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29.07.2010

BETHLEHEM 
Sie weigern sich, Feinde zu sein

Der palästinensische Lutheraner Daoud Nassar hat ein Friedenszentrum aufgebaut. Doch sein Land steht unter israelischer Hoheit. Die Armee und radikale Siedler wollen ihn zwingen, aufzugeben. Mit internationaler Hilfe hält er durch.

VON JOHANNES ZANG, BETHLEHEM



KÄMPFER:  Daoud Nassar auf seinem Besitz vor den Toren der Davidsstadt.
Foto: Johannes Zang 

Die Frau aus der österreichischen Pilgergruppe muss bibelfest sein. „Jetzt weiß ich, was sanftmütig ist“, sagt sie nach der Begegnung mit dem palästinensischen Friedensaktivisten Daoud Nassar. Zusammen mit ihren Mitreisenden strebt sie, vorbei an der Stein-Geröll-Straßensperre, wieder dem Reisebus zu.

Daoud Nassar weiß um das „Terroristen“-Vorurteil gegenüber seinem Volk. Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und Selbstmordattentate haben ihm ein Kainsmal eingebrannt. Während sich manch ein Landsmann gewaltsam gegen die nun seit 43 Jahren bestehende israelische Präsenz zur Wehr gesetzt hat, baut die Familie Nassar auf Gewaltlosigkeit. Immer wieder wird sie durch radikale israelische Siedler bedroht.

Daoud – zu Deutsch David – besitzt ein 42 Hektar großes Grundstück südlich von Bethlehem, 950 Meter über dem Meeresspiegel. Bei guter Sicht ist das Mittelmeer zu erkennen. Daouds Großvater Daher – deshalb der Name der Besitzung „Dahers Weinberg“ – hat das Land 1916 von einem palästinensischen Bauern gekauft. Später zog er mit seiner Familie dorthin. Sie lebten in einer Höhle und pflanzten Bäume an, von Granatapfel über Mandel, Feigen bis zu Oliven, sowie Rebstöcke.

Einen ersten Einschnitt in ihr bisher gleichförmig verlaufenes Leben brachte das Jahr 1990. Daoud erfuhr, dass das gesamte Gebiet um Dahers Weinberg Staatsland sei. Seitdem hat Daoud Nassar keine Ruhe mehr, geht bei Rechtsanwälten ein und aus, muss vor dem Militärgericht erscheinen, Zeugen beschaffen, Gutachten anfertigen und das Land vermessen lassen. Selbst für das Aufstellen eines Zeltes benötigt er die Zustimmung der Militärbehörde, da sein Grundstück im C-Gebiet des Westjordanlandes liegt, wo die Autonomie der Palästinensischen Autonomiebehörde endet und sie deshalb nichts und Israel alles zu sagen hat. Einmal teilte die israelische Militärbehörde dem palästinensischen Christen mit, der nicht bebaute Teil seines Landes falle an den Staat Israel. Daoud musste Augenzeugen beibringen, um die Bearbeitung des Landes nachzuweisen. Er gewann 50 Angehörige, Nachbarn und Freunde. Gut vier Stunden mussten sie in der Hitze warten, dann teilte man ihnen mit: „Heute haben wir keine Zeit mehr. Kommt morgen wieder.“ Daoud gelang es, die Zeugen nochmals zu motivieren. Wieder organisierte er einen Bus zur Militärbehörde. Dabei wurde seine Mutter vier Stunden verhört.


Trotzdem packt der Enddreißiger an. Jammern kennt er nicht. Im Jahr 2000, zu Beginn der zweiten Intifada, des Palästinenseraufstands, in Zeiten, die unsicherer nicht hätten sein können, begann er das Projekt „Zelt der Völker“. Damit hat Daoud die Vision seines Vaters umgesetzt: einen Ort für Menschen zu schaffen, für Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen. Wer das Grundstück betritt, wird mit der Botschaft auf einem großen Stein begrüßt: „Wir weigern uns, Feinde zu sein.“

In Sommerlagern bringt er Jugendliche aus Palästina – Christen und Muslime –, England oder Deutschland zusammen. Wiederholt hat er US-amerikanische Juden, die in Jerusalem eine Rabbinerausbildung absolvieren, auf dem Weinberg empfangen. Und immer wieder kommen Pilgergruppen oder der Israeli Dror Etkes von der Friedensorganisation Schalom Achschaw (Frieden jetzt) vorbei. Daoud deutet die Besuche so: „Es gibt doch Menschen, die anders denken und dieses Unrecht nicht akzeptieren. Das ist für uns eine Motivation.“ 2007 wurde der Lutheraner mit dem Michael-Sattler-Friedenspreis der deutschen Mennoniten ausgezeichnet. Im April 2010 folgte der Friedenspreis der Ethik-Gesellschaft von Brooklyn in New York.

Die letzten Jahre konnten Daouds Familie und die ausländischen Helfer weitgehend unbehelligt an ihrem Lebensprojekt arbeiten. Doch seit letztem Herbst sind wieder dunkle Wolken über dem Weinberg aufgezogen.

Der deutsche Zivildienstleistende Willi Haentjes erinnert sich genau: In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober 2009 gab es einen „Übergriff von israelischen Militärs“ um 20 Minuten vor eins. 30 israelische Soldaten kamen in sechs Jeeps, brachen das Tor auf, schlugen gegen Fenster und Türen, leuchteten mit Taschenlampen in Hütten und Zelte, stießen den Stein mit der Botschaft des Projekts um. Als der 19-Jährige aus Alpen am Niederrhein sich hinausschleichen wollte, wurde er gestellt und verhört. „Ich musste 20 Minuten Fragen beantworten, eine Waffe vor dem Gesicht“, erzählt er. Danach wurde er von einem Soldaten bewacht. „Der war genauso alt wie ich, könnte zu Hause im Bett liegen und steht eineinhalb Meter vor mir mit Gewehr“, berichtet Willi. Auf seine Frage, wozu diese Razzia diene, erhält er zur Antwort: „Es tut mir leid, ich bin nicht der Verantwortliche.“

Als plötzlich alle Soldaten wie auf Kommando ihre Waffen entluden, wurde Willi schlagartig klar: „Die sind die ganze Zeit mit geladenen Waffen unterwegs gewesen. Das war der Moment, wo es doch ein bisschen mulmig wurde.“ Über die Razzia selbst urteilt er im Rückblick: „Wie die Soldaten mit der Familie umgegangen sind, das war nicht schön. Es ist traurig, wenn man aus Europa kommt und das in einem Staat sieht, der sich demokratisch nennt.“


Bis Mai 2010 zogen wieder ruhige Monate über Dahers Weinberg. Dann händigten zwei Offiziere der israelischen Militärbehörde Daoud Nassar neun Abrissbefehle aus: Er habe illegal gebaut. Dabei hatte sich Daoud Nassar immer wieder um Baugenehmigungen bemüht, doch im C-Gebiet des palästinensischen Westjordanlandes erhalten Palästinenser höchst selten eine Erlaubnis. Die Abrissbefehle gelten Zelten, Ziegenunterständen, Wasserzisternen und zwei Höhlen, die Daoud mit Willi und anderen Helfern in einen Versammlungsraum und eine Kapelle verwandelt hat.

„Haltet euch für Aktionen bereit“, alarmierte der christliche Palästinenser seine Unterstützer in aller Welt und konsultierte umgehend seinen Anwalt. Christiane Michaeli aus der Nähe von Aschaffenburg schrieb einen Brief an den Würzburger Weihbischof Ulrich Boom, da sie den Abrissbefehl für eine „unglaubliche Ungerechtigkeit“ hält. Den Bischof bat sie, sich an die israelische Botschaft zu wenden. Janina Achtmann, die jahrelang in Jerusalem gelebt hat, sagt lapidar dazu: „Nun machen sich die Israelis den besten Freund zum Feind.“ Inzwischen hat der Oberste Gerichtshof Israels der Militärbehörde bis zum 3. August ein Ultimatum gestellt: Bis dahin muss sie gute Gründe für den Abriss der neun „Strukturen“ nennen. Daoud Nassar bittet nun seine Unterstützer in Übersee um Gebet. Und sie sollen für politischen Druck sorgen.

Der Kampf um sein Land schlägt bisher mit 120 000 Euro zu Buche. So hoch haben sich die Kosten der Anträge aufgetürmt – für stets verwehrte Baugenehmigungen, Honorare für Rechtsanwälte und Gutachten sowie für das bisher sechsmalige Vermessen des Landes. Von Zeit zu Zeit, auch dank Spenden, kann der Palästinenser wieder einen Teil seiner Schulden an Rechtsanwälte oder Landvermesser abtragen.

Doch Daoud Nassar kämpft nicht nur mit der Militärbehörde. Israelisch-jüdische Siedler der nahen Siedlung Newe Daniel rissen schon frisch gepflanzte Ölbäume aus und zerstörten Wassertanks, ein anderes Mal planierten sie mit Bulldozern eine Straße durch sein Grundstück. Daouds Mutter hielten sie auch schon einmal eine Waffe an die Schläfe. Ihre Absicht ist für Daoud Nassar klar: Sie wollen sich sein Landaneignen.


Anfang Juli hat die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem einen neuen Bericht zur israelischen Siedlungspolitik veröffentlicht. Darin heißt es: In puncto Landnahme sei das Siedlungsunternehmen von Anbeginn an „mit internationalem Recht, lokaler Gesetzgebung, israelischen Armeeerlassen und israelischem Recht in zynischer und sogar verbrecherischer Weise umgegangen“.

Für Daoud Nassar ist das nichts Neues. An manchen Tagen sagt er Sätze wie: „Die Israelis wollen, dass wir mit der Zeit aufgeben.“ An guten Tagen gibt er sich zuversichtlich. Dann kommen ihm ganz andere Worte über die Lippen: „Sie wollen unsere Überzeugung kaputt machen, aber wir sind entschlossen, das Böse mit dem Guten zu überwinden.“ Wird für den lutherischen Palästinenser die Zusage der Bergpredigt an die Sanftmütigen und Friedfertigen doch noch wahr? Wird er – um mit Luther zu sprechen – am Ende „das Erdreich besitzen“?


Daoud Nassar wird im Herbst in Deutschland und Österreich auf Vortragsreise sein. Stationen: 16.9. Villingen, 18.9. München, 19.9. Nürnberg, 20.9. Hösbach-Bahnhof, 21.9. Heidelberg, 22.9. Aachen, 23.9. Lienen, 24.9. Augsburg, 26.9. Freiburg, 27.9. Innsbruck, 28.9. Ried, 29.9. Linz, 30.9. St. Pölten, 1.10. Wien
Internet: www.tentofnations.org
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
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