Protest vor dem Sozialministerium: Die deutsche Asylpolitik sieht vor, dass Flüchtlinge Essen aus einer vorgegebenen Liste auswählen. Die Asylsuchenden wollen aber lieber selbst einkaufen. Die Nahrung sei zu monoton, beschweren sie sich.

Flüchtlinge protestieren: „Nimm Deinen Müll zurück“

München - Gegen Essenspakete, Lagerzwang und Berufsverbot haben gestern gut 100 Flüchtlinge aus bayerischen Unterkünften demonstriert. Ihr Zorn richtet sich vor allem gegen eine Person: Sozialministerin Haderthauer.

Im grauen Split-Schnee-Matsch liegen Lebensmittel. Abgepackte Salami, Joghurt-Becher, Nudeln, Eier im 6er Karton. Daneben: Müllbeutel, mit Zeitungspapier ausgestopft. Es stehen Botschaften darauf: Essenspakete, Residenzpflicht, Arbeitsverbot oder Lager - „Return to sender“. Zurück zum Absender. Damit ist Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer gemeint. Die CSU-Politikerin hat Anfang Dezember, als zig Flüchtlinge die Essenspakete boykottierten und in Hungerstreik traten, Sätze gesagt wie: „Wer mit den Leistungen in Deutschland nicht zufrieden ist, kann jederzeit zurück.“ Damit hat sie die Opposition im Landtag und vor allem Flüchtlinge, die im Freistaat leben, empört. Jetzt sind diese aus ihren Asyl-Unterkünften nach München gekommen, vor das Sozialministerium, um zu protestieren.

Gut 100 Demonstranten scharen sich am Dienstagmittag um den Haufen aus symbolischem Müll und hingeworfenen Essenspaketen. Die meisten sind Asylsuchende, auch Unterstützer vom Bayerischen Flüchtlingsrat oder der Karawane München stehen mit Plakaten in der Winzererstraße. Das Netzwerk Deutschland-Lagerland hatte zu der Demonstration aufgerufen, aus vielen größeren bayerischen Städten kommen an diesem Tag ein paar Flüchtlinge. München, Augsburg, Regensburg, Nürnberg, Denkendorf, Würzburg. Mit einem gemieteten Lastwagen karren die Organisatoren die symbolischen Müllbeutel an, die Ladefläche dient als Rednerpult. „Christine, nimm Deinen rassistischen Müll zurück“, ruft Hans-Georg Eberl von der Karawane München ins Mikrofon. Er übersetzt Wort für Wort ins Englische, damit ihn auch die verstehen, die kein Deutsch können.

Nana zum Beispiel. Er kam erst im August nach Deutschland, der 27-Jährige stammt aus Sierra Leone und spricht gebrochen Englisch. Seine Mutter wurde im Bürgerkrieg vergiftet, sagt er. Nana schlug sich seither durch. Im Gesicht hat er Narben, er trägt deshalb die Haare über der Stirn. In seiner Heimat in Westafrika fühlt er sich nicht sicher - jetzt wollte er zu seinem Vater, der lebt seit Jahren in Hamburg. Doch am Flughafen wurde Nanas Pass eingezogen, er wohnt seither in einem Heim in Denkendorf. Was will er von der Ministerin? Seinen Pass - und Reisefreiheit. „I want to see my Daddy.“ Ich will meinen Vater sehen.

Ibrahim spricht sehr gut deutsch, er lebt seit Anfang der 90er hier. Als türkischer Kurde wurde er in seiner Heimat verfolgt, um seine Familie zu schützen, flüchtete er nach Deutschland. Der heute 40-Jährige lebte jahrelang in einer Asylunterkunft in Regensburg, erst eine Krankheit hat ihm eine eigene Wohnung beschert. Der Türke würde gerne arbeiten, er lehnt das Beschäftigungsverbot ab. „Egal was“, sagt er. „Nur arbeiten.“ Und er ist gegen die Essenspakete. Er findet, allein das Einkaufen im Supermarkt wäre schon ein erster Schritt zur Integration.

Christine Haderthauer lässt sich an diesem Dienstag nicht aus dem Ministerium locken, obwohl sie im Haus ist. Hinter einem Fenster im ersten Stock aber, mit Blick auf die Essenspakete und Müllsäcke, da sitzen drei ihrer Mitarbeiter. Man sieht nur die Köpfe. Sie haben das Fenster gekippt, damit sie hören, was die Demonstranten ihrer Ministerin zurufen.

Carina Lechner

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