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Nur der Bart bleibt trocken: Fischsemmelkönig Mato ist für jede Gaudi zu haben. Er springt schon mal mit Rettungsring und Verkaufsschild in den Ammersee.

Der Philiosoph vom Fisch-Imbiss

Mato ist der Fischsemmelkönig vom Ammersee: ein Besuch

Herrsching - Ein Ex-Postbeamter und Weltenbummler aus Nordrhein-Westfalen eröffnet einen Fischladen am Ammersee. Klingt ungewöhnlich, ist es auch. Das liegt vor allem am Chef.

Mato, der Fischsemmelkönig vom Ammersee, beäugt misstrauisch den wolkenverhangenen Himmel. „Wir sind in Lauerstellung“, sagt er. Mato, 42, sitzt mit hochgekrempelten Ärmeln, unter denen exotisch gemusterte Tattoos hervorlugen, auf der Gartenbank hinter seinem Herrschinger Fischladen. Er wartet auf Kundschaft. So geht es ihm vormittags öfter mal: „Bei diesem Wetter trauen sich die Leute noch nicht vor die Tür.“

In solchen Momenten hat Mato Zeit, ein wenig zu „chillen“, so nennt er das, und nachzudenken. Wenn keine Kundschaft da ist, die bei ihm Matjes oder Räucheraal kauft, dann wird er ganz schnell philosophisch. „Wenn Du mal über 30 bist, dann ist das Leben wie ein Puzzle“, sagt er, „es setzt sich zusammen aus allem, was Du mal gemacht hast.“

Dieser Markus Thomas Piechota, wie ihn in aber kein Mensch nennt, weil ihn alle Mato rufen, war mal Beamter bei der Post, Fachrichtung Bankdienstleistungen. Ist lange her und war ihm schnell zu fad. Von dieser Phase hat er sich mittlerweile erholt. Jetzt verkauft Mato Fischsemmeln und ist glücklich.

In der Vitrine präsentiert sich schmackhafter Fisch

Frische Fische warten in „Matos Fischladen“ auf Abnehmer. Der 42-Jährige räuchert selbst und leidenschaftlich.

In seiner Vitrine liegen frische und geräucherte Filets vom Barsch, Wels und Seelachs, hausgemachter Curry-Krabbensalat oder Matjes, eingelegt in Preiselbeeren. 2010 hat er das Ladengeschäft der traditionsreichen Fischerei Stumbaum übernommen, direkt am Ufer gut 250 Meter vom Herrschinger Dampfersteg entfernt. „Ich bin voll dankbar, dass die Familie Stumbaum mir diese Chance gegeben hat“, sagt Mato, „dass sie mir geglaubt haben, dass ich kein Hallodri bin.“ Er weiß selber, dass er kein ganz normaler Fünfseenland-Bewohner ist.

Denn tatsächlich haben sich in Matos Leben viele bunte Puzzleteilchen angesammelt, bevor es ihn an den Ammersee verschlug. Nach seiner kurzen Beamtenkarriere war er erst mal raus – monatelang bereiste er Südostasien. Später arbeitete er in Berlin fürs Fernsehen als Bild- und Tontechniker und wohnte mit elf anderen in einer WG. Dann landete er als Barkeeper in einem schweizerischen Skiressort.

Wenn Mato, der inzwischen verheiratet und Vater einer siebenjährigen Tochter ist, über alte Zeiten spricht, dann scheint er selbst ein wenig über seinen kurvigen Lebensweg zu staunen. Dass er nun ausgerechnet im beschaulichen Herrsching im Landkreis Starnberg sesshaft geworden ist – für den Mann mit schulterlangem Haar und Vollbart kein Widerspruch. Er schwärmt von den Sonnenuntergängen über dem Ammersee. „Die sind hier wunderschön, wie in Thailand. Und die Münchner fahren vorher schon heim, weil sie am Sonntagabend Tatort gucken müssen“, schmunzelt der gebürtige Westfale. Dann hat er den Ammersee ganz für sich.

Haizahn und bunte Armbänder

Pünktlich zur Mittagszeit reißt die Wolkendecke auf und Sonnenstrahlen tanzen auf den sanften Wellen des Sees, der fast bis an die Ladentür reicht. Mato steht von der Gartenbank auf und geht hinüber zu seinem Laden. Von der Schlüsselkette an seiner Hose baumelt ein Haizahn. An seinem Handgelenk hängt ein halbes Dutzend bunter Armbänder. Mit der Sonne kommen plötzlich auch die Kunden: Es bildet sich eine Schlange von Touristen und Mittagspäuslern, die bis zur Ladentür seines winzigen Geschäfts hinaus reicht. Ein Tisch mit ein paar Bistrostühlen und eine ausgepolsterte Fensternische als Sitzgelegenheit, mehr Platz ist in „Matos Fischladen“ nicht.

250 Meter entfernt vom Herrschinger Dampfersteg liegt Matos Fischladen.

Die Wände sind mit Bildern dekoriert. Auf einem Foto kaut ein kleines Kind nachdenklich auf einem geräucherten Fisch herum. Daneben hängt eine Auszeichnung des Gourmet-Magazins „Der Feinschmecker“, auf die Mato besonders stolz ist. Sein Fischladen war am Anfang ein riskantes Unterfangen, der Erfolg tut gut. Mato und sein Mitarbeiter Ralf, ebenfalls mit Bart und kurzem Pferdeschwanz, nehmen sich Zeit für einen kurzen „Schnack“ mit jedem einzelnen. „Schnack“, so nennt Mato, der Exot vom Ammersee, einen Ratsch. „Wer gut isst, ist auch gut drauf“ – ein flotter Spruch, der auf seinen Lippen zur Lebensweisheit wird.

Westfale spricht von "Fischbrötchen"

Mit seinen „Fischbrötchen“ – das Wort Semmeln kommt dem Nordlicht eher selten über die Lippen – hat sich der Fischverkäufer einen Namen gemacht. Sie kosten zwischen 3,30 Euro und 6 Euro. „Was kleines Feines, ein Glas Wein dazu, und schon sind die Leute happy“, erklärt er. Viele Einheimische kommen gerne mehrmals die Woche zu ihm. Sogar das Personal der Bayerischen Seenschifffahrt nutzt seine kurzen Anlegepausen, um bei Mato Semmeln zu kaufen. Mehr Anerkennung geht nicht.

In der Semmel – und auf die Hand: In Matos kleinem Imbiss-Laden geht es unkompliziert zu. Auf Besteck und Geschirr muss aber keiner verzichten. Es gibt statt einer Semmel auch gemischte Fischteller samt einem Glaserl Wein.

Nur Weißbrot, Fisch und Zwiebeln, das ist Mato zu abgeschmackt. Seine Fischsemmeln sind kleine Kunstwerke: Frischer Salat, selbst geräucherter Wels, hausgemachte Meerrettich-Soße, darüber eine Handvoll Sprossen und etwas Queller, eine Wattpflanze von der Nordseeküste – das ist so ein Mato-Rezept. Wenn es seinen Kunden schmeckt, dann merkt man ihm die Freude darüber an. „Danke – Genießen Sie Ihr Leben. Ihr Mato.“ Das hat Mato unter seine Speisekarte geschrieben.

Manchmal, wenn Fischer Stumbaum, der eigentlich schon im Ruhestand ist, sich frühmorgens in sein Boot setzt und das Netz auswirft, fängt er für Mato einige Fische aus dem Ammersee. Den größten Teil seiner Ware bezieht der Fischverkäufer allerdings über Lieferanten – nie tiefgefroren, sondern frisch, darauf legt er Wert. Was er nicht gleich verkauft, wird geräuchert. „Wir schmeißen nichts weg“, sagt Mato. Viel Zeit, schlecht zu werden hat der Fisch ohnehin nicht, denn die Semmeln und Fischteller verkaufen sich das ganze Jahr über gut. 

Geschäft läuft gut

Ein Biss ins Glück: Bei schönem Wetter essen Matos Kunden draußen auf der Terrasse mit Blick auf den Ammersee.

Bei schlechtem Wetter, wenn seine kleine Terrasse geschlossen bleibt, stehen sich schon mal ein Dutzend Leute in dem winzigen Verkaufsraum auf den Füßen. Weil das Geschäft so gut läuft, konnte Mato auch noch einen Kiosk am Wörthsee pachten und ein paar Helfer einstellen. Das hätte er sich wenige Jahre vorher nicht träumen lassen: Als Mato nach Herrsching kam und beschloss, der Liebe wegen zu bleiben, hielt er sich mit mehreren Minijobs über Wasser. Gern erzählt er dazu die Anekdote von einem Urlauberpaar, dem er morgens im Bioladen Müsli, mittags im Fischladen Matjes und abends in der Bar Drinks verkaufte. Als sich die beiden darüber wunderten, sagte er: „Wir sind Drillinge.“ Jedes Mal, wenn er die Geschichte erzählt, muss er schmunzeln.

Seit das Geschäft läuft, spendet Mato gelegentlich Gutscheine – an die Herrschinger Damenhandball-Mannschaft oder für die Kindergarten-Tombola. „Man muss immer auch mal wieder was abgeben“, das ist ihm wichtig. Nicht fürs Karma, sondern einfach so.

Inzwischen hat der Mittagsandrang nachgelassen. Mato nutzt die Zeit, um die kommenden Tage zu organisieren: Ware bestellen, telefonieren, Papierkram erledigen. Dazwischen ein kurzer Ratsch mit seinem Team oder den Nachbarn. Wenn wenig Betrieb ist, lädt er seine Bekannten an der Seepromenade gern auf einen Kaffee ein. Dann tauschen sie Reisegeschichten aus. Und Mato spürt wieder das Fernweh.

"Geh reisen, schau dir die Welt an!"

Er sitzt jetzt wieder auf der Gartenbank. Mit seinen Fingern formt er ein rechteckiges Fenster und blickt hindurch. „Da ist dein Leben drin“, sagt er, „und außenrum gibt es so viel zu sehen. Geh reisen, schau dir die Welt an!“

Der Fischladen wird nicht das letzte Puzzleteil in Matos Leben gewesen sein, bald reist er einen Monat nach Sri Lanka, irgendwann soll es nach Neuseeland gehen. Seinem kleinen Laden aber will er treu bleiben. Vielleicht erweitert er sogar seine Speisekarte. Manchmal träumt ihm davon, die Leberkassemmel so weiterzudenken wie seine Fischsemmeln. Wenn er darüber nachdenkt, spricht der Genießer in ihm: „Ein schönes, resches Brötchen, über den Leberkäse ein Spiegelei und einen super Senf, da könnte man richtig zaubern.“ Seine Bajuwarisierung schreitet fort. Jetzt plant der gebürtige Westfale schon die Revolution der bayerischen Brotzeitkultur. Mato ist schon wieder in Lauerstellung.

Geöffnet ist das Geschäft in der Summerstr. 22 von Dienstag bis Samstag, 9 bis 18 Uhr, und sonntags von 12 bis 18 Uhr. Homepage: www.matos-fischladen.de

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