelischer Produkte aufruft und die Besetzung Palästinas als „Sünde vor Gott und den Menschen“ bezeichnet.
In der im Dezember 2009 veröffentlichten ersten Version gehörte Younan zu den Unterzeichnern des Papiers. Mittlerweile findet sich sein Name jedoch nicht mehr auf der Liste. Im Interview sagt Younan, er billige das Papier zusammen mit den übrigen Kirchenoberhäuptern des Nahen Ostens. Gegenüber deutschen Kirchenvertretern soll er sich jedoch im Vorfeld der Vollversammlung ziemlich kritisch zum Boykottaufruf geäußert haben. „Sie müssen da etwas verständnisvoller sein: Es ist leicht, Statements abzugeben – aber es wird schwierig, wenn Menschen die Geduld verlieren“, sagt Younan. „Ich habe israelische Freunde, ich sitze mit ihnen zusammen, ich diskutiere mit ihnen.“ So wie die Palästinenser lebten sie in ständiger Angst. „Wir müssen zueinanderfinden, die Gewalt überwinden und den Extremismus bekämpfen.“
Innerhalb des Luthertums wird Younan vor allem die Aufgaben eines Vermittlers wahrnehmen müssen. Das könnte eine schwere Mission für den Bischof der kleinen Minderheitenkirche werden, die gerade einmal 3000 Mitglieder zählt, unter der Auswanderung palästinensischer Christen leidet und von Lutheranern in Europa und Nordamerika mit namhaften Beträgen finanziell unterstützt wird. Denn auch während der Vollversammlung in Stuttgart wurde deutlich, dass sich die liberaleren Kirchen Europas und Nordamerikas immer stärker von den konservativeren Kirchen Afrikas entfernen.
Umstritten ist vor allem der Umgang mit der Frauenordination sowie mit Theologen, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen. Doch während sich der palästinensische Bischof glücklich zeigt, dass sich in seiner eigenen Kirche nun eine erste Theologin auf ihre Ordination vorbereitet, wollte Younan seine Position zum Thema Homosexualität trotz mehrfachen Nachfragens von Journalisten nicht verraten. Erst will er einen Workshop in Asien abwarten, einer Region, in der die größten Kritiker einer Öffnung zu Hause sind. Er fürchtet, dass sich dort die Ohren schließen, wenn er sich positioniert. Stattdessen forderte er zur Geduld auf und sprach sich dafür aus, das Ergebnis der im Weltbund laufenden Diskussion zu diesem Thema abzuwarten. Auf die Frage nach Ideen zur Lösung der derzeitigen Finanzkrise des Weltbundes kramte er in seiner Aktentasche, um anschließend aus dem Bericht des Schatzmeisters zu zitieren.
Doch das weltweite Luthertum braucht eine starke Spitze. Das sieht auch Younan. „Es ist mein Ziel, dass unsere Einheit bestehen bleibt“, sagte der Theologe. „Wir haben manchmal unterschiedliche Ansichten.“ Dabei aber dürften die Lutheraner nicht zu vorschnellen Entscheidungen kommen, die ihre Gemeinschaft spalten würden. „Denn unsere Einheit ist unsere Stärke“, sagte Munib Younan.
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