Streit ums Testament

Cousine erhebt Anspruch auf Gurlitt-Erbe

München - Der Streit um das Erbe von Cornelius Gurlitt geht weiter: Die Cousine erhebt Anspruch auf die Bilder - genau dann, als das Kunstmuseum Bern das Erbe antreten will.

Die Kunstsammlung von Cornelius hat einen unermesslichen Wert in Millionenhöhe. Mehr als ein Jahr lang hat der Fall Gurlitt die Kunstwelt in Atem gehalten, jetzt stand die letzte wichtige Entscheidung kurz bevor - und nun könnte alles noch ganz anders kommen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass das Kunstmuseum Bern das Erbe des Kunstsammlers antreten will, erhebt eine Cousine von Cornelius Gurlitt Ansprüche auf die millionenschwere Kunstsammlung.

Cornelius Gurlitt hat in seinem Testament die Gemälde an das Kunstmuseum Bern vermacht. Am Freitag mehrten sich die Anzeichen, dass das Museum die Werke annehmen will. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Berlin aus zuverlässigen Kreisen, die in die Verhandlungen eingebunden waren. Offiziell hielt sich das Museum aber noch bedeckt. Es betonte sogar, dass die „endgültige Entscheidung“ erst am Sonntagabend in einer Sitzung des Stiftungsrats falle. Auch die anderen Beteiligten wollten sich den Überraschungseffekt lieber für den offiziellen Verkündungstermin am Montag aufheben.

Cousine beantragt Erbschein

Am Freitag hat sich dann Gurlitts Cousine Uta Werner zu Wort gemeldet. Uta Werner und ein anderer Cousin, Dietrich Gurlitt, sind in dem Testament übergangen worden. Jetzt beantragte Uta Werner einen Erbschein beim zuständigen Nachlassgericht in München. Familienangehörige haben bereits vorab ein Gutachten über den psychischen und geistigen Zustands Gurlitts in Auftrag gegeben.

Der Psychiater Hausner, der Gurlitt allerdings nie persönlich begegnet ist, kam in diesem Gutachten zu folgendem Ergebnis: „Cornelius Gurlitt litt bei der Errichtung des Testaments vom 09.01.2014 an einer leichtgradigen Demenz, einer Schizoiden Persönlichkeitsstörung und einer Wahnhaften Störung.“ Hausners Fazit: Gurlitt sei nicht mehr zu einem freien Willen in der Lage gewesen.

„Mit der Beantragung des Erbscheins muss das Amtsgericht München bei begründeten Zweifeln die Gültigkeit des Testaments überprüfen“, hieß es in einer Mitteilung, die der Sprecher von Werner veröffentlichte.

Unterstützung von Angehörigen

Eva Werner wird von ihren Kinder sowie einzelnen Söhnen und Enkeln ihres Bruders Dietrich unterstützt, stand in der Mitteilung. Dietrich Gurlitt erhebt dagegen keine Ansprüche erhoben. Am Dienstag hat er sich von dem Gutachten distanziert. Vor Bekanntwerden des Antrags seiner Schwester hatte er sich noch über die bevorstehende Verkündung aus Bern gefreut und in einer Stellungnahme, die sein Sohn Christoph der dpa übermittelte, gesagt: „Ich wäre überglücklich, wenn so der letzte Wille meines Vetters in Erfüllung ging.“

Hängepartie droht

Wie es mit der Erbschaft jetzt weitergeht, ist unklar. „Ich denke, es ist wichtig, dass es jetzt nicht wieder eine monate- oder jahrelange Auseinandersetzung über den letzten Willen gibt“, hatte der Kunsthistoriker Stephan Klingen vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München am Freitag noch vor Bekanntwerden des Erbscheinantrags gesagt. „Wenn man wieder in eine Hängepartie reinrutscht, ist das natürlich auf gar keinen Fall im Sinne der Anspruchsteller.“

Eine solche Hängepartie droht den rechtmäßigen Besitzern von Bildern aus Gurlitts Sammlung nun aber im schlimmsten Fall vielleicht doch. Dabei hatten die Verantwortlichen rund ein halbes Jahr um eine Entscheidung gerungen, diskutiert und verhandelt. Denn die millionenschwere Sammlung des Sohnes von Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt mit Werken von Chagall, Picasso und Matisse zu übernehmen, kann auch eine große Bürde sein. Bei Hunderten Bildern ist ein Verdacht auf Nazi-Raubkunst noch immer nicht ausgeräumt. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, hatte dem Berner Museum deshalb dringend davon abgeraten, das Erbe anzutreten. Ließen sich die Berner auf dieses Erbe ein, „wird es die Büchse der Pandora öffnen und eine Lawine von Prozessen auslösen“, warnte er kürzlich im „Spiegel“.

Anspruchssteller hoffen auf schnelle Lösung

Anspruchsteller wie die Nachkommen des jüdischen Kunsthändlers Paul Rosenberg wähnten sich Anfang des Jahres bereits am Ziel, als eine Übergabe der „Sitzenden Frau“ von Henri Matisse kurz bevorstand. Als Gurlitt starb, platzte die geplante Übergabe, und auch mit dem wenig überraschenden Ergebnis der eigens eingesetzten Taskforce, dass es sich bei dem Bild tatsächlich im Raubkunst handelte, konnte die Familie bislang wenig anfangen.

„Ich bitte das Kunstmuseum Bern dringend, das Gurlitt-Erbe anzunehmen und Fälle von Nazi-Raubkunst schnell und in Übereinstimmung mit den Washingtoner Prinzipien zu lösen“, hatte der Sprecher der Familie, Chris Marinello, gesagt. Zu den am Freitag bekanntgewordenen Ansprüchen Uta Werners wollte er sich nicht äußern.

dpa

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