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Reisen im Kofferraum: Die Flüchtlinge müssen auf der Fahrt in ein neues Leben unmenschliche Strapazen durchmachen

Das Geschäft mit den Verzweifelten

Polizei rüstet gegen Schleuser auf

München - Die steigenden Flüchtlingszahlen werden für die Bundespolizei eine immer größere Herausforderung. Allein im ersten Halbjahr 2014 sind an der deutsch-österreichischen Grenze 5000 Menschen aufgegriffen worden. Die Schleuserbanden werden immer skrupelloser.

Mindestens 500 Kilometer muss das zehnjährige Mädchen aus Syrien bewegungslos im Kofferraum gelegen haben, versteckt zwischen Gepäckstücken, vermutlich ohne etwas zu trinken, von Stunde zu Stunde wurde es stickiger. Als die Beamten der Bundespolizei Rosenheim in Oberaudorf den Kofferraum des Autos öffneten, waren nur ihre Schuhe zu sehen. „Bei sowas verschlägt es auch uns die Sprache“, sagt Pressesprecher Rainer Scharf. „Niemand möchte sich ausmalen, was hätte passieren können, wenn das Auto scharf gebremst hätte.“

Die Zehnjährige ist mit ihrem Vater aus Mailand über die Inntalautobahn nach Deutschland geschleust worden. 1200 Euro mussten sie für die Fahrt im Kofferraum zahlen. Für die drei anderen Syrer im Auto war die Reise in ein neues Leben sogar noch teurer. Das Geschäft mit den Verzweifelten reißt nicht ab – im Gegenteil: Allein im August hat die Bundespolizeiinspektion Rosenheim 500 unerlaubt eingereiste Personen aufgespürt. Seit Anfang Januar waren es 4020 – und damit schon mehr als im gesamten Vorjahr. „Die Flüchtlingszahlen steigen seit Monaten kontinuierlich“, sagt Scharf. Die 500 Mitarbeiter der Bundespolizei Rosenheim, die die Grenze in ganz Südbayern kontrollieren, können das schon lange nicht mehr ohne Hilfe stemmen. Einheiten der Bereitschaftspolizei unterstützen sie rund um die Uhr bei den Stichproben auf Autobahnen und Landstraßen. Vergangenen September ist die Bundespolizei bereits um 50 Einsatzkräfte aufgestockt worden, auch aktuell werde geprüft, ob weitere Verstärkung nach Bayern geschickt wird, sagte Ivo Priebe, Sprecher des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam.

Immer häufiger setzen die Schleuser das Leben der Flüchtlinge aufs Spiel

Die Trefferzahl bei den Kontrollen ist enorm, im Schnitt halten die Bundespolizisten zwei Schleuser-Fahrzeuge pro Tag auf. Das liegt allerdings nicht nur daran, dass die Beamten einen guten Blick für verdächtige Fahrzeuge haben, sagt Scharf. „Sondern einfach daran, dass so viele Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Somalia, Afghanistan oder Nigeria von Italien aus über die deutsche Grenze geschleust werden.“ Meistens sind sie viele Monate lang unterwegs, haben nur das bei sich, was sie am Körper tragen und mussten in ihren Herkunftsländern alles verkaufen, um die Preise bis zu 30 000 Dollar zahlen zu können. Und immer müssen sie unmenschliche Strapazen auf sich nehmen. „Die Fahrt von Italien über die Grenze ist nur die letzte Etappe“, sagt Scharf. Die Hintermänner machen mit den Flüchtlingen das große Geschäft, für die Fahrer lohnt es sich nur, wenn sie so schnell so viele Menschen wie möglich einschleusen – deshalb sind sie mit völlig überladenen Fahrzeugen meistens auf den Autobahnen unterwegs.

Und immer häufiger setzen sie das Leben der Menschen aufs Spiel, um nicht gefasst zu werden. Allein vergangenes Wochenende haben sich zwei Schleuser gefährliche Verfolgungsjagden mit der Polizei geliefert. Erst vor drei Wochen war bei einem solchen Fluchtversuch ein VW-Bus mit elf Menschen aus Eritrea gegen ein Autobahnschild gedonnert. Ein anderer Schleuser hatte neun Syrer einfach auf der Autobahn ausgesetzt. „Was mit den Menschen passiert, ist den Schleusern meistens völlig egal“, sagt Scharf. Es ist ein rücksichtsloses, profitorientiertes Geschäft mit der Not der Menschen.

Den Flüchtlingen ist es oft egal, wo sie aufgegriffen werden. Sie werden von der Polizei in die Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht und können trotz illegaler Einreise um Asyl bitten – das Verfahren dauert momentan im Schnitt sieben Monate. Allein in Bayern sind seit Anfang des Jahres rund 12 500 Anträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingegangen. Für die Schleuser endet die Fahrt in Untersuchungshaft, wenn sie geschnappt werden. Sie müssen mit mehrjährigen Gefängnisstrafen rechnen.

von Katrin Woitsch

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