Rheinischer Merkur
Die Magazinzeitung für Deutschland jeden Tag
Login Neukunde Suche
 
Merkur aktuell

Verfassungsgericht kippt Hartz-IV-Sätze
Europa-Parlament bestätigt EU-Kommission
GM will Opel mit Stellenabbau und Steuergeld sanieren
Bundeskabinett beschließt neues Afghanistan-Mandat
Iran trotzt neuen Sanktionsdrohungen

Merkur Blog

Der ganz normale Handy-Wahnsinn
» Kulturdusche
Griechenland: Axt an Europa
» Rutz - der Blog zur Krise
Fünf Sterne über Hartz IV
» Kulturdusche
Tolstoi to go, Schiller für Gestresste
» Kulturdusche
Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies
» apo's Welt
Services
 
Facebook Facebook
Twitter Twitter
Leserbriefe
Abo-Service
Archiv
Newsletter
Stellenangebote
pdf-Ausgaben
Jobs
Kontakt
Presse
Sitemap
Mediadaten
RM-Profil
Impressum
Datenschutz
Hilfe
Startseite
 

 

 

 
StartseiteChrist + WeltEssay
12.11.2009

PHILOSOPHIE 
„Wie ein Kino ohne Projektor“

Nietzsches Übermensch ist wieder da – in den Werken eines Peter Sloterdijk und Richard Dawkins. Robert Spaemann hält ihnen sein Menschen- und Gottesbild entgegen. Ein Gespräch mit dem Philosophen.

Rheinischer Merkur: Daimler wirbt mit dem Slogan: „Mercedes denkt und der Mensch lenkt.“ Früher hieß es: „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Wie erklären Sie sich diese Rollenverschiebung?

Robert Spaemann: Meistens gibt es für solche Phänomene mehrere Ursachen. Sicher liegt es auch an der Faszination von Wissenschaft und technischem Fortschritt, der alles sprengt, was wir bisher in unserer Geschichte hatten. Da wir ein bisschen mehr können als früher, denken manche Menschen, ihnen sei alles möglich, was natürlich ein gigantischer Irrtum ist. Und ich frage mich, was lenken die Menschen denn eigentlich? Ja schön, ein Auto. Und was ist mit der Wirtschaftskrise, der Klimakatastrophe oder der Bevölkerungsexplosion, auf die wir zuschlittern? Und was ist mit den Kriegen und Völkermorden im 20. Jahrhundert? Wo ist da ein lenkender Mensch? Mir fällt dabei immer ein Wort von Johann Nestroy ein, das Ludwig Wittgenstein als Motto über seine philosophischen Untersuchungen gesetzt hat: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer zu sein scheint, als er ist.“

RM: Der Philosoph Peter Sloterdijk will in seinem neuesten Buch aufräumen mit dem „Märchen von der Rückkehr Gottes“ Die Weltkrise sei die einzige Autorität, die heute sagen dürfe: „Du musst dein Leben ändern.“ Dieser Aufgabe sei nur der sogenannte Übermensch gewachsen.

Spaemann: Der Übermensch war eine Erfindung des Philosophen Friedrich Nietzsche aus dem 19. Jahrhundert als Ersatz für die Gottesidee. Dabei gab er zugleich unumwunden zu, dass die größte Idee der Menschheit die Gottesliebe sei, die Idee, dass der Mensch etwas lieben soll, was ihn selbst übersteigt. Da Nietzsche aber nicht glaubte, dass es Gott gibt, erfand er ein funktionales Äquivalent für die Gottesidee, was aber reine Phantasie ist; denn für den gläubigen Menschen ist Gott wirklich. Ich bin noch niemandem begegnet, der an die Wirklichkeit des Übermenschen geglaubt hätte. Der Übermensch ist ein Konstrukt, was übrigens Nietzsche selbst in seinem Werk „Zarathustra“ andeutet, wenn er vom „letzten Menschen“ spricht. Seine Schilderung deckt sich mit der heutigen Spaßgesellschaft: „Ein Lüstchen am Tag, in der Nacht ein Lüstchen. Nicht zu viel, das schadet der Gesundheit. Keiner will mehr regieren, keiner will befehlen. Keiner will gehorchen.“ Und dann schreit auf einmal die ganze Menge auf: „O Zarathustra, gib uns diesen letzten Menschen. Wir schenken dir den Übermenschen. Den wollen wir ja gar nicht. Lass uns doch den Spaß haben. Dann ist alles in Ordnung.“

RM: Sie behaupten, Gott sei ein „unsterbliches Gerücht“. Warum hält es sich so hartnäckig?

Spaemann: Wenn man fragt, wie kommen wir dazu, von Gott zu reden, obwohl ihn niemand gesehen hat, muss es einen Grund haben. Man kann nur sagen, es wurde immer von Gott gesprochen. Wenn wir dem Gerücht auf den Grund gehen, entdecken wir dahinter die Wirklichkeit. Und wir haben dafür das Wort Gott. Es taucht immer wieder auf, was immer auch dagegen unternommen wird. Dieses Gerücht ist unsterblich.

RM: Seit Menschengedenken gehen Philosophen der brennenden Frage nach Gott und Wahrheit nach. Platon hat 370 vor Christus das sogenannte Höhlengleichnis konstruiert. Was hat es heute noch zu sagen?

Spaemann: In dem Gleichnis kommt auch das Gerücht vor. Platon erzählt eine Geschichte von Menschen, die in einer Höhle sitzen, gefangen und gefesselt. Es ist dunkel. Sie können sich auch nicht gegenseitig berühren. Es gibt ein Feuer hinter ihnen. Figuren bewegen sich, ein Schattenspiel, das sich an der Wand abspielt. Die Höhlenbewohner halten diese projizierte Welt für die Wirklichkeit, weil sie in ihrem bisherigen Leben nichts anderes gesehen haben. Sie stellen Überlegungen an, was passieren könnte mit den Figuren, die an der Wand auftauchen. Aufgrund dieses Schattenspiels konstruieren sie allmählich ihre eigene Welt.

Für Platon ist dieses Höhlengleichnis ein Bild für den Menschen, der die sinnlich erfahrbaren Dinge für die eigentliche Wirklichkeit hält. Und das Herauskommen aus der Höhle ist das Erwachen des Bewusstseins für die eigentlichen Realitätsverhältnisse, dass die Grundstrukturen der Welt nicht abhängig sind von den materiellen Dingen. Der große Logiker Heinrich Scholz pflegte zu sagen: „Die Gesetze der Logik sind unabhängig vom Kreidevorrat der Welt. Das heißt: Wenn keine Tafeln und kein Papier mehr da sind, um diese logischen Gesetze aufzuschreiben, existieren sie dennoch ganz unabhängig von irgendwelchen sinnlichen Erfahrungen.“

Für Platon ist das, was wir sehen, nur die Außenseite der Wirklichkeit. Zur eigentlichen Wirklichkeit müsse der Mensch erst durchdringen, um die Innenseite der Wirklichkeit wahrzunehmen. So haben auch die Kirchenväter das Höhlengleichnis von Platon gedeutet als Bild für die Befreiung der Seele. Christus sei aus dem Reich der Sonne in die dunkle Höhle herabgestiegen

RM: Platon hat auch die Philosophen und Theologen des Mittelalters wie Anselm von Canterbury oder Thomas von Aquin mit den fünf kosmologischen Beweisen für die Existenz Gottes mit inspiriert. Sind diese Gottesbeweise noch zeitgemäß?

Spaemann: Ich kann jetzt nicht auf die einzelnen Gottesbeweise eingehen, sondern nur grundsätzlich sagen: Die mittelalterlichen Gottesbeweise machen alle die stillschweigende Voraussetzung der Verstehbarkeit der Welt. Die Welt wende uns ein lesbares Gesicht zu, weil sie von Gott geschaffen ist. Obwohl Immanuel Kant sämtliche Gottesbeweise kritisierte, hatte er einen schwerwiegenden Grund, an Gott zu glauben. Kant sagte, wenn schon jemand an Gott glaubt, dann sind für ihn auch die Naturphänomene Zeichen für die Wirklichkeit Gottes: „Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Aber es sind für ihn keine zwingenden logischen Beweise, sondern plausible Reaktionen für jemanden, der schon an Gott glaubt. Für mich sind die mittelalterlichen Gottesbeweise gute Argumente, die allerdings voraussetzen, was in ihnen selbst nicht vorkommt, nämlich die Existenz Gottes, also eben das, was sie beweisen wollen.

RM: Im 19. Jahrhundert verwirft Friedrich Nietzsche die Glaubensthese Kants und verkündet lautstark: „Gott ist tot, es lebe der Übermensch.“ Im bisherigen philosophischen Denken war der Glaube an die Existenz Gottes weitgehend Voraussetzung für Wahrheit. Hat Nietzsche die Wahrheit auch zu Grabe getragen?

Spaemann: Nietzsche musste eingestehen, dass „auch wir Aufklärer, wir freien Geister des 19. Jahrhunderts, noch an dem festhalten, was der Glaube Platons war und was der Glaube des Christentums ist, dass Gott die Wahrheit und dass die Wahrheit göttlich ist“. Wenn wir aber nicht mehr an Gott glauben können, wie er meint, dann können wir auch nicht mehr an Wahrheit glauben. Dann gibt es nur die subjektive Perspektiven: Jeder hat seine eigene Perspektive auf die Welt. Der vollkommene Relativismus. Niemand kann sagen, wie es wirklich ist. Das gibt es nur, wenn es Gott gibt. Nietzsche geht noch einen Schritt weiter, wenn er sagt: Mit dieser Erkenntnis zerstört die Aufklärung sich selbst; denn sie lebte von dem Pathos der Wahrheit; sie wollte die Menschheit über die Wahrheit belehren und aufklären, weg von Illusionen, weg vom Aberglauben. Aber nun führe die Aufklärung dazu, die Idee Gottes zu beseitigen, womit sie ihre eigenen Voraussetzungen beseitigt.

Deshalb sah Nietzsche in seinem Nihilismus, mit dem man nicht auf die Dauer leben könne, ein Durchgangsstadium. Jenseits des Nihilismus erwartete er eine Welt mit neuen selbst geschaffenen Mythen, die mit Wahrheit nichts zu tun haben. Der von ihm propagierte heroische Nihilismus, der dem Schicksal ins Auge sieht und so lebt, dass er in unendlichen Wiedergeburten immer wieder so leben möchte. Er muss am Ende scheitern und in der Spaßgesellschaft enden. Das hatte Nietzsche vorausgesehen, wenn er das Volk sagen lässt: „Ach Zarathustra, gib uns den letzten Menschen, und wir schenken dir den Übermenschen.“

RM: Peter Sloterdijk lässt Nietzsches Mythos vom Übermenschen in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“ wiederaufleben. Der Mensch müsse üben, mehr als er selbst zu werden, um die Weltprobleme zu lösen. Als leuchtendes Vorbild dienen ihm die Spitzensportler, die das heilige Feuer des Übermenschen gehütet hätten. Sloterdijk setzt auf die Intelligenz, die für ihn in positiver Korrelation mit dem Willen zur Selbstbewahrung existiert. Wie beurteilen Sie seine von Nietzsche inspirierte Vision?

Spaemann: Man kann wohl nicht übersehen, dass Sloterdijk eine Zeitlang auch Bhagwan-Schüler gewesen ist (dieser Guru lehrte, man könne selber Gott werden, d. Red.). Seine Vorstellung, einen Mythos zu kreieren, an dessen Wahrheit man gar nicht glauben muss, oder den Egoismus einfach zu kultivieren und zu sublimieren zu einem heroischen Egoismus, klingt ziemlich phantastisch. Zu seiner Forderung nach einer Diktatur, nach einer Züchtung von Menschen schreibt er sinngemäß im Artikel „Der Menschenpark“: Die Erziehung sei heute nicht mehr imstande, die Kultur wirklich weiterzugeben. Stattdessen müssen wir den Menschen genetisch manipulieren, damit er so wird, wie wir ihn haben wollen. Was den Übermenschen betrifft, möchte Sloterdijk offenbar auf der Seite der Züchter stehen.

RM: In Ihrem Buch „Der letzte Gottesbeweis“ zitieren Sie Nietzsche mit den Worten: „Wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.“ Wie deuten Sie diesen Satz?

Spaemann: Da muss ich etwas ausholen. Wenn wir hier im Garten sitzen, wird es immer wahr sein, dass wir hier gesessen haben. Unser Gespräch hat stattgefunden. Nach unserer Grammatik impliziert jede Aussage eine Aussage im Futurum exactum. Wenn ich jetzt lese, dann werde ich hinterher gelesen haben. Wenn Sie und ich später gestorben sind, dann erinnert sich niemand mehr an dieses Gespräch. Es wäre dennoch Unsinn zu behaupten, es würde einmal der Moment kommen, wo wir nicht hier gesessen haben. Die Realität bleibt.

Nun behaupte ich, wenn wir nicht die Realität eines absoluten Bewusstseins annehmen, in dem alles, was geschieht, für immer aufgehoben ist, dann kann niemand erklären, was es heißt, dass etwas gewesen ist. Es ist dann weg. Wenn also dem Gewesensein nicht eine Wirklichkeit entspricht, und das ist die Wirklichkeit Gottes, dann gibt es kein Gewesensein. Wenn ich diese grammatische Struktur leugne, dann lebe ich im Absurden. Das meint wohl Nietzsche, wenn er sagt: „Wir werden Gott nicht los, solange wir an die Grammatik glauben.“

David Hume, der Vater des neuzeitlichen Empirismus, sagt: „Wir tun niemals einen Schritt über uns hinaus.“ Wenn es kein Jenseits gibt, dann leben wir im Absurden. Die Zecke weiß nichts von einem solchen Jenseits der Zeckenwelt. Ihre Welt besteht nur aus Buttersäure und Abwesenheit von Buttersäure. Was anderes ist für sie nicht real. Sein ist für sie nur für Sie-Sein. Anders der Mensch. Ich sitze auf einem Schiff, um mich herum der Ozean. Ich bin immer in der Mitte, der Horizont wandert mit mir. Ich sehe in der Ferne ganz klein am Horizont ein Schiff, bedeutungslos wie eine Fliege. Aber ich weiß, dass dort Menschen sitzen, die genauso im Mittelpunkt sind wie ich. Aus deren Perspektive bin ich ganz klein. Wenn wir uns selbst als denkende Wesen ernst nehmen wollen, dann müssen wir Gott annehmen und uns selbst relativieren. Wenn wir ihn aber leugnen, leugnen wir uns selbst als wahrheitsfähige Wesen.

RM: Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins hält den Glauben an die Existenz Gottes für eine Illusion. In seinem Buch „Der Gotteswahn“ macht er den biblischen Schöpfungsbericht lächerlich, weil er den wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspreche.

Spaemann: Dawkins reagiert so ähnlich wie die Gefangenen in Platons Höhlengleichnis. In unsere Zeit übersetzt, würden wir heute sagen: Die Leute sitzen im Kino. Was sie auf der Leinwand sehen, halten sie schlechthin für die Wirklichkeit. Niemand käme auf den Gedanken, dass ein Projektor diese beweglichen Bilder und Handlungen an die Leinwand projiziert. Und die Kinobesucher würden sich lustig machen, wenn jemand von einem Projektor faseln würde. Sie verstünden die Filmgeschichte auch ohne Projektor; sie ist ja doch innerlich vollkommen logisch aufgebaut und läuft nach plausiblen Regeln ab. Warum müssen wir dann annehmen, dass die ganze Geschichte aus einem Projektor hervorgeht? So ähnlich argumentiert Dawkins. Aber die Schöpfungslehre spricht nicht davon, wie sich die Wirklichkeit im Laufe von Jahrmillionen entwickelt hat, sondern wem dieses Ganze, das Universum, in jedem Augenblick zu verdanken ist. Es ist der Glaube an den „Projektor“, der das Ganze an die Wand wirft; denn ohne „Projektor“ spielt sich nichts mehr ab.

RM: Der Glaube an einen Schöpfergott ist also durchaus vereinbar mit der Evolutionstheorie?

Spaemann: Ein Gottesargument ist die Evolutionstheorie selbst. Wir glauben zu wissen, wie der Mensch im Laufe der Jahrmillionen entstanden ist. Dann taucht die Frage auf, wie es kommt, dass ein vollkommen bedingtes materielles Wesen in sich den Gedanken von Unbedingtheit, von Wahrheit und von dem in sich Guten hat. Ich denke an Maximilian Kolbe, der im KZ sein Leben opfert für einen Familienvater, der am Leben bleibt, weil Kolbe stellvertretend für ihn in den Tod geht. Wir bewundern die Größe dieses Menschen. Die Evolutionsbiologen haben dafür keine Erklärung. Das ist ein Sprung. Eine plausible Erklärung gibt es nur dann dafür, wenn man einen Schöpfergott annimmt, der die ganze Evolution in Gang gesetzt hat. Es ist der gleiche Gott, der uns Menschen als freie Wesen geschaffen hat. Wer an Gott glaubt, kann diesen Gegensatz, einmal Evolutionsprodukt, einmal Sinn erfahrendes geistiges Wesen, auf diese Weise überbrücken.

Es gibt in der Evolution wirkliche Sprünge, das Auftreten von kategorial Neuem, so das Leben, so der Trieb, so der Gedanke des Unbedingten. Es mag ja einen Selektionsvorteil bieten, aber das erklärt nicht seine Entstehung. Das Auftauchen von Neuem, die Mutation, ist die Blackbox der Evolutionsbiologen. Die Wissenschaft ist darauf aus, prinzipiell Neues auf Altes zurückzuführen.

Der Gläubige dagegen sieht die Welt unter einem anderen Blickwinkel. Wenn morgens die Sonne aufgeht, betrachte ich dieses Naturschauspiel als etwas vollkommen Unvergleichbares. Es geschieht ja an diesem Morgen, an dem ich Gott danke für den Reichtum seiner Güte, für das Licht, für die Schönheit der Welt, für die Liebe. Der Gläubige sieht alles unter dem Blickwinkel des Neuen und Einmaligen. Der reine Wissenschaftler sieht alles unter dem Aspekt der Vergleichbarkeit und Ableitbarkeit aus bereits Bekanntem. Das sind zwei unterschiedliche Perspektiven für dieselbe Wirklichkeit. Auf diese Weise können wir auch die Evolution betrachten: einerseits als rein biologisch-physikalische Gesetzmäßigkeit und andererseits als Transporteur eines Sinnes, der mit diesem naturwissenschaftlichen Prozess gar nichts zu tun hat, aber nicht unabhängig davon ist.

RM: Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief: Gott ist zwar unsichtbar, doch an seinen Werken, der Schöpfung, haben die Menschen seit je seine göttliche Macht und Größe sehen und erfahren können. Wie sind Sie Gott auf die Spur gekommen?

Spaemann: Ich bin in diese Bekanntschaft, aus der eine Freundschaft mit Jesus wurde, hineingewachsen durch meine Eltern. Da sind mir natürlich Einwände begegnet, die sich als Alternativen anboten. Aber ich habe nie eine Alternative gefunden, die mir als plausibel erschienen wäre. Dann hat sich daraus auch eine persönliche Beziehung entwickelt, eine Freundschaft mit Christus, von der ich hoffe, dass sie nie endet und stärker ist als der Tod. Dabei werde ich an King Lear bei Shakespeare erinnert. Er hat sein Königtum verloren. Bevor er vertrieben wird, will Ritter Graf Kent in seinen Dienst treten. Der alte König sagt zu ihm: „Wer bin ich denn? Es lohnt sich doch nicht, in meinen Dienst zu treten.“ Und Graf Kent antwortet: „Es ist etwas in eurem Wesen, das ich gern meinen Herrn nenne.“ Wenn ich das Christus-Antlitz auf dem Turiner Grabtuch betrachte, leuchtet mir etwas entgegen, was ich gerne meinen Herrn nenne.

RM: Papst Benedikt XVI. hat bei seinem Deutschlandbesuch die Gläubigen ermutigt: „Habt keine Angst vor Christus. Er nimmt nichts. Er gibt alles.“ Was hat Christus Ihnen gegeben?

Spaemann: Alles.

RM: Was heißt das?

Spaemann: Wer verliebt ist, hat das Gefühl, dass der geliebte Mensch ihm durch seine Anwesenheit eine neue Welt erschließt. Ich bin durch Christus belehrt worden, dass Gott die Liebe ist. Er hat mir eine vollständig veränderte Sicht auf die Wirklichkeit gegeben, nämlich die Welt als ein Geschenk zu betrachten, auf das ich nur mit Dank reagieren kann. Es ist alles anders.


Zur Person
Robert Spaemann, 1927 geboren, zählt zu den profiliertesten Philosophen der Gegenwart. Er lehrte als Professor an den Universitäten Stuttgart, Heidelberg und München, wo er 1992 emeritiert wurde. In seinen Beiträgen zur Rechtsphilosophie betont er die Aktualität des Naturrechts. Immer wieder greift er engagiert in die öffentliche Debatte ein. Aus seinem Verständnis von Person und Menschenwürde weist er jegliche Relativierung des Rechts auf Leben zurück. Papst Benedikt XVI. schätzt ihn als Berater und lud ihn im September 2006 nach Castel Gandolfo ein, wo Spaemann über das Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Glauben referierte. Zuletzt veröffentlichte er unter anderem „Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne“ (2005) und „Der letzte Gottesbeweis“ (2007). R.Z.
 Das Gespräch führte Günther Klempnauer.
© Rheinischer Merkur Nr. 46, 12.11.2009
 Artikel kommentieren

 

 
Rheinischer Merkur Print-Inhalt
Probe-Abo
Archiv
Merkur Lounge
Shop | Reisen
Veranstaltungen

Meinung
Romano Guardini: Mitten im Unglauben der Moderne.
Was der vor 125 Jahren geborene Religionsphilosoph uns heute noch zu sagen hat.


Universität:
Karriere mit dem Islam.

Es darf nicht dabei bleiben, dass keiner der 2500 Imame in Deutschland studiert hat.

twitter.com/christundwelt


Neues aus dem Ressort
Christ + Welt über twitter.

Evangelisches Tagebuch

Konsens für Perikopen
Pfarrer verzweifelt gesucht
Kirche im Briefkasten
Wiedereintritte: Da kann jeder kommen



Themen-Dossier


Haiti:
Weiterleben in Trümmern.

Wo ist Gott? Das Unglück trifft, wie so oft, die Ärmsten der Armen. Während die Hilfe anrollt, bleibt das Warum offen.

Katholisches Tagebuch

Glaube, Sinn, Heimat
Hotline für Heimkinder



Probe-Abonnement


Weil Ihnen das Wesentliche wichtig ist.
Testen Sie jetzt vier Wochen kostenlos und unverbindlich den Rheinischen Merkur – die Wochenzeitung für Deutschland.

Christ + Welt spezial


Frau = Mann:
Das soziale Geschlecht.

Gender will den Unterschied zwischen Mann und Frau aufheben. Für Kritiker bedeutet Gender-Mainstreaming die Auflösung der „sozial bedingten Rollen“. Erst einmal aber geht es um Ausgleich im Alltag.

Auslese

Lamya Kaddor: Muslimisch –weiblich – deutsch
Hans Maier: Mit Herz und Mund. Gedanken zur Kirchenmusik
Hans-Martin Gutmann: Warum Religion Gewalt nicht hervorbringt, sondern bindet



Anzeige


Christliche Literatur in Deutschland.
Ein umfangreiches Sortiment und fachliche Beratung garantieren folgende Buchhandlungen.

Christ + Welt Serie


Standpunkte:
Die Zukunft der Soziallehre.

Christliche Gesellschaftswissen- schaftler und Sozialethiker sind angetreten, den Anspruch der Erneuerung einzulösen. Wir stellen einige von ihnen mit Beiträgen zu aktuellen Fragen in einer losen Reihe vor.


Drucken
Versenden
Bookmark
 


top zurück

Startseite  Politik  Spezial  Wirtschaft  Christ + Welt  Kultur  Wissen  Lebensart  Merkur Plus
[ Weitere Online-Angebote der Verlagsgruppe: mymercury.de, merkur-lounge.de, filmdienst.de, funkkorrespondenz.de, merkur.tv ]
[ © Rheinischer Merkur online 2010 - merkur.de ]
[ Realisiert von pietzpluswild - agentur für digitale medien - ]