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An Fronleichnam wurde Johann Westhauser aus der Riesending-Schachthöhle gerettet. Am Freitag wendet er sich in einer Videobotschaft bereits an seine Retter.

Ärger nach dem Riesending-Drama

So wurde die Höhlenrettung behindert

Berchtesgaden - Nach elf Tagen in der Riesending-Schachthöhle ist Forscher Johann Westhauser wieder frei. Aus seinem Krankenbett heraus hat er sich bei seinen Rettern bedankt. Doch nun wird auch Ärger laut.

Der Höhlenforscher Johann Westhauser hat sein fast zweiwöchiges Martyrium in der Riesending-Schachthöhle relativ gut überstanden. Nach seiner Rettung am Donnerstag war der 52-Jährige in die Unfallklinik Murnau geflogen worden. Er sei „wohlbehalten“ in dem Krankenhaus eingetroffen, sagte Norbert Heiland, der Vorsitzende der Bergwacht Bayern. 

Laien hören Funk ab

Die Rettung war noch schwieriger als bisher bekannt. Störend sei zum Beispiel gewesen, dass in der Region noch kein Digitalfunk verfügbar sei, sagte der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, Leonhard Stärk, dem Münchner Merkur. Zahlreiche Laien hätten „den Behördenfunk abgehört“.

„Hier gab es Kenntnisse über sensible Daten, Handynummern von Helfern etwa. Das geht gar nicht – der Digitalfunk muss schleunigst eingeführt werden“, sagte Stärk. Auch andere Aspekte seien ärgerlich. So habe eine österreichische Boulevardzeitung sogar einen eigenen Hubschrauber gechartert und den Landeplatz auf dem Untersberg blockiert.

Johann Westhauser selbst hat sich indes aus seinem Krankenbett heraus an seine Retter gewandt und ihnen gedankt. "Es war doch eine große Aktion", sagt er. "Mit dem Sprechen hab ich noch ein bisschen Probleme, aber das wird sich im Laufe der Zeit regeln. Ich muss mich erholen von der Aktion."

Hier sehen Sie das Video

Wie geht es Johann Westhauser?

Das sagen die behandelnden Ärzte über den Gesundheitszustand des Höhlenforschers in der Pressekonferenz aus der Unfallklinik Murnau:

+++ Johann Westhauser spricht selbst auch schon - er hat noch ein wenig Probleme dabei. "Aber alles ist differenziert, er macht komplizierte Sätze", sagt Volker Bühren. Er wird noch einige Wochen in der Klinik bleiben müssen, danach ein bis zwei Monate Reha.

+++ Er hat einen kleinen Schädelbruch und einen Bruch der Augenhöhle, ist also nur am Kopf verletzt. In einem Krankenhaus hätte der Patient auf keinen Fall aus dem Bett gedurft - daher grenzt der Transport an ein Wunder.

+++ Johann Westhauser war in einem guten Zustand und ansprechbar. Er wusste zum Beispiel auch, dass Fußball-WM ist - aber Fußball interessiert ihn nicht so, erzählt Volker Bühren. "Die Hirnfunktion ist soweit in Ordnung."

+++ Der Transport - gerade in den Engstellen - war äußert schwierig. So musste etwa darauf geachtet werden, dass keine neuen Verletzungen dazu kommen.

+++ Der Höhlenforscher wurde zunächst intravenös ernährt. So bekam er die nötigen Nährstoffe. Dann stabilisierte sich auch sein Kreislauf. "Nach vier Tagen konnte er transportfähig verpackt werden", sagt der Arzt.

+++ 36 Stunden lang wachte Johann Westhauser immer wieder auf, schlief wieder ein - er war absolut intensivpflichtig, sagen die Ärzte. Danach war medizinische Betreuung notwendig und es sei der richtige Weg gewesen.

+++ Als der Höhlenforscher vom Steinschlag getroffen wurde, trug er einen Helm - der blieb intakt. Westhauser aber sei zwei Minuten bewusstlos gewesen, berichten seine Begleiter.

+++ Johann Westhauser liegt auf der Intensivstation, er ist noch nicht belastbar genug, um selbst zu kommen, sagt Volker Bühren, ärztlicher Direktor der Unfallklinik Murnau.

+++ Die Ärzte, die den Höhlenforscher behandeln, berichten live aus der Klinik

Neue Aufnahmen: Die Rettung im Video

Wer bezahlt den Einsatz?

Nun wird allerdings die Frage immer lauter: Wer bezahlt den Einsatz? "Das wird sich in den nächsten Wochen herausstellen", sagt Stefan Frey, stellvertretender Pressesprecher im Innenministerium. "Das muss in Ruhe geklärt werden. Es war ein großer Einsatz, der sicherlich einmalig war."

Auch zu einer möglichen Höhe will er sich noch nicht äußern. Ebenfalls will er nichts dazu sagen, ob Johann Westhauser sich selbst an den Kosten beteiligen muss. Auch die Bergwacht will noch keine Summe nennen.

Die Riesending-Höhle ist derzeit bereits verschlossen - Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln vor Ort. "Das ist das ganz normale Prozedere", sagt Stefan Frey. Hinterher soll sie verschlossen bleiben, wie Innenminister Joachim Herrmann am Donnerstag sagte.

Der Grund: Die Sorge vor gefährlichem Tourismus. Herrmann fürchtet, dass mancher, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit auf die Idee komme: „Das muss ich mir jetzt anschauen, was da los war. Das führt dazu, dass Leute in die Höhle einsteigen, die überhaupt nicht die Fähigkeit haben. Dem vorzubeugen halte ich für absolut notwendig.“

Bei Rettungseinsätzen läuft die Kostenübernahme im Allgemeinen so: Kommen staatliche Einrichtungen wie Polizei oder Feuerwehr zum Einsatz, kann sich ein Bürger in der Regel auf seine Rettung verlassen, ohne die Kosten fürchten zu müssen. Wenn Leib und Leben in Gefahr sind, wird niemand zur Kasse gebeten. Gebührengesetze in den einzelnen Bundesländern geben der Polizei oder Feuerwehr aber die Möglichkeit, Kosten für unnötige Einsätze zurückverlangen. Eine Rechnung wird auch bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz verschickt.

Wer sich als Bergwanderer verirrt hat, aus Angst an einer gefährlichen Stelle nicht weiterkommt oder aus Leichtsinn in die hereinbrechende Dunkelheit geraten ist, muss für die Kosten eines Rettungseinsatzes „ohne medizinischen Grund“ aufkommen. Die Bergwacht oder der Deutsche Alpenverein bieten private Zusatzversicherungen an, die in solchen Fällen einspringen.

Im Fall Westhauser dürfte es sich aber wohl um eine Rettung aus einer unverschuldeten Notlage handeln. Im Fall der bayerischen Bergwacht kommen nach deren Angaben im Allgemeinen die Sozialversicherungsträger auf - dazu gehören Krankenkassen oder Berufsgenossenschaften. Laut Spiegel Online übernimmt das Land Bayern die Lohnfortzahlungen und die Erstattung von Verdienstausfällen ehrenamtlicher Helfer.

Horst Seehofer: "Ich bin heilfroh"

Ministerpräsident Seehofer zeigte sich angesichts der gelungenen Rettung der Forschers erleichtert. "Ich bin heilfroh, dass dieser Rettungskrimi gut ausgegangen ist. Die Rettungskräfte - allen voran die Bergwacht Bayern - haben beinahe Übermenschliches geleistet", sagte Seehofer. Er bedankte sich bei den Einsatzkräften und betonte besonders die Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg. "So ein Kraftakt ist nur zu stemmen, wenn alle Hand in Hand arbeiten und ihren gesamten Erfahrungsschatz in die Waagschale werfen."

Westhauser, der an Pfingsten bei einem Steinschlag ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, war in einer beispiellosen Aktion aus Deutschlands tiefster Höhle gerettet worden - stets an seiner Seite war Sabine Zimmerebner. Am Donnerstag um 11.44 Uhr, etwas mehr als 274 Stunden nach seinem Unfall in rund 1000 Metern Tiefe, sah er am Ausgang der Schachthöhle wieder Tageslicht. Die Helfer, die ihn in den vergangenen sechs Tagen aus der Tiefe geholt hatten, lagen sich erschöpft, aber überglücklich in den Armen.

Höhlenforscher gerettet

Fotos: Höhlenforscher gerettet

Der Arzt Nico Petterich berichtete, der Patient sei während des Transports stabil gewesen, er habe sich sogar im Laufe der Zeit weiter stabilisiert. Andernfalls wäre der Transport weit schwieriger geworden. Am Ende habe Westhauser sogar Scherze gemacht. Und bei der Ankunft im Klinikum habe er Petterich den Dank an alle Helfer mitgegeben. Mehr als 700 Menschen hatten an seiner Rettung mitgewirkt.

Wie viel die Aktion gekostet hat, darüber hüllen sich die Helfer in Schweigen. Einsatzleiter Klemens Reindl sagte lediglich: „Wir haben uns jetzt um die Rettung gekümmert - und über Geld reden wir später. Wir haben sicher nicht zu viel getan, aber wir haben auch nicht aus Kostengründen etwas unterlassen, was notwendig gewesen wäre.“ Es werde zwar „eine Rechnung geben“. Aber damit müssten sich nun die jeweiligen Verwaltungen befassen.

Die Bergwacht würdigte die Leistung der Helfer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Kroatien. Zunächst hätten große Zweifel bestanden, ob es gelingen könne, den Verletzten zu bergen. Reindl sprach von einer „Mammutaufgabe“. Nach kürzester Zeit seien die besten Höhlenretter aus ganz Europa versammelt gewesen. 202 Retter seien allein in der Höhle im Einsatz gewesen.

Westhauser arbeitet am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). In seiner Freizeit ging er der Höhlenforschung nach.

Heimatgemeinde will Westhauser porträtieren

Sein Wohnort Pfinztal bei Karlsruhe freut sich auf die Rückkehr des Forschers. „Wir haben in unserem Gemeindeblatt eine Rubrik "Menschen aus Pfinztal" und hoffen, dass er uns ein bisschen was erzählt und wir ihn da mal vorstellen können“, sagte Hauptamtsleiter Wolfgang Kröner am Freitag. Zwar sei Westhauser in der 17.700-Einwohner-Gemeinde erst durch das Unglück in der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden bekanntgeworden. „Er lebt ja erst seit rund einem Jahr hier.“ Dennoch hätten die Bewohner die Ereignisse in Bayern „mit großer Sorge“ verfolgt.

Nun wolle die Verwaltung aber erst einmal ein Fax mit Genesungswünschen ins Krankenhaus nach Murnau schicken, wo der 52-Jährige liegt. Vermutlich sei auch Pfinztals Bürgermeisterin Nicola Bodner (parteilos) an einem Treffen interessiert, sagte Kröner.

Dirk Walter/dpa/wei/pak

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