Rheinischer Merkur
Die Magazinzeitung für Deutschland jeden Tag
Login Neukunde Suche
 
Merkur aktuell

Bundesbank beantragt Abberufung Sarrazins
Karstadt vor der Rettung?
Israel und Palästinenser nehmen Friedensverhandlungen wieder auf
Drastische Reform der Finanzaufsicht in Europa geplant
Karsai: Zehn Zivilisten bei NATO-Luftangriff in Afghanistan getötet

Merkur Blog

Der Blog zieht um
» Der Film-Blog aus Venedig
Der Bischof, die Tauben und das PETA-Prinzip
» Kollekte. Das Religionsblog
Es fehlen klare Sätze
» Rutz - der Blog zur Krise
Sprachschätze: Vom Urlaub steht nichts in der Bibel
» Kollekte. Das Religionsblog
Atomkraft: Ja, längere Laufzeiten
» Rutz - der Blog zur Krise
Services
 
Facebook Facebook
Twitter Twitter
Leserbriefe
Abo-Service
Archiv
Newsletter
Stellenangebote
pdf-Ausgaben
Jobs
Kontakt
Presse
Sitemap
Mediadaten
RM-Profil
Impressum
Datenschutz
Hilfe
Startseite
 

 

 

 
StartseiteChrist + WeltInternational
29.07.2010

LUTHERISCHERWELTBUND 
Reisen nach Jerusalem

Erstmals leitet mit Munib Younan ein Palästinenser die Reformationskirchen. Sie werden von Auseinandersetzungen um Homosexualität und Frauenordination erschüttert.

VON BENJAMIN LASSIWE



VERSÖHNER:  Bischof Munib Younan vor den Delegierten der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart.
Foto: LWB 

Der Nahostkonflikt prägte Munib Younans Leben. Als Kind palästinensischer Flüchtlinge wuchs er in Jerusalem auf. Den LutherischenWeltbund (LWB) lernte er in der Schule kennen, denn dessen Weltdienst lieferte die Schokoladenmilch, die er in der Pause bekam. Bis heute besitzt der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land einen Flüchtlingsausweis der Vereinten Nationen. Künftig muss er ihn häufiger nutzen: Die in Stuttgart versammelten 360 Delegierten der Vollversammlung des LWB wählten Younan zum Präsidenten der weltweiten Dachorganisation der Lutheraner. Das ehemalige Flüchtlingskind vertritt als Nachfolger des Amerikaners Mark S. Hanson, dessen sechsjährige Amtszeit in Stuttgart turnusgemäß zu Ende ging, 145 lutherische Kirchen mit 70 Millionen Mitgliedern in 79 Ländern.

„Als ich unter Juden und Muslimen in Jerusalem aufwuchs, habe ich die gemeinsamen Werte des Friedens, der Gerechtigkeit und der gegenseitigen Unterstützung schätzen gelernt“, sagte Younan vor den Delegierten. Der Bischof sieht seine Wahl vor allem als Signal an die Christen in Palästina, die in den letzten Jahrzehnten ihre Heimat in Scharen verlassen haben. „Meine Wahl wird Minderheitenkirchen in Ländern mit anderen religiösen Mehrheiten ermutigen und den arabischen Christen neue Hoffnung bringen.“


„Preachy“, moralisierend, sei seine Wahlrede gewesen, spottete ein englischer Delegierter abends beim Bier im Zelt der Pfadfinder. Lautstark war sie auf jeden Fall: Streckenweise übertönte Younan den Ton der Simultandolmetscher. Energisch und engagiert, so präsentierte sich der neue Mann den Delegierten. Doch für den LWB könnte sich die Kür des Palästinensers auch zu einem Politikum entwickeln. Denn im Nahostkonflikt hat sich der Bischof eindeutig positioniert: als Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung entsprechend der politischen Grenzen von 1967.

Ins Lavieren gerät der weißhaarige, stets in Schwarz gekleidete Theologe beim Kairos-Papier, einem im vergangenen Jahr von palästinensischen Theologen verfassten Dokument, das in Anlehnung an den Protest von Christen gegen die Apartheidpolitik Südafrikas zum Boykott israelischer Produkte aufruft und die Besetzung Palästinas als „Sünde vor Gott und den Menschen“ bezeichnet.

In der im Dezember 2009 veröffentlichten ersten Version gehörte Younan zu den Unterzeichnern des Papiers. Mittlerweile findet sich sein Name jedoch nicht mehr auf der Liste. Im Interview sagt Younan, er billige das Papier zusammen mit den übrigen Kirchenoberhäuptern des Nahen Ostens. Gegenüber deutschen Kirchenvertretern soll er sich jedoch im Vorfeld der Vollversammlung ziemlich kritisch zum Boykottaufruf geäußert haben. „Sie müssen da etwas verständnisvoller sein: Es ist leicht, Statements abzugeben – aber es wird schwierig, wenn Menschen die Geduld verlieren“, sagt Younan. „Ich habe israelische Freunde, ich sitze mit ihnen zusammen, ich diskutiere mit ihnen.“ So wie die Palästinenser lebten sie in ständiger Angst. „Wir müssen zueinanderfinden, die Gewalt überwinden und den Extremismus bekämpfen.“

Innerhalb des Luthertums wird Younan vor allem die Aufgaben eines Vermittlers wahrnehmen müssen. Das könnte eine schwere Mission für den Bischof der kleinen Minderheitenkirche werden, die gerade einmal 3000 Mitglieder zählt, unter der Auswanderung palästinensischer Christen leidet und von Lutheranern in Europa und Nordamerika mit namhaften Beträgen finanziell unterstützt wird. Denn auch während der Vollversammlung in Stuttgart wurde deutlich, dass sich die liberaleren Kirchen Europas und Nordamerikas immer stärker von den konservativeren Kirchen Afrikas entfernen.


Umstritten ist vor allem der Umgang mit der Frauenordination sowie mit Theologen, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen. Doch während sich der palästinensische Bischof glücklich zeigt, dass sich in seiner eigenen Kirche nun eine erste Theologin auf ihre Ordination vorbereitet, wollte Younan seine Position zum Thema Homosexualität trotz mehrfachen Nachfragens von Journalisten nicht verraten. Erst will er einen Workshop in Asien abwarten, einer Region, in der die größten Kritiker einer Öffnung zu Hause sind. Er fürchtet, dass sich dort die Ohren schließen, wenn er sich positioniert. Stattdessen forderte er zur Geduld auf und sprach sich dafür aus, das Ergebnis der im Weltbund laufenden Diskussion zu diesem Thema abzuwarten. Auf die Frage nach Ideen zur Lösung der derzeitigen Finanzkrise des Weltbundes kramte er in seiner Aktentasche, um anschließend aus dem Bericht des Schatzmeisters zu zitieren.

Doch das weltweite Luthertum braucht eine starke Spitze. Das sieht auch Younan. „Es ist mein Ziel, dass unsere Einheit bestehen bleibt“, sagte der Theologe. „Wir haben manchmal unterschiedliche Ansichten.“ Dabei aber dürften die Lutheraner nicht zu vorschnellen Entscheidungen kommen, die ihre Gemeinschaft spalten würden. „Denn unsere Einheit ist unsere Stärke“, sagte Munib Younan.
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
 Artikel kommentieren

Vollversammlung: Der Kirchenbund steht im Reformstau. Ein kritisches Fazit

 

 
Rheinischer Merkur Print-Inhalt
Probe-Abo
Archiv
Merkur Lounge
Shop | Reisen
Veranstaltungen

Meinung
Türkei: Wichtiger Schritt auf Europa zu.
Was die Ankündigungen des Präsidenten der Religions- behörde zur Kirche in Tarsus bedeuten.

RM-Video-Kolumne


Thielmanns Sprachschätze: Vom Urlaub steht nichts in der Bibel.
Waren Sie schon im Urlaub? Sind Sie vielleicht schon zurück? Ich bin gerade mittendrin. Und ganz unruhig.

twitter.com/christundwelt


Neues aus dem Ressort
Christ + Welt über twitter.

Serie Christ + Welt


Baustelle Kirche:
Glaubensgerüst der Zukunft.

Wie Christentum und Kirchen ihren Platz in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft behaupten können.

Katholisches Tagebuch

Büchen: Wie einst in Lourdes
Messdienerwallfahrt: Rom sieht Seifenblasen
Reinhard Marx: Schrumpfen ist krank
Konrad Zdarsa: Frieden für Augsburg



Themen-Dossier


2. Ökumenischer Kirchentag.
Die fünftägige Großveranstaltung in München soll der Gemeinschaft der Christen neue Impulse geben. Sie zeigt auch, welch unterschiedliche Kulturen in der Ökumene aufeinandertreffen.

Evangelisches Tagebuch

Internationaler Gospelkirchentag in Karlsruhe
Bei Anruf Kircheneintritt
Pfadfinder sind ein echtes Hoffnungszeichen
Zwei Stellen frei!
Gauck schlägt Käßmann



Themen-Dossier


Glaubwürdigkeits-Krise:
Missbrauch in der Kirche.

Die Fälle von Berlin und anderen Orten erschüttern die Menschen. Im Fokus stehen die Schulen des Jesuitenordens, doch die Vorgänge sind zu einer Belastung der ganzen Kirche geworden.

Christ + Welt Spezial


Pontifikat: Fünf Jahre Benedikt XVI.
Benedikt leitet seine Antworten auf die Fragen der Gegenwart aus dem Glauben ab, dass es objektive Wahrheit gibt. Was bewegt ihn, und was will er bewegen?

Probe-Abonnement


Weil Ihnen das Wesentliche wichtig ist.
Testen Sie jetzt vier Wochen kostenlos und unverbindlich den Rheinischen Merkur – die Wochenzeitung für Deutschland.

Themen-Dossier


Margot Käßmann und
die Zukunft der EKD.

Der Rücktritt von Margot Käßmann trifft die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hart. Jetzt braucht der Protestantismus eine Führung, die klug die nächsten Schritte absteckt.

Anzeige


Christliche Literatur in Deutschland.
Ein umfangreiches Sortiment und fachliche Beratung garantieren folgende Buchhandlungen.


Drucken
Versenden
Bookmark
 


top zurück

Startseite  Politik  Spezial  Wirtschaft  Christ + Welt  Kultur  Wissen  Lebensart  Merkur Plus
[ Weitere Online-Angebote der Verlagsgruppe: mymercury.de, merkur-lounge.de, filmdienst.de, funkkorrespondenz.de, merkur.tv ]
[ © Rheinischer Merkur online 2010 - merkur.de ]
[ Realisiert von pietzpluswild - agentur für digitale medien - ]