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Auch wenn Sie gerade Kaffee schlürfen – heute ist Tag des Bieres. Wen wundert‘s: In keinem Bundesland wird das Gebräu so gerne getrunken wie in Bayern. Hier werden auch besonders viele Biere gebraut, jede vierte Mass kommt aus dem Freistaat. Und immer häufiger aus Mini-Brauereien, der Trend geht zum handwerklich gebrauten Bier. Student Andreas Englisch zum Beispiel hat sich soeben seinen Traum vom eigenen „Craft Beer“ erfüllt.

Tag des Bieres

Craft Beer: So erobert der Bier-Trend Bayern

München – Ein Trend schwappt nach Bayern: Bier. Hört sich schräg an. Ist aber so. Neue Sorten erobern den Markt. Sie heißen Pale Ale oder Amber Ale. Dahinter verbirgt sich eine Revolution, gemacht aus Hopfen und Malz. Ein Besuch in der schönen, neuen Bierwelt.

Hopfenspezialist und Malzliebhaber: Im „Biervana“ verkauft Matthias Thieme 600 verschiedene Biere, die in Kleinbrauereien gebraut wurden.

Matthias Thieme, 47, steht in seinem Laden in Schwabing und spricht von der Revolution. Der Bier-Revolution. „Es wird weniger Alkohol getrunken, weniger Bier, aber wenn dann gescheites Bier.“ Aber was ist ein gescheites Bier? Schwierige Frage, Glaubensfrage. Aber fragt man Matthias Thieme, der früher Manager bei Microsoft war, dann ist es eine ganz einfache Frage. Um ihn herum stehen 600 verschiedene Biere mit den verrücktesten Geschmacksrichtungen aus allen Ecken der Welt in den Regalen, aber vor allem welche aus Belgien und Bayern. Weil es ja viele biernarrische Menschen auf dieser Erde gibt, aber nirgends so ernsthafte, gewissenhafte Biertrinker wie in Belgien und natürlich im Freistaat.

Hierzulande ist Bier eine Art Religionsersatz. Wer sonntags im Wirtshaus versandelt, anstatt in die Kirche zu gehen, der muss noch lange nicht in die Hölle. Da drückt der Herrgott ein Auge zu, das erzählen sich die Dorfältesten im Chiemgau und im Oberland noch heute.

Handgemachtes Bier ist das neue Trendgetränk in Bayern

Geschichten wie diese muss man immer bedenken, wenn man über die Bedeutung der Bierrevolution spricht. Über den Trend zu Bieren, die neuerdings mit amerikanischem Aromahopfen gebraut werden, die Hopfenstopfer heißen, Buddelship Kohlentrimmer oder sogar Wampenbräu Amber Ale. Aber deswegen sind wir im „Biervana“, dem Laden von Matthias Thieme und dem heimlichen Treffpunkt der bayerischen Bierrevolution. Hier verkauft er ausschließlich handwerklich, oft in Kleinmengen gebraute Biere – sogenannte Craft Biere. Eine Bewegung, die von Amerika über Italien auch nach Deutschland geschwappt ist – und das mit Karacho.

Experimentierfreudige Brauer mischen gerade die Szene auf. Manche Biere schmecken extrem nach Hopfen, andere nach Zitrone, Karamell oder Kirsche. Im „Biervana“ gibt es Indian Pale Ale, Trappistenbier, Fruchtbier, Sauerbier, Stout, Porter, die Vielfalt ist einigermaßen grenzenlos. Thiemes teuerstes Bier kostet 36,99 Euro die 0,7-Liter-Flasche. Champagner-Preise, das Bier reifte monatelang in Rum- oder Whisky-Fässern. Andere Biere kosten zwei, drei oder fünf Euro die kleine Flasche. Teuer, verglichen mit Massen- und Normalo-Bieren, die er im „Biervana“ gar nicht erst verkauft. Ein Kasten Helles von einem Münchner Jungbrauer wie Tilman Ludwig kostet schon mal 33 Euro. Viele Leute sind neuerdings bereit, so viel Geld für Bier auszugeben. Geht man an einem beliebigen Tag in den Laden, dann sieht man immer eine Traube von Bierfreunden vor den Regalen. Das Geschäft brummt. Handgemachtes Bier, das neue Trendgetränk.

Auch große Brauereien wollen den neuen Bier-Trend nicht verpassen

Der Biermarkt wandelt sich gerade rasant. Der Giesinger Bräu bringt am Donnerstag vier neue Craft Biere auf den Markt. Sogar Biergiganten wie Beck’s haben kürzlich erst ein Pale Ale und ein Amber Ale auf den Markt geworfen. Den neuen Trend will keiner verpassen. Vorbei die Zeiten, als man Biersorten an einer Hand abzählen konnte: Helles, Pils, Weißbier, Dunkles. Inzwischen unterhalten sich Menschen über Bier wie früher höchstens über Wein. „Üppiger Malzkörper“, „intensiv gehopft“, „erinnert an Ananas“ Verrückte, neue Bierwelt.

Matthias Thieme zieht eine Flasche aus dem Regal – ein verwegenes Lieblingsbier von ihm. Zwei ehemalige Punker, in der Szene inzwischen Braulegenden, haben es erfunden. „Es fließt wie zähflüssiges Altöl ins Glas“, sagt Thieme, „und hat zehn Prozent Alkohol.“ Es ist ein perfektes Desert-Bier. Geschmacksrichtung: Schoko, Kaffee, Vanille.

5000 verschiedene Biersorten werden derzeit in Deutschland produziert, das ist, so meint der Verband der Privaten Brauereien Bayern, auch der neuen Craft-Beer-Bewegung zu verdanken. Ein Aufbäumen gegen die Marktmacht der Mega-Brauereien, die zuletzt immer größer, unheimlicher geworden ist. Fast hinter jeder neuen Biersorte steckt eine Geschichte. Und die beginnt meistens mit dem Traum vom eigenen Bier.

So entstand das Brew(MUC)L-Bier von Student Andreas Englisch

Der Nachwuchsbrauer Andreas Englisch, 23, misst die Stammwürze seines Bieres in dem Brauraum des Stadlbräus in Oberhaching. In den Kesseln im Hintergrund hat er zuvor Maische angesetzt und Würze gekocht.

Der Traum von Andreas Englisch, 23, tätowierter Mützen- und Turnschuh-Träger, ist bernsteinfarben, hat eine hopfig-herbe Note im Abgang und nach zehn Flaschen hat man zwar einen Rausch, aber am nächsten Tag kein Schädelweh. Hat Englisch im Selbstversuch herausgefunden. „Ich bin schon recht zufrieden“, sagt er und lässt sein Bier in ein Glas gluckern. Sein Bier, ein „Bavarian Pale Ale“. Der Münchner studiert im zweiten Semester Brauwesen in Freising-Weihenstephan. Aber weil er dort im Moment vor allem Chemie, Biologie und Mathe pauken muss, hat er sich seine eigene Bier-Formel ausgedacht. Hopfen und Malz im Internet bestellt. Maische umgerührt. Würze gekocht. Und, ganz wichtig, seinem Bier einen Namen gegeben. Es heißt Brew(MUC)L, gesprochen „Bruumuckl“. Verrückt, ja. Englisch erklärt: „Da steckt Brauen drin, meine Heimat, und dass Bier auch viel mit Formeln zu tun hat.“ Und außerdem ist es witzig.

Jetzt: Wo braut man so ein Bier? Englisch hatte Glück, über ein Praktikum lernte er Robert Prinz kennen, Diplom-Braumeister und Chef vom Stadlbräu in Oberhaching, Kreis München. Der Stadl-bräu, das ist eine dieser magischen Bier-Quellen Bayerns. Ein Stadl mitten im Dorf, draußen Bierbänke, drinnen unterm Gewölbe zwei silberne Kessel, Schöpfkellen, Messgeräte. Viele, viele Schilder mit lustigen Bier-Sprüchen und eine Eckbank. Robert Prinz braut hier seit elf Jahren Bier und gibt Braukurse, 40.000 Seminaristen hat er schon in seine Kunst eingeweiht – manch einer eröffnete danach seine eigene Craft-Beer-Brauerei. Und weil Nachwuchsbrauer Englisch ihm bei den Kursen hilft, darf er im Stadl sein eigenes Brew(MUC)L brauen.

"Die Leute sind bereit für gutes Bier auch mehr Geld auszugeben"

In den Getränkemärkten rund um Oberhaching kennen sie Englisch schon – weil er das Leergut aufkauft, um sein Bier in die Flaschen abzufüllen. Die Etiketten klebt er per Hand drauf. Im Moment gibt es das Bier nur beim Stadlbräu zu kaufen. Als der erste Kunde, der nicht verwandt oder befreundet war, gesagt hat: „Das ist richtig gut!“ – da setzte bei ihm ein ganz eigener Rausch ein. Der Rausch des Stolzes.

150 Liter hat er schon gebraut, 2,50 Euro für die 0,33-Flasche muss er verlangen, um die Kosten zu decken. „Die Leute sind bereit, für gute Lebensmittel, für gutes Bier auch mehr Geld auszugeben“, sagt auch Matthias Thieme vom „Biervana“. Das Brew(MUC)L hat er noch nicht im Angebot. Aber wer weiß: Es wäre nicht der erste Traum vom eigenen Bier, der es ins „Biervana“ schafft.

Was ist Craft Beer?

Craft Beer wird handwerklich von einer kleinen Brauerei hergestellt und ist oft nur regional erhältlich. Ihren Ursprung hat die Craft-Beer-Bewegung in den USA. Dort bedeutet Craft Beer, dass ein Brauer in kleinen Mengen auf traditionelle Weise Bier braut – unabhängig von großen Konzernen. In der Regel wird Craft Beer hierzulande nach dem Reinheitsgebot gebraut. Das heißt, das Bier enthält nur Wasser, Hefe, Hopfen und Malz. „Bei diesen vier Zutaten gibt es zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten, die Millionen von unterschiedlichen Geschmacksvariationen zulassen“, sagt Holger Eichele vom Deutschen Brauer-Bund. Wichtig ist beim Craft Beer, dass nur natürliche Zutaten verwendet werden und keine künstlichen Aromen oder Konservierungsstoffe. Theoretisch kann jeder das Bier brauen. In den USA hat sich eine große Heimbrauer-Szene entwickelt. Im Handel gibt es auch hier Brausätze, mit denen jeder zum Hobbybrauer werden kann. Hobbybrauer dürfen nicht mehr als 200 Liter Bier im Jahr brauen – und das auch nur für den Eigenbedarf. Ansonsten wird eine Biersteuer fällig.

Ein Bier, das dank der Craft-Beer-Bewegung einen Höhenflug erlebt, ist das wieder entdeckte India Pale Ale (IPA). Ein obergäriges Bier mit starkem Hopfenaroma, das aus England stammt. Die Engländer haben es im 19. Jahrhundert besonders für ihre Kolonie in Indien gebraut. Man glaubte, das Bier durch den hohen Alkoholgehalt und den großen Hopfenanteil für den langen Seeweg haltbarer machen zu können.

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