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Landwirt Andreas Walz baut alte Getreidesorten an.

Bauern entdecken Ur-Getreide neu

Schrot und Korn von anno dazumal

Amberg - Immer mehr Landwirte entdecken alte Getreidesorten neu. Ihre Kunden sind Bioläden und ernährungsbewusste Verbraucher, die Inhaltsstoffe und Geschmack der Sorten schätzen.

Mit seinen knapp 1,80 Meter ist Andreas Walz durchaus ein gestandenes Mannsbild. Doch wenn er in seinem Getreidefeld kurz vor der Ernte nach dem Rechten schaut, verschwindet er schon mal komplett in dem Ährenmeer. Bis zu 2,20 Meter ragen die Getreidehalme seines „Champagner-Roggens“ in die Höhe - „so hoch, dass Schadpilze die Ähren selbst nach längeren Regenphasen nicht erreichen“, schwärmt Walz. Der hochwüchsige „Champagner-Roggen“ gehört zu jenen uralten Getreidesorten, die jahrzehntelang in Vergessenheit geraten waren, bevor einige Landwirte sie neu entdeckten.

Und einer von ihnen ist Walz. Zusammen mit einer Handvoll Landwirten in Bayern hat sich der 40 Jahre alte Bio-Bauer aus dem Amberger Ortsteil Schäflohe auf den Anbau alter Getreidesorten spezialisiert. Statt hochgezüchteter konventioneller Sorten reifen derzeit schwarzes Einkorn, Sommeremmer, Urdinkel und Kreuzritterweizen auf Walz' Äckern im Amberger Hügelland heran - Getreidesorten, die teils schon im alten Ägypten angebaut wurden, aber seit Jahrzehnten nicht mehr ins Bild einer auf Höchsterträge getrimmten Landwirtschaft passen.

Eigenes Saatgut erzeugen

Leicht war die Entscheidung für den Biobauern im Jahr 2004 nicht, sich komplett vom Anbau konventioneller Getreidesorten zu verabschieden. Denn Walz musste erst einmal sein eigenes Saatgut erzeugen - aus 120 Gramm, die er bei der Genbank Gatersleben bei Magdeburg erwarb. „Das reichte im ersten Jahr gerade mal für die Aussaat auf 10 Quadratmetern. Bevor wir eine vernünftige Fläche ernten konnten, vergingen je nach Getreidesorte vier bis sieben Jahre“, erzählt der 40-Jährige Landwirt rückblickend.

Trotz mancher Rückschläge bereut er seine Entscheidung bis heute nicht, sich aus der Abhängigkeit großer Saatgutfirmen gelöst zu haben, wie er betont. Eigentlich habe er ja auch gar keine Alternative gehabt. Der von Walz bewirtschaftete Hügelkamm im Westen von Amberg leidet unter großer Trockenheit. „Wir konnten mit unseren geringen Erträgen nicht gegen die Konkurrenz in klimatisch begünstigten Regionen bestehen“, erklärt Walz. Heute profitiert er davon, dass seine alten Getreidesorten, die sogenannten Landsorten, sich auch mit den geringen Niederschlägen begnügen.

Erfolg mit Direktvermarktung

Auch wirtschaftlich hat Walz, dessen Ehefrau Andrea als Zubrot einen Hofladen betreibt, inzwischen sein Auskommen. „Der größte Teil unseres Getreides geht in die Direktvermarktung - allein 20 Prozent verkaufen wir per Internet“, berichtet er. Kunden sind auch Bioläden im weitem Umkreis. Auch ein Nürnberger Bio-Bäcker gehört zu seinen Abnehmern. Der Biobauer profitiert nach seiner Einschätzung nicht nur von der Faszination, die die uralten Getreidesorten auf viele Verbraucher ausüben, sondern auch von dem intensiven Geschmack der einzelnen Sorten - eine Folge des hohen Gelbpigment-Gehalts.

Im Aufschwung sieht die alten Getreidesorten auch der Münsteraner Agrarexperte Ullrich Schulze. Der Agraringenieur leitet seit 2000 ein Projekt der Landwirtschaftskammer NRW, das sich um die Erhaltung und Verbreitung älterer Obst- Gemüse- und Getreidesorten bemüht. „Nach Dinkel besteht inzwischen eine große Nachfrage am Markt, jetzt kommt gerade der Emmer“, berichtet Schulze. Bundesweit gebe es bereits rund 100 Landwirte, die sich auf Urgetreide verlegt hätten. Immer mehr Bäcker fragten Mehl aus alten Sorten nach. „Man kriegt schon nicht mehr den Bedarf gedeckt.“

Kunden wollen: Geschmack, Genuss, Gesundheit

Dass von Tausenden von Getreidesorten im heutigen bäuerlichen Alltag nur noch wenige Dutzend eine Rolle spielen, hängt nach Schulzes Erkenntnissen vor allem mit der schlechten Versorgungslage im vorletzten Jahrhundert zusammen. „Da ging es Getreidezüchtern um Maximalerträge und Ertragssicherheit. Heute aber ist Ernährungssicherung kein Thema mehr. Heute geht es um Geschmack, Genuss und Gesundheit“. Und hier könnten alte Getreidesorten eindeutig punkten.

Zumindest was die alte Getreidesorte Dinkel angeht, sieht auch der bayerische Bauernverband einen klaren Trend. „Hätte jemand vor fünf bis sechs Jahren danach gefragt, hätte ich gesagt: Das kannste vergessen“, bekennt der für Getreide und Ölsaaten zuständige BBV-Referent Matthias Kick. Seitdem sei die bayerische Anbaufläche für Dinkel von 13 000 auf 20 000 Hektar gewachsen. Immer mehr Bäcker verarbeiteten heute in ihren Backwaren Dinkelmehl. Und bisher hätten auch die höheren Abnahmepreise die bei Dinkel üblichen geringen Hektarerträge ausgleichen können. Aktuell verzeichne der Verband aber einen Preisverfall - für Kick auch eine Folge der wachsenden Dunkel-Anbaufläche.

dpa

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