Umstrittener Tourismusanreiz

Freie Fahrt: Bayern belohnt "Streber"

München - Mit einer Eins im Zeugnis fahren Schüler kostenlos mit dem Zug durch den Freistaat oder schippern umsonst über bayerische Seen. Leistungsanreiz oder PR-Masche?

Der Status „Streber“ hat zu Anfang der Sommerferien auch Vorteile: Bayerische Schüler mit mindestens einer Eins im Zeugnis konnten am vergangenen Mittwoch etliche Verkehrs- und Freizeitbetriebe kostenlos nutzen. Doch was hinter der Belohnung für gute Noten steckt, sehen Pädagogen kritisch.

Alle Schüler mit mindestens einer Eins im Zeugnis durften am ersten Ferientag kostenlos mit den Nahverkehrszügen der Bahn und ihrer privaten Partnerunternehmen fahren. Die Zugspitzbahn brachte Einserschüler gratis auf den höchsten Berg Deutschlands und der Tiergarten Nürnberg öffnet am ersten und letzten Ferientag (15. September) Schülern unter 18 Jahren seine Pforten, bei denen mindestens einmal „sehr gut“ im Zeugnis steht.

50 000 Schüler fahren im Rahmen dieser Aktion jedes Jahr mit der Bahn durch Bayern, schätzt das Kultusministerium. Wenn sie am Ziel sind, gehen viele in Einkaufszentren shoppen oder besuchen Freizeitattraktionen. Soll die Aktion also nicht nur daheimgebliebenen Schülern den Ferienbeginn versüßen, sondern auch den Binnentourismus ankurbeln?

Die „freie Fahrt“ auf Schiffen der bayerischen Seeschifffahrt etwa ist nur auf den ersten Blick kostenlos: Minderjährige Einserschüler müssen mindestens ein Familienmitglied mitbringen - und das muss seine Fahrt bezahlen. Die Deutsche Bahn nimmt bei ihrer seit rund 15 Jahren geltenden Ferienaktion zwar kein Geld ein, erhofft sich aber zumindest indirekte Vorteile. „Wer weiß, vielleicht bekommen die Schüler so auch Lust auf die Bahn und denken an uns bei der Berufswahl“, sagt der Marketingleiter von DB Regio Bayern, Bernd Rosenbusch.

Das bayerische Kultusministerium unterstützte die Aktion der Bahn durch Pressemitteilungen. Der kostenlose Ausflug soll eine „Belohnung für Schüler mit sehr guten Leistungen“ sein, erklärt Staatssekretär Georg Eisenreich. Doch diesen Anreiz findet der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, „gut gemeint, aber zu wenig durchdacht“.

Eine Eins gegen eine kostenlose Schifffahrt eintauschen zu können, sei vor allem „der Beleg für ein enges Bildungsverständnis: Alles, was gemessen werden kann, ist wichtig“. Gelobt würden nur die Schüler, die ohnehin schon an der Spitze stünden, so Wenzel. Wer sich dagegen mit viel Mühe von einer Fünf auf eine Vier hochgearbeitet habe, werde nicht belohnt.

„Originell“ findet Wenzel hingegen eine Aktion des Hochseilgartens am Ammersee. Denn dort dürfen Schüler, deren Sport-Note schlechter als eine Drei ausgefallen ist, in den Ferien jeden Mittwoch kostenlos klettern.

Für Frust sorgte nach einem Bericht der „Nürnberger Nachrichten“ eine Kostenlos-Aktion des Tiergartens in Nürnberg: Er hatte angekündigt, dass alle Schüler bis 17 Jahre mit einer „Sehr gut“-Bewertung am ersten Ferientag kostenlos Giraffe, Tiger und Co. anschauen durften. Doch vor Ort stellten einige Mädchen und Jungen enttäuscht fest, dass Kinder unter 14 Jahren nur mit Erwachsenen hineindurften - angeblich eine Sicherheitsmaßnahme der Stadt, damit unbeaufsichtigte Kinder nicht über Absperrungen klettern und sich in Gefahr bringen.

dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa (Symbolbild)

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