"Schwarzgefärbt"

Hörer und Zuschauer: BR berichtet einseitig

München - Urteil: "schwarzgefärbt". Es ist eine heikle Studie in einer heiklen Phase. Dem Bayerischen Rundfunk wird von seinen Hörern und Zuschauern eine politisch einseitige Berichterstattung vorgeworfen – auch jenseits des Auftritts von Markus Söder im Vorabendprogramm.

Andere Parteien würden jubeln – für die CSU sind 40,5 Prozent dagegen ein Desaster. Nach der Europawahl im Mai 2014 hängt bei den Christsozialen der Haussegen schief. Markus Ferber, Chef der Europagruppe, wird gestürzt, es folgt Angelika Niebler. Das „Rundschau-Magazin“ des Bayerischen Fernsehens geht nur am Rande auf die heftigen Verwerfungen und den Machtkampf ein – stattdessen folgt ein ausführliches Interview mit Niebler. Das Test-Publikum im oberpfälzischen Roding, wo der BR die Sendung später nochmal zeigt, reagiert irritiert. „Viel zu CSU-freundlich“ sei das Interview, zu wenig kritische Nachfragen. „Sie finden, dass das Gespräch überhaupt keinen Informationsgehalt hat. Sie bleiben mit der Frage zurück: ,Warum haben die jetzt diese Frau interviewt?‘“

Das Beispiel findet sich in der BR-internen Studie „Publikumsgespräche Nachrichten und Info-Magazine“, die jüngst im Hörfunkausschuss vorgestellt wurde und unserer Zeitung vorliegt. Auf den 31 Seiten Auswertung gibt sich der BR bemerkenswert selbstkritisch, muss sich aber auch viel Kritik gefallen lassen. Eine Ohrfeige ist vor allem die Einschätzung der politischen Ausgewogenheit. „Das Bayerische Fernsehen wird verbreitet, der Hörfunk vereinzelt als ,schwarzgefärbt‘ wahrgenommen. Auf unser Publikum wirkt das lächerlich.“

Der Vorwurf der Parteinähe ist alt. Immer wieder wechseln BR-Journalisten als Sprecher zu CSU-Politikern. Die SPD ließ sogar mal nachzählen, wer wie lang in Beiträgen zu Wort kommt. Allerdings hatte sich auch schon die CSU in ihrem Parteiblatt „Bayernkurier“ über das Gegenteil beschwert: Der BR sei ein „Rotgrün-Funk“. Auch jetzt mag die Partei den Vorwurf, vom gebührenfinanzierten Sender übervorteilt zu werden, nicht gelten lassen. „So oft, wie der BR heute mit seiner kritischen Berichterstattung Anlass gibt, sich daran zu reiben, so wenig trägt der Vorwurf der Regierungsnähe“, sagt der CSU-Medienpolitiker Markus Blume. Auch der als Unabhängiger im Rundfunkrat sitzende Journalist Wolfgang Stöckel sagt, er sehe „keine grobe Schieflage“ in der Berichterstattung, und merkt an: „Der BR ist so wie das Land, in dem er ausgestrahlt wird.“

Benachteiligt fühlen sich im Zweifelsfall also alle. Unschön für den BR ist, dass die Selbstkritik mit der Söder-Sache zusammenfällt. Bundesweit gab es jüngst höhnische Schlagzeilen über den Gastauftritt des CSU-Ministers in der Vorabendserie „Dahoam is Dahoam“. Dort durfte der Ex-BR-Redakteur nahezu ungefiltert Regierungsbotschaften absondern. In der heutigen Sitzung des Rundfunkrats soll das ein Nachspiel haben, obwohl BR-Intendant Ulrich Wilhelm – früher Regierungssprecher für Edmund Stoiber und Angela Merkel – angekündigt hat, auf weitere Politiker-Auftritte in der Serie zu verzichten. Vor allem die Oppositionspolitiker im Gremium dürften deutlich werden.

Nun kommt noch die vom Rundfunkrat selbst angestoßene Untersuchung hinzu. Ihr Anliegen ist untadelig: Nach Einführung der generellen Beitragspflicht hatte sich der BR zum Ziel gesetzt, möglichst viele zu erreichen. Die Räte beschlossen deshalb, „gezielt und systematisch“ Wünsche und Anregungen an die Programm-Macher einzuholen. Als Vorbild dienten „Meet the audience“-Veranstaltungen der BBC. Für den BR waren schließlich mehr als 100 Redakteure bayernweit unterwegs, um sich in kleinen Gruppen intensiv mit 280 Hörern, Zuschauern und Online-Usern auszutauschen. Das mag nicht repräsentativ sein, aber inhaltlich tiefer gehend.

Wie immer gibt es bei Erhebungen Lob und Kritik. Die Studie sucht gezielt nach verbesserungswürdigen Punkten, etwa bei „B5 aktuell“, das insgesamt für „zuverlässige, kompakte Information geschätzt“ wird. Dennoch stören sich viele Hörer am 15-Minuten-Rhythmus, andere wünschen sich noch mehr regionale Berichterstattung. Insgesamt fällt auf, wie viele der Konsumenten von Fernsehen, Hörfunk und Online-Auftritt besonders bayerische Informationen verlangen, im Internet offenbar häufiger als im Radio.

Gerade beim ebenfalls gebührenfinanzierten Online-Angebot besteht demnach großer Nachbesserungsbedarf: „Das Publikum in ganz Bayern findet unser Webangebot unübersichtlich und schlecht strukturiert“, stellen die Autoren fest. Die Navigation sei zu kompliziert. „Sie führt unsere User nach wenigen Klicks in die Irre. Daher weichen viele User auf die Suchmaschine aus. Doch die schneidet noch schlechter ab.“

Unangenehm für den BR ist auch, dass in der Studie als vorbildliche Fernsehsendung für Nachrichten das „heute-journal“ des ZDF gilt, nicht etwa die „Tagesthemen“. Das „Rundschau-Magazin“ wird zwar „wegen der Hintergrund-Informationen und Interviews grundsätzlich gelobt, allerdings gibt es an der Machart oft Kritik (altbacken, regierungsnah)“, heißt es.

Rubriklistenbild: © Ralf Kruse

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