Alte ins Ausland geschickt

Was ist dran am deutschen "Greisen-Export"?

München - Ein Seniorenheim in Tschechien, speziell für Deutsche – Einrichtungen wie dieses neue Haus in der Nähe der Oberpfalz gibt es immer häufiger. Doch ist die Pflege im Ausland tatsächlich ein Massenphänomen?

Sie werben mit Maniküre, Knabberfisch-Fußpflegebehandlung, täglichen Spaziergängen, deutschsprachiger 24-Stunden-Pflege. Sie locken mit Heimen, die nach Urlaubsressorts klingen – und zwar zum kleinen Preis. Die Zahl der günstigen Heime im Ausland, die um deutsche Senioren werben, wächst. Da gibt es die fernen thailändischen Residenzen. Und es gibt immer mehr Häuser in weniger exotischen Gebieten. Am Donnerstag erst wurde in Tschechien eine Einrichtung eröffnet, auf Höhe Amberg, zehn Kilometer hinter der Grenze. Drei Senioren sind schon eingezogen, Ende Februar werden alle 22 Zimmer belegt sein – mit Deutschen.

Ein sensibles Thema, die Medien sparen nicht mit markigen Schlagzeilen. „Die Deutschen schicken ihre Alten und Kranken ins Ausland“, schrieb der Focus. Günther Jauch stellte in seiner Talkrunde die Frage: „Kostenfaktor Oma – wird Pflege unbezahlbar?“ Sogar die britische Zeitung The Guardian berichtete über die „unmenschliche Deportation“, mit der Deutschland seine „chronische Pflegekrise“ zu überwinden versuche. Tatsächlich können sich immer weniger Menschen Pflege in der Heimat leisten, die Empfänger der staatlichen „Hilfe zur Pflege“ werden mehr. 2000 waren es noch 324.144, zehn Jahre später schon 411.025. Doch gibt es ihn tatsächlich im großen Stil, den Greisen-Export?

Artur Frank, 55, sagt: Nein. Der Bayer lebt in einer slowakischen Stadt bei Bratislava. Von dort aus vermittelt er osteuropäische Pflegeplätze an Deutsche. In der Slowakei, in Ungarn und jetzt eben auch in dem neuen Haus an der Grenze zwischen Tschechien und der Oberpfalz. Frank findet, da wird viel falsch dargestellt, zu negativ. Nicht jede Tochter, die die Mutter ins Ausland bringe, sei knickrig – viele Senioren blühten im Osten regelrecht auf.

Artur Frank ist in den vergangenen Jahren eine zentrale Anlaufstelle für deutsche Familien geworden. Der 55-Jährige stammt aus Zusmarshausen bei Augsburg. 2003 verkaufte er seinen Pharma-Betrieb und zog mit seiner Frau in ihre Heimat – in die Slowakei. Bald baten Bekannte um die Vermittlung einer Pflegekraft nach Deutschland. Die Anfragen wurden mehr, also startete er 2006 die Vermittlungsagentur für Heimplätze. 1980 Euro verlangt er pro Klient – dafür sucht er das passende Haus aus, erledigt den Papierkram, besucht Bewohner und Heime. Er hat gut zu tun, will weiter expandieren. Doch eines sagt er ganz klar: „Es gibt hier nicht tausende Deutsche, die sich in Osteuropa pflegen lassen.“ In der Slowakei seien es nur knapp 100.

Wer zählt zu seinen Kunden? Viele haben Wurzeln in Osteuropa oder stammen aus Sudetenland. Grob ließen sich die Klienten in drei Gruppen einteilen: Die geistig und körperlich fitten Senioren, die ihren Kindern nicht zur Last fallen möchten und eine preiswerte Lösung suchen. Dann die ehemals Selbstständigen, viele hatten früher ein kleines Geschäft, einen Laden – sie sind privat versichert und können sich ein Pflegeheim ohne finanzielle Hilfe von ihren Kindern nicht leisten. Doch die haben meist selbst zu kämpfen, führen das Unternehmen der Eltern weiter. Die dritte Gruppe ist mit der Pflege in – zumeist günstigen – deutschen Heimen nicht zufrieden. „Dort fehlt oft die Zeit“, sagt Frank. Gepflegt und abgerechnet wird nach Sekunden – „das gibt es in Osteuropa nicht“. Magensonden, die viel Pflegezeit sparen und in Deutschland manchmal nur deshalb verordnet werden, sind selten. Die Astronautenkost ist teuer, Arbeitskräfte nicht: „Bei uns wird gefüttert.“ Eine ehemals künstlich ernährte, bettlägerige Seniorin aus Baden-Württemberg esse inzwischen wieder Brei, sei fitter, mobiler – und könne sogar ein paar Schritte gehen.

Wissenschaftlich ist nicht belegt, ob Demenzkranke wahrnehmen, wo und von wem sie gepflegt werden. Erwiesen ist lediglich: „Die Patienten sind auf menschliche Zuwendung angewiesen – und zwar von festen Bezugspersonen“, sagt Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin von der Uni Witten/Herdecke. Diese würden viele Senioren in Deutschland aus Zeitdruck nicht bekommen – in Osteuropa schon. „Im Einzelfall tut das den Leuten gut“, sagt Zegelin. Doch es sei ein Unding, wenn die Gesellschaft ihre Alten einfach ausgliedern würde. Sabine Jansen von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hält das sogar für „menschenverachtend“. In der Betreuung von Dementen versuche man zunehmend, die Patienten in die Gesellschaft zu integrieren – und nicht auszuschließen.

Zurück zu den Kosten. Ein von Artur Frank vermittelter Heimplatz im Einzelzimmer inklusive pflegerischer Betreuung kostet zum Beispiel 1219,50 im Monat. Die Einteilung nach Pflegestufen gibt es in den osteuropäischen Ländern nicht. Ein Preis gilt für alle, egal wie aufwändig er gepflegt wird: „Hier wird das Heim nicht belohnt, wenn es dem Bewohner schlecht geht“, sagt Frank. In Bayern zahlt man im Schnitt bis zu 3100 Euro in der höchsten Pflegestufe. Die Pflegeversicherung schießt maximal 1918 Euro zu, und das nur für absolute Härtefälle. Die privaten Zuzahlungen fressen oftmals das Vermögen auf. Beziehungsweise das Erbe. Dass künftige Erben auf den Nachlass, der übrig bleibt, schielen und deshalb die Eltern im Ausland pflegen lassen, schließt Frank nicht aus. „Aber das sind Einzelfälle.“ Die meisten Familien würden sich den Schritt gut überlegen, oft aus Angst vor Vorwürfen aus ihrem Umfeld.

Die osteuropäischen Heimbetreiber polieren vielleicht auch deshalb ihren Ruf auf. Das Pflegeheim Balaton in Ungarn, seit August 2012 mit 62 vor allem deutschsprachigen Senioren belegt, wirbt mit einer gehobenen Ausstattung – Bilder zeigen weiße Sofas, Flachbildfernseher, Parkettböden im Gemeinschaftswohnzimmer. Im Sportraum, freundlich rot gestrichen, ziehen drei rüstige Senioren an Gummibändern; vor ihnen sitzt eine junge Pflegerin auf einem Gummiball. Der Pflegekritiker Claus Fussek wurde neulich eingeladen, vom Direktor des Balaton. Er solle sich vor Ort von der „4-Sterne-Qualität der Einrichtung“ überzeugen, man wolle nicht in einen Topf mit „billigen osteuropäischen Heimen“ geworfen werden. Fussek lehnt einen Besuch ab, er will für diese Modelle nicht werben. Doch er sagt mit zynischem Unterton: „Ob ich meine Mutter in einem Münchner Heim nicht besuche, oder in einem ungarischen, das ist egal.“

Hinter dem Haus Balaton steht die Armonea Gruppe, der größte Betreiber von Pflegeheimen in Belgien. Bis 2020 will Armonea allein in Ungarn 2000 neue Plätze schaffen, heißt es aus dem Management. Wichtige Zielgruppe: Deutsche, Österreicher, Schweizer. Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, glaubt trotzdem nicht, dass die Pflege der Deutschen im Ausland zu einem Massenphänomen wird. Er vertritt 7500 Einrichtungen, nur einzelne expandieren ins Ausland – „aber um die Einheimischen dort zu versorgen“, sagt Meurer. Dass sich einzelne Senioren für einen Lebensabend in der Ferne entscheiden würden, sei doch in Ordnung. Statt sich darüber zu empören, solle man besser den Fachkräftemangel in Deutschland lösen – durch eine geordnete Zuwanderung.

Carina Lechner

Rubriklistenbild: © dpa/Symbolbild

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