„Dann war alles totenstill“: Thomas Staudinger hat das Unglück von Bad Aibling wie durch ein Wunder überlebt. foto: knothe
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Thomas Staudinger hat das Unglück von Bad Aibling wie durch ein Wunder überlebt.

Er saß im ersten Waggon

Überlebender von Bad Aibling: "Dann war alles totenstill"

Rosenheim/Bad Aibling - Thomas Staudinger hat das Zugunglück von Bad Aibling überlebt. Er saß im ersten Waggon und schrieb gerade seiner Freundin per Whatsapp als es krachte.

Wie jeden Morgen seit zweieinhalb Jahren nimmt er die Regionalbahn um 6.40 Uhr. Er fährt von Aibling nach Rosenheim, um dort in den Zug nach München umzusteigen. An diesem Morgen war er eigentlich zu spät dran, „mindestens zehn Minuten“. „Ich hab den Zug grad noch so mit einem letzten Spurt erwischt“, erzählt der 22-Jährige. Dann hat er sich wie so oft ans Fenster gesetzt und seiner Freundin Jana eine Whatsapp geschrieben. „Ich schicke ihr aus dem Zug immer meinen ganz persönlichen Guten-Morgen-Gruß“, erzählt er. Doch das ist das Letzte, an das er sich erinnern kann. „Ich habe die App noch abgeschickt. Sofort darauf muss es gekracht haben“, sagt er.

Seine nächste Erinnerung setzt wieder ein, als er aus dem Fenster schaut. „Was ist denn das für ein komischer Baum“, habe er sich gefragt. „Ganz silbrig.“ Erst dann habe er gemerkt, dass das eine Metallwand ist, vielleicht ein Lkw? Aber was macht der denn hier? Und sein Handy war weg. „Das wollte ich suchen und habe mich gebückt. Vielleicht war es ja runtergefallen und lag unter meinem Sitz?“

In unserem Ticker halten wir Sie über die Entwicklungen nach dem Zugunglück von Bad Aibling auf dem Laufenden.

Schock in den ersten Minuten nach dem Aufprall

Erst da sei ihm aufgefallen, dass irgendetwas nicht stimmen kann. „Die Sitzlehne war weg. Es war plötzlich dunkel und totenstill“, sagt er. Dann hat er die ersten Schreie gehört. „Helft mir, helft mir“, habe ein Mann von weiter hinten im Abteil gerufen. Er wollte immer zu seiner Frau, erinnert sich Staudinger.

Allmählich sei ihm klar geworden, dass ein Unfall passiert sein musste. „Der Waggon war in eine ziemliche Schräglage gekippt, man konnte nicht richtig stehen. Funken sprühten aus Drähten, meine Sitzlehne war völlig zerborsten und lag irgendwo. Und mein Handy war weg. Das ging mir immerzu durch den Kopf, denn ich wollte in der Arbeit Bescheid geben, dass ich eine Stunde später komme“, so die Bruchstücke seiner Erinnerung.

Die Frau, die hinter ihm gesessen hatte, habe sich zu ihm vorgearbeitet und immer wieder gesagt, dass „ja gar nichts passiert ist und dass ich auf meinem Platz bleiben soll“. „Schließlich meinte sie, dass sie jetzt ihre Handtasche gefunden hat und dass wir beide jetzt gehen könnten.“ Dann sei ein Mann mit einer Taschenlampe von hinten gekommen, der immer wieder sagte, dass wir nicht nach hinten gehen sollten. „Er hat mir ein Papiertaschentuch gereicht. Ich wusste gar nicht, wieso. Erst dann merkte ich, dass ich voller Blut war. Aus meiner Nase rann es nur so. Aber ich habe gar nichts gespürt. Wir waren alle irgendwie völlig neben der Spur.“

"Deine Zeit ist noch nicht abgelaufen"

Während dieser Zeit seien die Überlebenden in diesem ersten Waggon zu einer richtigen Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen. „Wir haben uns gegenseitig geholfen. Ich erinnere mich noch, dass mir die Frau ihr Handy geliehen hat, mit dem ich meine Mutter an ihrem Arbeitsplatz erreichen wollte.“ „Mama hat geweint und gesagt, dass die letzte halbe Stunde die schlimmste ihres Lebens gewesen war. Denn dass ich so lange Zeit nicht über Handy zu erreichen bin, das gibt’s eigentlich nicht.“ Meine Zeit sei einfach noch nicht abgelaufen, habe sie immer wieder ins Telefon geflüstert.

Ziemlich bald, so glaubt der junge Mann, sind dann unerwartet die ersten Helfer mit Tragbahren im Zug gestanden. „Zuvor wollte einer einen Notruf absetzen. Aber er wusste nicht, wo wir stehen. Da habe ich hundert Mal unseren Standort gebrüllt. Ich glaube, er hat mich dann verstanden.“ Schließlich haben sie sich gemeinsam zu den Rettern hin durchgehangelt. „Erst als ich draußen war und mich am Mangfalldamm umgeschaut habe, ist mir das ganze Ausmaß bewusst geworden. Da konnte ich dann plötzlich nicht mehr stehen“, berichtet der 22-jährige Aiblinger. Die Beine versagten den Dienst.

Im Feuerwehrhaus, der ersten zentralen Anlaufstelle für die Leichtverletzten, bekam jeder eine Nummer auf den Handrücken gemalt. „Meine war die 66. Ich habe am 6.6. Geburtstag. Meine Glückszahlen“, so Thomas Staudinger. Das habe ihm irgendwie Auftrieb gegeben. Sein größter Wunsch jetzt: In zwei Monaten mit der Freundin nach Bali!“

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Sigrid Knothe

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