Tragischer Unfall in Vilsbiburg

Irmgard (71) opfert sich für ihren Enkel

Vilsbiburg - Sehr tragisch endete der Spaziergang einer Großmutter mit ihrem kleinen Enkelkind. Die Rentnerin rettete das Baby vor einem Unfall und kam deswegen selbst ums Leben.

Die Stimmung ist gedrückt in der Polizeiinspektion Vilsbiburg (Kreis Landshut). Der tragische Unfall, zu dem die Polizei am Montag gerufen wurde, ist auch einen Tag später noch das einzige Thema. „Wir haben alle das Bedürfnis, darüber zu sprechen“, sagt Hermann Vogelgsang. Er ist seit 40 Jahren bei der Polizei und hat einige schlimme Einsätze hinter sich. Dieses Mal gelingt es ihm kein Bisschen, einen Unfall nicht an sich heranzulassen.

Eine 71-Jährige ist am Montag in einer Neubausiedlung von einem Laster überrollt und tödlich verletzt worden. In letzter Sekunde hatte sie den Kinderwagen mit ihrem drei Monate altem Enkel von sich wegstoßen können. Das Baby schlief friedlich weiter, bekam von dem tragischen Unfall nichts mit.

Hermann Vogelgsang erlebte einen der schlimmsten Momente seiner Dienstzeit, als er fast zeitgleich mit dem Notarzt am Unfallort eintraf. Die 71-jährige Frau lag bewusstlos unter dem 40-Tonner. „Es war offensichtlich, dass der Arzt nichts mehr für sie tun konnte“, sagt Vogelgsang. Er erkannte die Frau sofort – sie war viele Jahre lang seine Kollegin, hatte in der Polizeiinspektion Vilsbiburg die Unfälle aufgenommen, bevor sie vor sieben Jahren in Rente ging. Der Kontakt ist nie abgebrochen. „Vor einem Jahr war ich noch auf ihrem 70. Geburtstag eingeladen“, erzählt Vogelgsang. Erst vor einigen Monaten hatte sie ihrem ehemaligen Kollegen erzählt, wie sehr sie sich auf ihr zweites Enkelkind freut.

Hätte sie nicht so schnell reagiert, wäre das Baby tot

Dem kleinen Baby hat sie nun aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet – und das mit ihrem eigenen Leben bezahlt. Noch ist nicht genau geklärt, wie sich der Unfall ereignet hat. Es gibt keine Zeugen. Normalerweise sind in dem Neubaugebiet nie Laster unterwegs, der 40-Tonner sollte Teer für eine Straße anliefern. Dabei ist er offensichtlich beim Abbiegen zu nah an den Straßenrand gekommen. Als die 71-Jährige, die grade mit ihrem Enkel spazieren war, den Laster auf sich zukommen sah, konnte sie nur noch den Kinderwagen von sich wegstoßen. Ihr blieb keine Zeit, sich selbst noch in Sicherheit zu bringen. „Hätte sie nicht so schnell reagiert, wäre das Baby nun auch tot“, sagt Vogelgsang. „Dann würden wir wohl alle einen Psychologen brauchen.“

Sofort liefen Nachbarn auf die Straße, sie erkannten den Kinderwagen und informierten die Schwiegertochter der Frau. Es war Hermann Vogelgsangs Aufgabe, ihr zu sagen, dass ihre Schwiegermutter tödlich verunglückt ist. „Ich mache seit vielen Jahren Familien-Verständigungen“, sagt er. Nie war es so schwer wie am Montag. Vogelgsang kennt die Familie gut, er ist am Tag nach dem Unglück noch einmal hingefahren. Saß lange mit dem Sohn und der Schwiegertochter seiner ehemaligen Kollegin zusammen. Vogelgsang weiß, dass es nach solchen Tragödien keine Worte gibt. Aber er weiß auch, dass Reden trotzdem hilft. Auch er hat das gebraucht. „Ich habe selbst drei kleine Kinder“, sagt er.

Während dem Einsatz gab es für ihn so viel zu tun, dass er nicht zum Nachdenken gekommen ist. Erst ein paar Stunden später, als er abends im Bett lag, merkte er, dass er diesen Unfall so schnell nicht verarbeiten würde. „Das sind Bilder“, sagt er. „die kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht nie mehr.“

Katrin Woitsch

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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