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Nachwuchsprobleme haben viele Feuerwehren im Großraum München. Wilfried Schober (l.) vom Bayerischen Gemeindetag kennt das Problem: Er ist Ansprechpartner für die 8000 freiwilligen Feuerwehren in Bayern.

Retter im Fokus

"Ich ziehe meinen Hut vor jedem Feuerwehr-Kommandanten"

München - "Die Bürokratie zerfrisst uns": Diesen Vorwurf haben Feuerwehrleute aus dem Großraum München in unserer Serie "Das macht unsere Feuerwehrler kaputt" gegenüber Verwaltungen und Gemeinden erhoben. Wir haben nun beim Bayerischen Gemeindetag nachgefragt: Sind diese Anschuldigungen haltbar?

Welche Belastungen müssen Feuerwehrleute erdulden? Die psychischen sind enorm - Leichen, abgetrennte Gliedmaßen, tote Kinder. In unserer Serie "Das macht unsere Feuerwehrler kaputt" haben wir unglaublich viele Einsendungen von Menschen aus München und den umliegenden Landkreisen bekommen, die uns von ihren vielfältigen Erfahrungen erzählt haben.

Neben den psychischen Belastungen kommen oftmals auch ganz alltägliche Kämpfe im Feuerwehralltag hinzu. Nämlich die mit Verwaltung und Bürokratie.

"Die Kommunalpolitik spielt mit der Sicherheit der Feuerwehrleute ... In einer kleineren Gemeinde wird hier viel stärker auf die doch recht schmalen Budgets geachtet. Selbst persönliche Schutzausrüstung der Einsatzkräfte muss hier mit viel Ellenbogenarbeit durchgeboxt werden."Diesen Erfahrungsbericht hat uns zum Beispiel eine Feuerwehrfrau aus dem Landkreis Ebersberg zugeschickt hat, die anonym bleiben will. "Jede noch so kleine Beschaffung ist ein Hürdenlauf - so ist es auch kein Wunder, dass der völlig veraltete Fuhrpark ständig in Eigenleistung notdürftig 'restauriert' wird."

Feuerwehrleute haben drei festgelegte Aufgaben

Wilfried Schober, Direktor beim Bayerischen Gemeindetag und dort zuständig für das Feuerwehrwesen, reagiert erschrocken auf diese Worte. "Das gehört nicht zu den Aufgaben der Feuerwehrleute", sagt er. Wenn es um die Beschaffung von Pumpen geht, um Sicherheitskleidung und Schutzausrüstung, um neue Einsatzfahrzeuge, dann muss allein der Kommandant einer Feuerwehr tätig werden. "Er muss der Gemeinde- oder Stadtverwaltung sagen, was die Feuerwehr braucht - das ist seine Aufgabe. Und dann muss der Gemeinde- oder Stadtrat tätig werden, den Beschluss vorbereiten und dann in der Sitzung beschließen oder ablehnen."

Eigentlich nämlich, so sagt Wilfried Schober, haben Feuerwehrleute drei Aufgaben: Sie müssen abwehrenden Brandschutz leisten, auf Deutsch heißt das schlicht Feuer löschen. Außerdem müssen sie technische Hilfeleistungen geben, also etwa bei Unfällen Menschen aus Autos schneiden oder umgefallene Bäume von Straßen räumen.

Und sie müssen zudem Sicherheitswachen abhalten, zum Beispiel auf Open-Air-Konzerten: Das bedeutet, die Feuerwehrler müssen sicherstellen, dass auf der Bühne keine Pyrotechnik gezündet wird und die Fluchtwege frei sind.

Neue Schutzausrüstung für die Einsatzkräfte kaufen - das dürfen Feuerwehrleute eigentlich auf gar keinen Fall machen, sagt Schober. Eigentlich. Schon allein das Verwaltungsprozedere sei viel zu kompliziert. "Die Gemeinde lebt außerdem in höchstem Haftungsrisiko. Wenn etwas passiert, ist die Verwaltung dran." Das Feuerwehrwesen in Bayern ist eine kommunale Aufgabe. Sollten diese Arbeiten vom Kommandanten an reguläre Feuerwehrmänner und -frauen delegiert worden sein, dann ist das "ein Versäumnis des Kommandanten".

Druck aufbauen, in voller Montur in die Gemeinderatssitzung setzen

Aber wie können Feuerwehrleute darauf reagieren, wenn die Gemeinderäte wichtige Anschaffungen behindern und blockieren oder im schlimmsten Fall sogar ablehnen? Für Wilfried Schober ganz klar: Die gesamte Mannschaft soll sich in voller Montur in die Gemeinderatssitzung setzen, wenn zum Beispiel ein neues Einsatzfahrzeug auf der Tagesordnung steht, das den Gemeinderäten eigentlich zu teuer ist. "Der Bürgermeister wird sich schwer tun, das abzulehnen, wenn die Feuerwehr mit einem Klappergestell zu den Einsätzen fahren muss und so das Leben der Bürger der Gemeinde aufs Spiel gesetzt wird", sagt er.

Ein weiterer Kritikpunkt eines anderen Feuerwehrmannes, ebenfalls aus dem Landkreis Ebersberg, der uns erreichte: "Die Bürokratie zerfrisst uns allmählich." Denn neben den Einsätzen, die ehrenamtlich abgeleistet werden, kommen etwa 2000 zusätzliche Stunden Bürokram hinzu: Berichte ausfüllen, Statistiken schreiben, Akten ablegen.

Auch dazu äußert sich Wilfried Schober. "Das müssen die Feuerwehren leider nach wie vor leisten", sagt er. "Das Innenministerium fordert eine durchgängige Statistik für alle Einsätze." Allerdings sei es auch hier wieder Aufgabe des Kommandanten, nach jedem Einsatz genau aufzuschreiben, wie die Feuerwehrleute hießen, die auf der Straße waren, welche Kennzeichen die Unfallautos hatten oder wie viele Schläuche im Einsatz gewesen sind.

Weil ein Kommandant diesen Mehraufwand leisten muss, bekommt er auch - im Gegensatz zu den regulären Feuerwehrlern - ein Aufwandsentschädigung. Doch die ist denkbar gering. "Sie richtet sich nach der Anzahl der Fahrzeuge", erklärt Schober. Als Beispiel: Eine kleine Gemeinde hat zwei kleine und ein größeres Fahrzeug und dafür erhält der Kommandant etwa 100 Euro im Monat. "Da muss man schon sehr viel Idealismus mitbringen. Ich ziehe deswegen meinen Hut vor jedem Kommandanten."

"Kommandant sein war früher eine ehrenvolle Aufgabe"

Dass diese Aufgabe nicht mehr so viele Menschen wie früher erledigen wollen, sei deswegen nur nachvollziehbar. "Früher war das eine ehrenvolle Aufgabe", sagt Schober. "Heutzutage sind immer weniger Menschen bereit, Kommandant zu werden." Das berichtete auch die Feuerwehrfrau aus dem Landkreis Ebersberg: " Das Traurigste an der ganzen Sache ist allerdings, dass dies die Motivation der Mannschaft und insbesondere der Führungskräfte extrem runter zieht. Die Energie der Kommandanten und Gruppenführer wird durch ellenlange Verwaltungsläufe bis ins unermessliche strapaziert."

Viele Feuerwehrleute kämpfen außerdem gegen ihr immer schlechteres Ansehen in der Gesellschaft. "Feuerwehren sind heute Mädchen für alles", sagt Wilfried Schober, sie werden längst nicht mehr nur bei Bränden gerufen. Schon bei der berühmten Katze auf dem Baum wählen viele sofort die 112. Gleichzeitig bringen viele Menschen den Feuerwehrlern aber auch immer weniger Respekt entgegen. Ein Feuerwehrmann, der sich bei uns meldete, berichtete etwa von Beschimpfungen, weil das Einsatzfahrzeug mal falsch geparkt worden war.

Woher kommt das? "Einerseits zeigt etwa das Katzenbeispiel, dass die Menschen den Feuerwehrleuten riesiges Vertrauen entgegenbringen, weil sie schnell kommen und schnell handeln." Andererseits ist aber genau das das Problem: Niemand erledigt mehr selbst etwas, sondern erwartet, das andere das tun - am besten auch noch kostenlos. "Für viele Menschen muss es einfach jemanden geben, der sich kümmert." Wenn dann aber hinterher die Rechnung im Briefkasten landet, sind sie empört.

Sieben Berufsfeuerwehren stehen 8000 freiwilligen Feuerwehren gegenüber

In Bayern gibt es sieben Berufsfeuerwehren, die sich hauptberuflich um all das kümmern, was gleichzeitig 8000 freiwillige Feuerwehren ehrenamtlich erledigen. "Wir haben 320.000 Ehrenamtliche im Freistaat", sagt Wilfried Schober. "Trotzdem sinkt die Dankbarkeit." Und damit steigt natürlich auch der Frust der Feuerwehrler - ein Teufelskreis.

Männer und Frauen, die ebenfalls solche Probleme in ihren Feuerwehren haben, rät Schober: Der erste Ansprechpartner ist immer der Kommandant. Wenn dieser aber selbst in Arbeit versinkt, muss der Kreisbrandrat eingreifen. Und wenn auch das nichts mehr bringt, dann kann sich jeder noch so kleine Feuerwehrler auch direkt an den Gemeindetag und an Wilfried Schober wenden.

All diese Belastungen zeigen natürlich, dass heutzutage immer weniger Menschen bereit sind, sich ehrenamtlich bei der Feuerwehr zu engagieren - zu jeder Tages- und Nachtzeit müssen sie sofort alles stehen und liegen lassen. Wilfried Schober hofft trotz all der Schwierigkeiten immer noch auf Nachwuchs. "Im Freistaat kann jeder mit zwölf Jahren bei der Feuerwehr anfangen", sagt er. Zunächst werden die Mädchen und Buben spielerisch an den Dienst herangeführt. "Ab 18 gibt's dann keine Ausrede mehr: Dann geht's hinaus zu den regulären Einsätzen."

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