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Das Corpus Delicti: Vorder-und Rückettikett der patriotischen „Grenzzaun Halbe“, mit der sich die Straubinger Brauerei Röhrl derzeit einigen Ärger einhandelt. 

Wie viel Rechts passt auf eine Flasche?

Aufregung um Bayerns braunstes Bier

Straubing - Weiß-blaue Rauten, zufriedene Mönche, schönes Bayernland. Lokalpatriotismus auf der Bierflasche ist gut fürs Geschäft. Übertrieben hat das die Straubinger Brauerei Röhrl mit ihrer „Grenzzaun Halbe“. Es schwappt eine Welle der Entrüstung durchs Netz.

Frank Sillner, Geschäftsführer der Brauerei Röhrl, ist die Bierruhe abhanden gekommen. Er ist fassungslos und zerknirscht. Das Grenzzaun-Bier sei als „Appell an die Politik“ gedacht gewesen, die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. „Wir in Bayern haben Werte, die es zu schützen gilt.“ Welches Echo das Unternehmen damit ausgelöst hat, überfordert den Brauerei-Manager.

Von vorn: Die „Erdlinge“, eine Moosburger Aktivisten-Gruppe, die fremdenfeindlichen Umtrieben (nicht nur) im Netz den Kampf angesagt hat, wurde zuerst auf das Bier aufmerksam – und löste mit ihrem Beitrag über das „vielleicht ekelhafteste Bier aller Zeiten“ einen Shitstorm im Netz aus, der seither auf die Brauerei Röhrl einprasselt. Doch was genau löst diesen Sturm der Entrüstung über dieses Bier aus?

Viele Merkwürdigkeiten kommen zusammen

Zunächst ist da der Begriff „Grenzzaun“, der prominent auf der Flasche prangt und, vorsichtig ausgedrückt, politisch umstritten ist. Dazu kommt, dass als Schriftart ausgerechnet altdeutsche Fraktur gewählt wurde, was das Doppel-Z fast wie eine SS-Rune aussehen lässt. Dies und die Namenswahl kann man als kapitalen Gestaltungsbock abtun, was auch Brauereichef Sillner eingesteht: „Das hätte ich anders machen sollen.“ 

Dazu kommen aber noch einige Eigenschaften dieses Biers, die es schwer machen, noch an einen Zufall beim Flaschendesign zu glauben: „Beschützen, verteidigen, bewahren“, ist auf der Rückseite der Flasche zu lesen, neben einigen bayerischen Schlagworten wie „Heimatverbundenheit“, „Trinkfestigkeit“ und „Mir samma mia“. Was wie etwas plumper, aber harmloser Lokalpatriotismus anmutet, harmoniert etwas unglücklich mit dem Totenkopf-Logo, das die Macher des Grenzzaun-Biers gewählt haben. 

So wird die „Grenzzaun Halbe“ in den Hausler-Getränkemärkten beworben

Dann ist da noch das Mindesthaltbarkeitsdatum: Ausgerechnet der 9. November, der Jahrestag der Reichspogromnacht, steht auf den Flaschen. Darf's noch ein bisserl mehr sein? Die Hausler-Getränkemärkte, zu deren Gruppe auch die Brauerei Röhrl und der Getränkehersteller Labertaler gehören, verkauften das Bier bis zum Freitag inklusive Pfand für 88 Cent die Flasche – eine Zahl, die in rechten Kreisen als gleichbedeutend mit dem Akronym „HH“ gilt, Abkürzung für "Heil Hitler". Die Kritiker im Netz glauben an der Stelle schon lange nicht mehr an einen Zufall.

Kritiker: „Abscheulich“

„Abscheulich“ findet dieses Gebaren auch Hubert Hierl. Der ist nicht nur der frühere Leiter der Bayerischen Vertretung in Berlin, sondern auch CSU-Stadtrat und Festreferent in der Bierstadt Freising. "Wir brauchen so was nicht", reagierte Hierl schockiert auf die Nachricht, dass dieses Bier auch im Landkreis Freising verkauft werde - unweit von Weihenstephan, wo nicht nur die älteste Brauerei der Welt ihren Sitz hat, sondern auch die Technische Universität München Brauer für die ganze Welt ausbildet. Was man dagegen unternehmen könne? Hierls Empfehlung: „Einfach nicht kaufen!“

Brauerei wollte „ein Stück weit provozieren“

Geschäftsführer Sillner fühlt sich von dem Eklat um seine Schöpfung „komplett niedergebügelt“. „Wir haben gewusst, wir müssen ein Stück weit provozieren“, gesteht er ein, dass der Name des Biers nicht zufällig gewählt wurde, sondern als „politisches Statement für Bayern“. Fremdenfeindliche Intentionen bestreitet der Brauereichef aber vehement: „Wir sind nicht braun. Wir sind Menschen, die helfen. Wir wollten Bayern beschützen.“

Der Getränkehersteller engagiere sich konsequent für die nach Bayern kommenden Flüchtlinge. Schon seit dem Sommer verteile man an sie „lastwagenweise Getränke“. Die Betroffenheit scheint nicht gespielt, wenn Sillner über die Menschen spricht, die „wie die Viecher zusammengepackt“ in den Unterkünften in Bayern und in der Türkei leben müssen.

Als „etwas blauäugig“ und „zeitliches Desaster“ erklärt der Brauerei-Chef die übrigen Fauxpas. Das Totenkopf-Logo: Führe die Brauerei schon länger. „Das soll der Bruder Straubinger nach 10 Maß Bier sein. Das kommt bei den Jungen super an“, sagt Sillner. Das Haltbarkeitsdatum: „Das ist der Computer an der Abfüllanlage.“ Der Preis sei „niemandem aufgefallen“, sagt Sillner etwas bedröppelt, er werde aber sofort geändert.

Die Grenzzaun Halbe verkauft sich „sensationell“

Im Übrigen verkaufe sich die „Grenzzaun Halbe“ „wie geschnitten Brot, besser als jedes andere Bier“, das die Hausler-Märkte anbieten. Die Kunden verstünden, wie es gemeint sei. „Der Shitstorm kommt von außerhalb“, sagt Sillner, „das sind Leute, die uns nicht kennen. Das sind Hetzer.“

Denen will die Brauerei „nicht nachgeben“. Vorerst bleibt das Bier im Angebot, die Charge von gut 200 Hektolitern wollen die Straubinger abverkaufen. „Vielleicht schieben wir dann noch ein Weißbier nach, einen Weißwurschtäquator oder sowas“, sagt Sillner. Um das Grenzzaun-Bier in den richtigen Kontext einzuordnen.

Andreas Beschorner

Andreas Beschorner

E-Mail:redaktion@freisinger-tagblatt.de

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