+
Mit jedem weiteren Tag in der Flüchtlingskrise – hier das Anstehen von Asylbewerbern in Berlin – ergeben sich neue Fakten und Daten. Doch auch immer mehr böse Gerüchte werden vor allem im Internet gestreut

Gerede und Tatsachen

Böse Gerüchte um Flüchtlinge: Was stimmt - und was nicht?

München - Vergewaltigung, Plünderungen von Geschäften – in jedem oberbayerischen Landkreis kursieren Gerüchte um angebliche Verbrechen von Asylbewerbern. Auch darüber, was Flüchtlinge gratis bekommen sollen. Stimmt das oder ist es Propaganda? Hier der Check:

Diese Gerüchte sind falsch

- In Raubling, wo in der Turnhalle des Gymnasiums Flüchtlinge untergebracht sind, soll ein Mädchen so schwer vergewaltig worden sein, dass es notoperiert wurde. Und in Kolbermoor, ebenfalls im Kreis Rosenheim, sollen in der selben Zeit zehn Asylbewerber über eine junge Frau hergefallen sein und sie missbraucht haben. Dazu Stefan Sonntag vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd: „Nichts davon hat sich ereignet, diese zwei Verbrechen sind nie passiert.“

- Asylbewerber im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen genießen nach Meinung von Geschichtenerfindern im Internet ein Privileg: Sie dürfen sich in den Geschäften Markenkleidung und coole Schuhe zulegen, auf Kosten des Landrats­amts. Da sich dieses Gerücht hartnäckig hält, gab Landrat Josef Niedermaier eine Stellungnahme ab. „Dies entbehrt jeglicher Grundlage. Das Landrats­amt zahlt keinerlei Kostenerstattungen direkt an Einzelhändler.“ Eine Facebook-Userin aus Schongau will ähnliche Rabatte in einem heimischen Sportgeschäft mitbekommen haben. Ein Asylbewerber wollte dort nach ihren Beobachtungen einen Gutschein des Landratsamts über 100 Euro einlösen. Allerdings gefielen dem jungen Mann andere Treter besser, die kosteten aber 40 Euro mehr. Ein Anruf beim Landratsamt – und schwupps, bekam er die 140-Euro-Schuhe. Hans Rehbehn vom Landrats­amt Weilheim-Schongau widerspricht. Es gebe in keiner der Behörden, weder im Ausländeramt noch im Amt für Asylwesen, Gutscheine für Bekleidung und Schuhe. Auch die beiden Sportgeschäfte in der Stadt wissen nichts von dem Vorfall. Die Userin, die das Gerücht in Umlauf brachte, musste gestehen, sie selbst habe die Sache nur vom Hörensagen. Gleichzeitig beharrte sie auf ihrem Standpunkt und attestierte den Geschäften zu Unrecht, „einen Maulkorb bekommen zu haben“.

- In wenigen Tagen beziehen 48 Flüchtlinge Container in Edling im Kreis Rosenheim. Im Ort wurde das Gerücht gestreut, jeder der Asylbewerber erhalte von der Gemeinde dazu ein Handy geschenkt. Bürgermeister Matthias Schnetzer (CSU): „Die Gemeinden verschenken kein Handy an einen Flüchtling.“ Zumal nur dank ihrer eigenen Handys die Flüchtlinge es überhaupt nach Deutschland geschafft hätten. Zudem widerlegte er eine zweite Behauptung, die 48 Leute in den Modulen bekämen einen eigenen Putz-Service. „Das Gegenteil ist der Fall. Die Asylbewerber müssen sich selbst organisieren, heißt: putzen, kochen, einkaufen.“ Angeblich kostenlose Handys scheinen die Gerüchteküche besonders anzuheizen: Soweit, dass eine Fachfrau aus dem Weilheimer Landratsamt im Stadtrat dem Gerede entgegentrat: „Es gibt kein Handy, keinen Fernseher, kein Fahrrad.“

- Asylbewerber sollen ein Modehaus im Rottal gestürmt und Sachen mitgenommen haben, ohne zu zahlen. Hierzu stellte der Besitzer des Geschäfts, Georg Pollozek, klar: „Die Geschichte ist frei erfunden.“ In dem Statement des Kaufhauses auf Facebook heißt es zudem: „Asylbewerber, zu denen wir Kontakt haben und die teilweise auch bei uns einkaufen, verhalten sich vorbildlich und freuen sich über zwischenmenschlichen Austausch.“ Eine Plünderung gab es angeblich auch in Friedberg, auch hier dementierte der Geschäftsbesitzer entschieden diese Darstellung.

- Aus Penzberg wurde bekannt, dass Asylbewerber in den Wirtschaften essen und trinken und dann die Zeche prellen. Die Polizei bezeichnete dies als „unhaltbar“.

- Über die Todsünde Neid lassen sich offenbar viele Leute aufhetzen. In Raum Bad Tölz sollen Flüchtlinge 2000 Euro pro Monat vom Amt erhalten haben. Hierzu stellte Dr. Michael Foerst vom Landratsamt klar: „Alleinstehende Asylbewerber erhalten Geldleistungen in Höhe von 325,61 Euro im Monat – dies setzt sich zusammen aus 141,85 Euro für Nahrungsmittel, 7,19 Euro für Gesundheitspflege, 33,57 Euro für Bekleidung und 143 Euro für das soziokulturelle Existenzminimum. Letzteres ist das sogenannte Taschengeld.“ Weiter brodelte es im Raum Tölz auch wegen Zuschüssen für In-Jacken und In-Jeans, übernommenen Handyrechnungen etc. – nichts davon stimmt. Auch nicht, dass der Kreis viel zu hohe Mieten zahlen würde, um für Flüchtlinge an Wohnungen zu kommen. Dr. Foerst: „Die Miete orientiert sich an ortsüblichen Vergleichsmieten.“ Was ihn zum nächsten Gerücht bringt, Mieter würden wegen der Flüchtlinge ihre Wohnung verlieren. Dr. Foerst: „Es gibt keinen einzigen Fall im Landkreis, wo staatliche oder kommunale Vermieter deswegen einem Deutschen gekündigt haben.“

- Was sich im Sommer 2015 in Prien am Chiemsee ereignet haben soll, erzählen sich die Leute noch immer: Eine Schwarzafrikanerin wollte sich dort die Haare verlängern und aus religiösen Gründen flechten lassen. Kosten: 720 Euro. Die Friseurin wollte wissen, wer das zahle. Nun soll die Frau ihre Sachbearbeiterin im Landratsamt angerufen haben, die soll grünes Licht für den Style-Wechsel gegeben haben. „Nein, nein, nochmals nein“, fiel dazu dem Sprecher des Landratsamts Rosenheim, Michael Fischer, ein. Er kannte das Gerücht, wie auch alle bereits genannten.

Diese Vorkommnisse sind richtig

- Auf dem Herbstfest in Erding wurde eine Frau (37) und deren Tochter (17) von einem Mann auf dem Nachhauseweg attackiert. Die Mutter wurde zu Boden gerissen, der Sextäter wollte sie küssen. Dabei biss ihm sein Opfer Teile der Zunge ab! Der Angreifer wurde wenig später festgenommen, es handelt sich um einen Asylbewerber aus Pakistan (23). Er sitzt in U-Haft.

- In Altötting erhalten Asylbewerber anstatt Bargeld eine personalisierte Geldkarte, mit der sie in bestimmten Geschäften und bei örtlichen Dienstleistern zahlen können. Durch die Refugee-Card versprechen sich Behördenvertreter gleich mehrere Vorteile: Kürzere Wartezeiten an den Kassen des Landratsamts, außerdem soll die Karte verhindern, dass Teile des Taschengelds ins Ausland verschickt werden. Dies sei regelmäßig vorgekommen. In einer ersten Bilanz berichtete Landrat Erwin Schneider (CSU) von einer positiven Entwicklung. Man habe es geschafft, dass das Taschengeld in der Region bleibe und nicht transferiert werde. „Ich hoffe daher sehr, dass unser Beispiel in Deutschland Schule machen wird.“ Im Landkreis Traunstein erwägt man nun ebenfalls die Einführung der Karte.

- Flüchtlinge machten binnen zweier Monate die Dreifachturnhalle in Gräfelfing zu einem Sanierungsfall. Vom 19. August bis zum 23. Oktober 2015 waren hier 180 Personen untergebracht. Weil aus Zeitmangel nur lose Teppichfliesen verlegt worden waren und diese verrutschten, wurde der Boden schwer beschädigt. Doch auch die Sanitärbereiche, die für so viele Menschen nicht ausgelegt waren, litten massiv. Schimmel, verstopfte Abflüsse. Die Kosten der Sanierung dürften den Landkreis München 575.000 Euro kosten.

- Die Belegung der Turnhallen sorgt überall für riesige Probleme. Nicht nur der Schulsport leidet, auch die Vereine klagen immer mehr. An vielen Standorten wird deshalb das Hallentraining zwangsläufig in allen Altersklassen heruntergefahren. Symptomatisch sei hier der TSV Poing im Kreis Ebersberg genannt. „Eine Sperrung von Sporthallen im Winter trifft die Vereine hart“, so Vorsitzender Robert Rieger im Dezember. Für manche Sportarten, insbesondere die in den Hallen, könne dies an die Existenz gehen. Bereits im Herbst hatten etwa im schwäbischen Neu-Ulm Sportler mit dem Austritt aus dem heimischen Verein gedroht. Damit sind sie sicher nicht alleine. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) berichtete, dass der Ausfall derart vieler Hallen zunehmend zu Problemen im Trainings- und Wettkampfbetrieb von Vereinen sowie im Schulsport führe. In den Vereinen gebe es viel Verständnis für die Belegung der Hallen. Zugleich mache sich aber eine zunehmende Unzufriedenheit über die Situation breit. Der DOSB schätzt, dass derzeit 1000 Turnhallen bundesweit nicht genutzt werden können.

- Diese Kosten kennen die wenigsten: Die Ausgaben für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Bayern. Landkreispräsident Christian Bernreiter (CSU) erwartet eine Verzehnfachung für das Jahr 2015 gegenüber dem Vorjahr: 2014 waren es 51,1 Millionen Euro, das würde dann für das Jahr 2015 eine halbe Milliarde Euro bedeuten. Experten, die für die Mainpost nachrechneten, halten die Schätzung für „absolut realistisch“. Jahreskosten pro betreutem Jugendlichen von 60.000 Euro seien die Regel. Die Anzahl an minderjährigen Flüchtlingen in Bayern schwankt: Im November 2015 waren es noch 8500, jetzt könnten es 15 500 sein. Deutschlandweit waren Ende Januar 67.194 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Obhut der Jugendhilfe.

mc

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Paar lässt Hund auf Balkon und fährt in Urlaub

Dietersheim - Wohin mit dem Haustier im Urlaub? Hundebesitzer aus Mittelfranken leinten ihr Zamperl einfach auf dem heimischen Balkon an und fuhren weg. Das Tier war der …
Paar lässt Hund auf Balkon und fährt in Urlaub

Dieses Kurven-Wunder lässt Mager-Models blass aussehen

Berlin - Menschen wollen nur Fotos von makellosen Körpern sehen? Von wegen! Die gebürtige Bayerin Carina Henry (27) begeistert im Internet eine Millionen Fans mit ihren …
Dieses Kurven-Wunder lässt Mager-Models blass aussehen

Gute Aussichten für die Hopfenernte in Bayern

Wolnzach - In Bayern beginnt heute die Hopfen-Ernte. Wegen der extremen Trockenheit kam es im vergangenen Jahr zu Ernteausfällen. Für 2016 rechnen die Hopfen-Bauern …
Gute Aussichten für die Hopfenernte in Bayern

Nach Bakterienfund: Sieber darf wieder Wurst produzieren

Geretsried - In einem „Original bayerischen Wammerl“ der bayerischen Firma Sieber waren im Frühjahr Listerien nachgewiesen worden - das Unternehmen durfte daraufhin …
Nach Bakterienfund: Sieber darf wieder Wurst produzieren

Kommentare